Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

28. Oktober 2009 Kommentare: 10

Menschliches Memory

Ein Tag, an dem ich nicht ganz so früh wie andere aufgestanden war, etwas weniger als viele geleistet, mehr Essen als die Hälfte der durchschnittlich gebauten Menschen vertilgt und mehr der auf Zeit in meinem Besitz befindlichen Münzen als geplant in fremde Hände überantwortet hatte, ging zu Ende. Ich saß erst jetzt noch am Schreibtisch und verzehrte mich, zumindest sollte ich es an dieser Stelle besser behaupten, nach den entscheidenden Einfällen, die sich in den vorherigen Stunden nicht eingestellt hatten, und von mir dringend benötigt wurden. Ohne sie war es mir bisher nicht gelungen, mein Tagespensum der Worte zu leisten. Ohne sie fände ich nicht den erhofften Schlaf, der sich nach einem größeren, auf dem Papier geleisteten Pensum einzustellen vermag. Ohne sie gefährdete ich bereits ungewollt den Wortfluss am kommenden Tag, weil sich durch die Nacht verschleppte Unzufriedenheit und Müdigkeit fatal zu vermengen drohten.

Ich quetschte den Stift, welcher mir als treuer Gefährte diente und diese Behandlung nicht gewohnt war, in meinen Fingern aus, rieb mir unablässig die leicht gerötete Stirn und wechselte alle paar Minuten die abgespielte Musik. Weder deutsche Klassik noch amerikanischer Hiphop noch internationaler Pop noch eigentlich adjektivfreie Weltmusik noch afrikanische Stammesmusik half mir. Plötzlich klingelte das auf dem kleinen Tisch im Flur thronende Telefon und vor dem Läuten des zweiten Signaltons hielt ich mir schon den Hörer ans Ohr. Am anderen Ende war Stefan, ein Freund von mir, der mich daran erinnerte, dass heute Samstag sei und mich aus der seit kurzem aufkommenden Gleichförmigkeit der Stunden, Tage und Wochen riss. Dichterdasein hin oder her, ein Wochenende könne man nicht alleine und in sich gekehrt nur in den gemieteten vier Wänden verbringen, woher solle denn die Inspiration stammen? Ich brachte vor, wie schwer sich ein normal arbeitender Mensch, falls Stefans rasante Karriere in der Stadtverwaltung damit richtig beschrieben wäre, in die lyrischen Mechanismen einfühlen könne, zumal selbst ich mich mit dieser Umstellung recht schwer täte. Doch wenn Stefan in der Stadtverwaltung eines gelernt hatte, dann in kritischeren Situationen des Lebens, also Momenten wie diesem, eine gewisse Beharrlichkeit und Schwerhörigkeit an den Tag zu legen. Ja Schwerhörigkeit, so gute Argumente ich auch anführte und so sehr ich auf die Notwendigkeit eines guten Schlafes als Grundlage des Schreibens hinwies, er bestand darauf, dass ich ihn zu einer Party in nicht allzu weiter Entfernung zu meiner Wohnung begleitete.

Als gutmütiger Mensch wies ich ihn letztendlich nicht ab, zumal er mir in blumigen Worten schilderte, welch eine tolle Wohnung mit Badewanne! als Rahmen diente und wer alles kommen dürfte. Ich wäre wohl der einzige Schriftsteller, aber nicht der einzige Künstler. Und vielleicht, mit etwas Glück, fänden sich ein paar Mädels ein, ob belesen oder nicht sei nach dem zweiten Glas Wein eh nebensächlich. Bevor wir das Telefonat beendeten, riet mir Stefan, der sich in diesen Dingen auskannte, zum Umziehen - ein frisches Hemd und saubere Schuhe seien Pflicht, die dunkelbraunen Stiefeletten hätten zu Hause zu bleiben! Zwar werde wohl niemand an der Tür abgewiesen, was sich im Nachhinein nicht als Treppenwitz, sondern harte Realität herausstellen sollte, aber das Auge lese eben nicht nur mit und Cord sei out. Ich musterte mein derzeitiges Outfit und fühlte mich ertappt, obwohl mir die Stiefeletten einfach standen. Meine mittlerweile von der Stirn zum Kinn gewanderte Hand erspürte zudem, dass die letzte Rasur ebenfalls eine Woche zwei Tage zurück lag und mir wurde klar, wie viel ich in den wenigen, mir verbleibenden Stunden zu tun hatte. Wie gut, dass ich mit dem immer wie aus dem Ei gepellten Stefan unterwegs war, perfekter Look und solider Durchschnitt ergaben in Summe über Durchschnitt für beide, eben wie bei einem Paar mit einer etwas stämmigeren und zweiten schlanken Hälfte das Paargewicht ungefähr den Body-Maß-Index erfüllte.

Stefan und ich trafen uns wie verabredet am Ausgang der U-Bahn, zuvor hatte ich mir während der Fahrt mehrfach gewünscht, zwei oder drei meiner bestimmt an Literatur interessierten Mitfahrerinnen auf der Party wieder zu sehen, die Grenze zwischen über die aktuellen Bestseller diskutieren und abfüllen wäre dann ja fließend. Ich lobte Stefans Look, der aus meiner Sicht schaufensterfähig war, er hingegen kritisierte mich dieses Mal nicht. Auf dem Fussweg zur Party blies uns der Wind kräftig durch und wir verständigten uns schreiend, aber unsere Laune blieb bestens. Dann kamen wir am Haus an, nahmen im Treppenhaus zwei Stufen auf einmal und verloren die gewonnenen Sekunden sogleich beim Klopfen an der Wohnungstür, da sich der Gastgeber mit dem Öffnen der Tür Zeit ließ und seine Gäste anscheinend nicht richtig instruiert hatte. Wie sich herausstellte waren weder die den Flur und die Tür blockierenden Gästescharen das Problem noch die packenden Gespräche, in die alle Gäste und der Gastgeber zu innig vertieft waren, um die Klingel zu hören und geeignet zu reagieren. Wir hatten uns Stefan hatte sich einfach in der Hausnummer geirrt und unfreiwillig dafür gesorgt, dass ein uns seit eben bekannter, unter normalen Umständen sicherlich sehr freundlicher Rettungssanitäter recht unausgeschlafen seinen Morgendienst antreten sollte. Ich erkannte, dass dieser nette Mann mit dem nötigen Rüstzeug ausgestattet war, um Menschenleben zu retten: Selbst zu nächtlicher Stunde blieb er zwei fremden, an seiner Tür klingelnden und aufgedrehten jungen Männern gegenüber verhältnismäßig ruhig, schreckte vor einer Gewalttat zurück, deren Auswirkungen er berufsbedingt gleich selbst hätte behandeln müssen, und murrte kaum über den ihm entgangenen Schlaf.

Ich machte Stefan nach dem Verlassen des Hauses natürlich keine Vorwürfe, ohne ihn wäre ich schließlich nicht auf dem Weg zu dieser Knallerparty, an der wir tatsächlich noch mitwirken sollten, und hätte keine Gelegenheit, mich zu nächtlicher und unwirtlicher Stunde in meiner erweiterten Nachbarschaft umzuschauen. Wir sammelten die vorliegenden Fakten und identifizierten ein zweites Haus, in dessen gemauertem Leib wir die überwiegend asexuelle Orgie vermuteten. Dieses Mal verhielten wir uns im Treppenhaus unauffälliger und pressten unsere Ohrmuscheln ausgiebig an die Wohnungstür, hinter der wir weibliche Wesen und weltliche Wonne erahnten. Der Lärmpegel war beträchtlich und wir nickten uns zu, bereit, ein zweites Mal das Leben per Klingel innerhalb weniger Minuten zu riskieren. Ich klingelte und siehe da, unmittelbar schwang die Wohnungstür auf. Ich wollte sofort hinein eilen als mich ein wahrer Schrank von Mann aufhielt. Er musterte mich, blickte kurz zu Stefan und verharrte mit seinem Blick erneut auf mir. Stefan ließ ein “Er ist Dichter” fallen, wobei mir sein Unterton nicht gefiel, und wir wurden eingelassen. Im Flur erkannte ich, dass man seine U-Bahn-Wünsche präziser formulieren sollte, denn es waren einige Personen anwesend, die mich stark an Fahrgäste erinnerten, leider handelte es sich bei ihnen um typische Typen in Turnschuhen, die mich gerne mit ihrer zu lauten Musik ärgerten und deren Unterhaltungen von Rockmusik übertönt wurden. Stefan schluckte ebenfalls, da ich bereits overdressed war. Ich beschloss, im Laufe des Abends mit keinem dieser potenziellen U-Bahn-Beschaller ins Gespräch zu kommen und notfalls im Bett des Gastgebers vorzuschlafen, falls sich keine positive Wendung ergab.

Stefan verfügte nicht nur über einen untrüglichen Geschmack in Punkto Frauen und Klamotten, sondern über einen Kampfwillen, der in ganz unterschiedlichen Situationen erwacht, zum Beispiel, wenn er Zeuge wird, wie jemand Schwaches schlecht behandelt wurde oder sich die Dinge nicht nach Plan entwickelten. Vor ihm tummelten sich nun diverse coole Typen in einem zu engen Flur und ein als Kaufmann gescheiterter Dichter, für den das Leben noch viele Situationen des Scheiterns bereit zu halten versprach. Von hinten legte er mir also die Hand auf die Schulter und ich nahm an, dass er einen seiner lässigen Gesichtsausdrucke aufsetzte, als er mich bestimmt durch den Flur in den ersten, sich zu unser Rechten öffnenden Raum schob.

Ich hoffte inständig darauf, dass Schlafzimmer des Gastgebers zu betreten, wurde allerdings bitter enttäuscht. Die Rockmusik wurde live von vier Gestalten gemacht, die plattencoverwürdig aussahen und mindestens genauso viel von ihren Instrumenten und Texten verstanden. Ich gestand mir ein, dass es sich um gute Musik handelte, gleichwohl ich optisch und auch musikalisch kein ausgesprochener Rocker war. Ähnlich schienen die eng im Raum gedrängten Gäste zu denken, die sich auf allen verfügbaren Gegenständen niedergelassen hatten, nur der Kaktus in der Ecke war noch frei. Studentinnen, Yuppies, junge Paare, selbst zwei Hunde und ein älterer Herr mit Hut schmiegten sich aneinander und wippten mit den Fußspitzen. Jemand zischte uns zu, dass es sich um einen Raum der Kunst handelte, vorhin sei eine Balletttänzerin aufgetreten und ein flinker Maler sei für später angekündigt. Betrübt gestand ich mir ein, kein Meisterwerk oder launiges Gesellenstück zur Hand zu haben und die Bühne nicht nutzen zu können. Wir lauschten daher den sich in einen kleinen Rausch spielenden Musikern und wunderten uns nicht, als einige Studentinnen begannen, ihre Beine unregelmäßig, dennoch im Takt des Rockes in die Höhe zu werfen und trotz der Enge des Raumes nie Kinne, Schultern oder verletzlichere Körperteile anderer Menschen trafen.

“Komm, lass uns den Rest der Wohnung erkunden” raunte mir Stefan zu und nach einer zweiten und dritten Aufforderung folgte ich ihm. Die Lage im Flur war unverändert und so arbeiteten wir uns voran, bis zur Rechten der zweite Raum in Sicht kam. Zwei der Typen hinter mir ereiferten sich über einen gerissenen Spruch und plötzlich bekam ich einen Schubs, dessen Energie ich zu rund zwei Dritteln an Stefan weiter gab. Wir beide stolperten in den Raum, der etwas kühl wirkte und von einer fahlen Lampe beleuchtet wurde. Hinter mir wurde die Tür zugeschlagen und Stefan drehte sich zu mir um. Beinahe umschlungen standen wir da, es war uns beiden unangenehm und er fragte mich, ob ich müsse. Ich blickte auf die Badewanne, bei der es sich um ein bauchiges Modell handelte, in dem ich es mir zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort und mit einer anderen Begleitung gerne einmal gemütlich gemacht hätte. Mein Blick wanderte von der Wanne über die Toilette, den blauen und ausgefransten Vorleger und das Waschbecken wieder zu Stefan. Ich verneinte und er forderte mich auf, sofort das Bad zu verlassen, damit er sich zur Tarnung die Hände waschen könne, die Situation sei peinlich genug für uns. Ich begriff nicht ganz, trat hinaus auf den Flur und sagte zu dem nächststehenden, unterstellten intervallweisen U-Bahn-Beschaller, wie mies das Bad sei. Er reagierte nicht und ich wartete auf Stefan, der kunstvoll im Bad hantierte.

Mit reinem Gewissen und sauberen Händen gesellte er sich zu mir und wir setzten die Erkundung der Wohnung fort. Links tauchte ein Türrahmen auf und ich beschloss, mein Glück auf dieser Seite zu versuchen. Prüfend streckte ich den Kopf in den Raum und wurde der Küche gewahr, welche vor elegantem Edelstahl strotzte. Der kleine, sich ins Bild einfügende Glastisch war voll gestellt mit Schüsseln, in denen sich süße und salzige Leckereien verbargen. Ich war durstiger als hungrig und hielt daher direkt auf den Kühlschrank zu, vor dem sich zwei mit dunklen Jeans und Schuhen sowie Hemden angetane junge Männer unterhielten. Trotzdem tranken beide Bier aus der Flasche und wichen erst nach meiner eindringlichen Bitte zur Seite, mich doch an den Kühlschrank zu lassen. Ich durchsuchte die verschiedenen Fächer und fand zu meiner Enttäuschung keinen gekühlten Weißwein. Auf dem Tisch stand ebenfalls keine Flasche, folglich fragte ich die schicken Typen, ob es denn Weißwein gäbe. Der eine sagte mir ins Gesicht, dass es überhaupt keinen Wein gäbe und fügte an, dass hier schließlich keine Dichter oder andere Spinner herumrannten und der andere prustete los. Ich stöhnte so leise wie möglich auf und zog mich ohne Getränk in den mir nun ein Stück heimeliger vorkommenden Flur zurück, während Stefan ein Bier ergatterte.

Im Flur gerieten wir beiden ernsthafter aneinander, da ich gehen wollte. Die Party gefiel mir nicht und irgendwie hatte ich das Gefühl, es würde nicht besser werden. Stefan wies mich auf die Räume hin, die wir noch nicht erkundet hatten. Außerdem müsse der Gastgeber irgendwo stecken und wenn nicht dort, wo dann? Ich ließ mich wiederum breit schlagen und Stefan ging voran. Wir betraten ein Zimmer mit gewaltigen Ausmaßen, welches mir reichlich überproportioniert vorkam, und in dieser veritablen Halle tummelten sich zahlreiche Menschen. Ins Auge stach ihr bienenhaftes Verhalten, wie diese nützlichen Insekten sich selbstverständlich von Blüte zu Blüte bewegten, so bildeten sich in der Halle ständig neue Menschenknäuel um wenige humanoide Fixpunkte und ebenso abrupt lösten sich die Menschen voneinander und fanden sich in neuen Gruppierungen zusammen.

Ich näherte mich einer der Grüppchen und sprach dem hiesigen Fixpunkt, eine sportliche Frau um die Dreißig mit aufwändiger Turmfriseur, die ihr nach meinem Dafürhalten mäßig stand, auf das Verhalten der Menschen an. Sie teilte mir mit, dass sich in diesem Raum zehn allesamt schwer zuzuordnende Geschwisterpaare befanden und dass dies der Probelauf für ein neues Gesellschaftsspiel sei. Gefalle das Spiel den Anwesenden, so wolle sie mit ihren zwei Geschäftspartnern die nationale Vermarktung beginnen und sei zuversichtlich, genügend Geschwisterpaare und begüterte Kunden zu finden, menschliches Memory sei nämlich etwas aufwändiger für alle Beteiligten. Begeistert mischte ich mich unter die Anwesenden und entdeckte bald mein erstes Geschwisterpaar. Auf der Suche nach Nummer zwei wurde ich mehrfach angesprochen, dass der gut aussehende Typ dort hinten - Stefan - mein Bruder sein könnte, wobei es selten sei, wenn zwei Brüder derart unterschiedlich gut gekleidet seien. Ich schüttelte nur den Kopf und stolperte über mein zweites Geschwisterpaar. Nach dem dritten Volltreffer wand ich mich an die Spielleiterin, da mir die Belohnung des Gewinners stets viel bedeutete. Sie wank ab, es ginge allein um den Spaß beim Spiele und überhaupt, wie sollte sie den Überblick behalten? Darauf hin ergriff ich Stefans Arm, der mit dem Hinweis protestierte, die Hälfte der Geschwisterpaare erkannt zu haben und dem Gewinn des Spieles nahe zu sein, und zog ihn vorbei an den erstaunten Gesichtern seiner Knäuelmitglieder aus der Halle.

Im Flur klärte ich ihn auf und er verstummte. Er benötigte Minuten, in denen seine Glieder unkontrolliert zuckten, bis er sich gefasst hatte und sich ein frisches Bier holte. Nach einem langen Zug flackerte sein Kampfwillen auf und er flüsterte mir “nächster Raum” zu. Doch mein Maß an Zugeständnissen war für heute aufgebraucht, ich war müde und ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es schon nach zwei Uhr nachts geworden war. Stefan bestand darauf, dass ich solange warten solle, bis er sich mit dem Bier für den ihn erwartenden einsamen Streifzug in die unbekannten Räume gestärkt hatte. Ich tat ihm diesen letzten Gefallen des Abends, wünschte ihm viel Spaß und ging dann ohne ein Wort des Abschieds in Richtung der anderen Gäste nach Hause.

Kaum war ich zu Hause angekommen und eingeschlafen, weckte mich eine eintreffende SMS, von Stefan versandt, wie ich beim umgehenden Nachsehen fest stellte. Mit schweren Augenlidern las ich die folgenden Worte: “Raum war voller Frauen - Eingetanzte Sportstudentinnen aus Raum 1 und drei Aupairs aus Spanien - konnte mehrfach mit meinem Dichterfreund prahlen - waren sehr interessiert und belesen - züngele gerade mit der Einen… ;) Lasse Dich beim nächsten Mal doch früher gehen! ;)) Stefan”. Die Restnacht brachte nicht den ersehnten Schlaf, aber zumindest hatte ich genug Material für einen in diesem Wochenbericht mündenden negativen Kreativitätsschub.

21. Oktober 2009 Kommentare: 12

Monsieur S., votre francais est trop mauvais!

Ich Ein Schulfreund von mir, der Sebastian oder kurz der Basti, überraschte mich kürzlich mit einem Vorhaben. Basti hat(te) immer viele Ideen und ist manchmal etwas sprunghaft, aber durch und durch liebenswürdig. Bei unserem letzten Treffen forderte er mich gleich mit einer Begrüßungsfrage heraus, da, wie sich unmittelbar danach herausstellen sollte, er sich mit dem Gedanken trug, seine arg angejährten Französischschulkenntnisse wieder aus der intellektuellen Mottenkiste hervor zu holen. Ich sollte hinzufügen, dass der Basti erst vor drei Monaten sein Leben geändert hatte, in dem er seine Freundin vor die Tür gesetzt und den soliden, nach seinem Studium der Informatik angetretenen Anwendungsentwicklerjob bei einem mittelständischen Handwerksunternehmen, welches jeden Badezimmertraum frisch vermählter oder über die Jahre gereifter Paare in Erfüllung gehen ließ, hingeschmissen hatte. Statt dessen folgte eine Phase der Selbstfindung, wie er es nannte, und bei jedem unserer Telefonate konfrontierte er mich mit seinem neuesten Lebensplan, von Klassikern wie professionellem Onlinerollenspieler oder Pornodarsteller bis hin zu aberwitzigen Fantasien einer Alltagsaufpeppungsagentur, bezahltem Bloggen oder einer erfolgreichen Schriftstellerkarriere war alles dabei. Man stelle es sich einmal vor, jemand, der nie etwas veröffentlicht und sich in seinem bisherigen Leben hauptsächlich mit Technik und Zahlen beschäftigt hatte, spielte mit dem Gedanken, mit dem Schreiben seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Bei allem Verständnis für Träumer, also bitte!

Basti war und ist jedoch immer offen für Ratschläge und ließ sich auch dieses Mal nach gutem Zureden vom gröbsten Unfug abbringen. So wuchs dann die Erkenntnis über seine Fähigkeiten und die auf ihn wartende Marktnische als freiberuflicher Programmierer bei der Implementierung von kaufmännischer Software in gut laufenden Gynäkologie- und Urologiepraxen. Nach einem Monat der Nischensondierung gelang es ihm, seine Qualitäten in einem größeren Projekt unter Beweis zu stellen. Innerlich hakte ich das Thema “Bastis berufliche Situation” schon ab, dachte ein Sorgenkind weniger, und dann fiel er bei unserem letzten Treffen im September mit seiner neuesten Idee wie ein hinterhältig im Gestrüpp lauernder Wegelagerer über mich her: Zur Horizonterweiterung setzte er seit neuestem alle romanistischen Hebel -die Auswahl war natürlich übersichtlich- in Bewegung, um den Einwohnern eines unser geschätzten Nachbarländer und den in weiteren Anrainerstaaten verteilten Minderheiten sprachlich auf Augenhöhe begegnen zu können. Er streckte mir also die folgende Frage drohend wie eine schartige, schlecht gepflegte Klinge eines Strauchdiebs entgegen:

Wie haucht man ohnehin immer spärlich gewesenen Französischkenntnissen nach zwölf Jahren der Beschäftigung mit interessanteren anderen wichtigen Dingen neues Leben ein?

1. Belegung von Volkshochschulkursen zusammen mit interessierten Hausfrauen und Singlefrauen ü30
2. Im Selbststudium Bücher wie “Französisch für Büffelmuffel” wälzen
3. Sich regelmäßig mit Muttersprachlern zum Kochen und anderen Aktivitäten verabreden
4. Französischsprachige Filme sehen, Musik hören, Bücher lesen und entsprechende Länder bereisen
5. Ein Französischstudium an der Uni aufnehmen
6. Als Laiendarsteller in französischen Fetischpornos mitspielen

Ich erläuterte ihm meine Sicht der Dinge:
Punkt 1 geriet in die engere Auswahl, Basti hatte nichts gegen neue Bekanntschaften einzuwenden und war offen für amoröse Abenteuer, wir glaubten jedoch nicht, dass sich Befriedigung in dieser Facon einstellte.
Punkt 2 schied allein aufgrund des schrecklichen Buchnamens aus.
Punkt 3 klang verlockend, allerdings war Basti kein Held am Herd und mochte die typischen Franzosen nicht besonders, Französinnen hatte er leider noch nie kennengelernt.
Punkt 4, dem Konsum französischsprachiger Medien räumten wir einhellig nicht die ihnen wahrscheinlich gebührende Faszination ein, zudem verstand Basti bei einem Probeversuch wenig bis gar nichts. Reisen schieden in Anbetracht seines geringen Einkommens vorerst aus.
Der zweite Gang äh fünfte Punkt zurück an die Uni ließ sich nicht so leicht seiner Anziehungskraft berauben.
Punkt 6 endete, bevor er begann, es gab nie eine Antwort auf Bastis Bewerbungen trotz hochqualitativer Frontalaufnahmen aus der Froschperspektive.

Ich saß gerade am Schreibtisch und dichtete, als Basti mir kurz nach unserem Treffen in einer Textmitteilung schrieb, dass seine Rückkehr an die Uni bevorstehe. Ich freute mich für ihn und auf seine neuen Anekdoten, die er sicherlich bald zu erzählen in der Lage wäre. Wieder in den Hörsaal mit diesen gerade aus dem Kindesalter Entwachsenen zu sitzen, wäre nichts für mich. Ich überließ dieses Feld kampflos dem Basti. Beschwingt durch die mir in Bezug auf Bastis Entscheidung in den Sinn kommenden Bilder gelang es mir an dem Nachmittag, meinem begonnenen Gedicht diverse Strophen hinzuzufügen.

Einige Wochen später saß ich erneut am Schreibtisch, arbeitete an einem Wochenbericht und plötzlich rief Basti an. Er fragte, ob ich Zeit hätte. Er klang aufgeregt und war wie von der Rolle, ein mir dem Verhalten nach unbekannter Basti, ich bejahte seine Frage, und er vertraute mir in den anschließenden Minuten an, was ihm alles in seiner Orientierungswoche und den ersten Vorlesungen widerfahren war. Ich wunderte mich sehr über seine Erlebnisse und begann in Gedanken bereits, meinen Wochenbericht umzuschreiben versuchte, ihm Trost zu spenden. Er wählte verschiedene Situationen aus, um mir die von ihm erlebte Pein zu verdeutlichen:

Der erste Tag
Mit einem leicht mulmigen Gefühl begab sich Basti zum ersten Mal in seinem Leben in die geisteswissenschaftliche Fakultät und seine braven Informatikeraugen versagten ihm beinahe den Dienst. Scharen junger und langhaariger, nach dem aus seiner Sicht und das sei angemerkt, viel versteht er von diesen Dingen nicht, letzten modischen Schrei gekleidete Achtzehn- bis Zwanzigjährige hatten sich eingefunden, dazu kamen ungefähr sechs Männer. Der erste Hörsaal barst vor Geschnatter und Gekicher, Basti begann sich nach dem neuesten Buchhaltungsmodul für Urologen zu sehnen, an dem er parallel herumwerkelte… Dann wurden Gruppen gebildet, um sich an einer kleinen Campusschnitzeljagd zu versuchen und Basti lernte ein paar Kommilitoninnen kennen. Sie waren seiner Meinung nach durchaus nett anzuschauen und mindestens alle Französischleistungskurs erprobt, oft auch zweisprachig aufgewachsen oder durch mehrmonatige Frankreichaufenthalte sozialisiert worden. Ihm schwante Böses, da sein Französischgrundkurs schon länger her war.

Je äh m’appelle…
Während der Vorstellung brachte Basti nur den einen, sicher sitzenden Begrüßungssatz zu Stande. Es deutete sich an, dass aus ihm, dem fröhlichen und für einen Informatiker äußerst gesprächigen Menschen jemand Anderes werden würde, falls er das Studium wirklich bis zum Ende durchzöge. Ich sah vor meinem inneren Auge bereits einen verschüchterten und schweigsamen Mann vor mir, dessen in jüngster Zeit dramatisch gealtertes Gesicht nur entfernt an den mir bekannten Basti erinnerte.

Chansons avec de nouveaux amis
Nach dem offiziellen Teil der Orientierungswoche überraschten die Tutorinnen, allesamt Studentinnen höherer Semester, Basti und seine neuen Freundinnen mit einem Singstarnachmittag in der Uni! Schneller hatte sich kein Raum in den letzten Tagen geleert und Basti wurde auf einmal ein Mikrofon in die Hand gedrückt. Mit seiner Eintonkopfstimme gelang es ihm, “I should be so lucky” durchzustehen und umgehend auf die Toilette zu verschwinden, um an diesem stillen Örtchen einige Tränen der Scham zu verdrücken. Die Fotos vom singenden Basti kursierten noch an demselben Nachmittag beim virtuellen Studentenverzeichnis.

Vorlesen vor der ganzen Klasse
Den bisherigen Tiefpunkt bildete ein wechselndes Vorlesen eines an die gesamte Sprachklasse ausgeteilten Romanauszugs, welches der Einschätzung der Fähigkeiten diente. Vom Anfang der Stunde an schwitzte Basti stark an seinen Händen und ruinierte zwei Din-A4-Blätter, bevor er es fertig brachte, das erforderliche Namensschild aufzustellen. Entgegen seiner Gewohnheiten im Erststudium positionierte er es möglichst schlecht einsehbar für den Dozenten, einem akribischen und sehr deutlich artikulierenden älteren Herren, der diese Veranstaltung allein aus Spaß anbot, wie er bei einer Kurzvorstellung preis gab. Doch es half nicht, Basti kam dran und las den ersten Satz vor, wurde jedoch bei jedem zweiten Wort von dem dozierenden Herren unterbrochen. Müßig zu erwähnen, dass Basti inhaltlich nichts verstand. Basti wurde rot und seine Stimme bekam einen jammernden Unterton, endlich ließ der Dozent von ihm ab und eine Kommilitonin bezauberte alle Anwesenden mit ihrem Lesetempo und ihrer entzückenden Ausstrahlung.

Ich hatte genug gehört und ausreichend Material für einen Wochenbericht beisammen. Ich empfahl Basti ohne wenn und aber, das Studium sofort sein zu lassen und lieber eine Arztpraxis mehr pro Monat bei der Modernisierung ihrer Verwaltungsabläufe zu unterstützen. Als Ausgleich könne er ja in der nächsten Zeit einen längeren Frankreichurlaub anpeilen, seitdem herrscht zwischen uns Beiden Funkstille…

14. Oktober 2009 Kommentare: 8

Der Jungpoet im Feldversuch: Von der Musensuche zweiter Teil

Vor gefühlt einem Jahr habe ich mich an dieser Stelle über die verschiedenen Facetten meiner Dichtermetamorphose ausgelassen, Stichwörter waren Kette rauchen, Tippen in Zeitlupe und gebrauchtes Kord auf der Haut. Die angestoßenen Veränderungen haben jetzt Wirkung gezeigt und mich nachhaltig verwandelt. Ob zum Besseren (flatternder Schmetterling) oder zum Schlechteren (vertrocknete Raupe) sei dahin gestellt.

Unterdessen ereigneten sich Begebenheiten zur Selbstbewährung in freier Wildbahn, besonders in der Gegenwart potenzieller Gefährtinnen des Jungpoeten. Wenn man es auf den Punkt bringt, wenn man(n) ganz ehrlich zu sich selbst ist, wenn man auf eine sorgfältige Auswahl wissenschaftlicher Studien zurückgreift, dann wird deutlich, dass alles kreative männliche Schaffen nur zum Abschleppen von Babes der Steigerung des Ansehens bei relevanten Vertreterinnen des umworbenen Geschlechts dient. Dichter sind wenig Anderes als die Mensch gewordenen eitlen Pfauen der Literatur- und Sprachwelt. Wird dieser Gedanke weiter gesponnen, so könnte die unerhörte Vermutung der Erlahmung der lyrischen Schaffenskraft bei erfolgreicher Balz und Partnerwahl entstehen.

Warum sind eigentlich alle anderen liiert und stolzieren Seite an Seite durch die Gegend, während ich armer Tropf alleine in meinen vier Wänden versauere. Zum Glück bin ich noch nicht in diesem “seligen” Stadium angekommen und auf der Pirsch. Es geht also um eines meiner Lieblingsthemen, die Suche nach der Muse. Ja, das Schriftstellerleben ist ein nicht enden wollender AlpTraum und gewährt Freiräume, in denen man sich ausführlich mit Problemen beschäftigen kann, ohne über Monate auch nur einen Deut Fortschritt zu erzielen.

Langem verbalen Vorspiels spärlich vorhandener Sinn: Zur Erheiterung Verarbeitung möchte ich die letzten drei Gespräche mit zu mir entsandten Botschafterinnen der verehrten Damenwelt gemäß meiner ungemein subjektiven Wahrnehmung wiedergeben. Wie es zu diesen Begegnungen kam, soll mein Geheimnis bleiben… Ja, es war Geld im Spiel!

Erstens - Der Jungpoet in der Verlagsfalle
Diese Bekanntschaft ergab sich gänzlich uneigennützig, die Profession der Dame war mir anfangs nicht bekannt. Wir lernten uns über Freunde kennen, wie man so sagt. Uups, ich alter Geheimniskrämer… Gewisse Freunde von mir denken und äußern manchmal, wie gut diese oder jene Frau zu mir passte. So nett, fröhlich, charmant und blabla. Bei derartigen Charakterschönheiten werde ich natürlich hellhörig. Erkundige ich mich dann dezent nach dem Aussehen, gibt es meistens Ärger vom weiblichen Teil des befreundeten Paares - der skandalöse Vorwurf steht im Raum, dass ich zu oberflächlich sei. Nun denn, ich reiste mit einem Bus an, in dem saunaartige Temperaturen herrschten und der sich entschied, nicht an der normalen Haltestelle zu verharren. Dementsprechend musste ich zum vereinbarten Treffpunkt sprinten, die Frisur war dahin, das Hemd angeschwitzt und ich um rund fünfzehn Minuten verspätet. Gut, dass es nur um die inneren Werte ging. Die Dame war eine ausgemachte Landschönheit, etwas burschikos gekleidet und besaß eine ähm weibliche Figur. Höflich begrüßten wir uns und suchten ein Café auf, folgende Dialogfetzen mögen ausreichend sein, um das Bild abzurunden:

Landschönheit: Was machst Du denn?
Jungpoet: Ich bin Schriftsteller und arbeite an meinem ersten Roman.
Landschönheit: Oh wie spannend! Wie muss ich mir das Ganze vorstellen?
Jungpoet schwärmte sich um Kopf und Kragen bezüglich seiner grandiosen literarischen Leistungen.
Landschönheit lauschte fasziniert und sagte circa 30 Minuten wenig bis gar nichts.
Jungpoet: Und was treibst Du, falls Du nicht gerade mit zukünftigen Literaturnobelpreisträgern ausgehst?
Landschönheit: Ich arbeite in einem Verlag und betreue dort Bonusprogramme…
Jungpoet wurde hellhörig.
Landschönheit: …viele Zeitschriftenabos werden nur noch abgeschlossen, um die Prämie zu sichern.
Jungpoet malte sich in Gedanken aus, welche tollen Sachen an sein Erstlingswerk geheftet werden könnten und wie ihm die Päckchen aus der Hand gerissen werden. Er sagte: “Welche Prämien gehen besonders gut?”
Landschönheit: Damenuhren und faltbare Koffersets sind der Renner und wunderbar günstig im Einkauf.

Hah, ertappt liebe Leserinnen und Leser! Jetzt wandern die Augen beziehungsweise Gedanken schon langsam an das Handgelenk, an dem die Uhr befestigt beziehungsweise zum Schrank, in dem das faltbare Kofferset verstaut ist, oder? Vielleicht platzt der Schrank auch vor hineingequetschter Damenuhren und faltbarer Koffersets? Ich verspreche an dieser Stelle hoch und heilig, dass die Käufer meiner Romane selbstverständlich weder das eine noch das andere erhalten werden. Das mühsame Gespräch mit Dame Eins wurde nicht mehr besser und wir beiden auch kein Liebespaar, aber ich hatte mir wichtige Erkenntnisse gesichert…

Zweitens - Das Modell und der Freak reloaded
Meine Lieblingsepisode. Nein, ich bin nicht das Modell. Unvorstellbares geschah und ich wurde auf eine Frau aufmerksam, die nicht nur die Männerherzen in Wallung brachte. Laut Foto hatte sie dunkle lange Haare und ein wunderschönes Gesicht. Wie nicht anders zu erwarten, konnte sie meinem Charme nicht widerstehen und wollte mich unbedingt kennenlernen. Wir fanden einen Termin und dieses Mal war ich wirklich sehr neugierig. Geschickterweise kam ich etwas verfrüht an und es gelang mir, am Ort des baldigen Geschehens eine Sitzposition einzunehmen, zu der sie nur über eine Art Laufsteg gelangen konnte. Nach kurzer Zeit erahnte ich ihre Gestalt in der Ferne und wahrlich, sie wusste sich zu bewegen! Mit raumgreifenden Schritten und lassiv kreisenden Hüften näherte sie sich mir und präsentierte beiläufig ihren perfekt trainierten Körper. Die angelegten Hotpants und das Leinenleibchen taten ein Übriges, in mir begann das Feuer der Leidenschaft zu lodern. Zwar stellte ich bereits bei der Begrüßung fest, dass sie zusätzlich über eine dunkel-erotische Stimme verfügte und die Chemie nicht im Ansatz stimmte, aber von solchen geringen Hindernissen sollte man sich nicht beeindrucken lassen. Sie war ohne Untertreibung die heißeste hübscheste Frau, mit der ich in meinem bisherigen Leben ausgegangen war. Beflügelt besorgte ich uns Getränke und beobachtete mit einem Lächeln, wie sich die Hälse der anwesenden Männer nach meiner Begleitung reckten.

Jungpoet: Hier Dein Getränk - zum Wohl. Ich muss Dich einmal ganz offen fragen, bist Du ein Modell?
Modell: Ja, ich habe während des Studiums gemodellt.
Jungpoet machte innerlich die Säge: Wow, erzähle mir doch bitte ein wenig über diese schillernde Branche.
Modell erzählte und erzählte über das harte Geschäft.
Jungpoet: Und warum hast Du aufgehört, wenn Du gut im Geschäft warst?
Modell: Ich wurde fertig mit meinem Lehramtsstudium und begann mein Refendariat an einer Harburger Hauptschule. Blabla
Jungpoet verschluckte sich beinahe vor Lachen: Wie bitte äh okay, klingt interessant! Welche Fächer unterrichtest Du?
Modell: Deutsch und Sport. Deutsch ist echt hart, da es viele Schüler mit Migrationshintergrund und Problemen gibt. Sport hingegen ist toll, da kann ich viele eigene Ideen einbringen und mache mit meinen Schülern z.B. Arobikstunden.
Jungpoet fiel fast vom Stuhl als er sich vorstellte, wie diese veritable Sexbombe vor Igor und Mehmet herumspringt, um sie zum Mitmachen zu animieren. Verdorben für’s Leben schon in so jungen Jahren…
Es folgte eine ernsthafte Konversation über die drängenden Probleme an der Schule, der Jungpoet zeigte sich erstaunlich gut informiert.
Jungpoet wollte zu seinem Spezialgebiet überleiten: Liest Du denn gerne, wenn Du Deutsch unterrichtest?
Modell: Naja, eigentlich nicht so viel. Abends nach der Arbeit bin ich meist zu müde. Ab und an eine Biographie oder einen Frauenroman. Und Du?
Jungpoet: Sehr gerne und ziemlich viel. Liegt natürlich in der Natur der Sache als Schriftsteller.
Modell: Echt, Du bist Schriftsteller - erzähl ‘mal!
Jungpoet begann mit der Schilderung und merkte nach zwei Minuten, dass das Modell nicht wirklich interessiert war.

Schließlich kam ihr riesiges Interesse für Reisen und Sport heraus, was mich bekanntermaßen nur mäßig begeistert. Die Chemie stimmte eh nicht, von daher wurde aus uns Beiden leider auch kein Liebespaar. Es blieb die Erinnerung an eine unvergessliche Begegnung.

Drittens - Charakterschönheit voraus!
Diese Begegnung ist schnell erzählt: Ich kam an, erkannte sie und ging - ich war nicht in Stimmung für weitere Stunden der Höflichkeit mit eindeutigem Ausgang, wir wurden ebenfalls kein Liebespaar…

7. Oktober 2009 Kommentare: 6

Der gehobene Teeliebhaber - eine weitere Kurzgeschichte

Ich musste mich ein wenig beeilen und hastete die letzten Schritte zum Café Geneva. Hoffentlich wartete Annika nicht schon auf mich. Endlich kam der geschnörkelte und wohl vertraute, auf der Caféscheibe prangende Schriftzug in Sicht. Ich entspannte mich leicht, obgleich ich Annikas zerbrechliche Silhouette nicht erblicken konnte.

Ich atmete durch, stürmte hinein in die heimelige Wärme des Cafés und tatsächlich, sie saß bereits am wackligen Tisch in der hinteren Ecke. Ihr langes Haar ruhte geordnet auf ihren Schultern und umspielte ein elegantes braunes Oberteil. Annikas Augen wanderten durch den Raum und richteten sich auf mich, den Neuankömmling. Ich trat zu ihr, versuchte mich an meinem charmantesten Lächeln, und konnte die recht hölzerne Begrüßung dennoch nicht entscheidend auflockern. Ich legte meine Sachen ab und setzte mich auf den freien Stuhl. Nun hockten wir uns gegenüber und ich durchbrach unser Schweigen:
“Tut mir leid, dass ich zu spät gekommen bin. Hoffentlich hast Du noch nicht lange gewartet.”
“Ist schon okay, jetzt bist Du ja da.”, antwortete sie und schenkte mir das erste ehrliche Lächeln dieses Nachmittags.
“Wisst Ihr schon, was Ihr trinken wollt?”, fragte die unbemerkt an unseren Tisch gekommene Bedienung. Ich musterte sie flüchtig und blieb weder an ihrer Kombination aus schwarzem Shirt und passender Hose noch ihrem Gesicht hängen.

Annika bestellte eines dieser neumodischen Kaffeemischgetränke, dessen Aussprache den meisten Deutschen Probleme bereitet, ihr hingegen nicht. Ich wusste ebenfalls, wonach mir der Sinn stand und es wäre ein Leichtes gewesen, meinen Bestellwunsch in gängige Worte zu kleiden. Wenn, ja wenn da nicht meine kleine Privatfehde mit der im Deutschen für diese selten kalt gereichte Erfrischungsmöglichkeit gebräuchlichen Bezeichnung gewesen wäre. Zudem wollte ich Annika beeindrucken und ihr beweisen, mit welchem weltgewandten Mann sie sich gerade traf. Ich hob an:
“Ich hätte gerne etwas von diesem dem Munde Geborgenheit schenkendem Blütenwasser und Kräutertrunk.”
“Äh, Entschuldigung, bitte was?”, entfuhr es der Dame in schwarz.
“Ich bin durstig und dachte daran, mir durchs Trinken des verbreiteten Pflanzengebräus Erleichterung zu verschaffen. Na, Du weißt schon, Blätter in einer erhitzten Flüssigkeit im Becher serviert…”, sprach ich, um ihr ein zweites Mal verbal die Hand zu reichen.

Sie legte ihre Stirn in Falten, schüttelte zaghaft den Kopf und aus den Augenwinkeln bemerkte ich, wie Annikas Miene langsam versteinerte. Es schien der erste Tag der Bedienung zu sein und ich unternahm einen dritten Anlauf:
“So schwierig ist es doch nicht. Bring mir einfach diese kochende Flüssigkeit mit Geschmack, dieses nicht kaffeehaltige englische Traditionsgetränk. Wohl temperiertes Nass und Erquickungsessenz in einem. Bis dato nicht, aber bald überall als wohl schmeckende Magenlotion verlangt. Ach, was rede ich, mir gelüstet es nach meinem Schmiermittel des Nachmittags, belebender Erkältungsmedizin auch für Gesunde, heißer Dichterluft in einem anderen Aggregarzustand!”
Verständnislos starrten mich die beiden Frauen an, sie schienen zu Komplizinnen des Moments geworden zu sein. Ich atmete tief ein und aus. Die Bedienung reagierte nicht und starrte mich weiter an. In meinem Verstand begannen sich derweil Buchstaben zu einem Wort zu formen, deren Aussprache ich bereuen würde. Doch ich war sehr durstig und bestrebt, Herr der verzwickten Lage zu bleiben und mich vor den Augen Annikas zu rehabilitieren.

Meine Lippen begannen zu zucken und den unheilvollen Konsonanten zu formen. Ein Teil von mir sträubte sich und suchte einen anderen Ausweg. Er wurde nicht fündig und ehe ich mich versah, durchschnitt wie ein Pistolenschuss das “T” gefolgt von einem zwischen den Lippen hervor gepressten “eeeee!” den Raum. Hektisch sah ich mich um, zum Glück war das Café spärlich besucht und außer den beiden Frauen hatte niemand mein Missgeschick verfolgt. Die Bedienung nickte und verließ uns abrupt. Annika blickte mich vorwurfsvoll an und ich war den Rest des Nachmittags beschäftigt, sie wieder einigermaßen zu beruhigen und die Bedienung mit einer großzügigen Bestellung samt Trinkgeld zu besänftigen.

7. Oktober 2009 Kommentare: 0

Kurz und bündig

Knapp ist dieser wöchentliche Bericht,
etwas länger die frische Kurzgeschicht’.