15. April 2012 Kommentare: 0
Der Gewinnertyp
Herzlichen Gruß an die gute alte Alma!
Sebastian war ein Erfolgsmensch. Erfolg im negativsten Sinne des Wortes. Stolperten andere, stürzte Sebastian unglücklich zu Boden, schlug mit dem Gesicht auf und brach sich ein Stück Vorderzahn ab. Rappelte er sich gerade auf, fuhr ihn ein heranrasender Fahrradkurier über den Haufen und beförderte ihn ins Krankenhaus. Dort rutschte die Krankenschwester mehrfach mit der großen Kanüle ab, so dass sein linker Unterarm nur mit einer Notoperation gerettet werden konnte. Manchmal verlor er, aber meistens gewannen die anderen.
Sebastian war ein jugendlich wirkender Mittdreißiger. Dieses Jahr feierte er zum zehnten Mal seinen 25. Geburtstag. Er kämmte sich morgens die Haare zu einer Umstandsfrisur, die seine Geheimratsecken verdeckte. Trank jeden Abend einen halben Liter gequirlte Stutenmilch für den Teint und bestrich sich Gesicht und Hintern mit einer Meeralgenpaste, die er selbst anrührte.
Sebastian war ein Karrierebomber. Er hatte in Hamburg, Düsseldorf und Heidelberg studiert, was so viel hieß wie als Ersti in Hamburg keine Wohnung gefunden, in Düsseldorf ein unbezahltes Drei-Monats-Praktikum gemacht und in Heidelberg Bewerbungsunterlagen abgegeben, ohne einen Studienplatz zu erhalten. Stattdessen also ein BWL-Abschluss mit Schwerpunkt Marketing und Controlling an der FH Paderborn. Diesen Makel versuchte er mit einem Zweitstudium Romanistik an der Uni Hamburg zu vertuschen. Im sechsten Semester hatte er noch keinen einzigen Schein bestanden. Was unter anderem daran lag, dass er zu keiner Prüfung angetreten war und sich mit Gelegenheitsjobs als Ostsee-Animateur, Rikscha-Fahrer und Christian Lindner-Double durchschlug.
Sebastian war ein Trendsetter. Vor zehn Jahren, direkt nach seinem BWL-Abschluss war er in eine schöne Eimsbütteler Altbauwohnung gezogen. Dort fühlte er sich sehr wohl bis ihm seine Vermieter, zwei Agenturüberflieger, auf Eigenbedarf kündigten. So wurde Sebastian zum Gentrifizierungsopfer und Möchtegern-Eimsbüttler. Seitdem lebte er in Niendorf und täuschte Eppendorf vor. Er gehörte schon zur Creme de la Creme der Digital Boheme als es noch gar keine Digital Natives gab. Lungerte mit seinem Gameboy und Palm PDA in der ersten Campus Suite herum. Schrieb Mails, während andere noch telefonierten. Wurde Nutzer des Monats bei StudiVZ, während andere den 1.000 Facebook-Freund fanden. Als seine Kommilitonen eine Punkband gründeten, sang er im Kirchenchor.
Sebastian war ein Börsengenie. Er hatte es leider versäumt, zu Zeiten der New Economy am Aktienmarkt Geld anzulegen und war beim Absahnen nicht dabei. Er hatte dann später kräftig investiert und bei fallenden Kursen immer wieder nachgekauft. Sich mit Commerzbank- und Solar-Millenium-Aktien eingedeckt. Bei der Finanzkrise und Griechenland-Pleite war er jetzt dabei.
Sebastian war ein Frauenheld. Beim Speeddating traf er eine dicke Friseurin mit Kurzhaarschnitt. Bei Hochzeiten saß er zwischen Jan und Christian am Solistentisch. Als Volontär des Hamburger Abendblatts wurde er von der attraktivsten Frau der Redaktion, Ursula, einer 49-jährigen Abteilungssekretärin mit drei Kindern, sexuell belästigt. Aus Angst nicht übernommen zu werden, war er ihr im Kopierraum zu Diensten. Sein Vertrag wurde selbstverständlich nicht verlängert. In Wahrheit war Sebastian seit 35 Jahren Single. Sein Sexleben war erfüllend wie ein 400-Euro-Aushilfsjob bei Schlecker, bei dem man Regale einräumen musste, wenn wieder keine Ware gekommen war. Seinen letzten Intimkontakt hatte er mit einem übergewichteten Urologen, der seine Hoden und Prostata gründlich abtastete.
Sebastian war ein unentdeckter Kreativer. Er galt als Dieter Bohlens jüngerer Halbbruder und Steve Jobs unehelicher Sohn. Ersteres hatte ihm Gott in einer Vision mitgeteilt und Letzteres streute er zumindest als Gerücht im Internet. Bei DSDS kam er sieben Mal in den Recall. Als Vertreter des Kameraassistenten, der sich in einem Billighotel bereitzuhalten hatte und dessen Dienste selten benötigt wurden. Sebastian entsprach nicht unbedingt der coolen Zuckerberg-Nerd-Variante mit Werberbrille und Sportschuhen, sondern eher dem verheimlichten, dunklen Bruder mit Kellerkind-Klamotten und 2007er Charme.
Dennoch war Sebastian eine Sportskanone. Er ging dreimal die Woche zum Bauch-Beine-Po oder Power-Yoga. Salsa war gestern, er tanzte Zumba. Stemmten andere Hantelgewichte, jonglierte er mit Legosteinen. Im Winter fuhr er Bob, im Sommer Liegefahrrad. Jeden Morgen bewunderte er im Spiegel seinen Waschbrettbauch, den er aus der Men’s Health ausgeschnitten und sich übers Glas geklebt hatte.
Sebastian war ein Slow-Food-Anhänger. Nachts von 23 bis sieben Uhr morgens lebte er vegan. Jeden Feiertag ernährte er sich vegetarisch, weil es bei seinen Eltern immer Innereien oder Zunge gab. Sonst aß er fast nichts. Montags gab’s Pizza, dienstags Döner, mittwochs ging’s zu McDonald’s, donnerstags Croque, freitags asiatisch, samstags Currywurst und sonntags ausnahmsweise Burger King.
Sebastian war ein engagierter Umweltschützer. Er trennte seinen Müll. Containerte Obst und Gemüse. Wusch sich nur alle drei Tage, um Wasser zu sparen. Litt deswegen an einem juckenden Ausschlag im Nacken und ging trotzdem nicht zum Arzt. Verzichtete auf eine gutbezahlte, seriöse Anstellung, um als Pendler keine zusätzlichen Emissionen zu verursachen. Er buchte höchstens drei Pauschalreisen pro Jahr und verließ vor Ort möglichst nie sein Zimmer, um die dortige Natur zu schonen. Über die Jahre hatte er sogar eine Atemtechnik entwickelt, die ihn fünf Prozent weniger Sauerstoff verbrauchen ließ.
Teilzeit-Trottel, Lebensabschnittslehrling, Apple-Asket, Sohn eines Ex-Millionärs, Praktikant der Rush Years des Lebens, zukünftiger Ex-Freund, Jetset-Jünger, Boulevard-Junkie, Affairen-Aspirant und reflektierter Romantiker waren alles Etiketten, die hundertprozentig auf ihn zutrafen. Sebastian war eben ein Gewinnertyp.