Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

15. April 2012 Kommentare: 0

Der Gewinnertyp

Herzlichen Gruß an die gute alte Alma!

Sebastian war ein Erfolgsmensch. Erfolg im negativsten Sinne des Wortes. Stolperten andere, stürzte Sebastian unglücklich zu Boden, schlug mit dem Gesicht auf und brach sich ein Stück Vorderzahn ab. Rappelte er sich gerade auf, fuhr ihn ein heranrasender Fahrradkurier über den Haufen und beförderte ihn ins Krankenhaus. Dort rutschte die Krankenschwester mehrfach mit der großen Kanüle ab, so dass sein linker Unterarm nur mit einer Notoperation gerettet werden konnte. Manchmal verlor er, aber meistens gewannen die anderen.

Sebastian war ein jugendlich wirkender Mittdreißiger. Dieses Jahr feierte er zum zehnten Mal seinen 25. Geburtstag. Er kämmte sich morgens die Haare zu einer Umstandsfrisur, die seine Geheimratsecken verdeckte. Trank jeden Abend einen halben Liter gequirlte Stutenmilch für den Teint und bestrich sich Gesicht und Hintern mit einer Meeralgenpaste, die er selbst anrührte.

Sebastian war ein Karrierebomber. Er hatte in Hamburg, Düsseldorf und Heidelberg studiert, was so viel hieß wie als Ersti in Hamburg keine Wohnung gefunden, in Düsseldorf ein unbezahltes Drei-Monats-Praktikum gemacht und in Heidelberg Bewerbungsunterlagen abgegeben, ohne einen Studienplatz zu erhalten. Stattdessen also ein BWL-Abschluss mit Schwerpunkt Marketing und Controlling an der FH Paderborn. Diesen Makel versuchte er mit einem Zweitstudium Romanistik an der Uni Hamburg zu vertuschen. Im sechsten Semester hatte er noch keinen einzigen Schein bestanden. Was unter anderem daran lag, dass er zu keiner Prüfung angetreten war und sich mit Gelegenheitsjobs als Ostsee-Animateur, Rikscha-Fahrer und Christian Lindner-Double durchschlug.

Sebastian war ein Trendsetter. Vor zehn Jahren, direkt nach seinem BWL-Abschluss war er in eine schöne Eimsbütteler Altbauwohnung gezogen. Dort fühlte er sich sehr wohl bis ihm seine Vermieter, zwei Agenturüberflieger, auf Eigenbedarf kündigten. So wurde Sebastian zum Gentrifizierungsopfer und Möchtegern-Eimsbüttler. Seitdem lebte er in Niendorf und täuschte Eppendorf vor. Er gehörte schon zur Creme de la Creme der Digital Boheme als es noch gar keine Digital Natives gab. Lungerte mit seinem Gameboy und Palm PDA in der ersten Campus Suite herum. Schrieb Mails, während andere noch telefonierten. Wurde Nutzer des Monats bei StudiVZ, während andere den 1.000 Facebook-Freund fanden. Als seine Kommilitonen eine Punkband gründeten, sang er im Kirchenchor.

Sebastian war ein Börsengenie. Er hatte es leider versäumt, zu Zeiten der New Economy am Aktienmarkt Geld anzulegen und war beim Absahnen nicht dabei. Er hatte dann später kräftig investiert und bei fallenden Kursen immer wieder nachgekauft. Sich mit Commerzbank- und Solar-Millenium-Aktien eingedeckt. Bei der Finanzkrise und Griechenland-Pleite war er jetzt dabei.

Sebastian war ein Frauenheld. Beim Speeddating traf er eine dicke Friseurin mit Kurzhaarschnitt. Bei Hochzeiten saß er zwischen Jan und Christian am Solistentisch. Als Volontär des Hamburger Abendblatts wurde er von der attraktivsten Frau der Redaktion, Ursula, einer 49-jährigen Abteilungssekretärin mit drei Kindern, sexuell belästigt. Aus Angst nicht übernommen zu werden, war er ihr im Kopierraum zu Diensten. Sein Vertrag wurde selbstverständlich nicht verlängert. In Wahrheit war Sebastian seit 35 Jahren Single. Sein Sexleben war erfüllend wie ein 400-Euro-Aushilfsjob bei Schlecker, bei dem man Regale einräumen musste, wenn wieder keine Ware gekommen war. Seinen letzten Intimkontakt hatte er mit einem übergewichteten Urologen, der seine Hoden und Prostata gründlich abtastete.

Sebastian war ein unentdeckter Kreativer. Er galt als Dieter Bohlens jüngerer Halbbruder und Steve Jobs unehelicher Sohn. Ersteres hatte ihm Gott in einer Vision mitgeteilt und Letzteres streute er zumindest als Gerücht im Internet. Bei DSDS kam er sieben Mal in den Recall. Als Vertreter des Kameraassistenten, der sich in einem Billighotel bereitzuhalten hatte und dessen Dienste selten benötigt wurden. Sebastian entsprach nicht unbedingt der coolen Zuckerberg-Nerd-Variante mit Werberbrille und Sportschuhen, sondern eher dem verheimlichten, dunklen Bruder mit Kellerkind-Klamotten und 2007er Charme.

Dennoch war Sebastian eine Sportskanone. Er ging dreimal die Woche zum Bauch-Beine-Po oder Power-Yoga. Salsa war gestern, er tanzte Zumba. Stemmten andere Hantelgewichte, jonglierte er mit Legosteinen. Im Winter fuhr er Bob, im Sommer Liegefahrrad. Jeden Morgen bewunderte er im Spiegel seinen Waschbrettbauch, den er aus der Men’s Health ausgeschnitten und sich übers Glas geklebt hatte.

Sebastian war ein Slow-Food-Anhänger. Nachts von 23 bis sieben Uhr morgens lebte er vegan. Jeden Feiertag ernährte er sich vegetarisch, weil es bei seinen Eltern immer Innereien oder Zunge gab. Sonst aß er fast nichts. Montags gab’s Pizza, dienstags Döner, mittwochs ging’s zu McDonald’s, donnerstags Croque, freitags asiatisch, samstags Currywurst und sonntags ausnahmsweise Burger King.

Sebastian war ein engagierter Umweltschützer. Er trennte seinen Müll. Containerte Obst und Gemüse. Wusch sich nur alle drei Tage, um Wasser zu sparen. Litt deswegen an einem juckenden Ausschlag im Nacken und ging trotzdem nicht zum Arzt. Verzichtete auf eine gutbezahlte, seriöse Anstellung, um als Pendler keine zusätzlichen Emissionen zu verursachen. Er buchte höchstens drei Pauschalreisen pro Jahr und verließ vor Ort möglichst nie sein Zimmer, um die dortige Natur zu schonen. Über die Jahre hatte er sogar eine Atemtechnik entwickelt, die ihn fünf Prozent weniger Sauerstoff verbrauchen ließ.

Teilzeit-Trottel, Lebensabschnittslehrling, Apple-Asket, Sohn eines Ex-Millionärs, Praktikant der Rush Years des Lebens, zukünftiger Ex-Freund, Jetset-Jünger, Boulevard-Junkie, Affairen-Aspirant und reflektierter Romantiker waren alles Etiketten, die hundertprozentig auf ihn zutrafen. Sebastian war eben ein Gewinnertyp.

30. März 2012 Kommentare: 0

Traumfrau

Zeichne ich die Linien Deines Gesichts mit meinen Fingern nach, erinnere ich mich an unsere erste Berührung. Merke, wie sehr ich Dich vermisst habe. Dass Du wieder ein paar Gramm zugenommen hast. Und erste Fältchen in den Augenwinkeln bekommst. Ich in Deiner Gegenwart wie am Anfang zu schwitzen beginne. Und trotzdem ganz ruhig werde.

Wenn Du lachst, könnte ich Dir ewig zuhören. Verdränge für einen Augenblick das jämmerliche Dahinvegetieren im Acht-Zimmer-Apartment in Hamburg-Niendorf. Meine Unterbezahlung mit sechsstelligem Jahresgehalt. Den lästig gewordenen Ferrari. Das ständige Angeflirtetwerden durch sexhungrige Models und Schauspielerinnen.

Erblicke ich Deine Silhouette, denke ich daran, in Deinen Armen einzuschlafen und aufzuwachen. An stundenlanges Liebesspiel und Schlafentzug. Tangotanzen in der Abenddämmerung. Städtetouren und Swingerpartys. Berühren sich unsere Lippen, vergesse ich mich selbst. Deine Haut duftet wie ein Frühlingsnachmittag im Wald. Deine Küsse sind aufwühlend und leicht salzig wie ein Tag am Meer.

Wenn ich in Deine Augen schaue, beginne ich von dem Leben, welches wir miteinander führen könnten, zu träumen. Vom Ankommen und Verharren. Von Hochzeitsglocken, kreischenden Kleinkindern und dem Richtfest unserer Reihenhaushälfte. Vom Altwerden und Jungbleiben. Von Momenten, die ich bis an mein Ende nicht mehr vergäße.

Alles fühlt sich so an als wärest Du meine Traumfrau.

Doch Du warst schon immer das Sorgenkind Deiner Familie. Breakdance statt Ballett. Nachbarjungen klopfen statt Topf schlagen. S-Bahn-Surfen statt Rollschuh fahren. Zweitklässler erpressen statt Babysitten. Sozialdienst statt Klavierstunden. Schwanger mit 13. Abtreibung statt Doktorspiele. Schwanger mit Fünfzehn. Kevin und Nancy, zur Adoption freigegeben. Omas abgezogen statt ihnen über die Straße zu helfen. Bankeinbruch statt Banklehre. Kronzeugin statt Klassensprecherin. Auf Bewährung statt allgemeine Hochschulreife. Drogenschmuggel statt Auslandssemester. Gefängniswäscherei statt Germany’s Next Top Model. Resozialisierungs- statt Geburtsvorbereitungskurse. Vorstrafe statt Mastertitel. Offener Vollzug statt erste Vollzeit-Stelle. Lebenslänglich statt „bis der Tod uns scheidet“.

17. März 2012 Kommentare: 2

Der Teilzeitpoet

17 Wochen an einer Erkältung laboriert. Oder war ich schlicht frustriert? 2012 heißt dreimal heiraten. Wo bin ich da bloß hineingeraten? Echten Hausschwamm entdeckt. Ausführlich dran geleckt. Gegen Niendorf rebelliert. Bei Freunden einquartiert. In Berlin gewesen. Dort ein Buch gelesen. Christian Lindner angehimmelt. SeineMeine Fans abgewimmelt. Prag und Dresden unsicher gemacht. 72 Stunden nonstop gelacht. Mich verliebt. Fiel leicht bei einer Traumfrau pro Schritt. Alle Kunden verloren. War mein Ansatz etwa unausgegoren? Die Privatschatulle entleert. Mich nicht länger gewehrt. Rumba und Tango getanzt. Mehrere Frauenzehen gestanzt. Depressive Phasen durchlebt. Der Frühling hat’s hinweggefegt. Einen Schlussstrich gezogen. Das mit dem Buch war eh gelogen. Die Mutation zum Teilzeitpoeten begonnen.

Adieu Du süßes Leben voller Wonnen!

28. Februar 2012 Kommentare: 2

Die drei Klaras

Vor kurzem war ich auf einer Geburtstagsfeier eingeladen. Mein Freund Benedikt, der Professorensohn, überschritt die Grenze zum Mannesalter und wurde 30. Zu Benedikt ließen sich zwei Dinge sagen: Er räumte ab dem fünften Cuba Libre in der Damenwelt ab wie ein spendabler Millionär im Kleinstadt-Bordell und lernte immer genau den Typ Frau kennen, nach dem ich mich verzehrte. Langhaarig, langbeinig und nur ein bisschen langweilig. So strömten sie in Scharen herbei und bereits im Treppenhaus fühlte ich mich wie beim ersten Castingtermin für Germany’s next top model. Das heißt ich vermutete, dass es sich so anfühlte, den dieses Format kannte ich selbstverständlich nur aus den Kommentaren des Feuilletons. In den palastartigen Gängen von Benedikts Wohnung drängten sich die Finalistinnen der Jahre 2013 - 2015 und reichlich Anwaltssöhne, Firmenerben und Jungdoktoren. Ich bahnte mir über einige Höflichkeitsadressen den Weg in die Küche, den Eines war gewiss: Die glamourösesten Erfolgsmenschenpartys und miesesten Fünf-Personen-Sitins entschieden sich dort. Benedikt lehnte in der Ecke, umringt von drei Klaras, und erzählte Herrenwitze, die er meist bei Harald Schmidt mitschrieb. Aus der Bar ergossen sich Schampus- und Longdrink-Bäche in die durstigen Kehlen und nach jedem dritten Herrenwitz rollte ein Schnaps-Tsunami durch die Reihen. Ich stieß mit Benedikt auf sein Wohl und insgeheim auf diese Art von Feiern an, an denen ich für gewöhnlich spätestens nach dem Anstoßen mit dem Gastgeber die Lust verlor. Samoa sei das neue Sylt, sagte Klara eins. Klara zwei gab zu bedenken, wie unangemessen der Besuch eines öffentlichen Gymnasiums für ihre zukünftigen Kinder sei. Klara drei schwieg und leerte ihr großes Glas Champagner in drei Zügen. Benedikt setzte erneut an: “Kennt Ihr den? Kommt ein Jäger von der Jagd nach Hause und…”. Die Menschen schienen Gefallen daran zu haben, sich zu betrinken und neue Leute kennenzulernen. Bei mir verhielt es sich entgegengesetzt. Ich lernte die ersten Gäste einer Feier kennen und begann dann mit dem Betrinken. “Sonning, darf ich Dir Josefine, Jasmin und Ann-Kathrin vorstellen”, waren die letzten Worte, an die ich mich erinnerte, bevor ich viele Stunden später mit pochendem Schädel in grostesker Haltung neben meinem Bett erwachte. Klara drei schien mir über Nacht Gesellschaft geleistet zu haben und lag in meinem Bett.

4. Januar 2012 Kommentare: 0

Neujahrsgruß

Frohes neues Jahr und alles Gute für das Jahr 2012, Herr Bundespräsident!

Herzlichst, Ihr Jungpoet

20. Dezember 2011 Kommentare: 0

Being Christian Lindner

In einer Zeit, in der Gewissheiten rar werden, scheint auf einen Mann Verlass zu sein: Christian Lindner, den Jude Law für Arme (Zitat Harald Schmidt) und hocherotischen (Geständnis zweier überzeugter Grün-Wählerinnen) Ex-Generalsekretär der FDP und Neu-Hauptmann der Reserve. Nach zwei Jahren im Dienste des mitfühlenden Liberalismus’ ist Eines sicher: Er weiß, was die Frauen wollen und durch ihn können auch erfolglose, selbstverlegende Dichter den Frauen Befriedigung verschaffen und Wonne spenden. Dabei machte er nicht nur durch seine geschliffene Sprache und sein intellektuelles Format von sich reden, nein, er warf sich mit Verve in Pose für die Kameras der Hauptstadt und wusste um die Wirkung des Drei-Tage-Barts. Fernerhin bewies er, dass alles eine Frage des Stils bleibt. Ihn trieben keine popeligen Einfamilienhaus-Visionen wie Christian “Kermit” Wulff und seine Tattoo-Betty (Doppelzitat Harald Schmidt) um, denn er hatte Hannover-Burgwedel als das erkannt, was es war: Einer der drei langweiligsten Stadtteile der langweiligsten Stadt DeutschlandsEuropas. Danke, Christian Lindner und auf Wiedersehen (Zitat aus Christian Lindners Rücktrittsrede)!

Gemessen an der aktuellen Dauer der Rückzüge prominenter Politiker wird mit dem smarten Ex-Mitglied der so genannten FDP-Boygroup bald wieder zu rechnen sein. Die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung der Drei samt einem auf CD gepressten Kassenschlager wird sich höchstwahrscheinlich nicht erfüllen. Ganz unverbindlich möchte ich allerdings folgenden Geheimplan für ein dreistufiges Comeback im Herbst 2012 vorschlagen:

1. Interview mit dem TAZ-Chefredakteur in bester Karl-Theodor zu Guttenberg - Manier; Themenschwerpunkte: Schnelle Autos, schöne Frauen und gute Nachrede auf die FDP
2. Gemeinsame Buchpräsentation und Buchveröffentlichung; wohlgemerkt mit mir beziehungsweise meines Debütromans
3. Annahme einer geeigneten Stellenofferte in der Greenpeace-Verwaltung

30. November 2011 Kommentare: 0

Herbstschlagzeilen

Vergessen, dass ich Schriftsteller sein wollte.

Dem inneren Kaufmann gehuldigt. Mich hoch verschuldet. Den Wecker wochenlang auf sechs Uhr gestellt. Konsequent um elf aus dem Bett gequält. Mit ‘ner Blondine ausgegangen. Zwei Abfuhren eingefangen. Mehr Zeit in Eimsbüttel als Niendorf verbracht. Mich über meinen Umzug lustig gemacht. Gegen Griechenland und den Euro spekuliert. Festgestellt, ich hatte nur fantasiert. In Tagebüchern fremder Mädchen gelesen. Außer Schwärmereien, Trash Metal - Gedichten und zwanzig Jahren Altersunterschied nichts gewesen. Im November wie früher geschuftet. Bevor’s zu anstrengend wurde, wieder ins Arbeitszimmer verduftet. Düsseldorf besucht. Die Bahn verflucht! Erfolglos Ladenlokal-Betreiber umschwänzelt. Halloween gecancelt. Kiel angesteuert. Meinen imaginären Agenten gefeuert. Den zweiten Glavinic verschlungen. Zum Ausgleich im Kirchenchor gesungen. Ins Reich der Fantasie geflüchtet. Rollenspiel-Fetische gezüchtet. Eine Lesung zur Pause verlassen. Gedacht, soll der Autor mich bloß hassen! Zwischendurch den Sugardaddy gespielt. Auf ihren jungen Körper geschielt. Wie ein brünstiger Stier über die A7 gerast. Die Vorstädte des Speckgürtels abgegrast.

Mich erinnert, dass ich selbsterklärter Schriftsteller bin.

2. November 2011 Kommentare: 0

Halloween I: Auge in Auge mit dem Bösen

Fragmente meiner abgesagten Halloween-Lesung:

Philosophen, Kriminologen und Soziologen diskutieren seit langem, ob das Böse in Reinform existiere. Für mich herrschte seit fünf Tagen Gewissheit. Das Böse existierte nicht nur, sondern hatte sich auf meiner Nase inkarniert. Als Brillengestell mit braun-schwarzen Bügeln und Gläsern in Lupenstärke. Die breiten Bügel schnitten mir am empfindlichen Übergang zwischen Ohrmuschelhinterseite und Kopf ins Fleisch und die Nasenbügel bohrten sich immer tiefer in meine Nasenhaut. Die Schmerzen ließen sich mit zwei Tabletten am Tag aushalten, die an der Ohrmuschelwunde austretenden Blutstropfen unauffällig abtupfen. Doch das Brillengestell hatte sich mit meinen Horch- und Riechorganen zu einer Bio-mechanischen Einheit verbunden und injizierte langsam die Essenz des Bösen in meine Blutbahn. Meine Mordlust wuchs. In der seriösen und konservativen Hülle, als der mein Körper angesehen wurde, erwachte das Tier. Mein rechtes Auge pochte mittlerweile so heftig, dass ich einäugig durch die Straßen Eimsbüttels taumelte. Vor zwei Tagen hatte ich mir den Opferdolch mit Goldimitatknauf umgeschnallt. Beiläufig strich ich immer wieder über die Klinge, die ich für 15,95 Euro bei Mister Mint in den Gewölben der Eimsbüttler Karstadt-Filiale schärfen lassen hatte. Mit den Worten “schneidet jetzt Brot wie Butter”, hatte sie mir der Angestellte überreicht und ich hatte in Gedanken “und Finger wie Würstchen” hinzugefügt.

(…)

Mein Atem rasselte. Meine linke Hand rutschte an der Rinde des Baumes ab und ich packte mit der zweiten nach dem verwitterten Stamm, um mich abzustützen. Speichel tropfte aus meinem rechten Mundwinkel und fiel auf den Kragen meines blau-gestreiften Schlafanzugs. Gierig sog ich den Wildgeruch ein. Das Rehkitz konnte nicht weit entfernt sein. Mit einem Knurren sprang ich über einen hüfthohen Strauch. Mit zwei weiteren Sätzen überwand ich das letzte Stück hin zum Zaun, der das Wildgehege umgab. Im Mondlicht zeichneten sich zwei schlanke Umrisse ab. Ich hangelte mich weiter an den Gitterstäben entlang.

(…)

Rosa Farbwirbel überlagerten mein Sichtfeld. Meine rechte Hand strich über den Knauf des Opferdolchs. Ich krabbelte auf allen Vieren über Sitze, Jacken, leere Bierflaschen und Zeitungen. Dieser altersschwache, mit Edding beschmierte U-Bahn-Mülleimer verhieß mir die Sicherheit, die ich suchte. Mehrere Passagiere sprangen auf als ich mich ihnen näherte. Kaum war ich auf Spukreichweite heran gekrochen, entlud sich mein Mageninhalt als breiter Strahl in den Mülleimer. Mein Magen verkrampfte sich mehrmals, bis das Gröbste überstanden war. Mein Kopf war wieder leer und mein Gewissen rein. Mit fahrigen Bewegungen entwand ich der Brille meine Ohren und Nase und steckte sie ihn die breiige Brühe, die im Mülleimer im Takt der U-Bahn-Schwellen hin und her schwappte. Mit einem Schrei riss ich den Opferdolch aus meiner Gürteltasche und stieß ihn bis auf den Grund des Mülleimers in das unverdaute Etwas. Ich griff mir eine MoPo vom Boden des Vierer-Platzes, wischte mir gründlich den Mund ab und taumelte am Schlump Richtung Freiheit.

7. September 2011 Kommentare: 0

Zwei Kontaktanzeigen

Aus gegebenem Anlass:

Spaß- und Sportskanone
Hässlicher, dummer und kleiner Sportstudent sucht eine abergläubige, dicke und redselige Hauptschülerin, mit der er den ganzen Tag auf der Couch sitzen und in Ruhe fernsehen kann. Zuschriften bitte ohne Bild.

Der Hauptgewinn
Junger potenter Erbe (1,80, schlank, sportlich, attraktiv) sucht eine nette und smarte junge Frau aus gutem Hause. Gerne mit Modellvergangenheit oder Unternehmertochter. Musikalisch und politisch. Kunst und Kultur interessiert, in der Küche nicht minder versiert. Einem kleinen Schabernack nicht abgewandt. Parkett- und stilsicher. Studiert, reisefreudig, tier- und kinderlieb. Charmant, witzig und freundlich.
(…) Eine halbe Seite Adjektive und Superlative gekürzt.(…)
Gerne aus dem Norden. Auf jeden Fall mit Foto. Am besten für immer!

25. August 2011 Kommentare: 0

Triologie der Triebe dritter Teil: Geld

Ihr mittellosen Menschen
mit bescheidenen Wünschen
seid mir zuwider.
Ohne glitzerndes Gefieder
wird das Leben schal.
Konsum befriedigt banal.
Nicht jeder kann reich sein.
Die Eintrittskarte meines Vereins
ist auf keinem Markt erhältlich,
angeboren oder erschlichen, unentgeltlich.

Mein Banker gehorcht mir aufs Wort.
Steuern hinterziehen lautet mein Sport.
Ich horte Goldbarren und Aktien,
habe der Telekom verzieh’n.
Mein pralles Konto
bringt mich zum Grübeln,
gewährt mir Skonto,
wer könnt’s mir verübeln,
bei Händlern und Frauen.
Ich verlange exzellenten Service, pronto!
Übernehme lieber statt aufzubauen.

Ich bin eine gute Partie,
meine Kreditkarte schwächelt nie.
Ich habe eine Allergie
gegen finanzielle Bruchpiloten,
Loser und Steuern zahlende Idioten.
Ihr gehört gesetzlich verboten.
Altersvorsorge ist was für Angestellte,
buckelnde Verprellte,
mit Kleinbürger-Illusionen.
Ich selbst bin Millionär,
zähle die Nullen nicht mehr,
investierte Zeit muss sich lohnen.

Beim Einstieg ins Familienunternehmen
überließ ich den langen unbequemen
Weg denen, die eine Lektion brauchten,
mich tadelten oder anfauchten.
Im Job war ich top,
besprang hophop den Vorzimmer-Flop.
Ich bin ein Jetset-Dandy und nicht gaga.
Mir genügte ein Anruf bei Papa:
“Sie soll fortan zu Hause stöhnen,
sich rasch an Hartz VI gewöhnen!”

Mammon, Moos, Taler, Moneten,
Asche, Kohle, Heu, Riesen,
Money, Zaster, Bares, Penunsen,
Mäuse, Haie, Pulver, Euro-Unzen,
Öcken, Kies, Schotter, Devisen,
Cash, Tacken, Groschen, Kröten.
Ich kenne 23 Worte für Geld,
den einzigen Wert, der zählt in der Welt.