Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

31. Juli 2009 Kommentare: 9

“Profanes Zeug” - mein Beitrag zum Wettbewerb der Schreibwerkstatt

Ich habe zwar noch keine Ahnung davon, wie man Kurzgeschichten schreibt, keine zündende Idee, viel zu wenig Zeit, finde das Thema „Traumtinte“ blöd und das Preisgeld ist mir verständlicherweise auch viel zu niedrig, aber anbei findet sich trotzdem mein in rund drei Stunden zusammengewurschtelter liebevoller Beitrag für den Kurzgeschichtenwettbewerb der Seite schreibwerkstatt.de mit der Themenvorgabe Traumtinte:

Klaus Randolf Schlingelheimer war mies gelaunt und das nicht ohne Grund. Er hatte das Gefühl, heute mit dem falschen Bein aufgestanden zu sein und dieser Eindruck hatte sich schon in den frühen Morgenstunden weiter verstärkt als er sich bei der Rasur im Badezimmer erst in den Hals schnitt, um beim anschließenden Frühstück gleich zweimal die üppig mit Marmelade bestrichene Brötchenhälfte auf den Boden fallen zu lassen. Zumindest hatte sie trotzdem gut geschmeckt. Normalerweise würde er versuchen, so einen Tag schnell herumzubekommen, um abends mit den Jungs in „Franzis Eck“ ein bisschen Karten zu kloppen und ein paar Bierchen zu zischen.

Pustekuchen, sein Anwalt, dieser aufgeblasene Fatzke, hatte ihn heute Morgen bereits angerufen, nebenbei unwissentlich für den zweiten Marmeladenunfall sorgend, und ihn erneut daran erinnert, endlich das für den Abschluss der leidigen Erbschaftsangelegenheit benötigte Schreiben zu verfassen und das Ganze bitte im amtsgängigen Deutsch und mit Tinte. „Und mit Goldrand und gewachstem Siegel“, fügte er missmutig am Schreibtisch hockend hinzu. Klaus mühte sich nun seit zwei Stunden ab und hatte bisher beachtliche oder eher jämmerliche drei Sätze zu Papier gebracht, wenn man die Anrede großzügig mitzählen würde. Aus einigen Schritt Entfernung beobachtet bot sich ein noch weitaus skurrileres Bild, wie ein Walross hatte er sich mit seinem beachtlichen Leibesumfang und der wuchernden Haarpracht an den viel zu kleinen Schreibtisch gezwängt und von Zeit zu Zeit schnaubende Geräusche von sich gegeben. Zurück zu Klaus, plötzlich versiegte sein ohnehin kaum festzustellender Schreibfluss völlig und die Feder kratzte knochentrocken über das Papier. „Schöne Scheiße, die Tinte ist alle!“ polterte er und schrie gleich hinterher „Rottraut, die Tinte ist alle!“. Nichts passierte, „Rottraut, wo biste, wenn man Dich braucht?“. Da fiel ihm siedend heiß ein, dass sich seine holde Gemahlin ja zum Tratschen mit Frau Müller verabredet hatte. „Son’n Mist, die Tinte is’ aus!“ grummelte er und durchwühlte unwirsch die Schreibtischschubladen, ohne fündig zu werden.

Er stemmte sich hoch, stapfte geladen zur Geraderobe und streifte seinen schon leicht speckigen Lieblingsmantel über, der das Walrosssinnbild aus der Ferne betrachtet perfekt abrundete. Mit verbissenem Gesichtsausdruck watschelte Klaus durch den Nieselregen hin zum Schreibwarengeschäft seiner Wahl, das heißt in seiner Kleinstadt blieb ihm keine Wahl, jeder hatte sich der Macht des örtlichen Schreibwarenmonopolisten zu beugen oder musste sämtliche Korrespondenzambitionen aufgeben. Klaus zwängte sich mühsam durch die enge Eingangstür des Rotklinkerbaus, ohne die Auslage in den Schaufenstern eines Blickes zu würdigen, denn sein ganzer Leib und Sinn schrie nach Tinte! Doch wo war Rottraut mit ihrem gefürchteten Kontrollblick, wenn er sie brauchte? „Wahrscheinlich gackert sie gerade wie ein Huhn über irgendeine blöde Geschichte dieser Frau Müller“ dachte er noch und schon war es so weit. In Anbetracht der präsentierten, schier end- und sinnlosen Papier- und Papp-, Bleistift- und Buntstift-, Textmarker-, Kugelschreiber-, Folien-, Verpackungs-, eben Schreibwarensachen- und nicht zu vergessen Füllerfülle fuhr ein Ruck durch Klaus’ Leib und er ging beinahe visuell überfordert in die Knie, erfreulicherweise verbat seine imposante Leibesfülle derartige akrobatische Einlagen und so klammerte er sich an ein bedenklich ins Trudeln geratendes Ordnerregal, um seine Fassung wiederzugewinnen.

Erst jetzt wurde ihm bewusst, welch reger Betrieb in dieser veritablen Brutstätte des Kapitalismus’ herrschte. „Waren schwebende Erbschaftsangelegenheiten gepaart mit akutem Tintenmangel wie eine biblische Plage über die Menschheit gekommen, hatten die Leute keine Arbeit und versuchten der häuslichen Langeweile durch ein wenig Stöbern im Schreibwaren(bes)tand zu entrinnen oder gab es hier irgendwo etwas zum Essen?“, ging ihm in schneller Abfolge durch den Kopf. Sofort schoss ihm ein wenig Speichel in die Mund, doch seine kulinarisch geschärften Sinne konnten nichts zum Verkauf feil gebotenes und im Ansatz Essbares entdecken.

Mit aller Macht konzentrierte sich Klaus auf seine eigentliche Aufgabe, den von langer Hand geplanten Tintenkauf. Zu seiner Erleichterung erblickte er Frau Meyer, die bereits seit gefühlten 100 Jahren über die Tinten- und Füllerecke des Ladens herrschte und er setzte sich in ihre Richtung in Bewegung, um diesem Schreibwarenalptraum möglichst bald ein Ende zu bereiten. Er wähnte sich bereits am Ziel und musste doch erkennen, dass sich drei Damen zu einer lockeren, an der Füllertheke von Frau Meyer mündenden Schlange formiert hatten. Zu Dick und zu alt waren sie nach Klaus’ Geschmack alle, daher spitzte er neugierig die Ohren, um Einzelheiten der Gespräche zu erhaschen.

Die erste Frau flötete los: „Frau Meyer, ich muss Ihnen ein Kompliment machen – Ihre Empfehlung war goldrichtig. Sie hatten Recht, diese neue Tinte von Ihnen ist traumhaft, da gleitet der Füller wie von selbst über’s Papier. Heraus kommen wunderbare Zeilen, so etwas habe ich meinen Lebtag bisher nicht erfahren dürfen und mein Mann ist auch ganz begeistert - wenn sie verstehen, was ich meine.“
„Aber natürlich, Frau Baumann. Es freut mich sehr, dass Sie zufrieden sind. Darf’s denn dieses Mal gleich die Zehnerpackung in rot sein? Sie wissen ja, eine Patrone gibt’s dann obendrauf umsonst!“ antwortete Frau Meyer und prompt klingelte es gehörig in der Kasse.

Jetzt war die zweite Frau an der Reihe und geriet ebenfalls ins Schwärmen: „Also Frau Meyer, dass hätte ich wirklich nicht erwartet. Natürlich vertraue ich Ihrem Rat, aber ich kann nur sagen, traumhaft. Seit meine Kinder die Tinte in der Schule und für die Hausaufgaben benutzen, gibt es bei uns gar keinen Streit mehr.“
Sie kicherte ein wenig verlegen und flüsterte leicht verstohlen: „Frau Meyer, ich habe Ihren Geheimtipp tatsächlich befolgt und mich mit der Tinte jeden Abend eingerieben. Wirklich jeden Abend und es wirkt, ich hatte süße Träume und das etwas häufigere Waschen der Bettwäsche und längere morgendliche Verweilen im Bad nehme ich dafür gern in den Kauf. Georg hat seinen Füller auch schon mit der Tinte aufgeladen.“
Frau Meyer zwinkerte der zweiten Frau vergnügt zu, reichte Ihr die große Tintenpackung in schwarz und kassierte ab.

Leicht verunsichert lugte Klaus an der dritten Frau vorbei, um einen Blick auf die auffällig ausgestellte Ware zu erhalten. Blaue, schwarze, rote und grüne Kartons unterschiedlicher Größe waren kunstvoll auf der Füllertheke vor Frau Meyer gestapelt worden und schoben sich mutwillig in jedermanns Blickfeld. Sofort fiel ihm der in großen Lettern gedruckte Werbespruch auf, welcher jede Tintenpackung zu verzieren schien – Frau Meyers Traumtinte, für mehr Genuss in allen Lebenslagen und in vier Farben. Jetzt neu und nur exklusiv bei uns! Klaus schüttelte widerwillig den Kopf wie man es tut, wenn man einen unangenehmen Gedanken abschütteln will.

Unvermittelt drangen die Worte der dritten Frau an sein Ohr „…jeden Morgen vor dem Frühstück eine Patrone getrunken wie empfohlen. Das Sichtfeld verschwimmt im ersten Moment ein wenig, ein kurzweiliges Schwindelgefühl kommt auf, ein leicht bleierner Geschmack legt sich auf die Zunge und ein flaues Gefühl im Magen mit gelegentlichem Aufstoßen stellt sich ein, aber es wirkt. Ich gehe wie auf Wolken durch den Tag und alles geht mir wunderbar von der Hand. Täglich möchte ich mein Glück auf der Straße herausbrüllen und fremden Menschen zurufen. Nein, dass ist kein Traum mehr, sondern mein Leben!“.
Frau Meyer nickte der dritten Frau bestimmt zu: „Halten Sie nichts zurück, Frau Schulze und genießen Sie Ihr neues Leben. Einmal die große Packung in grün, nehme ich an?“.
Die dritte Frau nickte eifrig, zückte ihre Geldbörse und überreichte Frau Meyer den gewünschten Betrag, um Ihr Paket in Empfang nehmen zu können.

Klaus bemerkte jetzt erst den leichten Schweiß an seinen Händen und wie sich sein Herzschlag in den letzten Minuten beschleunigt hatte. Die Versuchung hatte sich langsam an ihn herangepirscht, nun war sie da und streckte gierig die Fänge nach ihm aus. Er blickte sich gehetzt um, doch die letzte Frau vor ihm wand sich zum Gehen und niemand
anderes war mehr vor ihm.

Er dachte noch, „Och nee, dann gibt’s nur wieder Ärger mit Rottraut!“ und dann war er an der Reihe. Barsch stieß er hervor: “Ich sitze äh nein wünschte, tief in der Tinte zu sitzen und denke nicht im Traum daran, Ihr Wundermittel zu kaufen – also her mit dem profanen Zeug in blau!“. Klaus bezahlte und ging.

Ein Kurzgeschichtenexperiment von Sonning Strauß

31. Juli 2009 Kommentare: 9

Der Jungpoet und das Krankenkassenkomplott

Liebes Tagebuch,
im Badezimmer ist mir heute Morgen im Rahmen einer motorischen Ungereimtheit meine Zahnbürste entglitten und in die Toilettenschüssel geplumpst - ich hoffe, es handelt sich um kein schlechtes Omen für den Tag. Glücklicherweise hat sich dieses kleine Missgeschick bei der gewissenhaften Zahnreinigung geschmacklich nicht negativ ausgewirkt…

Eines möchte ich gleich am Anfang festellen, ein voll im Saft stehender Jungpoet wie ich kann gar nicht krank werden. Wie bereits zuvor eindrucksvoll bewiesen, kann es im schlimmsten Fall zu latenten Allmachtstagsfantasien kommen, welche relativ schnell durch klärende Gespräche mit grobschlächtigen einfühlsamen Mitbürgerinnen und Mitbürgern kuriert werden können. Es geht eben nichts über ein offenes Gespräch mit Wildfremden auf der Straße oder in irgendwelchen Büros…

Verzeihung, ich schweife ab. Bei mir, dem allseits begehrten und beliebten Jungpoeten, handelt es sich bekanntlich um ein schillerndes Mischwesen aus südländischem Feuer und Temperament, der Lockerheit des gemeinen Skandinaviers, einem Gutteil angelsächsischer Begeisterungs- und Analysefähigkeit und selbstverfreilich will ich die germanische Robustheit nicht unerwähnt lassen. Tatsächlich bin ich in der Lage, meine Abstammung von jeweils mindestens einem herausragenden Vertreter der genannten Regionen beziehungsweise Mentalitätsarchetypen zweifelsfrei bis zurück ins 16. Jahrhundert zu belegen. Aus Platzgründen und im Sinne der Leserfreundlichkeit verzichte ich vorerst auf eine genaue Auflistung, schließlich muss ich mir auch noch in vier Monaten irgendwelchen Stuss aus den Fingern saugen können werde dies aber zur rechten Zeit nachholen.

Verzeihung, ich schweife erneut ab. Jeder deutsche Bürger hat sehr viele Rechte und äußerst wenige Pflichten - ein wunderbar ausgewogenes Verhältnis! Deswegen leben wir, und damit schließe ich mich trotz meines angeführten exotischen Profils explizit ein, alle so gerne in diesem Land, wo die Verwaltungsmilch und der Fomularhonig reichlich fließen, oder? Auf jeden Fall muss jeder Bürger eine Krankenversicherung sein Eigen nennen. Kurzzeitig war ich in Anbetracht dieses skandalösen Umstands geneigt das Land zu verlassen oder mich per zu initiierender Volkspetition zu widersetzen und eine Jungpoetenausnahmegenehmigung zu erwirken - die Mobilisierung der Alltagsfantasienleserschaft hätte bestimmt ausgereicht und wäre gegebenenfalls um weitere Tagträumer und Lebenskünstler erweitert worden, doch ich bin im allgemeinen ein braver Junge und will keine sozialen Unruhen provozieren. Man denke an all die Pferdepflegerinnen, Geigenbauer und insbesondere Staubsaugervertreter, die nachher auf dumme Gedanken kommen könnten. Es wird einem als Kunden auch leicht gemacht, flugs ein Formular ausgefüllt und fertig ist die Laube äh der Rundumwohlfühlkrankenversicherungsschutz. Doch weit gefehlt, wie üblich spielt der Alltag mir mehr als einen Streich und lacht sich dabei genüsslich ins Fäustchen. Zugegebenermaßen, für den besonderen Nervenkitzel bin ich mittlerweile dazu übergegangen, Formulare tunlichst blind auszufüllen, da eh immer dasselbe wie z.B. sind sie ein gesuchter Terrorist - ja, aber bitte verraten Sie mich nicht; führen Sie eine Schusswaffe mit sich - nein, das heißt nur, wenn das Jungpoetenbudget wieder langsam zur Neige geht und ich kurz bei den Mädels von der Sparkasse vorbeischauen will; oder leiden Sie an einer ansteckenden Krankheit - zählt überbordender Speichelfluss dazu? abgefragt wird. An dieser Stelle sei verraten, dass das Thema Formularlyrik für mich weit davon entfernt ist abgeschlossen zu sein. Ha! Wo war ich? Ach ja, ich bin eben gut in Übung und überwinde jegliche Hindernisse, um das Lotterleben in Saus und Braus anspruchsvolle Dasein als respektierter, gern gehörter und häufig zitierter Vorzeigeintellektueller und Gesellschaftskritiker in Ruhe weiter zu leben.

Eigentlich war’s das für heute, doch vielleicht ist eine schematische Darstellung der Geschehnisse von Leserinteresse? Nun denn, so will ich mit meiner Geschichte ganz von vorne beginnen: Es war einmal ein holder Jüngling mit nussbraunem Haar, Gold in der Stimme und einem sprühenden Charme, eines Morgens erwachte eben dieser Jüngling und sprach sogleich in gedichteten Zeilen, die jedwed’ Mensch und Tier in seiner Umgebung einsponnen und verzückten. So begab es sich… äh ja.

*Credo des ersten Telefonats mit der Krankenkasse / Krankenkassenmitarbeiter = KK-MA, JP = Herr Strauß aka Deckname der Jungpoet aka holder Jüngling*

(…)
KK-MA: Herr Strauß, kommen Sie einfach vorbei, bringen Sie nichts außer sich selbst mit und wir gehen rasch die Formularalitäten durch!
JP: Vorzüglich, ich eile!

*Auszug aus dem ersten Gespräch mit dem komplottierenden äh kompetenten Krankenkassenmitarbeiter = KKK-MA und dem Jungpoeten*

(…)
KK-MA und JP gehen zusammen gründlich das Antragsformular durch und gelangen an einen heiklen Punkt.
KKK-MA: Aha, Sie wollen also schreiben. Wovon werden Sie leben?
JP springt auf und ruft “Von der Luft und Liebe allein!”: Ersparnisse.
KKK-MA: Und im Herbst nehmen Sie dann ein Studium auf?
JP: Ja genau, Französisch - zur Horizonterweiterung versteht sich.
KKK-MA: Soso, unser Studentenangebot ist außerordentlich günstig.
JP: Stimmt, ein wahres Schnäppchen! Darf ich Sie jetzt verlassen?
KKK-MA: Momentchen noch, ich bräuchte eine Bescheinigung Ihrer Einkünfte.
JP: Geht das mündlich - keine, nischt, nix, ingen, nada, none, leere Lohntüte, offene Hand ohne Inhalt, Weißfaulenzerei oder schlicht den Beitrag von Null Euro bar auf die Kralle.
KKK-MA: Sie Witzbold, nein bitte schriftlich von Ihrer Bank.
JP: Hrmpf, wozu habe ich mit Ihren Kollegen telefoniert?
KKK-MA: Weiß ich nicht - ach ja, viel Spaß beim Studium!
JP: Danke, werde ich bestimmt haben.

*Credo des zweiten Telefonats mit der Krankenkasse bezüglich studentischer Besonderheiten*

(…)
JP: Updike äh Strauß - Ihr Kollege hat mir mitgeteilt, dass ich noch ein Formular für’s Studium ausfüllen muss.
KKK-MA: Ja, schicke ich Ihnen zu, unterschreiben Sie es und dann zurück an mich, dann kann’s mit Ihrem Studium losgehen!
JP seufzt und willigt ein.

*Das zweite KK-Formular findet sich einige Tage später im Briefkasten des Jungpoeten ein, wird signiert, mit dem Sinnspruch “Falls Dir der Alltag sehr zu schaffen macht, tauche ab ins Reich der Fantasien, dort fin.det sich neue Kraft, selbst wenn alles verloren schien!” versehen, ordnungsgemäß etikettiert und zurückgeschickt*

*Ungefragt findet sich einige Tage später eine KK-Blankoantragsmappe mit der Bitte um Ausfüllung der markierten - keine - Stellen im außer Haus angebrachten Papieraufbewahrungsbehälter ohne Wegschmeißintention des Jungpoeten ein. Der dichtende Sympathieträger tobt, wettert und zetert, findet sich dennoch getreulich erneut in der KK-Filiale ein.*

*Credo des zweiten Gesprächs mit einer kompetenten Krankenkassenmitarbeiterin*

(…)
KKK-MA: Herr Strauß, dass tut mir alles furchtbar leid. Ihr Antrag scheint irgendwo stecken geblieben zu sein. Sie kennen das ja - Krankheit, Urlaub…
JP: …schlechte Arbeitsmoral, ja vor allem Letzteres. Zu Ihren ersten beiden Punkten möchte ich auf den meiner Meinung nach eh zu üppigen Urlaubsanspruch normaler Angestellter hinweisen und wenn es nicht mit blutigem Auswurf verbunden ist, erwarte ich von Mitarbeitern, sich angeschlagen ins Büro zu schleppen. Wenn nichts mehr geht, kann schließlich die Krankenversicherung einspringen. Ja, da habe ich Verständnis für. Ich habe ohnehin genug Zeit und langweile mich zumeist.
Der Krankenkassenmitarbeiterin gelingt es hernach tatsächlich, im Beisein des Jungpoeten die offenen Punkte am Telefon zu klären, so dass sich der Jungpoet erleichtert und zutiefst dankbar verabschiedet.

*Auszug aus dem Telefonat in Folge des ersten Anrufs eines kompetenten Krankenkassenmitarbeiters Herrn Y. mit Nachfragen zum Antrag des Jungpoeten*
KK-Mitarbeiter: Guten Tag Herr Strauß, hier ist Ihre Krankenkasse.
JP schnappt sich ein frisch geschliffenes Messer und fuchtelt ein wenig in der Luft herum: Guten Tag, es ist eine Wohltat nach Jahren von meiner Krankenkasse zu hören!
KK-Mitarbeiter lacht verlegen: Nun ja, ich bearbeite gerade Ihren Antrag und bin über Ihr im Herbst beginnendes Studium gestolpert.
JP zwingt sich zur Sachlichkeit, indem er sein Lieblingskissen ein wenig durchlöchert und erklärt in Ruhe den Sachverhalt.
KK-Mitarbeiter: Aha, dann wird das Studentenformular einfach noch unterwegs sein. Darf ich mich aus Interesse nach Ihrem Studium erkundigen?
JP: Ja, gerne.
*Das nun beginnende Palaver mündet in immer kühneren Thesen des Jungpoeten über die dunklen Machenschaften der Krankenkasse sowie dem imaginären Titel seines Romandebüts, namentlich “Herr Y und das Krankenkassenkomplott”.*

*Ende des ersten KK-Akts, Fortsetzung folgt hoffentlich nicht…*

Alles in allem eine bis dato dezent irritierende Erfahrung und falls es gestattet ist, würde ich mich jetzt gerne auszurückziehen, um solange nackt durch die Strassen Eimsbüttels zu laufen, bis ich das erste Mal vom neuen Versicherungsschutz profitieren kann. Wir Jungpoeten haben eben auch unsere Tricks.

23. Juli 2009 Kommentare: 15

Des Jungpoeten Leser(in), das unbekannte Wesen

Verehrte Leserin, lieber geneigter Leser Schatz, es reicht - wir müssen reden. Ach ja stimmt, reden ist in dieser Form irgendwie schlecht. Ich finde, wir sollten uns trotzdem einmal richtig gründlich austauschen. Es gibt da einige Probleme äh Ungereimtheiten bezüglich derer ich stark an einer ausführlichen Darstellung unser jeweiligen Position interessiert bin. Tja stimmt, eine wirklich intensive Kommunikation ist auf diese Weise auch nicht möglich. Okay, wir probieren es auf die klassische Weise: Vielleicht setzt Du Dich konzentriert hin, liest das folgende sorgfältig, lässt meinen Standpunkt auf Dich wirken und dann finden wir eine Lösung in meinem Sinne, d.h. Du gibst auf ganzer Linie nach.

Ich möchte mich mit Dir über unser Leserverhältnis unterhalten. Bitte verstehe mich nicht falsch, die letzten Wochen waren wunderschön und fühlten sich an wie ein Traum. Es verging kaum eine Minute, die ich nicht an Dich gedacht habe und je näher unsere nächste Begegnung rückte, desto unruhiger wurde ich vor lauter Vorfreude. Doch ich bin kein Poet für eine schnelle Nummer oder nur eine Nacht. Jetzt ist es endlich ‘raus! Über eine prickelnde Leseraffaire ließe sich reden (und an dieser Stelle möchte ich alle attraktiven Leserinnen erneut auffordern, mir gerne Fotos an dates@alltagsfantasien.de zuzuschicken), denn der längere Lesegenuss liegt mir schon eher. Am Liebsten wäre mir jedoch so eine richtig feste Leserbeziehung mit allem, was dazu gehört: Geburtstagen, die mit Alltagsfantasienzitaten aufgelockert werden, Familienbesuche, bei dem Du von diesem neuen dichtenden Adonis mit Schwiegersohnqualitäten Jungpoeten in Deinem Leben berichtest, gemütliches virtuelles Kuscheln am Sonntag Morgen, Wochenendtripps, die von einem Fernkommentar auf alltagsfantasien.de abgerundet werden und so weiter, den Rest überlasse ich ausnahmsweise Deiner Fantasie.

Ich denke, wir verstehen uns und Du weißt was ich meine. Lass mich dennoch einige zusätzliche Worte verlieren, um unsere aus meiner Sicht bereits erzielte Übereinkunft weiter zu untermauern:

*Ganz kleine Leserlobhudelei*
Eines ist glasklar, Du / Sie als Leser/in von alltagsfantasien.de hast / haben es drauf! Nicht repräsentative Studien haben ergeben, dass der/die durchschnittliche Leser/in dieser Seite ungewöhnlich attraktiv, beruflich überaus erfolgreich, sozial gut verankert und mit viel Charme gesegnet sowie meist spitz wie Nachbars Lumpi ist. Allen anderen empfehlen sehr bekannte, hier aus Diskretionsgründen nicht genannte Ärzte und Wissenschaftler den regelmäßigen Konsum dieser Alltagsfantasien, da die eindeutig positive Wirkung auf das zukünftige Leben zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte. Ich wusste es seit meiner Geburt: Alltagsfantasien machen den Menschen erst schlau und schön!

*Kleine Leserschmeichelei*
O meine Angebetete, lieber geneigter Leser Schatz, wir kennen uns zwar noch nicht lange, aber schon jetzt bedeutest Du mir sehr viel. Ich hoffe, dass wir für immer zusammen bleiben und miteinander viele einzigartige Momente erleben, die ich tief in meinem Herzen für schwere Stunden verwahren kann. Liebe(r) Leser(in) äh Schatz - ich glaube, ich habe mich in Dich verliebt!

*Etwas größere Leserheuchelei*
Baby äh Bella, ich bin bekanntlich eifersüchtig und kann Dich nicht teilen. Das darfst Du nie vergessen und wenn Du andere Zeilen im Netz liest, so bewahre meine immer in Deinem Herzen! Treue ist mir sehr wichtig und deswegen brauche ich stete LiebesLeserbeweise in Form Deiner Aufmerksamkeit sowie ab und an ein ehrliches Wort, es ist doch gar nicht schwer.

*Mittlere Leserschweinerei*
Hättest Du / hätten Sie bloß nie eine Zeile auf alltagsfantasien.de gelesen - nun ist es zu spät, Du bist / Sie sind verhext! Es tut mir aufrichtig leid, in der nächsten Zeit wird etwas Schreckliches passieren, male Dir / malen Sie sich schlicht Deinen / Ihren schlimmsten Alptraum aus. Rettung ist nur möglich, falls mindestens zehn Bekannte innerhalb der nächsten Woche auf alltagsfantasien.de gelockt und mindestens sieben davon zu dauerhaften Lesern konvertiert werden. Die ganz fleißigen Oberfluchbrecher, die 50 Menschen, also Ihr fast vollständiges Umfeld, auf diese Seite führen, lernen im Laufe eines Monats Ihren Traumpartner kennen (im Zweifelsfall muss mit der aktuellen Version getauscht werden), gewinnen eine Million und werden zum Ehrenstammeshäuptling der Tuareg ernannt.

*Große Leserprovokation*
Nein, ich habe keine Lust mehr. So geht es einfach nicht weiter! Gemütlich zurücklehnen und sich berieseln lassen - nicht mit mir! Ich bin nicht mehr bereit, hier zur Erheiterung der Massen einen neuen Artikel nach dem anderen zu verfassen, solange nicht 30+, ach was schreibe ich, Hunderte wohl wollender Kommentare bei den Vorgängern zusammengekommen sind. Mir egal, wie Ihr das anstellt! Notfalls bezahlt halt jemanden! Ich schreibe nicht aus Jux und Tollerei, da stecken selbstverständlich knallharte und mir selbst nicht im vollem Umfang bekannte Interessen dahinter. Ich meine es Ernst, ich bremse nicht, ich springe und drücke ab! Also, kommentier’ meine Artikel, Du Sau her mit den ersehnten Leserzeichen oder sonst is’ Schluss.

So und jetzt Du / Ihr / Sie!

16. Juli 2009 Kommentare: 18

Virtuelles Spieglein, Spieglein in meiner Hand, wer ist der…

klügste, schönste und natürlich am besten riechendste viel versprechendste Jungpoet im ganzen digitalen Land? Selbstverständlich nicht ich. ;)

Aber was nicht ist, kann ja noch werden und als bekennender Freund mittelalterlicher Methoden liegt der Ausweg aus diesem kleinen Dilemma nahe: Dichterduelle und -wettstreite, wahre Recken werden nämlich für gewöhnlich im Feuer beziehungsweise Kampf gestählt. Aug’ in Aug’ mit gezogener Klinge, in verdreckter Rüstung und mit angespanntem Gesichtsausdruck äh mit galant geschwungener Feder, im frisch von Mama gebügelten LieblingsHemd und immer eine charmante Floskel auf den Lippen, das verspricht eine erfrischende Erfahrung zu werden.

Doch wo stecken sie, meine ehrenwerten und tapferen Kontrahenten? Die ausgesandten Kundschafter entdeckten wenig - ich scheine im deutschsprachigen Raum ziemlich alleine auf weiter Flur zu sein und mit großzügig gerundet zehn Artikeln und gefühlten 100 Kommentaren reihe ich mich solide ins vordere Mittelfeld der digitalen Jungpoetenbewegung ein. Ärgerlich, ich hatte mich schon so auf das Bad im Blut der unterlegenen Dichterinnen und Dichter gefreut, jetzt muss eine eingebildete Siegerdusche genügen.

In Anbetracht dieser durch und durch nichtigen erschütternden und Bahn brechenden Erkenntnisse hält es mich nicht mehr auf dem heimischen Poetenthron und zieht mich hinaus aus der Autorenkammer. Ich springe auf, murmele “Wenn der Feind nicht zum Jungpoeten kommt, dann…”, greife den für ein Werbegeschenk wirklich angenehm in der Hand liegenden Stift und einige bereits auf der Rückseite bedruckten Seiten vom Tausender Stapel meine Feder, Tinte und das Pergament und stürmte übermütig auf die Straße.

Hoch zu Drahtesel Ross bahne ich mir harsch einen Weg durch die Gassen, hin zum stark bevölkerten Marktplatz, mein Warnruf “Macht Platz für den Jungpoeten!” wirkt wieder Wunder. Dort schlage ich mein Lager auf und das Drama nimmt seinen schlecht gereimten Lauf lyrisch ausgehungerte Fussvolk stürzt sich förmlich auf mich.

Ich lasse meinen Blick schweifen und wende mich als Erstes an die alte, fest auf ihren Gehstock gestützte und resolut dreinblickende Dame.
Ich: “Gnädige Frau, wie wäre es mit einer kurzen lyrischen Konfrontation?”
Sie regt sich nicht.
Ich: “Nur nicht so schüchtern, sobald Ihre Zunge ein wenig gelockert ist, plätschern die Reime wie von selbst - vertrauen Sie mir!”
Sie regt sich immer noch nicht.
Ich: “Verstehe, ich gebe Ihnen gerne einen kleinen Vorsprung, vervollständigen Sie einfach diesen Halbsatz - heute ist ein schöner Tag,…”
Sie dreht sich um und geht weg.

Ich schnaufe und mein Blick fällt auf einen jungen Mann meines Alters mit sportlicher Figur und verschmitztem Grinsen - wenn in ihm nicht die Lyrik pulsiert, dann soll mich der Schlag treffen!
Ich: “Hey Du, Du siehst mir ebenfalls nach einem Liebhaber der Lyrik wie ich aus! Wie wäre es mit…”
Sein Grinsen verschwindet und er stößt hervor: “Bitte, was willst Du denn?”
Ich: “Ich will als Jungpoet der Lyrik frönen und mich mit Dir in einem kleinen Dichterstreit messen, um das Volk zu verwöhnen.”
Er: “Hau ab, ich bin nicht schwul!”

Ich schüttele den Kopf über diese ständigen, vollkommen unerklärlichen Missverständnisse. Plötzlich durchfluten neue Kräfte meinen arg strapazierten Jungpoetenleib und ich erblicke mit leicht geröteten Augen sie: Edle Gesichtszüge, lange, das Gesicht umschmeichelnde dunkle Haare, allenthalben wohl geformte Rundungen und schmale Fesseln! Mein Herz macht unvermittelt einen Satz, sollte ich an diesem beinahe unwirtlichen Ort gar meine Muse finden? Möglichst elegant deute ich eine Verbeugung an und flüstere dem äußerst anziehenden Wesen ins Ohr:
“Verzeihung, darf ich mich kurz vorstellen? Man nennt mich den Jungpoeten und Du hast mich im Nu betört. Gewährst Du mir einige Minuten, damit ich Deine Schönheit im gebührenden Maße preisen kann?”
Sie lacht und macht einen kleinen Knicks:
“Nur zu Jungpoet, ich hänge an Deinen Lippen!”
Ich straffe mich und hebe zum Sprechen an als…

…die Katze in der Wohnung über mir kräftig auf den Boden springt und mich unsanft aus meinem Mittagsschlaf reißt. Ich sende einen klagenden Blick an die Wohnungsdecke in den Himmel, seufze Herz erweichend, schlage die kuschelige, meine Beine wärmende Decke zur Seite und vertrete mir dann in der Wohnung die Beine, um auf andere Gedanken zu kommen…

8. Juli 2009 Kommentare: 12

Hilfe Herr Doktor, ich leide an Alltagsfantasien!

Seit einiger Zeit erwache ich am Morgen mit einem leichten Unwohlsein (zu den genaueren Symptomen siehe unten). Eigentlich bin ich sehr hart im Nehmen und war seit gefühlten zehn Jahren nicht mehr beim Arzt, aber als neuer Fahnenträger der Lyrik muss man im Zenit seiner Leistungsfähigkeit stehen, um sprachlichen Ungenauigkeiten und mangelndem Wortschatz immer und überall die Stirn bieten sowie die angestrebte Invasion des Buchmarktes forcieren zu können.

Gesagt, getan finde ich mich vor der Eingangstür der Praxis meiner Wahl wieder, wundere mich erneut über die Entstehung des Doppelnachnamens von Herrn Dr. med. Klaus-Dieter Müller Große Baumann, betätige die Klingel der Praxis und gelange flugs in den Empfangsbereich. Der jungen Sprechstundenhilfe zwinkere ich vermeintlich vergnügt zu, um das bange Gefühl im Vorfeld der nahenden Untersuchung gekonnt zu überspielen und nehme ein weiteres Formular entgegen, für Erstbesucher wie sie mir glaubhaft versichert. Beinahe entfährt mir der Stoßseufzer “O Du mich stetig ereilender Fluch der Bürokratie”, doch dann profitiere ich zum ersten Mal von der ARGE-Abhärtung der letzten Woche: Zum Beispiel beim Feld “Anrede” muss ich nicht lange überlegen und trage mit souveränem Siegerlächeln Jungpoet ein…

Danach darf ich endlich das Wartezimmer betreten, öffne schwungvoll die Tür und halte rechtzeitig genug inne, um ein knappes, zwischen den Lippen hervorgepresstes “Hallo” zu unterdrücken. Statt dessen straffe ich mich, denn Dichtung und Schriftstellerei haben auch etwas mit Haltung zu tun, deute eine leichte Verbeugung in alle Richtungen an und grüße bestimmt in die Runde:”Guten Morgen, verehrte Damen und Herren - wünsche wohl geruht zu haben!”. Bis auf einen einsamen Herren ist das Wartezimmer leer Daraufhin folgt ein gequältes Nicken der sechs Anwesenden sowie ein fast geschrieenes “Wie bitte, junger Mann?” von der Dame links neben mir, ich setze mich also lieber schnell.

Meine Gedanken gehen sofort ein wenig spazieren und bleiben bei der elektrisierenden Idee der Gründung einer Vereinigung für Formularlyrik stehen, um diesem trockenen Thema eine spielerische Note zu verleihen. Zur Sicherstellung einer ausreichenden Mitgliederzahl könnte ich die Tür blockieren, allen Wartezimmerinsassen eine provisorische Beitrittserklärung abpressen und diesen Inneren Kreis des Vertrauens an Ort und Stelle auf die zu verfassende Satzung einschwören - man bedenke all diese brach liegende, Jahrzehnte umfassende Formularerfahrung! Plötzlich dringt aus der Ferne ein Räuspern an mein Ohr und ich vernehme die Worte “Jungpoet Strauß, der Doktor erwartet Sie jetzt.”. Die Vorstellung der neu ins Leben zu rufenden Vereinigung hat vorerst zu warten. Mit Genugtuung erhebe ich mich, rufe “Falls Sie mehr von dem Jungpoeten erfahren wollen, besuchen Sie gerne meine Seite alltagsfantasien.de im Internet!” in die Runde und begebe mich ins Behandlungszimmer.

Der Doktor ist von eher untersetztem Wuchs und ich bin geneigt, ihn auf das der Körpergröße nicht ganz angemessene Adjektiv in seinem Nachnamen hinzuweisen und den Gebrauch von “mittlere” oder “stabile” zu empfehlen, reiße mich jedoch zusammen.

Arzt: Müller, guten Tag.
Ich: Hallo, Kehlmann äh Strauß.
Arzt: Nehmen Sie bitte Platz, was kann ich für Sie tun?
Ich druckse herum und winde mich im Stuhl.
Arzt: Nun ‘raus damit, sonst kann ich Ihnen doch nicht helfen!
Ich: Ähm, wie soll ich es sagen, seit einiger Zeit leide ich an Alltagsfantasien.
Arzt bleibt ernst: Interessant, mit welchen Symptomen?
Ich: Meine überbordernde Libido treibt mich furchtbar um. Ich bin mehrfach nachts nass geschwitzt hochgeschreckt und habe mich hektisch gefragt, ob die Vorbereitungen für meine große Lesung in Hamburg von der Agentur wie abgesprochen in Angriff genommen wurden, ob ich genügend Bücher vorsigniert habe und welchen Anzug ich jetzt bloß für die Verleihung des Deutschen Buchpreises 2009 anziehen soll. Außerdem beseelt mich die feste Gewissheit der eigenen lyrischen Überlegenheit und der Wunsch, dies auch regelmäßig hinauszuposaunen!
Arzt: Merkwürdig, haben Sie denn bereits ein Buch geschrieben und einen Verlag gefunden?
Ich: Nein.
Arzt: Haben Sie bereits mit dem Buch angefangen?
Ich wollte gerade gerade “nicht wirklich” antworten als mich aus heiterem Himmel ein ungutes Gefühl beschlich.
Ich log: Ja, das Manuskript ist fertig und ich feile noch an einigen kniffligen Stellen.
Arzt: Wie sieht es mit Veröffentlichungen wie z.B. Zeitungsartikeln oder Kurzgeschichten aus?
Ich log: Da kann ich tatsächlich Einiges vorweisen, schon in der Schulzeit habe ich wie ein Berserker bei der Schülerzeitung mitgearbeitet und erste Artikel für die Lokalzeitung verfasst. Während der Bundeswehrzeit habe ich dann mit einigen Kameraden den Gedichtsband “Stubengespräche und Spindlyrik” verfasst, der für Aufmerksamkeit in Kritikerkreisen sorgte. Die Verfilmung unter dem Titel “Der uniformierte Dichter - von kaltem Stahl und warmen Gedanken” ist geplant.
Arzt: Was machen Sie denn beruflich?
Ich log: Im Sommer arbeite ich auf dem Bau, im Winter schneide ich aushilfsweise Haare beim Friseur um die Ecke und falls etwas anliegt, gehe ich meinem Onkel in seiner KFZ-Werkstatt zur Hand.
Arzt: Soso, Sie sind ziemlich durchgeknallt kerngesund und brauchen meine Hilfe nicht.
Ich log: Und was ist mit meinem orgienhaften Alkoholkonsum, den ständigen Besuchen meiner Muse und dem Berg gerauchter Zigarren?
Arzt: Ach kommen Sie, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.
Ich: Darf ich Sie denn in Zukunft einmal auf meiner Literaturseite alltagsfantasien.de begrüßen?
Arzt: Nein, bitte gehen Sie jetzt!
Ich: Nun denn, leben Sie wohl!

Zu Hause drängte sich mir dann der Eindruck auf, dass die Sache irgendwie schief gelaufen sein könnte…

1. Juli 2009 Kommentare: 15

Endlich frei oder auch Mittwoch morgens 8 Uhr in der ARGE-Eimsbüttel

Nach entspannter Bettlektüre folgte die Bettruhe gegen 23 Uhr einer ausschweifenden Feier anlässlich des Beginns meines neuen Lebens erwachte ich am heutigen Morgen wie neugeboren. Strotzend vor Kraft und voller Tatendrang federte ich hoch und wurde sogleich mit der nun täglichen Qual der Wahl konfrontiert: Mit der Zeitung ins Café oder den Park, eine Runde Frühsport oder doch ran an den Rechner, um die Lage in der Welt zu sondieren? Ich entschied mich für einen Kennenlernbesuch bei der Agentur für Arbeit, um die vorhandenen Fördermöglichkeiten auszuloten.

Vor Ort hatte sich bereits eine beachtliche Schlange inklusive zwei nett anzusehenden Frauen, bei denen ich natürlich einen besonders guten Eindruck hinterlassen wollte gebildet - die perfekten Opfer äh Adressaten für meine ersten lyrischen Ergüsse. Leider wollte sich niemand auf einen kurzen Dichterwettstreit zur Festlegung der Schlangenreihenfolge einlassen und auf das fröhliche Reimspiel “Komplettiere den angefangenen Satz!” stieg ebenfalls niemand ein. Komisch, dabei war der Anfang mit “Heute ist ein schöner Tag,…” meiner Meinung nach sehr einladend.

Endlich war ich an der Reihe und durfte mich mit einem behördlichen Formular auseinandersetzen, besonders knifflig war das Feld “angestrebte Position”. Nach reiflicher Überlegung entschied ich mich gegen Bestsellerautor, berühmter Schriftsteller, Literaturnobelpreisträger oder coole Daniel Kehlmann - Reinkarnation und für die etwas demütigere, jugendlich-frische Bezeichnung Jungpoet. Den Rest würde ich dem Sachbearbeiter schon im persönlichen Gespräch näher bringen können. Nach einem gelungenen Gesprächseinstieg gelangten wir allerdings an einen schwierigen Punkt…

*Gesprächsauszug / ARGE-MA = ARGE-Mitarbeiter, JP = Jungpoet*

(…)
ARGE-MA: Sie wollen also ein erfolgreicher Autor werden. Haben Sie bereits einen Roman geschrieben oder einen Verlag, damit wir einen Ansatzpunkt für die angestrebte Förderung haben?
JP: Nein.
ARGE-MA: Haben Sie bereits mit dem Buch angefangen?
JP: Nicht wirklich.
ARGE-MA: Wie sieht es mit Veröffentlichungen wie z.B. Zeitungsartikeln oder Kurzgeschichten aus?
JP: Bisher nicht.
ARGE-MA: Ähnliche Tätigkeiten im Berufsleben?
JP: Naja, zählen halbwegs kreative Geburtstagskarten für ehemalige Kollegen?
ARGE-MA: Nein, aber in der Schülerzeitung haben Sie doch bestimmt fleißig mitgewirkt?
JP: Ehrlich gesagt war ich damals etwas unreif…
ARGE-MA: Dann kann ich nichts für Sie tun, trotzdem viel Glück!
JP: Danke, wird schon.
(…)

*Offizielles Ende des Gesprächauszugs*

Ein leises Schluchzen setzt bei dem selbsterklärten Sympathieträger ein, er sorgte mit dem leichten, Trost suchenden Nesteln am Hemd des ARGE-Mitarbeiters für einen verstörenden intimen Moment und wand sich zum Gehen, doch dann wahrscheinlich aus Mitleid der Triumph in der Nachspielzeit. ;)

ARGE-MA: Wird es bei Ihrem Buch denn am Ende eine Wendung zum Guten geben?
JP: Hm, keine Ahnung, so weit bin ich noch nicht.
ARGE-MA: Es klingt auf jeden Fall sehr spannend.
JP: Besuchen Sie einfach mein Blog alltagsfantasien.de, dort wird sich alles Weitere ergeben.
ARGE-MA notiert die Internetadresse! ;)

So oder so ähnlich hat es sich zugetragen - das neue Leben kann ja heiter werden…