Ich hatte es mir verdient, redlich verdient und dass wissen wir alle. Nach traumatischen Erfahrungen in Amtsstuben und Ärztevorzimmern, lyrischen Verzweiflungsakten in aller Öffentlichkeit, einer unterwürfigen, nicht minder deprimierenden und schäbigen bis beschämenden Leseranbiederung, blutigen Scharmützeln mit schuldlosen Unternehmensdienern, einem bestialischen Kraftakt zur Verwirklichung meiner ersten Kurzgeschichte und nicht zu vergessen einem in aller Eile vollzogenen Imagewandel an der Grenze zur optisch-seelischen Selbstverleugnung war ich kraftlos, bis ins Mark erschöpft, desillusioniert, ramponiert wie ein abrissreifes altes Gebäude, gar endgültig verzweifelt oder umgangssprachlich auch urlaubsreif.
Jede Faser meines Leibes schrie nach weiteren sechs Wochen des gemächlichen ‘Rumgammelns einer Auszeit vom selbstzerstörerischen Jungpoetenleben in Form des 40-Stunden-Monats, d.h. dem lyrischen Gegenentwurf zur werktäglichen 40-Stunden-Woche. Kaum war der Entschluss gefasst, begab ich mich auf die Suche nach einem Reisegefährten, der mir genug Inspiration und einen ausreichenden Glamourfaktor verleihen könnte, um hernach auf dem Papier durchzustarten. Die Wahl fiel nach intensiven Vorgesprächen mit dem Heer der Willigen auf Adonis, der seinem Kosenamen “Der Elch” alle Ehre machen sollte, doch dazu später mehr. Als mögliche Reiseziele kristallisierten und disqualifizierten sich vier Alternativen heraus als da wären
Rom, leider zu langweilig und überfüllt von Möchtegernschriftstellern.
Wien, leider zu langweilig und überfüllt von Möchtegernschriftstellern.
Hannover, leider zu langweilig und überfüllt von Möchtegernschriftstellern.
Mallorca, leider zu langweilig und überfüllt von Möchtegernschriftstellern.
Moment ‘mal, irgend etwas stimmt hier doch nicht. Ein kurzes Spiel für Leser(innen): Welcher der vier Orte passt nicht in die Aufzählung?
Genau, bei Mallorca handelt es sich nicht um einen Ort, sondern des Deutschen liebste Insel und es müsste “leider zu langweilig und überfüllt von Ex-Kollegen” heißen. Nach dieser nüchternen Bestandsaufnahme war der Urlaubselan beinahe verpufft und Balkonien wurde ernsthaft in Erwägung gezogen. Doch ich besann mich eines Besseren und brachte den Vorschlag in die Diskussion ein, die sprichwörtliche Wiege der Poesie zu bereisen und einige Tage am Quell der Schriftstellerei zu verweilen - wir konnten dem Ruf Norwegens nicht länger widerstehen.
Die mannigfaltigen und überwältigenden Urlaubserlebnisse lassen sich kaum in einem klassischen Wochenbericht zusammenfassen. Es sei mir gestattet, mich auf einige vergnügliche oder lehrreiche Episoden zu beschränken, um den Charakter der Tage einzufangen und vielleicht den einen oder anderen Hinweis für die nächste Urlaubsreise der Leserschaft zu liefern. Der Einfachheit halber unterteile ich die Episoden in skizzenhafte Tier- und Menschbegegnungen.
Alles, was kreucht und fleucht - von Norwegens menschlichen Besuchern und Bewohnern
*Reisebekanntschaften*
Bereits am Flughafen kamen wir mit einer knackigen sehr gesprächigen Einheimischen in Kontakt, auch wenn ihre Hose meinem Begleiter nicht recht gefiel. Freundlich wies sie uns in einige landesübliche Sitten und Gebräuche ein, zu dem auch die offene Ansprache Fremder zu gehören schien. Ehe wir uns versahen, war sie nämlich wie eine Biene zur nächsten Blume weitergeflogen und schien uns vergessen zu haben. Diese Erfahrung hatte ich bei Norwegern zuvor nur in Verbindung mit ihrem berüchtigten Alkoholkonsum gemacht.
*Gespräche in der Unterkunft*
Nach einiger Diskussion hatten wir uns gegen das sehr günstig offerierte 64-Bett-Zimmer im Hostel entschieden. Bei der Ankunft in der Hauptstadt wurden wir sehr freundlich in gediegenem Englisch empfangen und in unser Zimmer geführt, in dem sich bereits ein Backpackerpaar aus Finnland einquartiert hatte. Die Sprachbarriere mit unseren Mitbewohnern erwies sich als schier unüberwindbar, so dass wir uns nach kurzer Zeit auf den Austausch von Faustschlägen, wütenden Beschimpfungen und Drohungen in der jeweiligen Muttersprache sowie kleine Gemeinheiten in Form von Versteckspielen der nur spärlich vorhandenen Kosmetika und Unterwäsche verlegten. Die leichten Spannungen erwiesen sich als großer Anreiz zur intensiven Erkundung der Sehenswürdigkeiten vor Ort, um dem Feind im eigenen Bett möglichst wenig Ansatzpunkte zu bieten.
*Reisebekanntschaften II.*
Norwegen ist das Land der Boote und daher gelangten wir häufiger auf einen Steg. Am wahrscheinlich wettermäßig schönsten Tag war auf einem der besagten Stege weit und breit kein Boot in Sicht, dafür ein gesetzterer norwegischer Herr in Begleitung zweier Frauen, von denen er behauptete, dass es sich um seine Frau und Mutter handeln würde. Zum Kennenlernen gab ich einige kurze Gedichte in Norwegisch zum Besten, um die Gesprächsatmosphäre etwas aufzulockern. Nachdem wir uns mehrere Minuten über Belanglosigkeiten in einem deutsch-englisch-norwegischem Kauderwelsch ausgetauscht hatten, lud der Herr uns in seine auf einer Insel im Fjord gelegene Hütte ein. Mir war jedoch aufgefallen, dass seine Kleidung an mehreren Stellen arg verschlissen war und ihn ein etwas aufdringlicher Alkoholduft umwehte - ich erahnte daher einen Seelenverwandten, aus Rücksicht auf meinen Reisekumpan verzichtete ich dennoch dankend.
*Duschbekanntschaften*
Interessanterweise ist das “stille/laute Örtchen zu Betten” - Verhältnis in Norwegen leicht unausgewogen. Im allgemeinen könnten es etwas weniger Betten oder im Gegenzug etwas mehr Bäder/Duschen sein. Auf der anderen Seite sind mein edler Gefährte und ich als besonders kontaktfreudig bekannt und gerade im Gruppenbad bieten sich viele Möglichkeiten. Sind ‘mal wieder alle Duschzellen besetzt, stellt man sich einfach mit drunter und hält ein wenig Smalltalk. Wenn man sich erst einmal nackt gesehen hat, werden die meisten Menschen zutraulicher und vor allem lässt sich auf diese Weise viel Seife und Wasser sparen.
*Reisebekanntschaften III.*
Darüber hinaus haben wir uns mit rund fünf Hostelangestellten, 20 Verkäufern von Gütern aller Art, 50 Mitarbeitern von Unternehmen mit touristischem Einschlag und 100 Passanten diverser Örtlichkeiten unterhalten sowie schätzungsweise 1000 drei hübschen Norwegerinnen nachgeschaut.
Alles, was kriecht, schwimmt und fliegt - von Norwegens tierischen Besuchern und Bewohnern
*Begegnungen am Fjord*
Mein treuer Diener Gefährte entpuppte sich als Wasserratte par excellence und hüpfte in jede Wasseransammlung, sei es Pfütze, Tümpel, Flüsslein oder doch ausgewachsener Fjord. Fröhlich wie ein Kind planschte er vor sich hin, während ich versonnen in den blauen Himmel blickte und ab und an einem vorbei schippernden Boot zuwinkte. Ich konnte ihm in dieser Situation nicht gestehen, dass ich außer dem Body für den Mann keine wirkliche Badehose besitze und mich deswegen zierte…
*Begegnungen im Wald*
Norwegen eignet sich hervorragend für ausgedehnte Wanderungen und abenteuerliche Klettertouren. Wir erklommen Hügel um Hügel, Klippe um Klippe, ich immer vorneweg und muntere Reime mit Landschaftsbezug auf den Lippen, er ein Stück hinter mir. Wir hielten wie so oft Rast am lauschigen Ufer eines Baches und füllten unsere durstigen Kehlen mit dem kühlen Nass. Plötzlich trat ein frei lebender, kapitaler Elchhirsch auf die Lichtung, reckte sein beeindruckendes Haupt in die Höhe und röhrte eine kleine Ewigkeit. Ich wurde unruhig, körperliche Konfrontationen sind meine Sache nicht und blickte hilfesuchend auf meine einköpfige Fangemeinde. Adonis reagierte erhofft gedankenschnell und kletterte gelenkig wie eine Bergziege auf einen wuchtigen Stein am Uferrand. Ehe ich mich versehen hatte, ließ er aus seiner Kehle ein ohrenbetäubendes Röhren erklingen, welches sich wahrlich nicht vor dem des nun verunsichert dreinblickenden Alphaelches verstecken musste. Die Beiden maßen sich gegenseitig wortlos mit Blicken, dann senkte der Elchhirsch sein Geweih, machte einige drohende Sätze in unsere Richtung und verschwand geschlagen im Wald. Erleichtert zogen wir weiter.
*Begegnungen im Hostelzimmer*
Regelmäßig kehrten wir aus der Wildnis heim in die gute gemietete Stube, um einige Stunden in Sicherheit vor den Tieren zu verbringen. Ich hatte schon am Anfang unser Reise in einem Reiseführer einen warnenden Absatz über den gemeinen norwegischen Nacktigel entdeckt, der es sich mit Vorliebe in dunklen Ecken gemütlich macht und gerne Salzstangen nascht. Unsere Mitschläfer vergnügten sich irgendwo in der Stadt und wir fühlten uns geborgen, was Adonis dazu verleitete, die Aufmerksamkeit fallen zu lassen. Schon geschah es, einer dieser Igel hatte sich unter dem Bett eingenistet und schoss hervor, um sich gierig auf die soeben geöffnete Packung Salzstangen zu stürzen. Mein Reisekumpan sah keinen anderen Ausweg mehr und trat beherzt zu, mit dem Ballen zerquetschte er den nichtsnutzigen Parasiten und verletzte sich in seinem Heldenmut schwer. Die Fußwunde sollte ihn für den Rest unser Reise beschäftigen…
*Begegnungen auf dem Teller*
Fische und andere Wasserbewohner sind in Norwegen allgegenwärtig, uns zeigten sie sich vornehmlich in gedünsteter, gebratener oder überbackener Form. Gewissenhaft arbeiteten wir uns an den örtlichen Spezialitäten ab und freundeten uns mit diversen Arten an. Ich hatte allerdings streckenweise mit meinem Gewissen zu kämpfen, da ich kürzlich zum wiederholten Male gelesen hatte, dass Fische doch Schmerz fühlen…
Das Reisefazit für eilige Leser(innen)
Hm, irgendwie habe ich die Reisehöhepunkte vergessen, vielleicht sollte ich dieses Versäumnis flink nachholen? Essen, Land, Unterbringung, Transportmittel und Wetter waren toll!
Nach geschätzten drei Tagen hatte ich sämtliche Reiselektüre durchgelesen und begann, mich stetig zu beklagen. Der Vorschlag meines Begleiters, mir endlich die Natur näher anzusehen, wurde abgeschmettert, statt dessen gab ich meine letzten Kronen für neue Bücher aus. Leider war nun mein Geld alle und ich begann, mich stetig zu beklagen. Nach Ermahnung meines Gefährten, endlich ein wenig sparsamer mit meinen Mitteln umzugehen, lieh er mir welches, um mich nicht umkommen zu lassen. Im Bewusstsein des zurückgekehrten Reichtums begann ich große Reden zu schwingen, im Überfluss zu leben, wirre Gedichte in mein Notizbüchlein zu kritzeln und er beklagte sich stetig. Dann war der Urlaub plötzlich um.