31. Juli 2009 Kommentare: 9
“Profanes Zeug” - mein Beitrag zum Wettbewerb der Schreibwerkstatt
Ich habe zwar noch keine Ahnung davon, wie man Kurzgeschichten schreibt, keine zündende Idee, viel zu wenig Zeit, finde das Thema „Traumtinte“ blöd und das Preisgeld ist mir verständlicherweise auch viel zu niedrig, aber anbei findet sich trotzdem mein in rund drei Stunden zusammengewurschtelter liebevoller Beitrag für den Kurzgeschichtenwettbewerb der Seite schreibwerkstatt.de mit der Themenvorgabe Traumtinte:
Klaus Randolf Schlingelheimer war mies gelaunt und das nicht ohne Grund. Er hatte das Gefühl, heute mit dem falschen Bein aufgestanden zu sein und dieser Eindruck hatte sich schon in den frühen Morgenstunden weiter verstärkt als er sich bei der Rasur im Badezimmer erst in den Hals schnitt, um beim anschließenden Frühstück gleich zweimal die üppig mit Marmelade bestrichene Brötchenhälfte auf den Boden fallen zu lassen. Zumindest hatte sie trotzdem gut geschmeckt. Normalerweise würde er versuchen, so einen Tag schnell herumzubekommen, um abends mit den Jungs in „Franzis Eck“ ein bisschen Karten zu kloppen und ein paar Bierchen zu zischen.
Pustekuchen, sein Anwalt, dieser aufgeblasene Fatzke, hatte ihn heute Morgen bereits angerufen, nebenbei unwissentlich für den zweiten Marmeladenunfall sorgend, und ihn erneut daran erinnert, endlich das für den Abschluss der leidigen Erbschaftsangelegenheit benötigte Schreiben zu verfassen und das Ganze bitte im amtsgängigen Deutsch und mit Tinte. „Und mit Goldrand und gewachstem Siegel“, fügte er missmutig am Schreibtisch hockend hinzu. Klaus mühte sich nun seit zwei Stunden ab und hatte bisher beachtliche oder eher jämmerliche drei Sätze zu Papier gebracht, wenn man die Anrede großzügig mitzählen würde. Aus einigen Schritt Entfernung beobachtet bot sich ein noch weitaus skurrileres Bild, wie ein Walross hatte er sich mit seinem beachtlichen Leibesumfang und der wuchernden Haarpracht an den viel zu kleinen Schreibtisch gezwängt und von Zeit zu Zeit schnaubende Geräusche von sich gegeben. Zurück zu Klaus, plötzlich versiegte sein ohnehin kaum festzustellender Schreibfluss völlig und die Feder kratzte knochentrocken über das Papier. „Schöne Scheiße, die Tinte ist alle!“ polterte er und schrie gleich hinterher „Rottraut, die Tinte ist alle!“. Nichts passierte, „Rottraut, wo biste, wenn man Dich braucht?“. Da fiel ihm siedend heiß ein, dass sich seine holde Gemahlin ja zum Tratschen mit Frau Müller verabredet hatte. „Son’n Mist, die Tinte is’ aus!“ grummelte er und durchwühlte unwirsch die Schreibtischschubladen, ohne fündig zu werden.
Er stemmte sich hoch, stapfte geladen zur Geraderobe und streifte seinen schon leicht speckigen Lieblingsmantel über, der das Walrosssinnbild aus der Ferne betrachtet perfekt abrundete. Mit verbissenem Gesichtsausdruck watschelte Klaus durch den Nieselregen hin zum Schreibwarengeschäft seiner Wahl, das heißt in seiner Kleinstadt blieb ihm keine Wahl, jeder hatte sich der Macht des örtlichen Schreibwarenmonopolisten zu beugen oder musste sämtliche Korrespondenzambitionen aufgeben. Klaus zwängte sich mühsam durch die enge Eingangstür des Rotklinkerbaus, ohne die Auslage in den Schaufenstern eines Blickes zu würdigen, denn sein ganzer Leib und Sinn schrie nach Tinte! Doch wo war Rottraut mit ihrem gefürchteten Kontrollblick, wenn er sie brauchte? „Wahrscheinlich gackert sie gerade wie ein Huhn über irgendeine blöde Geschichte dieser Frau Müller“ dachte er noch und schon war es so weit. In Anbetracht der präsentierten, schier end- und sinnlosen Papier- und Papp-, Bleistift- und Buntstift-, Textmarker-, Kugelschreiber-, Folien-, Verpackungs-, eben Schreibwarensachen- und nicht zu vergessen Füllerfülle fuhr ein Ruck durch Klaus’ Leib und er ging beinahe visuell überfordert in die Knie, erfreulicherweise verbat seine imposante Leibesfülle derartige akrobatische Einlagen und so klammerte er sich an ein bedenklich ins Trudeln geratendes Ordnerregal, um seine Fassung wiederzugewinnen.
Erst jetzt wurde ihm bewusst, welch reger Betrieb in dieser veritablen Brutstätte des Kapitalismus’ herrschte. „Waren schwebende Erbschaftsangelegenheiten gepaart mit akutem Tintenmangel wie eine biblische Plage über die Menschheit gekommen, hatten die Leute keine Arbeit und versuchten der häuslichen Langeweile durch ein wenig Stöbern im Schreibwaren(bes)tand zu entrinnen oder gab es hier irgendwo etwas zum Essen?“, ging ihm in schneller Abfolge durch den Kopf. Sofort schoss ihm ein wenig Speichel in die Mund, doch seine kulinarisch geschärften Sinne konnten nichts zum Verkauf feil gebotenes und im Ansatz Essbares entdecken.
Mit aller Macht konzentrierte sich Klaus auf seine eigentliche Aufgabe, den von langer Hand geplanten Tintenkauf. Zu seiner Erleichterung erblickte er Frau Meyer, die bereits seit gefühlten 100 Jahren über die Tinten- und Füllerecke des Ladens herrschte und er setzte sich in ihre Richtung in Bewegung, um diesem Schreibwarenalptraum möglichst bald ein Ende zu bereiten. Er wähnte sich bereits am Ziel und musste doch erkennen, dass sich drei Damen zu einer lockeren, an der Füllertheke von Frau Meyer mündenden Schlange formiert hatten. Zu Dick und zu alt waren sie nach Klaus’ Geschmack alle, daher spitzte er neugierig die Ohren, um Einzelheiten der Gespräche zu erhaschen.
Die erste Frau flötete los: „Frau Meyer, ich muss Ihnen ein Kompliment machen – Ihre Empfehlung war goldrichtig. Sie hatten Recht, diese neue Tinte von Ihnen ist traumhaft, da gleitet der Füller wie von selbst über’s Papier. Heraus kommen wunderbare Zeilen, so etwas habe ich meinen Lebtag bisher nicht erfahren dürfen und mein Mann ist auch ganz begeistert - wenn sie verstehen, was ich meine.“
„Aber natürlich, Frau Baumann. Es freut mich sehr, dass Sie zufrieden sind. Darf’s denn dieses Mal gleich die Zehnerpackung in rot sein? Sie wissen ja, eine Patrone gibt’s dann obendrauf umsonst!“ antwortete Frau Meyer und prompt klingelte es gehörig in der Kasse.
Jetzt war die zweite Frau an der Reihe und geriet ebenfalls ins Schwärmen: „Also Frau Meyer, dass hätte ich wirklich nicht erwartet. Natürlich vertraue ich Ihrem Rat, aber ich kann nur sagen, traumhaft. Seit meine Kinder die Tinte in der Schule und für die Hausaufgaben benutzen, gibt es bei uns gar keinen Streit mehr.“
Sie kicherte ein wenig verlegen und flüsterte leicht verstohlen: „Frau Meyer, ich habe Ihren Geheimtipp tatsächlich befolgt und mich mit der Tinte jeden Abend eingerieben. Wirklich jeden Abend und es wirkt, ich hatte süße Träume und das etwas häufigere Waschen der Bettwäsche und längere morgendliche Verweilen im Bad nehme ich dafür gern in den Kauf. Georg hat seinen Füller auch schon mit der Tinte aufgeladen.“
Frau Meyer zwinkerte der zweiten Frau vergnügt zu, reichte Ihr die große Tintenpackung in schwarz und kassierte ab.
Leicht verunsichert lugte Klaus an der dritten Frau vorbei, um einen Blick auf die auffällig ausgestellte Ware zu erhalten. Blaue, schwarze, rote und grüne Kartons unterschiedlicher Größe waren kunstvoll auf der Füllertheke vor Frau Meyer gestapelt worden und schoben sich mutwillig in jedermanns Blickfeld. Sofort fiel ihm der in großen Lettern gedruckte Werbespruch auf, welcher jede Tintenpackung zu verzieren schien – Frau Meyers Traumtinte, für mehr Genuss in allen Lebenslagen und in vier Farben. Jetzt neu und nur exklusiv bei uns! Klaus schüttelte widerwillig den Kopf wie man es tut, wenn man einen unangenehmen Gedanken abschütteln will.
Unvermittelt drangen die Worte der dritten Frau an sein Ohr „…jeden Morgen vor dem Frühstück eine Patrone getrunken wie empfohlen. Das Sichtfeld verschwimmt im ersten Moment ein wenig, ein kurzweiliges Schwindelgefühl kommt auf, ein leicht bleierner Geschmack legt sich auf die Zunge und ein flaues Gefühl im Magen mit gelegentlichem Aufstoßen stellt sich ein, aber es wirkt. Ich gehe wie auf Wolken durch den Tag und alles geht mir wunderbar von der Hand. Täglich möchte ich mein Glück auf der Straße herausbrüllen und fremden Menschen zurufen. Nein, dass ist kein Traum mehr, sondern mein Leben!“.
Frau Meyer nickte der dritten Frau bestimmt zu: „Halten Sie nichts zurück, Frau Schulze und genießen Sie Ihr neues Leben. Einmal die große Packung in grün, nehme ich an?“.
Die dritte Frau nickte eifrig, zückte ihre Geldbörse und überreichte Frau Meyer den gewünschten Betrag, um Ihr Paket in Empfang nehmen zu können.
Klaus bemerkte jetzt erst den leichten Schweiß an seinen Händen und wie sich sein Herzschlag in den letzten Minuten beschleunigt hatte. Die Versuchung hatte sich langsam an ihn herangepirscht, nun war sie da und streckte gierig die Fänge nach ihm aus. Er blickte sich gehetzt um, doch die letzte Frau vor ihm wand sich zum Gehen und niemand
anderes war mehr vor ihm.
Er dachte noch, „Och nee, dann gibt’s nur wieder Ärger mit Rottraut!“ und dann war er an der Reihe. Barsch stieß er hervor: “Ich sitze äh nein wünschte, tief in der Tinte zu sitzen und denke nicht im Traum daran, Ihr Wundermittel zu kaufen – also her mit dem profanen Zeug in blau!“. Klaus bezahlte und ging.
Ein Kurzgeschichtenexperiment von Sonning Strauß