Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

24. August 2009 Kommentare: 14

Er kam, sah und dichtete nicht

Ich bin nachdenklich in die neue Woche gestartet, erste Zweifel an meiner lyrischen Begabung haben sich eingeschlichen, die aus dem Ärmel geschüttete “Ode an die IT” brachte nicht die erhoffte Linderung. Mein Körper bäumt sich zwar nicht mehr gegen das selbst verordnete Jungpoetentrainingsprogramm auf, aber eine gewisse Müdigkeit scheint sich in mir festzusetzen. Gut, prinzipiell kenne ich diesen Effekt. Jeder neue Abschnitt, ob nun beruflich oder privat, falls diese Unterscheidung noch statthaft ist, überfrachtet den unbedarften Neuling mit Eindrücken, unbekannten Gesichtern und Aufgaben und muss erst einmal verarbeitet werden.

Bei mir sollte sich dieses Phänomen allerdings in Grenzen halten. Beim Wohnungsputz am letzten Freitag sind mir zwar einige Ecken aufgefallen, die mir seltsam dreckig unvertraut vorkamen. Generell kenne ich mich aber ausreichend in meinen eigenen vier Wänden aus. Als eher lichtscheues Wesen verbringe ich an diesem Ort genügend Zeit und die neuen Eindrücke sollten überschaubar sein.

Die Anzahl der frischen Gesichter kann ich auch an einer Hand abzählen. Entweder nehmen die Menschen gleich nach dem ersten Kennenlernen reißaus frei nach dem Motto “Ihh, ein Poet!” oder versprechen hoch und heilig, sich eine Kostprobe auf einer Geheimnis umwobenen Seite mit dem zweideutigen Titel alltagsfantasien.de anzusehen. Welch süffisante Assoziationen alleine dieses Schlagwort bei mir zu wecken vermag! Dahinter kann nur ein richtiger kleiner Dreckspatz schlaues Bürschchen stecken, Daumenkino und Tupperparty lassen grüßen. Auf jeden Fall liest geschweige denn sieht man vermeintlich interessierte Mitmenschen nicht mehr wieder. Diese Feststellung richtet sich natürlich ausdrücklich nicht an den geschätzten Leser oder die verehrte Leserin, deren Augen sich gerade wacker durch diesen unbequemen Wochenbericht kämpfen - danke und ein vergnügtes Augenzwinkern in Deine / Ihre Richtung. In Punkto neue Bekanntschaften also auch Fehlanzeige.

Bleiben zu guter Letzt die Aufgaben als Jungpoet. Jaaa, es ist nicht nur Rauchen, Wein trinken sowie ab und an bedeutungsschweres, dennoch elegantes im Notizbuch Kritzeln auf der Parkbank angesagt. Berühmte deutschsprachige Nachkriegsliteraten wie die Herren Heinrich Böll und Brecht (gestrichen aufgrund historischer Ungenauigkeit, Anm. der Red.), aber sicherlich auch viele andere haben nicht zu Unrecht auf die gesellschaftliche Verantwortung des Künstlers hingewiesen. Beim armen, unverstandenen Künstler handelt es sich zweifellos um ein aus romantisch verklärter Sicht zum Schwärmen einladendes Bild, extrem erstrebenswert ist es jedoch nicht. Über den Reiz der weltlichen Armut und den damit einhergehenden geistigen Reichtum oder wenigstens die inspirierende Wirkung auf das künstlerische Schaffen ließe sich vortrefflich schwadronieren. Doch zwei Dinge will ich klarstellen: Weder bin ich gänzlich verarmt noch plane ich es durch anhaltenden kommerziellen Misserfolg zu werden. Der zweite Teilaspekt ist da schon kniffliger: Unverstanden zu sein beziehungsweise nicht verstanden zu werden hat einen gewissen Charme und würde den herbeigesehnten Nimbus des Dichters nähren, allerdings nicht mit Vorsatz. Lieber Zeilen für’s Volk als Leckerbissen für den Feuilleton lautet meine ungelenke Devise in dieser Beziehung.

Somit dürfte das Geheimnis meiner kleinen kleinen Schwächephase gelüftet sein: Bereits jetzt trage ich schwer an der Bürde meiner Verantwortung für die Leserschaft. Wo wird es enden, sobald ich erst mit meinem Roman anfange? Ich bin mir nämlich nicht sicher, ob mein Werk dem Wohlbefinden der Masse besonders zuträglich sein oder eher ein latentes Unbehagen schüren wird…

24. August 2009 Kommentare: 4

Ode an die IT

Hier die erste launige halbherzige holprige und skandalöserweise gereimte Version für den Bildschirmjunkie äh -arbeiter:

Angestrengt sitze ich wieder vor dem Schirm,
tippe auf die Tasten bar eines übergeordneten Ziels,
tagein, tagaus bin ich das Opfer des gleichen Spiels,
die Maschine arbeitet für mich, sie kontrolliert mein Gehirn
die Maschine arbeitet für mich, sie ist mehr als firm.

Hypnotisiert starre ich auf Zahlen, Zeilen und bunte Bilder,
merke kaum wie unzählige Stunden dahin eilen,
denke manchmal “als zu lang sollt’ ich nicht mehr am Rechner verweilen”,
dann plötzlich ist die Sonne weg, draußen wird es milder.

Ächzend erhebe ich endlich meinen verspannten Leib,
schaufle mir in wenigen Minuten Berge des schnellen Essens rein,
denn zum genießerischen Kochen bin ich mir einfach zu fein,
die Technik hat mich eben im Griff, ich unterwerfe mich jedem Hype.

Erschöpft schleppe ich mich ins kühle Badezimmer,
kümmere mich in wenigen Minuten um meinen vernachlässigten Körper,
gönne ihm eine ähnlich intensive Pflege wie meinem Computer,
mein Leben ist komplett digitalisiert, es wird ständig schlimmer.

Nachts werfe ich mich unruhig im Bett hin und her,
habe Alpträume von Nullen und Einsen, Klicks und Mausbewegungen,
längst erloschen sind sämtliche typisch männlichen Regungen,
der Morgen danach ist bleiern, ich fühle mich unsäglich leer.

Magisch zieht mich sofort die Präsenz des PCs an,
willenlos taumele ich hungrig und ungewaschen hinüber,
kapituliere vor dieser virtuellen Sucht mit enormem Kaliber,
das Gerät bestimmt über mich, war ich jemals ein Mann
das Gerät bestimmt über mich, bin ich noch ein freier Mann
das Gerät bestimmt über mich, ob mich jemand verstehen kann
das Gerät bestimmt über mich, ob mich jemand retten kann

das Gerät bestimmt über mich, entkomme ich je seinem Bann?

19. August 2009 Kommentare: 7

Schreiben, um zu leben.

Ich komme unvermittelt zur Sache: Seit Montag ist es für mich poetisch gesehen ernst geworden, die genüßliche Auszeit ist vorbei und mein Schriftstellerleben hat wirklich begonnen. Um die Bedeutung dieses Wendepunktes klar herauszuarbeiten, werden meine Beiträge jetzt noch ausgeflippter und jeder, wirklich jeder Satz wird bis zum Bersten mit Ironie und Sarkasmus gewürzt, damit es selbst meiner geschätzten Leserschaft vor dem Bildschirm zu den Ohren herauskommt ich mich zukünftig ein wenig zurücknehmen und auf wahre Dichtertugenden besinnen.

Zur Schaffung eines geeigneten Lebensrahmens habe ich nämlich mit großem Tamtam das so genannte und bald auch unter dem Titel “Wecke den Jungpoeten in Dir, das knallharte und überzeugende 72-Übungen-Workout des Erfolgsautors in spé Sonning Strauß” auf DVD erhältliche Jungpoetentrainingsprogramm eingeleitet und unterziehe mich seit Montag als erster Proband meinem eigenen Rundum-Trimm-Dich-Ansatz für Körper und Geist. Zwischenbilanz nach zweieinhalb vollgepackten Tagen: Schmerzen am ganzen Leib und ohnmachtsartige Erschöpfungserscheinungen des Geistes, aber mein Gewissen ist rein!

Jetzt möchte eventuell ein Leser oder eine neugierige Leserin wissen, was sich hinter dem ominösen HeroenJungpoetentrainingsprogramm verbirgt. Das kann ich leider nicht in gewohnter Offenheit kundtun, schließlich soll sich die Abzocker-DVD gut verkaufen. Als Appetithäppchen schmeiße ich jedoch drei Halbsätze in den Raum: Dichterspezifisches Ganzkörperstählen, esoterische Übungen “in der Kunst des Schreibens” und Tippen bis der Arzt kommt.

Stichwort dichterspezifisches Ganzkörperstählen: Meine neuen Rauch- und Trinkgewohnheiten habe ich bereits als nicht mehr wegzudenkenden Bestandteil meines Tagesablaufs vorgestellt. Ergänzend kommt jetzt morgendliches Seilspringen zur Aktivierung des Kreislaufs und Lockerung der Muskulatur hinzu. Außerdem ausgefeilte Dehnübungen insbesondere der stark belasteten Unterarm- und Fingerpartien und nicht zuletzt ein Geheimtipp für Genießer: Regelmäßige Aufenthalte in schamanistischen Schwitzhütten zur Entgiftung des Körpers.

Stichwort esoterische Übungen in der Kunst des Schreibens: Auf dubiosem Wege ist mir der unzensierte und prächtig bebilderte Großkamasutrafoliant ein inspirierendes Werk zur Kunst des Schreibens in die Hände gelangt. Hier finden sich jede Menge Anregungen und immer neue Herausforderungen für den angehenden Literaten. Die nächste Aufgabe für mich lautet zum Beispiel, eine Liste von 100 Dingen, die mir persönlich Freude bereiten, zu erstellen. Sobald ich mich unter Druck gesetzt fühle, soll ich durch Lesen dieser Liste ein Gefühl des Wohlbefindens heraufbeschwören. Wer mich kennst, der weiß, wie sehr mein Geist nach solchen Entspannungstechniken dürstet!

Unkommentiert (Eure Chance, liebe Leserinnen und Leser!) der im Buch enthaltene Anfang der Liste:
1. Himbeeren
2. Pfingstrosen
3. Pizza Hawaii
4. Kiefernduft
5. Petit-Point-Stickerei (bitte watt?)
6. Gedichte von Rumi
7. Campingbusse von VW
8. Zimtsterne
9. Marie Callas
10. Rhababer
(…)

Stichwort Tippen bis der Arzt kommt: Ich wage es tatsächlich und versuche mich an der Umprogrammierung meines tippenden Über-Ichs. Täglich investiere ich mindestens eine Stunde, um mein geliebtes, wenn auch hämmerndes Zwei-Finger-Adlersuchsystem auf ein jungpoetenwürdiges, eleganteres Zehn-Finger-über-die-Tasten-Gleiten umzuschulen. Teilerfolg nach den ersten drei Trainingstagen: Dramatischer Rückgang der Schreibgeschwindigkeit ohne Gegengewinn und leichte Sehnenscheidenbeschwerden. In Verbindung mit meiner jüngst erworbenen Liebhaberschreibmaschine ist die Tippaktivität fast zum Erliegen gekommen. Und ich will es nicht verschweigen, schlichtere Sätze und kürzere Wochenberichte stehen drohend im Raum…

Zum abruptem Schluss ein leicht abgewandelter, aus meiner Sicht sehr passender historischer Ausspruch: Der Jungpoet ist tot, es lebe der Jungpoet!

12. August 2009 Kommentare: 13

Die norwegische Tierwelt - ein ungeschönter Tatsachenbericht

Ich hatte es mir verdient, redlich verdient und dass wissen wir alle. Nach traumatischen Erfahrungen in Amtsstuben und Ärztevorzimmern, lyrischen Verzweiflungsakten in aller Öffentlichkeit, einer unterwürfigen, nicht minder deprimierenden und schäbigen bis beschämenden Leseranbiederung, blutigen Scharmützeln mit schuldlosen Unternehmensdienern, einem bestialischen Kraftakt zur Verwirklichung meiner ersten Kurzgeschichte und nicht zu vergessen einem in aller Eile vollzogenen Imagewandel an der Grenze zur optisch-seelischen Selbstverleugnung war ich kraftlos, bis ins Mark erschöpft, desillusioniert, ramponiert wie ein abrissreifes altes Gebäude, gar endgültig verzweifelt oder umgangssprachlich auch urlaubsreif.

Jede Faser meines Leibes schrie nach weiteren sechs Wochen des gemächlichen ‘Rumgammelns einer Auszeit vom selbstzerstörerischen Jungpoetenleben in Form des 40-Stunden-Monats, d.h. dem lyrischen Gegenentwurf zur werktäglichen 40-Stunden-Woche. Kaum war der Entschluss gefasst, begab ich mich auf die Suche nach einem Reisegefährten, der mir genug Inspiration und einen ausreichenden Glamourfaktor verleihen könnte, um hernach auf dem Papier durchzustarten. Die Wahl fiel nach intensiven Vorgesprächen mit dem Heer der Willigen auf Adonis, der seinem Kosenamen “Der Elch” alle Ehre machen sollte, doch dazu später mehr. Als mögliche Reiseziele kristallisierten und disqualifizierten sich vier Alternativen heraus als da wären

Rom, leider zu langweilig und überfüllt von Möchtegernschriftstellern.
Wien, leider zu langweilig und überfüllt von Möchtegernschriftstellern.
Hannover, leider zu langweilig und überfüllt von Möchtegernschriftstellern.
Mallorca, leider zu langweilig und überfüllt von Möchtegernschriftstellern.

Moment ‘mal, irgend etwas stimmt hier doch nicht. Ein kurzes Spiel für Leser(innen): Welcher der vier Orte passt nicht in die Aufzählung?

Genau, bei Mallorca handelt es sich nicht um einen Ort, sondern des Deutschen liebste Insel und es müsste “leider zu langweilig und überfüllt von Ex-Kollegen” heißen. Nach dieser nüchternen Bestandsaufnahme war der Urlaubselan beinahe verpufft und Balkonien wurde ernsthaft in Erwägung gezogen. Doch ich besann mich eines Besseren und brachte den Vorschlag in die Diskussion ein, die sprichwörtliche Wiege der Poesie zu bereisen und einige Tage am Quell der Schriftstellerei zu verweilen - wir konnten dem Ruf Norwegens nicht länger widerstehen.

Die mannigfaltigen und überwältigenden Urlaubserlebnisse lassen sich kaum in einem klassischen Wochenbericht zusammenfassen. Es sei mir gestattet, mich auf einige vergnügliche oder lehrreiche Episoden zu beschränken, um den Charakter der Tage einzufangen und vielleicht den einen oder anderen Hinweis für die nächste Urlaubsreise der Leserschaft zu liefern. Der Einfachheit halber unterteile ich die Episoden in skizzenhafte Tier- und Menschbegegnungen.

Alles, was kreucht und fleucht - von Norwegens menschlichen Besuchern und Bewohnern

*Reisebekanntschaften*
Bereits am Flughafen kamen wir mit einer knackigen sehr gesprächigen Einheimischen in Kontakt, auch wenn ihre Hose meinem Begleiter nicht recht gefiel. Freundlich wies sie uns in einige landesübliche Sitten und Gebräuche ein, zu dem auch die offene Ansprache Fremder zu gehören schien. Ehe wir uns versahen, war sie nämlich wie eine Biene zur nächsten Blume weitergeflogen und schien uns vergessen zu haben. Diese Erfahrung hatte ich bei Norwegern zuvor nur in Verbindung mit ihrem berüchtigten Alkoholkonsum gemacht.

*Gespräche in der Unterkunft*
Nach einiger Diskussion hatten wir uns gegen das sehr günstig offerierte 64-Bett-Zimmer im Hostel entschieden. Bei der Ankunft in der Hauptstadt wurden wir sehr freundlich in gediegenem Englisch empfangen und in unser Zimmer geführt, in dem sich bereits ein Backpackerpaar aus Finnland einquartiert hatte. Die Sprachbarriere mit unseren Mitbewohnern erwies sich als schier unüberwindbar, so dass wir uns nach kurzer Zeit auf den Austausch von Faustschlägen, wütenden Beschimpfungen und Drohungen in der jeweiligen Muttersprache sowie kleine Gemeinheiten in Form von Versteckspielen der nur spärlich vorhandenen Kosmetika und Unterwäsche verlegten. Die leichten Spannungen erwiesen sich als großer Anreiz zur intensiven Erkundung der Sehenswürdigkeiten vor Ort, um dem Feind im eigenen Bett möglichst wenig Ansatzpunkte zu bieten.

*Reisebekanntschaften II.*
Norwegen ist das Land der Boote und daher gelangten wir häufiger auf einen Steg. Am wahrscheinlich wettermäßig schönsten Tag war auf einem der besagten Stege weit und breit kein Boot in Sicht, dafür ein gesetzterer norwegischer Herr in Begleitung zweier Frauen, von denen er behauptete, dass es sich um seine Frau und Mutter handeln würde. Zum Kennenlernen gab ich einige kurze Gedichte in Norwegisch zum Besten, um die Gesprächsatmosphäre etwas aufzulockern. Nachdem wir uns mehrere Minuten über Belanglosigkeiten in einem deutsch-englisch-norwegischem Kauderwelsch ausgetauscht hatten, lud der Herr uns in seine auf einer Insel im Fjord gelegene Hütte ein. Mir war jedoch aufgefallen, dass seine Kleidung an mehreren Stellen arg verschlissen war und ihn ein etwas aufdringlicher Alkoholduft umwehte - ich erahnte daher einen Seelenverwandten, aus Rücksicht auf meinen Reisekumpan verzichtete ich dennoch dankend.

*Duschbekanntschaften*
Interessanterweise ist das “stille/laute Örtchen zu Betten” - Verhältnis in Norwegen leicht unausgewogen. Im allgemeinen könnten es etwas weniger Betten oder im Gegenzug etwas mehr Bäder/Duschen sein. Auf der anderen Seite sind mein edler Gefährte und ich als besonders kontaktfreudig bekannt und gerade im Gruppenbad bieten sich viele Möglichkeiten. Sind ‘mal wieder alle Duschzellen besetzt, stellt man sich einfach mit drunter und hält ein wenig Smalltalk. Wenn man sich erst einmal nackt gesehen hat, werden die meisten Menschen zutraulicher und vor allem lässt sich auf diese Weise viel Seife und Wasser sparen.

*Reisebekanntschaften III.*
Darüber hinaus haben wir uns mit rund fünf Hostelangestellten, 20 Verkäufern von Gütern aller Art, 50 Mitarbeitern von Unternehmen mit touristischem Einschlag und 100 Passanten diverser Örtlichkeiten unterhalten sowie schätzungsweise 1000 drei hübschen Norwegerinnen nachgeschaut.

Alles, was kriecht, schwimmt und fliegt - von Norwegens tierischen Besuchern und Bewohnern

*Begegnungen am Fjord*
Mein treuer Diener Gefährte entpuppte sich als Wasserratte par excellence und hüpfte in jede Wasseransammlung, sei es Pfütze, Tümpel, Flüsslein oder doch ausgewachsener Fjord. Fröhlich wie ein Kind planschte er vor sich hin, während ich versonnen in den blauen Himmel blickte und ab und an einem vorbei schippernden Boot zuwinkte. Ich konnte ihm in dieser Situation nicht gestehen, dass ich außer dem Body für den Mann keine wirkliche Badehose besitze und mich deswegen zierte…

*Begegnungen im Wald*
Norwegen eignet sich hervorragend für ausgedehnte Wanderungen und abenteuerliche Klettertouren. Wir erklommen Hügel um Hügel, Klippe um Klippe, ich immer vorneweg und muntere Reime mit Landschaftsbezug auf den Lippen, er ein Stück hinter mir. Wir hielten wie so oft Rast am lauschigen Ufer eines Baches und füllten unsere durstigen Kehlen mit dem kühlen Nass. Plötzlich trat ein frei lebender, kapitaler Elchhirsch auf die Lichtung, reckte sein beeindruckendes Haupt in die Höhe und röhrte eine kleine Ewigkeit. Ich wurde unruhig, körperliche Konfrontationen sind meine Sache nicht und blickte hilfesuchend auf meine einköpfige Fangemeinde. Adonis reagierte erhofft gedankenschnell und kletterte gelenkig wie eine Bergziege auf einen wuchtigen Stein am Uferrand. Ehe ich mich versehen hatte, ließ er aus seiner Kehle ein ohrenbetäubendes Röhren erklingen, welches sich wahrlich nicht vor dem des nun verunsichert dreinblickenden Alphaelches verstecken musste. Die Beiden maßen sich gegenseitig wortlos mit Blicken, dann senkte der Elchhirsch sein Geweih, machte einige drohende Sätze in unsere Richtung und verschwand geschlagen im Wald. Erleichtert zogen wir weiter.

*Begegnungen im Hostelzimmer*
Regelmäßig kehrten wir aus der Wildnis heim in die gute gemietete Stube, um einige Stunden in Sicherheit vor den Tieren zu verbringen. Ich hatte schon am Anfang unser Reise in einem Reiseführer einen warnenden Absatz über den gemeinen norwegischen Nacktigel entdeckt, der es sich mit Vorliebe in dunklen Ecken gemütlich macht und gerne Salzstangen nascht. Unsere Mitschläfer vergnügten sich irgendwo in der Stadt und wir fühlten uns geborgen, was Adonis dazu verleitete, die Aufmerksamkeit fallen zu lassen. Schon geschah es, einer dieser Igel hatte sich unter dem Bett eingenistet und schoss hervor, um sich gierig auf die soeben geöffnete Packung Salzstangen zu stürzen. Mein Reisekumpan sah keinen anderen Ausweg mehr und trat beherzt zu, mit dem Ballen zerquetschte er den nichtsnutzigen Parasiten und verletzte sich in seinem Heldenmut schwer. Die Fußwunde sollte ihn für den Rest unser Reise beschäftigen…

*Begegnungen auf dem Teller*
Fische und andere Wasserbewohner sind in Norwegen allgegenwärtig, uns zeigten sie sich vornehmlich in gedünsteter, gebratener oder überbackener Form. Gewissenhaft arbeiteten wir uns an den örtlichen Spezialitäten ab und freundeten uns mit diversen Arten an. Ich hatte allerdings streckenweise mit meinem Gewissen zu kämpfen, da ich kürzlich zum wiederholten Male gelesen hatte, dass Fische doch Schmerz fühlen…

Das Reisefazit für eilige Leser(innen)

Hm, irgendwie habe ich die Reisehöhepunkte vergessen, vielleicht sollte ich dieses Versäumnis flink nachholen? Essen, Land, Unterbringung, Transportmittel und Wetter waren toll!

Nach geschätzten drei Tagen hatte ich sämtliche Reiselektüre durchgelesen und begann, mich stetig zu beklagen. Der Vorschlag meines Begleiters, mir endlich die Natur näher anzusehen, wurde abgeschmettert, statt dessen gab ich meine letzten Kronen für neue Bücher aus. Leider war nun mein Geld alle und ich begann, mich stetig zu beklagen. Nach Ermahnung meines Gefährten, endlich ein wenig sparsamer mit meinen Mitteln umzugehen, lieh er mir welches, um mich nicht umkommen zu lassen. Im Bewusstsein des zurückgekehrten Reichtums begann ich große Reden zu schwingen, im Überfluss zu leben, wirre Gedichte in mein Notizbüchlein zu kritzeln und er beklagte sich stetig. Dann war der Urlaub plötzlich um.

4. August 2009 Kommentare: 16

Der Jungpoet im Feldversuch: Von der Musensuche

Am Anfang verrate ich gleich ein Geheimnis: Ich schreibe nicht, weil es mir Spaß macht, all meinen Lügen Unkenrufen zum Trotz. Die Hoffnung auf einen Publikumserfolg oder platt Bestseller treibt mich ebenso wenig an und um. Der große Freiheitsgrad in Form der Orts-, Zeit- und persönlichen Unabhängigkeit meiner neuen “Arbeit” bedeutet mir ebenfalls nichts und wer mich kennt, der weiß, dass mich die Möglichkeit der Beschäftigung mit vielfältigen, gar gesellschaftskritischen Themen noch nie gereizt hat.

Nein, es ist ganz einfach, es geht mir einzig und allein um den erhabenen Nimbus des Schriftstellers. Früher sagte man Bankern auch einen gewissen Nimbus nach, dementsprechend wurde ich in meinem alten Leben Banker. Leider erwies sich diese unwiderstehliche Aura als nicht von Dauer, dementsprechend wurde ich ein Managementassistent, um nach meinen Lehrjahren vom dann erworbenen Nimbus des Managers zehren zu können. Wiederum fuhren mir äußere Umstände in die Parade, die Finanzkrise mauserte sich zu einer veritablen Wirtschaftskrise, die schillernde Managementfassade bröckelte und für mich war zum dritten Mal Umdenken angesagt. Jetzt also Plan C, Schriftsteller werden.

Und wenn ich in meinem alten Leben etwas gelernt habe, dann, dass Image bildender Stil mindestens die halbe Miete ist und selbst die Häuptlinge nur mit Wasser kochen. Wer mich recht einzuschätzen weiß, ahnt, was dies bedeuten dürfte: Ich mache keine halben Sachen und steuere schnurstracks die Wandlung vom ein wenig belächelten Jungpoeten zum respektierten Vollblutschriftsteller oder auch lyrische Mannwerdung an. Nach einer ausgiebigen Analyse gängiger Schriftstellerplatitüden habe ich mir ein Mehr-Punkte-Programm auferlegt, um diesen Wunschtraum möglichst schnell und unkompliziert zu realisieren:

Im ersten Schritt habe ich mit dem Rauchen unterschiedlicher Erzeugnisse der Tabakindustrie angefangen und experimentiere derzeit mit Pfeifentabak und Zigarren. Ein abschließendes Urteil habe ich bis dato nicht gefällt, als Asthmatiker und geruchsempfindlicher Mensch drängt sich mir allerdings der Eindruck auf, dass die Hustenkrämpfe beim Pfeife paffen heftiger und schmerzhafter ausfallen, während der Gestank der Zigarren die Wohnung penetranter verpestet. Optisch gesehen unterstützt die Pfeife eher das in der Bevölkerung weit verbreitete Klischee des Intellektuellendaseins, die Zigarre hingegen verkörpert Männlichkeit und eine oberflächliche Machoattitüde. Soviel ist schon jetzt sicher, aus Imagegründen mit dem Rauchen anzufangen war auf jeden Fall die richtige Entscheidung.

Im zweiten Schritt habe ich mir eine ältere Schreibmaschine mit merklichen Beschädigungen an den Tasten der Vokale zugelegt, aus unerfindlichen Gründen scheint sich zum Beispiel der Buchstabe “a” bei Schreibenden einer besonderen Beliebtheit zu erfreuen. Bei geöffnetem Fenster ist es mir nun möglich, ohne viel Aufhebens durch charakteristische Tippgeräusche zu verdeutlichen, dass in dieser Kammer nur ernsthaft geschrieben werden kann. Fernerhin wirkt sich die Schreibmaschine unter anderem aufgrund der angerissenen Alterserscheinungen des Geräts nachteilig auf meine Schreibgeschwindigkeit aus, ein weiteres erfreuliches Detail zur Abrundung des Bildes des nachdenklichen Schreiberlings an der Tastatur, der um jeden Satz, ach ich untertreibe, jedes Wort und in ausgewählten Fällen um jeden Buchstaben ringt. Seit neuestem liegen auf dem Schreibtisch neben Pfeifen und Zigarren auch Hammer und Meißel stets bereit, um der widerspenstigen “a”-Taste physisch das Fürchten zu lehren und ja, ich kann einen ersten Teilerfolg am Schreibtisch vermelden: Bisher spurt sie.

Kommen wir zum dritten Punkt, dem Gewande eines Poeten. In meinem alten Leben haben sich in meinem Kleiderschrank viele Hemden, Anzüge und Krawatten sowie im Flur dazu passende elegante Lederschuhe und für die Freizeit Jeans angesammelt. Jedem Leser und vor allem jeder Leserin sollte die Ungeeignetheit dieser Geradrobe für die Poesie sofort ins Auge stechen. Im feinen Zwirn dichtet es sich schlecht und die Jeans ist zu sehr Massenware, um der Entstehung wahrhaft fesselnder Geschichten zuträglich zu sein, außerdem will ich nicht mehr so häufig bei Mama zum Bügeln der Sachen vorbeifahren. In einem Secondhandladen um die Ecke bin ich auf eine gemütliche braune Cordhose samt passender Weste gestoßen und habe in Anbetracht der vorausgegangenen Überlegungen bedenkenlos zugeschlagen. Im Eifer des Kaufgefechts wechselten zusätzlich zwei Weisheit und Lebensalter ausströmende Pullover den Besitzer, wieder zu Hause angekommen und in die neuen Kleider gehüllt fühlte ich mich das erste Mal beinahe wie ein richtiger Schriftsteller.

Als Perfektionist bin ich selbstverständlich nie zufrieden und deswegen habe ich Punkt vier ersonnen, nämlich einen gepflegten Weinalkoholismus. Seit neuestem bestelle ich mir bereits zum Mittagstisch ein Gläschen des besten Weines der jeweiligen Wirtschaft, um mein Zünglein zu schulen. Nach Jahren des überzeugten Antialkoholismus’ führt dieses Vorgehen zu einer angenehmen Trunkenheit am frühen Nachmittag und der Zustand lässt sich durch ein bis zwei in den passenden Abständen eingenommene Gläser am Nachmittag und Abend wunderbar strecken, die Zeit vergeht dabei wie im Fluge und die Gedanken sind freier denn je. Gespräche gehen mir lockerer von der Hand beziehungsweise Zunge und die kleinen Missgeschicke des Tages stellen kein bedeutendes Ärgernis mehr dar. Zur Vervollkommnung der Weinkunde lerne ich momentan Geschmackstabellen, Rebensorten und Hintergrundinformationen über Weinanbaugebiete auswendig, um das Weinkennerprofil abrunden zu können.

Im fünften Schritt werde ich mir einige wohl gesetzte sprachliche und Verhaltenseigenheiten angewöhnen, um noch unnahbarer zu wirken und eine liebenswerte Kauzigkeit zu kultivieren. Sprachlich gesehen bietet es sich an, einige sperrige Wörter oder Satzfüllkonstruktionen über Gebühr zu verwenden, was sich in schriftlicher Form nur unzureichend wiedergeben lässt. An dieser Stelle ist mein Aufruf an die verehrte Leserschaft, in den zukünftigen Gesprächen mit mir genau hinzuhören und mich darüber in Kenntnis zu setzen, ob mein Vorhaben spürbare Auswirkungen hat. Bei den Verhaltenseigenheiten liegen Klassiker wie die Abstinenz von sämtlichen Klingen zur Entfernung des Körperhaars ,Stichwort schmieriger Poeten-Mehr-Tage-Bart, die Umstellung der Ernährung auf besonders schmackhafte und geruchsintensive Speisen, kleine Ticks in der Mimik, Gestik und generell Motorik sowie viele andere Feinheiten nahe… Bei besonders interessanten Leservorschlägen wäre ich durchaus geneigt, auf diese Anregung einzugehen und mich entsprechend selbst zu konditionieren.

Zu guter Letzt will ich kurz auf das symbolische Sahnehäubchen der Poesie zu schreiben kommen, die, wie könnte es anders sein, Suche nach einer inspirierenden Muse, um zur unbestreitbaren lyrischen Meisterschaft zu gelangen. Bekanntermaßen eines meiner Lieblingsanliegen, welches besonderer Aufmerksamkeit bedarf und für die besonderen Momente im Jungpoetendasein sorgt. Aus diesem Grund lässt sich dieses romanwürdige Unterfangen natürlich nicht in einigen Sätzen am Ende eines ausschweifenderen Wochenberichts umreißen, sondern wird von mir zu gegebener Zeit wieder aufgegriffen. Einstweilen spanne ich die gesammelte Leserschaft ein wenig auf die Folter…

Längeren Textes spärlich vorhandener Sinn: Die entscheidenden Rahmenbedingungen der Schriftstellermetamorphose sind geschaffen und ich bin bereit, fehlen nur die herausragenden Ideen!

P.S. Urlaubsbedingt dürfte meine Antwortgeschwindigkeit auf etwaige Kommentare in den nächsten Tagen deutlich zu wünschen lassen…