Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

30. September 2009 Kommentare: 2

O Du allwöchentliche Bürde mein!

Liebes Tagebuch,

niemand scheint mich richtig zu verstehen. Nicht einmal ich Du! Wäre ich vorgewarnt worden, wie viel Arbeit und Mühen das Dichterleben bereit hält und wie wenig Ruhm und Ehre sich im Gegenzug einstellt, dann hätte ich meine Entscheidung überdacht. Die Menschen wenden sich nämlich nur vordergründig dem Dichter zu, in Wahrheit rümpfen sie eher die Nase in Bezug auf diesen stigmatisierten Gesellen.

Sie spitzen die Ohren begleitet von Äußerungen wie “ein Schriftsteller, wie interessant!” oder “wirklich, ich wusste gar nicht, dass es so etwas heute noch gibt!”, fixieren mich mit dem Augen beim Stellen der Standardfragen “Warum?” - Antwort: “Eines Tages beim Aufstehen einfach Lust drauf gehabt.” und “Wie weit?” - Antwort: Ein geschickt umschriebenes “ganz am Anfang” und verabreden sich mit mir zu einem digitalen Rendezvous.

Daraufhin fiebere ich dem Treffen entgegen, mache mich hübsch, plustere mich auf und werde schließlich doch versetzt!

Wo sind die versprochenen Verehrerinnen, der handgreifliche, die Dichterpforte umlagernde Fanmob und die lukrativen Verlagsangebote, für die ich zugegebenermaßen etwas geleistet haben müsste? Weder vorhanden noch akut in Sicht! Ich will Groupies, Flashmobs in lyrischer Sache, mittels Romandebüt reich machende Verlagsverträge und zwar jetzt!

Nur dumm, dass sich literarischer Fortschritt gemäß den Altvorderen in Monaten oder Jahren bemisst! Zumindest bleibt mir viel Zeit für trübe Gedanken und den schamlosen Gebrauch des Ausrufezeichens…

23. September 2009 Kommentare: 10

Von der Hektik und Zeitnot des lyrischen Tages

Der versierte Leser und die geneigte Leserin dieser Seite sehnt sich wahrscheinlich bei jedem Besuch nach einem reißerischen Verriss untragbarer Um- und Zustände, sprich dem Funken, der die Barrikaden der gepflegten Revolution 2.0 entzündet wenig Zerstreuung abseits der Mühen des Alltags. Ich bezweifele, ob ich diesem Anspruch mit meinem neuesten Wochenbericht gerecht werden kann. Vielleicht klappt es beim nächsten Mal.

Jetzt melde ich mich nicht als Handlanger der Zerstreuung, sondern in einer anderen Rolle, nämlich als menschliches Bindeglied zwischen den verhärteten Fronten der brav Schuftenden wie z.B. Arbeiter, Angestellte, Bestsellerautoren, Urologen, Kleingärtner und armen Schlucker wie z.B. Faulenzende, Hartz IV-Adlige, Grafikdesignerinnen, Ich-AGler, Jungpoeten. Nein, ich ergreife nicht Partei. Ich will nur herausarbeiten, wie holprig der Weg vom Schlucker zum Schufter sein kann. Zur Veranschaulichung rücke ich den gemeinen und umtriebigen Jungpoeten in den Mittelpunkt und ziehe das Kernproblem vor: Zeitmanagementnot.

Nimmt man einen normalen Montag näher unter die Lupe, wird gleich das ganze Ausmaß der Malaise deutlich. Nach dem halbwegs frühen Aufstehen folgen Sport, Körperpflege und Tipptraining als selbst gewähltes Morgenjoch. Hernach ein wenig Zeitung lesen, Mails sichten, Schlagzeilen im Internet studieren und einige Partyvorbereitungen Verwaltungsangelegenheiten erledigen und schon ist der Vormittag herum. Nun drängt sich das leibliche Wohl unwiderstehlich in den Vordergrund und an einem beliebigen Mittagstisch der Stadt wird mindestens eine Stunde verplämpert lang gespeist sowie die Zeitung durchgeblättert. Auf dem Weg nach Hause besorge ich dann einige Dinge des täglichen Bedarfs und durchschreite meine Wohnungstür mit einer gewissen Bettschwere. Nach dem Mittagsschlaf ohne gestellten Wecker sitze ich am Schreibtisch und werde vom unentwegt klingelnden Telefon von meiner Arbeit abgelenkt. Freundschaften zu pflegen bedarf auch investierter Zeit…

Auf dem Rückweg zur Dichterwerkbank stolpere ich über einen erquickenden Roman, den ich vor kurzem begonnen habe. Ich spüre wie ich ihn über zwölf Stunden vernachlässigt habe und wiege ihn zur Beruhigung einige Seiten in meinen Händen. Da fallen Sonnenstrahlen in mein schattiges Zimmer und ich erkenne den tiefen Stand der Feuerscheibe. Zwischendurch prüfe ich schnell mein Postfach, nicht dass ich die erste E-Mail eines interessierten Verlages verpasse. Dann ist es allerhöchste Zeit, die Nachmittagswärme eine gute halbe Stunde auf meiner Haut einwirken zu lassen. Licht hebt das Gemüt und bringt günstige chemische Prozesse des Körpers in Gang.

Die Zeit von 18.00 bis 19.30 Uhr ersten Abendstunden gehören tatsächlich der Lyrik, allerdings fühle ich mich irgendwie matt und blättere in den Werken zur Romantheorie. Ich gestehe mir ein, dass ich für das Schreiben heute nicht in Stimmung bin. Innerlicher Jubel brandet auf als ich mich geschlagen gebe und mir mein Abendbrot zubereite. Mein Körper registriert diesen Schlüsselreiz wie ein erfolgreich konditionierter Hund: Der Freizeitteil des Tages hat begonnen.

Für einen kurzen Moment fährt mir der Schreck in die Glieder. In Stephen Kings Anleitung zum Hinklatschen von Bestsellernr Romantheorie offenbart er sich als Poetenschinder: Fünf bis sechs Stunden müsse jeder ernsthafte Schriftsteller pro Tag lesen und insbesondere Schreiben. Großzügig rechne ich das Zeitung und im Internet stöbern, Mails verfassen mit meinem kreativen Nachmittagsprogramm zusammen. Ja, ich erfülle des Königs Geheiß. Und das Wochenende kann er ja wohl nicht gemeint haben? Schließlich benötige ich Ruhemomente. Falls ich fünf bis sechs Stunden des Sams- und Sonntages freischaufeln und die verdrängten Stunden Muße in der Woche unterbringen müsste, würde es wirklich anstrengend werden. Ich entspanne mich also. Der typische Jungpoetentag ist eben anspruchsvoller als erwartet und ich lasse mir bisher nichts zu Schulden kommen…

16. September 2009 Kommentare: 4

Alltägliche Überzeugungsarbeit

Ich erwache nach einem unruhigen, mehrfach unterbrochenen und zu kurzen Schlaf. Das Öffnen meiner Augenlider und die ersten Regungen meines Körpers kosten mich viel Kraft, ebenso die ersten Schritte und bekannten Handgriffe des neuen Tages. Mein Rücken schmerzt genauso wie meine Beine. Ich fühle mich krank und bin es doch nicht. Ich bin bis zum Bersten gefüllt mit Vorhaben und doch geht mir in diesen morgendlichen Stunden sämtlicher Wille zum Schreiben ab. Ich trotte durch meine Wohnung und mache mich langsam fertig für den Tag. Lethargie. Die Freude am Leben ist mir schon lange abhanden gekommen. Ich habe die Suche nach ihr eingestellt oder gar nie begonnen. Beklommen mustere ich mich im Spiegel. Fremd im eigenen Körper. Nur eine Empfindung des Augenblicks oder die Grundlage meines flüchtigen Seins? Ich schüttele den Kopf, mein Haar und meine Glieder. Schütteln belebt nicht die Sinne.

Langsam nähere ich mich meinem Schreibtisch und mache mein Hirn Synapse für Synapse damit vertraut, dass in nicht allzu ferner Zukunft heute gearbeitet werden soll. Jede Zelle meines Kopfes stimme ich auf die einzunehmende Sitzposition auf dem Schreibtischstuhl ein. Meine Muskelfasern gewöhne ich an die Aussicht, sich viele Stunden entsprechend Strecken und Zusammenziehen zu müssen, um die unbequeme, aber notwendige Sitzposition bis auf kurze Phasen der Lockerung einzunehmen. Auf meine Hose rede ich beruhigend ein, “Ja, es ist unangenehm, mit einem unverhältnismäßig großen Anteil meines Körpergewichts belastet zu werden und ja, es tut mir irgendwo auch leid. Diese anspruchsvolle Aufgabe muss allerdings von jemandem übernommen werden und derzeit habe ich kein anderes Kleidungsstück zur Verfügung.” Ich wollte mich gerade setzen, nun begannen jedoch die Klagen des Schreibtischstuhls, des Tisches und des Rechners. Die geknechteten Stifte und malträtierten Papierseiten fielen in das Wehklagen ein. “Überall Aufregung und Lärm! Wie hinderlich und unpraktisch!”, entfuhr es mir, bevor ich einige Schritt zurücktaumelte.

Nach kurzem Hadern mit mir selbst entschied ich mich für hartes Durchgreifen. “Wir alle haben viele arbeitsreiche Monate vor uns und sollten uns lieber früher als später mit der zugedachten Rolle abfinden. Wir brauchen einander!” schrie ich in Richtung der aufmüpfigen Gegenstände. Beherzt griff ich einen Rebellen nach dem anderen und schleuderte ihn in die linke Zimmerecke, in der sich ein Haufen bildete. Mit bloßem Auge konnte ich einige Tote und Verletzte erkennen, machte jedoch erst Halt, nachdem ich die gesamte Schreibecke frei geräumt hatte. Hernach ließ ich die widerspenstigen Geister einige Zeit ruhen, sie würden ihre Einbeziehung in meinen Schriftstelleralltag bald als Höhepunkt und Moment der Freiheit und Lust zu schätzen wissen. Ich schlug ein gefügiges Buch auf und war schnell in die Lektüre vertieft. Nach einiger Zeit riss ich mich los von diesem fesselnden Werk und warf einen prüfenden Blick in die linke Zimmerecke. Einige weiße Blätter waren dort gehisst worden, vielleicht schon vor Stunden. Ich legte das Buch zärtlich zur Seite, vertröstete es auf unsere Verabredung am heutigen Abend und ließ Gnade walten.

Am frühen Nachmittag waren die störrischen Gesellen und ich endlich schreibfähig. Meine ersten Zeilen des Tages lauteten “Ein jedwed’ Ding erkenne seinen Platz, diene seinem Herrn stetig auf’s Neu, scheue die sonst drohende Hatz, statt sich aufzubäumen wie ein Leu…”

7. September 2009 Kommentare: 4

“Alltagsfantasien”, Beginn einer interaktiven Fortsetzungsgeschichte

Der September scheint ein Monat der lyrischen Experimente zu werden. Wie wäre es mit einer kleinen Fortsetzungsgeschichte (siehe unten), die Kraft der geneigten Leserinnen und Schreiberlinge dieser Seite eine ungeahnte Dynamik entwickelt? Als einzige “Regel” möchte ich den Vorschlag in den Raum stellen und mich ebenfalls daran halten, sich jeweils frühestens nach fünf fremden Kommentaren/Beiträgen wieder in den Fortgang der Ereignisse einzumischen. Ausnahmsweise gilt dieses Mal, dass viele Köche den Brei bereichern statt verderben!

Eruption der Erzählkunst oder poetischer Rohrkrepierer - wir werden sehen. Wohlan:

Georg versuchte sich zu konzentrieren. Angestrengt kniff er die Augen zusammen und fixierte zum wiederholten Male den Bildschirm. Seine Chefin hatte ihn extra darauf hingewiesen, dass der Bericht bis heute Abend fertig sein müsse. Und er wollte sie nicht enttäuschen, konnte ihrem Auftrag aber nicht recht nachkommen. Das ereignisreiche Wochenende steckte ihm in den Knochen und ständig schweiften seine Gedanken ab. Vorhin, als sich endlich ein zarter Arbeitsfluss eingestellt hatte, rief unpassenderweise Manuela aus der Buchhaltung an und brachte ihn mit einer Frage aus dem Konzept. Jetzt lag ihm das Mittagessen schwer im Magen und er hockte nutzlos auf seinem Platz. Seine Augen ruhten auf den ersten drei Zeilen des Berichts. Weiter war er bis dato nicht gekommen. Während er vor sich hin starrte, verschwamm sein Sichtfeld und ihm kam in den Sinn wie…

7. September 2009 Kommentare: 4

Der Tag, an dem mich eine gnädige Ohnmacht auf dem Küchenboden umfing.

Ich bin der Ansicht, dass jeder Mensch, der des Schreibens mächtig ist, auch schreiben kann. Eigentlich bin ich auch der Meinung, dass jeder Mensch, der des Schreibens mächtig ist, auch regelmäßig handschriftlich schreiben sollte. Diese wunderbare Kulturtechnik darf einfach nicht vollends in Vergessenheit geraten oder im Hinterstübchen des Hirns verstauben. Darüber hinaus bin ich überzeugt, dass jeder Mensch auf (s)eine lebendige Fantasie Zugriff hat, sobald die Grundbedürfnisse in Form von einer Reihenhaushälfte mit zwei auf der Auffahrt parkenden Autos, drei Urlauben pro Jahr, einem Partner nach Wahl an der Hand oder im Bett, eine wuchtige Schrankwandkombination im Wohnzimmer und ein paar 500er Scheinen in der Geldspange zum lockeren ‘Rauszählen Essen, Kleidung und Dach über dem Kopf befriedigt sind. Es müssen nur geeignete Rahmenbedingungen geschaffen und einige Schlüsselreize gesetzt werden und schon sprudeln die Gedanken und Worte unwiderstehlich aus ihrem Wirt hervor. Derart kühne Thesen gilt es zu beweisen, um einem minimalen wissenschaftlichen Anspruch gerecht zu werden. Im Rahmen der ersten halbtägigen, von mir veranstalteten Jungpoetinnen- und Jungpoeten-Erweckungsseminarreihe habe ich mich daher für den folgenden Versuchsaufbau entschieden:

Mehrere unbescholtene und miteinander nicht bekannte Menschen beiderlei Geschlechts wurden unter Vorwänden wie z.B. mein Wasserhahn tropft; ich habe einen neuen Kühlschrank bekommen, könnten Sie ‘mal eben mit anfassen; ich habe Hunger und reichlich Zutaten im Haus, kann aber leider nicht kochen - wären Sie so freundlich, mir zur Hand zu gehen?; ich nenne eine umfangreiche Briefmarken- und Münzsammlung mein Eigen, die ich Ihnen gerne vorführen würde in meine in einem klobigen und heruntergekommenen Hochhaus gelegene Wohnung kleine, aber feine Dichterstube gelockt. Man machte sich dann schnell miteinander bekannt, wobei Alter, Beruf, Geschlecht und Schönheit im Laufe der nächsten Stunden keine Rolle spielen sollten…

Die sechs Versuchsteilnehmer wurden in der gewünschten Versuchsanordnung eng zusammengezwängt an meinen klapprigen Küchentisch gebeten und begannen sich gegenseitig zu wärmen. Meine Heizung drehe ich für Gäste aus Kostengründen nicht mehr an - die alte Kuschelmasche zieht immer ist leider kaputt und keiner der Anwesenden besaß tiefergehende Installationskenntnisse. Nun zahlte ich die Halteprämie in Höhe von zehn Euro aus, um dem aufkommenden Murren entgegen zu wirken. Kurz darauf begann ich, den billigsten Fusel aus dem Zehn-Liter-Plastikbehälter mit Drehverschluss, der mir schon viele Stunden versüßt hatte, guten argentinischen Tropfen auszuschenken; die Zungen und Schreibhände meiner geschätzten Gäste galt es zu lockern. Wir alle sprachen dem Weingeist mit Hingabe zu und nach drei Stunden hatte sich die Stimmung gelöst. Wie alte Freunde lagen wir uns in den Armen und erste Aussetzer der am Tisch geballt versammelten Sprachzentrumskompetenz schlichen sich ein.

Ich erkannte meine Chance. Voller Vorfreude in mich hinein grinsend, rieb ich mir die Hände und zückte das vorbereitete Papier und die präparierten Stifte. Meine Stimme überschlug sich beinahe und klang etwas fremd in meinen Ohren als ich “Ran an die Stifte, Ihr Leseratten!” in die Runde rief. Als Motto gab ich “die Liebeskonzeption in der Literatur des 16. und 17. Jahrhunderts” aus, ein Thema, welches mich verständlicherweise seit einiger Zeit intensiv beschäftigte. Einige stutzten, fragten nach, wurden abgebügelt und wieder aufgerichtet. Und alle gehorchten. Mit Tränen der Rührung in den Augen beobachtete ich, wie sechs Stifte auf jungfräulichem Papier angesetzt wurden. Allerorten sah ich angestrengte Mi(e)nen, Schreibwerkzeug fuhr ungeniert über Papier, Zungenspitzen befeuchteten die eigenen Lippen vor lauter Konzentration, Hände lagen ruhig auf fremden Oberschenkeln, einst brave Bürger kicherten vor sich hin, ja ein alle Sinne berauschendes Fest der Poesie brach sich in dieser verhutzelten Küche Bahn und riss uns alle mit sich fort.

Jeweils auf mein Kommando ließen wir die Blätter und auf ihnen erwachsenden Geschichten rotieren und erfreuten uns an den Einfällen unser Gegenüber. Der Zauber des Moments schlug Breschen in die biederliche Beamtenfassade, das Saubermannimage als freundlicher und ein wenig kindlicher Informatiker bekam Risse, die Hausfrau gewährte Einblick in die dunklen Seite ihrer Gedankenwelt und auch die Technikerfraktion offenbarte, welche Wellen der Lyrik von den kräftigen Handwerkerarmen geschlagen werden konnten. Ich schwieg und genoss den Strom der sich manifestierenden Gedanken. Wie von lautlosen Paukenschlägen angefeuert, erhöhte sich die Schreib- und Rotationsfrequenz des nun eingeschworenen Zirkels am klapprigen Küchentisch stetig.

Ich ließ mich anstecken, zog mit, mich hielt es nicht mehr auf dem Stuhl. Ich sprang auf, strauchelte, fiel, rappelte mich auf, strauchelte abermals, fiel erneut und blieb liegen. Die anderen schenkten mir keine Beachtung und hingen wie gebannt an ihrem Papier. Plötzlich, wie auf einen unsichtbaren Fingerzeig hin, erlahmte das lyrische Rotationsverfahren über mir und jeder der Gefährten auf Zeit erhob sich feierlich. Nacheinander gaben sie die entstandenen Geschichten und Zeilen zum Besten. Ich spürte die Kälte des Bodens nicht mehr, der Schmerz in den Gliedern wich und verlor sich dumpf in der Ferne. Ich wollte nur noch lauschen, träumen, mich von den fremden und doch so vertrauten Zeilen anstecken lassen. Ich wand mich auf den Fliesen in intellektuell-lyrischer Ekstase! Als die lyrische Wonne nicht mehr zu ertragen war, umfing mich eine gnädige Ohnmacht.

Am nächsten Tag erwachte ich erschöpft auf dem Küchenboden. Schemenhaft geisterten vor meinem inneren Augen Erinnerungen an das Geschehene umher. Nun spürte ich den Schmerz in meinen Gliedern und die Erschöpfung meines Geistes. Müde und ängstlich wanderten meine Augen durch meine verwüstete Küche, ich entdeckte zahllose Weinflecken auf dem Boden, an den Schränken und auf den Möbelresten, zerrissenes Papier hatte sich wie eine Schneedecke über den Raum gelegt. Waren meine Gäste wortlos entflohen oder hatte ich allein hier in der Nacht getobt? Hatte mich eine der gefürchteten Alltagsfantasien ereilt?

Jetzt erst wurde ich auf den Papierfetzen aufmerksam, den ich seit vielen Stunden fest umklammert in der Hand gehalten haben musste. Mehrfach studierte ich die niedergeschriebenen Worte und wurde innerlich ruhiger. Sie spendeten mir Trost und ich wurde wieder froh…

3. September 2009 Kommentare: 4

Ode an die IT Teil II.

Aufgrund des gestern erst spät einkehrenden Schlafes besonderer Vorkommnisse habe ich noch einmal mit etwas besserem Rythmus nachgelegt:

O Du mächt’ges Gerät,
dass mir alles verrät.
Du bist mein Wissensquell,
weißt Rat, sekundenschnell.

Stehst mir bei zu aller Zeit,
gibst selbst nächtens das Geleit.
Klagst nie, verrichtest den Dienst,
obwohl Du gelangweilt schienst.

Ohne Dich bin ich hilflos,
stelle mich gnadenlos bloß,
kann weder recherchieren
noch kurz telefonieren.

Starrst mich an mit Deiner Fratze,
schnurrst dabei wie eine Katze.
Ich liebe und ich hasse Dich,
so ‘was endet selten glimpflich.

Gehorchst Du mir manchmal nicht,
brülle ich Dir ins Gesicht:
“Verdammt, wo ist Dein Problem,
wirst Du langsam zu bequem?”.

Ich rate Dir zur Vorsicht,
denn mit mir spaßt man nicht.
Wirst Du jemals noch kecker,
ziehe ich Deinen Stecker.

1. September 2009 Kommentare: 6

Von der Umweltverträglichkeit des gemeinen Dichters und des Jungpoeten im speziellen

Mir ist in den letzten Tagen eine Frage durch den Kopf gegangen wie sich als aufmerksamer Leser bereits anhand des Betreffs vermuten lässt: Wann kommt endlich ‘mal wieder Kohle ‘rein und füllt meinen arg strapazierten Jungpoetengeldbeutel Wie ist es eigentlich um die Umweltverträglichkeit von Dichtern und Jungpoeten wie mir bestellt? Mein zweimonatiges Jubiläum als freier Dichter und Denker nehme ich einmal zum Anlass, um diese Fragestellung etwas genauer zu untersuchen. Im nächsten Schritt könnte ich dann eine umfassende Bewertung des Dichterlebens mit der populärer werdenden Währung des virtuellen Wassers vornehmen.

Als Kind und Jugendlicher dürfte die einzige Auffälligkeit wohl in einem etwas höherem Papier- und Tintenverbrauch und im Gegenzug einem etwas niedrigeren CO2-Ausstoßes aufgrund der Außenseiter Stubenhocker bedingten, geringeren Atemfrequenz begründet sein.

Interessant wird es beim Erreichen des Erwachsenenalters. Der Verbrauch von Papier und Tinte, sei es in Form zu konsumierender Lektüre oder als Rohstoff des eigenen Schaffens, dürfte sprunghaft ansteigen. Heutzutage kommt der vom meist laufenen Rechner benötigte Strom und die daraus resultierende Emission hinzu. Die ökologische Bilanz der Unmengen an getrunkenem Wein und gerauchten Tabakprodukten dürfte ebenfalls verheerend sein. Stellt sich gar der lyrische Erfolg ein, wäre des Weiteren ein vermehrter Reiseaufwand mit wachsenden Emissionen der benutzten Verkehrsmittel verbunden. Jungpoeten leben mit Vorliebe in Altbauwohnungen oder später kleinen Häuschen am Meer, aufgrund schlechter Isolierung weitere Sünden an Mutter Natur. Dies wäre eigentlich der Zeitpunkt, sich für jegliche jemals verfassten Zeilen zu entschuldigen und das verwendete Schreibgerät tief in die eigene Brust zu rammen, um meiner schändlichen Existenz wenigstens ein ehrenhaftes Ende zu bereiten.

Doch es gibt ja das erprobte und stets erfolgreiche Mittel der Lobbyisten, die schmierige Gegenrechnung! Sollte ich mich an dieser Stelle über die Abwrackprämie oder laut Opelwerbung Ökoprämie auslassen - nein, zum Glück hat alltagsfantasien.de keinen politischen Anspruch und soll dem fortschreitenden Wahnsinn nicht vorbeugen. Dichter und Jungpoeten, wie ich mittlerweile bestätigen kann, haben oft einen schmaleren Geldbeutel und kaufen zum Beispiel wenig Fleisch ein, dies schont die Umwelt ungemein gemäß der recht neuen und schon erwähnten Berechnung des virtuellen Wasserverbrauchs eines Gutes. Das künstlerische Schaffen findet überwiegend in der Dichterstube, die ständigen Besucher im Szenecafé um die Ecke werden lieber geflissentlich verschwiegen, statt, wodurch keine unnötige Pendelei entsteht und selten ein Auto benötigt wird, endlich ein emissionsgetriebener Pluspunkt für die Lyrik!

Ausgedehnte Urlaube kommen in Anbetracht der begrenzten finanziellen Mittel auch nicht häufig vor, außerdem ist das Dichterleben so spannend und vollgepackt mit grandiosen Momenten, dass es keiner großen exogenen - Zeit, sich mit diesem Unwort einmal als waschechter Kaufmann erkennen zu lassen - Reizflut bedarf. Die zunehmende Vergeistigung des Poetenseins kann fernerhin genutzt werden, um den Wasserverbrauch beim Waschen und sonstigen Pflegen des Körpers einzuschränken und größtenteils mit erfrischendem Regenwasser zu bestreiten. Der Gebrauch von Kleidung kann ebenfalls auf das Notwendigste beschränkt werden. Die inneren Werte zählen, Briefe und Buchseiten müffeln kaum und bei Lesungen wird es eh immer so heiß, dass die positive Wirkung der Morgentoilette sich im wahrsten Sinne des Wortes in Luft auflöst. Zeitsprung um ein paar Jahrzehnte: Und falls das Dichterleben sich einmal zum Ende neigt, dann stirbt man oft in Armut und Einsamkeit (siehe unten), es wird kein pompöses Grab beansprucht. Somit sind nur selten Verwandte gezwungen, sich auf den mühsamen Weg zum Friedhof (Emissionen!) zu machen, gar Blumen (skandalöser Umgang mit virtuellem Wasser!) mitzubringen oder die vorhandenen zu wässern (ökologisch gesehen einwandfrei, aber nervig).

Genauso tragisch, aber dennoch gewichtig ist die folgende, messerscharf kausal abgeleitete Feststellung: Jeder Mensch bis auf wenige militante Ökofanatiker und Schrate schadet der Erde mehr als er ihr nützt. Am besten wäre es also, wenn die Menschheit langsam von der Erdoberfläche verschwände oder durch wie auch immer geartete, leider nicht vorhandene Fressfeinde wieder in die vorgesehene ökologische Nische zurückgedrängt wird. Dort böte sich nämlich nicht mehr die Gelegenheit, unseren Lebensraum Stück für Stück genüsslich zu vernichten. Hier jetzt der positiv angehauchte Einwurf von meiner Seite: Dichtet mehr beziehungsweise fangt endlich überhaupt damit an! Dichter und Jungpoeten leben ein unbeständiges und kürzeres Leben, sind oft gefangen im Dreieck des Misserfolgs, Mittelmangels und der Schwermut. Zusammengenommen ein idealer Nährboden, um früher als Lieschen Müller oder der Ottonormalverbraucher zu sterben sowie keine Kinder zu haben und die Umwelt nicht durch weitere kleine Lyriker zu belasten. Ist es nicht wunderbar, wie nahe die Lösung liegt?

Im Endeffekt bin ich erleichtert über die sehr strukturierte und überzeugende, sprich gelungene Beweisführung und kann mit gutem Gewissen weiter dichten!