Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

25. November 2009 Kommentare: 7

Das imaginäre Interview

Wir setzen heute unsere lose SPARGEL-Interviewreihe “Der Mensch hinter dem Bestseller” mit dem jungen Autor Sonning Strauß fort. Er hat mit seinem Debütroman “Berufsmonotonie” für Furore gesorgt und aus dem literarischen Nichts die Bestsellerliste gestürmt (s. SPARGEL 13/2010 - Banalität des Seins, Anm. der Red.). Wir haben ihn in seiner Hamburger Wohnung aufgesucht und unseren bewährten Fragenkatalog vor ihm ausgerollt. Mit einigen Ausnahmen, wie sich zeigen sollte.

Laut seiner detailfreudigen Beschreibung fanden wir das Haus spielend. Rotes Eckhaus, solider Hamburger Backstein, ein vertrauter Anblick. Wir klingelten wie aufgetragen bei R. Müller und standen uns eine Weile die Beine in den Bauch. Kurz vor dem Kontrollanruf unter seiner uns vorliegenden Nummer surrte es endlich in der Tür. Das Treppenhaus war in einem gepflegten Zustand, eine einsame Yukka-Palme flankierte den Flur, an vielen Türen war kein Namensschild angebracht. Im zweiten Stock erwartete uns eine geöffnete Tür, in deren Rahmen eine ältere Frau stand, die sich ihre Hände an ihrer blau geblümten Schürze abstrich. Wohnte Sonning Strauß noch bei seiner Mutter? Auf unsere Frage, ob sie Frau Müller und hier Herr R. Müller anzutreffen sei, schüttelte die Frau heftig den Kopf und zeigte mit ihrem Finger nach oben. Sie fügte hinzu, dass der Spinner im Dachgeschoss wohne.

Wir stiefelten hinauf und wurden in der Endetage von einem unangenehmen Geruch begrüßt, der wahrscheinlich von dem Schuhhaufen ausströmte, der sich gegenüber der in diesem Stock gelegenen Wohnungstür auftürmte. Die Wohnung, in der wir den Strauß vermuteten, verfügte über keinen Klingelknopf, sondern einen gusseisernen Türklopfer in Schlangenform, vor der Türschwelle lag eine Fußmatte mit der Aufschrift “Pornorico”. Kaum war die metallene Schlange in Bewegung gesetzt, öffnete sich die Tür und uns blickte ein unrasierter, untersetzter Mitdreißiger mit müden Augen und dunklem Haar entgegen. Ein einst weißes Unterhemd war halb in seine Hose gestopft, die hastig hochgezogen schien, und unsere geübten Redakteuraugen sprangen die offenen Knöpfe des Hosenschlitzes an.
“Ja bitte, Sie wünschen”, sagte der Mann.
“Sind Sie Sonning Strauß? Wir kommen vom SPARGEL wegen des Interviews.”
“Ah ja, natürlich. Verzeihung, dass ich Sie warten ließ. Ich hatte gerade einen guten Einfall, den ich verarbeiten musste.”

Er gab uns beiden die Hand und erreichte auf der SPARGEL-internen Handschlageinstufungsskala zwischen tote Hasenpfote und Knochenbrecher eine klare Mümmlerextremität, aus der das Leben vor einiger Zeit gewichen war. Er bat uns hinein und andächtig durchschritten wir seinen Wohnungsflur. Feuerschalen säumten die grob behauenen Wände, die sich zu einem gewaltigen gotischen Bogen in vier Meter Höhe vereinigten. Unsere Schritte hallten auf dem Gang und wäre es ein Diener im mittelalterlichen Gewand gewesen, der uns vorauseilte, dann hätte es uns nicht überrascht, auf der Stirnseite des Ganges in die königlichen Gemächer einzutreten. Statt dessen schloss sich eine Kammer an, in die ein fahrradgroßer, blitzeblanker Schreibtisch gezwängt war. Ein altersschwacher Hocker, der mächtig knarrte, als sich unser Interviewpartner auf ihm niederließ, und zwei mit speckig braunem Bezug bespannte Stühle, die er uns mit raumgreifender Geste empfahl, sollten uns als Gesprächskulisse dienen. Die Wänden waren kahl und wir vermissten sofort die Getränke, welche man uns üblicherweise anbot. Wären nicht bauliche Standards entstanden, die dies verhinderten, hätten wir gewettet, dass der Wind beständig durch die Kammer zog.

SPARGEL: Herr Strauß, bitte stellen Sie sich dem Teil unserer Leser, die Sie noch nicht kennen, kurz vor.
Strauß: Bitte nennen Sie mich Rico M.
SPARGEL: Also gut, obwohl Ihr Buch unter keinem Pseudonym erschienen ist, machen wir Ihr Spiel mit. Herr Rico M., bitte stellen Sie sich kurz unseren Lesern vor.
Rico M.: Ohne Herr, Rico M. reicht. Ich heiße Rico M. und bin Schriftsteller.
SPARGEL: Ginge es etwas ausführlicher?
Rico M.: Gerne. Von Haus aus bin ich gelernter Kaufmann (Nach längerer Diskussion wurde aus studierter gelernter Kaufmann, Anm. der Red.). Nach mehreren Jahren der Büromaloche hatte ich die Faxen dicke und habe meinem Chef gründlich die Meinung gegeigt. Danach gammelte ich im Campingwagen meiner Eltern vor mich hin bin ich durch Europa gereist und fasste den Entschluss, mit dem Schreiben meine Brötchen zu verdienen. Heraus kam dann der erste Bestseller, weswegen Sie hier sind.
SPARGEL: Könnten Sie uns in die Entstehungsgeschichte Ihres ungewöhnlichen Werks einweihen, man schreibt ja nicht einfach einen Roman.
Rico M.: Eigentlich doch. Es ist schnell erzählt. Ich habe im November 2009 am National Novel Writing Month teilgenommen und gewonnen. Das gut hundert Seiten starke Manuskript musste ich nur noch geringfügig anpassen.
SPARGEL: Ein Roman in einem Monat, hört sich fast nach Werther’schen Dimensionen an. Goethe würde sich im Grab umdrehen. Wie haben Sie Ihren Schreibfluss aufrechterhalten?
Rico M.: Mit offenen Augen durch den Tag gehen, Banalitäten spiegeln und verfremden, den Kram täglich in drei Stunden zusammen tippen, Zack - fertig ist der Bestseller.
SPARGEL: Wo hatten Sie die besten Ideen?
Rico M. ringt um eine Antwort in Kehlmann’scher Tradition: Auf dem Klo. Dort sprudelte es aus mir heraus, dass können oder wollen Sie sich gar nicht ausmalen. Ich bin tagelang nicht mehr von dem Ding ‘runtergekommen und habe mein künstlerisches Schaffen dorthin verlegt. Auf dem, aber nicht für’s Lokus oder scheißen und schreiben ist einerlei, wie ich zu sagen pflege.
SPARGEL: Müssen wir uns merken. Wobei, manchmal ist es angenehmer, nicht alle künstlerischen Geheimnisse zu kennen. Den Rest behalten Sie bitte für sich.
Rico M.: Jungs, mit Euch macht es mir richtig Spaß. Wisst Ihr eigentlich, wie glücklich Ihr Euch schätzen dürft?
SPARGEL einhellig und in Vorfreude auf signierte Romanexemplare: Wieso?
Rico M.: Dies ist mein erstes Interview, in Absprache mit meiner Mutterm Agenten verweigere ich mich sonst allen Anfragen.
SPARGEL: Interessant, wie kommt es zu dieser, für einen jungen Autor wie Sie ungewöhnlichen Haltung?
Rico M.: Wissen Sie, zum Beispiel Bild-Interviews empfinde ich als Playboyauftritte für Männer, da will ich in eigener Sache lieber den Preis hochtreiben mache ich nicht mit. Künstlerische Emanzipation und so.
SPARGEL: Welch eine Ehre. Und was ist mit Kerner oder Gottschalk, gab es schon Anfragen (manchmal ist es schwer ernst zu bleiben, Anm. der Red.)?
Rico M.: Abgelehnt. Bei Kerner wird mir zu wenig Tacheles geredet, bei Gottschalk interessiert mich nur die Michelle. Ein knackiger Hüpfer. Sie liest allerdings nicht, wie mir ausgerichtet wurde, und findet Autoren unsexy.
SPARGEL: Sie waren ein Nobody. Unsere Leser interessiert, auf welche Weise Sie Ihr Manuskript an den Verlag brachten.
Rico M.: Ich hatte damals so’n Blog, den ich als geistige Müllhalde betrachtete. Einer der Verlagsfuzzis ist darauf gestoßen und hat mich angeschrieben. Sobald der Vertrag unterzeichnet war, habe ich den Blogmist sein lassen. (Die Seite heißt alltagsfantasien.de und liegt brach. Beim Lesen der Texte fragt man sich, ob das Manuskript von “Berufsmonotonie” aus Sonning Strauß’ Feder stammen konnte. Die Qualitätsunterschiede sind dramatisch, Anm. der Red.)
SPARGEL: Und weiterer Anstrengungen bedurfte es nicht?
Rico M.: Nö, lief von alleine. Genau wie das Schreiben.

Nachdem wir mit der letzten Frage den ersten*) unserer drei typischen Blöcke “der Mensch” abgearbeitet hatten, legten wir eine Pause ein, bevor wir uns “das Werk” und “die Zukunft” vornehmen wollten. Eine lockere Unterhaltung im Plauderton entwickelte sich jedoch nicht. Unser Interviewpartner verschwand mit dem Hinweis “habe einen guten Einfall und bin gleich wieder da” in Richtung der Toilette, wir blieben im kahlen Raum zurück. Wir prüften unsere Notizen, stimmten die Fragen für die beiden ausstehenden Teile ab und warteten. Die Viertelstunde der Höflichkeit verstrich und weitere fünf Minuten, bevor wir in den Flur gingen, um uns nach dem Befinden von Herrn Strauß zu erkundigen.
“Sorry Jungs, habe gerade einen kreativen Schub”, vernahmen wir von der Tür, hinter der wir das Örtchen vermuteten.
“Rico M., wie lange wird es denn dauern?”
“Kann ich nicht genau sagen. Wenn’s läuft, muss man es laufen lassen.”
Wir blickten uns an und schüttelten den Kopf.
“Könnt Ihr wieder kommen, morgen um dieselbe Zeit vielleicht?”
“Das wird schwierig, wir haben viele Termine.”
“Okay, dann demnächst vielleicht. Wir telefonieren.”
Arschloch Klar. Viel Erfolg für Sie in der Zwischenzeit.”
“Danke, Jungs. Zieht Ihr die Tür ins Schloss?”
“Ja, machen wir, Du Idiot. Tschüß Rico.”
Die auf dem Rückweg begonnene Diskussion setzten wir in der Redaktionskonferenz fort und entschieden, die gesammelten Antworten zu veröffentlichen. Unser Interviewpartner hatte sich im Vorfeld einverstanden erklärt. Falls Sie irgendwelche Fragen an unseren Interviewpartner haben, reichen Sie sie gerne bei uns ein.

Ihr SPARGEL-Team

*) Unsere drei Standardfragen zum Thema Frauen haben wir auf Wunsch von Rico M. ausgelassen. Er sagte, dass er nicht ständig mit diesem Thema niedere Instinkte ansprechen und punkten wolle. Wir waren uns einig, dass ein Mann mit seinem Erfolg entweder gehasst oder geliebt wurde. Nach dem Interview tippen wir auf Ersteres.

20. November 2009 Kommentare: 6

Rico M. (29.), Dichter und Kleinkrimineller, fällt nichts ein

An einem beliebigen Freitag erlebten die Bewohner einer Großstadt im Norden Deutschlands den Übergang vom Vormittag zur Mittagszeit. Frau Schneider, eine ältere Dame, die früher als Tagesmutter gearbeitet hatte und seit dem frühen Tod ihres Mannes alleine wohnte, stand am Herd und kochte sich eine Linsensuppe. Linsensuppe war eines der Leibgerichte ihres Mannes gewesen und gerne hätte sie ihm heute damit eine Freude bereitet. Hans, so hieß ihr verstorbener Gemahl, war mehr als drei Jahre tot und die Leib und Seele erschütternde Trauer war langsam einer stillen, sich in ihr Herz einnistenden Sehnsucht nach dem vertrauten Gefährten gewichen. Frau Schneider war dennoch gut gelaunt, da sich draußen ein schöner Herbsttag entfaltete und sie später mit Freundinnen zum Rommy spielen verabredet war. Freitag war Rommytag.

Derweil erwachte die Studentin Anna K. im Bett ihres WG-Zimmers. Ein stechender Schmerz in ihrem Kopf, der von den genossenen Getränken im Rahmen der gestrigen Party herrührte, zwang sie, sich möglichst wenig im Bett zu bewegen, an ein zügiges Aufstehen war gar nicht zu denken. Mit flackernden Augenlidern registrierte sie, wie hell es draußen war. Zu hell für jemand in ihrem lichtempfindlichen Zustand, dachte sie und döste ein.

Unterdessen schrie in einer anderen Wohnung ein Kleinkind nach Leibeskräften und vor Hunger, wie sich die besorgte Mutter einbildete. “Kriegst ja gleich ‘was, mein Kleiner”, sagte Miriam Schröder, während sie aus der Vorratskammer eine Flasche Kinderbrei hervorkramte. Mit einem Plopp-Geräusch öffnete sie die Flasche und ihr Kind beruhigte sich. Der kleine Jan thronte in seinem Kinderhochsitz, der in der Ecke am Tisch der großzügig geschnittenen Wohnküche stand, und blickte Brei und Mutter erwartungsvoll an. Er war ihr Sohn und altersgemäß weit davon entfernt, sich für die Frau in seiner Mutter zu interessieren. Andernfalls hätte er vielleicht nicht nur gierig den Mund aufgesperrt, um sich den ersten Löffel mit Brei einzuverleiben. Denn Miriam Schröder war eine um vielerlei Dinge besorgte und attraktive Frau. Neben dem Wohlergehen ihrer Lieben achtete sie sehr auf ihre Figur, den Sitz ihrer Haare und die passende Kleiderauswahl. Sie quälte sich in Aerobickursen, um die überflüssigen Pfunde der Schwangerschaft loszuwerden, ging regelmäßig shoppen und investierte viel Zeit in ihre Körperpflege. Sie verströmte eine frauliche Reife, die sich aus ihrem ansprechenden Aussehen, den in ihr pulsierenden mütterlichen Hormonen und ihrem Verständnis als selbstbewusste Frau von heute speiste. Kurz darauf war Jan gesättigt und schlief ein. Weil ihr Kind glücklich zu sein schien, war Miriam es auch. Nachmittags war sie mit ihrer Freundin Maria zum Kaffee verabredet und freute sich sowohl auf Maria als auch auf einen erfrischenden Spaziergang bei blauem Himmel und Sonnenschein.

In einer Dachkammer, durch die an stürmischen Tagen der Wind pfiff, und welche an regnerischen Tagen zu müffeln begann, hockte Sonning S. Rico M. an seinem zu kleinen und überladenen Schreibtisch. Zum Schutz vor den Sonnenstrahlen, die von der Feuerscheibe durch das Fenster geschickt wurden und jeden aufkeimenden Einfall wie ein lichtscheues Geschöpf vertrieben, hatte er die Jalousie heruntergelassen. In der Jalousie klaffte eine Lücke, welche von einem missglückten Reparaturversuch zeugte, als zwei Lamellen sich einander verhakt hatten und Rico zur Tat geschritten war. Der Lärm der viel befahrenen Straße, an der das Haus, in dem sich die neben der Dachkammer aus einer schmalen Küchenzeile und einem Miniaturbad bestehende Wohnung befand, lag, drang nur als schwaches Hintergrundrauschen an Ricos Ohr. Es herrschten ideale Bedingungen, um kreativ tätig zu werden, denn Rico war ein Dichter. Sicherlich kein Schöngeist im klassischen Sinne, der sich in jungen Jahren für die Zeilen der Meister begeistert, schrittweise vergeistigt und nach dem geisteswissenschaftlichen Genussstudium der schreibenden Zunft angeschlossen hatte, um sich in aller Ausführlichkeit mit Nichtigkeiten zu beschäftigen und alle paar Monate unglücklich in zu schöne und begehrte Frauen zu verlieben, doch Rico schrieb jetzt. Über sein Leben, seine bewegte Vergangenheit und für seine Zukunft.

Er hatte eher den inversen Ansatz gewählt, wobei wählen nicht die richtige Bezeichnung darstellte. Hineingeboren in prekäre Familienverhältnisse, die Mutter international anerkannte Opernsängerin, der Vater Filialleiter im Baumarkt und eine Sechs-Zimmer-Altbauwohnung in Hamburg-Eppendorf als Kompromiss des Hausfriedens, und mit einer abseits der Normen verlaufenen Kindheit und Jugend, trug er ein schweres Kreuz. Als Zehnjähriger ohne vorherige Verhaltensauffälligkeiten hatte er sich bei seinen ehemaligen Freunden einen Namen als Legolutscher gemacht, indem er vor den Augen der anderen die begehrtesten Modelle abschleckte und in seinen Besitz brachte. Ein Jahr später wollte er die erprobte Technik an Frau Schneider, der ihm von seinen stark eingespannten Eltern vorgesetzten Tagesmutter, verfeinern, erreichte jedoch außer einer feurig ausgeteilten Backpfeife und einem gellenden Schrei nichts. Nach einer Schelte seiner Mutter, O-Ton: “Kind, was hast Du Dir bloß gedacht? Sie ist Ende Fünfzig! So groß ist der Altersunterschied zwischen Papa und mir doch gar nicht.”, die in einer drastischen Kürzung seines Taschengelds gipfelte, dealte er auf dem Schulhof mit kleinen Wasserpistolen, die sich für feuchte Attacken im Unterricht eigneten, und mit Rico-spezial, von Bänken, Stühlen und Tischen abgekratzten Kaugummiresten, die er nach gründlichem Kauen in neues Papier einwickelte.

Irgendwann waren alle Mitschüler bewaffnet oder schriftlich von der Schule abgemahnt worden und Rico dachte um. Er schlug einigen Mitschülerinnen vor, Küsse für jeweils eine Mark zu verkaufen und ihm eine zehnprozentige Provision zu gewähren, falls er willige Jungen auftrieb. Leider lehnten sie alle ab und seine abgewandelte Idee, seine eigenen Küsse zu verkaufen, wurde nur von der dicken Claudia in Anspruch genommen, die ihn in einen Strauch auf dem Schulhof abdrängte. Das Gejohle der ganzen Klasse am nächsten Tag steigerte sich in den nächsten Wochen und kulminierte in einer kompromittierenden Zeichnung in der Schülerzeitung, in der nicht einmal die Namen der Protagonisten abgeändert waren. In dieser Phase zog sich Rico aus dem Klassenverband zurück in seine heile Welt zu Hause. Er flehte seine Mutter an, ihm Klavierunterricht zu ermöglichen und hoffte auf eine jüngere Lehrerin. Statt dessen fand sich ein Vollblutmusiker Mitte Vierzig mit zum Zopf gebundenen, strähnigen Haaren, der den Körperkontakt mit seinen Schülern suchte, und jeden Griff mit geführter Hand ständig wiederholen ließ. Das Martyrium endete, als er sich seiner Mutter anvertraute, und Abstand von seiner Musikerlaufbahn nahm.

Nun bedrängte ihn sein Vater, ob er nicht nach der Schule eine soliden kaufmännischen Beruf ergreifen wolle. Er könne ihm mit seinen guten Kontakten behilflich sein. Rico zögerte die Entscheidung heraus und verkroch sich in sein Kinderzimmer, welches mit Pop-CDs, VHS-Aufnahmen mit Action- und Erotikfilmen, Comics, Computerspielehüllen und zugehörigen Postern an den Wänden sowie den in Kartons aufbewahrten Legos vollgestopft war. In dunklen Stunden holte er die bunten Bausteine und Modelle hervor, um einschneidende Szenen aus den Comics und Computerspielen nachzustellen. Er war damals erst siebzehn. Dann ging seine Schulzeit mit einem Paukenschlag zu Ende, er schaffte das Abitur mit einem ordentlichen Schnitt und wurde zur Bundeswehr eingezogen. Bis an diese Stelle mag der Eindruck entstanden sein, dass er bereits schlimme Phasen in seinem Leben durchmachen musste, doch eine Steigerung ist für manche Menschen immer möglich.

Körperlich war Rico unscheinbar und in keiner guten Verfassung, was sich bei den Gewaltmärschen über zehn Kilometer, dem Überqueren der Hindernisbahn und beim Putzen der Stube am Ende eines harten Tages nachteilig auswirkte. Von den acht Wochen der Grundausbildung war er fünf Wochen lang krank (Erkältungen, Durchfall, Migräneanfälle und juckendes Ekzem im Genitalbereich) Eine Schleckattacke gegen einen Ausbilder, der ihn vor dem ganzen Zug ‘runtergemacht hatte, und vor Männlichkeit strotzte, wendete das Blatt. Rico wurde in zahlreichen Gesprächen psychologisch beurteilt und im Zuge einer diagnostizierten oral-kindlichen Störung nachträglich ausgemustert. Seine Mutter äußerte Verständnis, sein Vater insistierte noch vehementer, dass er nun eine kaufmännische Ausbildung beginnen solle. Beim Rückgriff auf seine Kontakte spiele dieser Vorfall bei der Bundeswehr keine Rolle. Rico verschanzte sich drei Monate lang in seinem Zimmer, nahm sporadisch am Familienleben teil und willigte schließlich ein. Innerhalb von drei Wochen organisierte sein Vater alles und Rico begann drei Wochen später seine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann in einem Baumarkt.

Der Kulturschock fiel geringer aus als bei der Bundeswehr, aber er hatte zu kämpfen. Der Umgang unter den Kollegen war ruppig, oft mussten schwere Holzstapel, Pakete, Möbelstücke und Werkzeuge durch die Gegend gewuchtet werden. Irgendjemand erfuhr von seiner Vorgeschichte und fortan nannten ihn seine Kollegen nur noch den Lutscher. Das sich Ricos Erfolg bei den Frauen abgesehen von der dicken Claudi und Frau Schneider in Grenzen hielt, überraschte nicht. Lernte er überhaupt eine Frau kennen, animierten Baumarktgeschichten sie schnell zum Wegrennen. Wäre Rico nicht schon einsam gewesen, wäre er spätestens jetzt vereinsamt. Die Verkaufszahlen im Baumarkt beeinflussten das Ansehen unter den Kollegen und die Bezahlung, der Lutscher machte seinem Namen keine Ehre. Es fluschte nicht und teilweise versteckten sich die Kunden vor ihm im Baumarkt, nachdem sie ihn ahnungslos und hilfesuchend angesprochen hatten. Trotzdem schloss Rico die Ausbildung irgendwie ab, woran sein Vater im Hintergrund mitwirkte, und kündigte von einem Tag auf den anderen, obwohl ihn der Filialleiter eine Stelle in der Sanitärabteilung anbot.

Es folgte ein Familienrat, man sprach sich aus und die Eltern zeigten sich einsichtig. Rico sollte bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr genügend finanzielle Unterstützung erhalten, um über die Runden zu kommen. Zehn Jahre waren aus der Sicht seiner Eltern ausreichend Zeit für die Selbstfindung. Rico stimmte zu, wobei ihm eigentlich eine Ausdehnung des Schutzraumes bis vierzig lieber gewesen wäre. Er war damals zwanzig Jahre alt, nicht hässlich und halbwegs wortgewandt. Die folgenden Jahre ließen sich mit einigen Stichpunkten zusammenfassen: Drei Wochen Surflehrer, sieben Jahre Animateur, in dessen Verlauf er mit Miriam Jan zeugte und viele andere, unverständliche Dinge tat, zwei Jahre bei Aldi an der Kasse, die durch ungewollte Begegnungen mit Frau Schneider aufgelockert wurden, die ihm mittlerweile wirklich alt vorkam und ihn zum Glück nicht erkannte, und seit knapp einem Jahr ein Studium der Ethnologie und Philosophie an der Uni Hamburg als Tarnung für sein heimliches Bestreben im letzten Jahr der elterlichen Subvention ein Dichter zu werden, das ihm gestern Abend die Bekanntschaft einer netten Studentin namens Anna beschert hatte.

Er blickte fassungslos auf die leeren Seiten, auf die er seit Stunden starrte. Rico fiel einfach nichts Gescheites ein.

13. November 2009 Kommentare: 6

Der Anruf meiner Mutter

Es geschah an einem regnerischen Tag in einem Hamburger Stadtviertel, welches vor und während des Krieges viele Arbeiterfamilien angezogen hatte. Sie profitierten davon, dass sich in der Nähe viele Betriebe der verarbeitenden Industrie befunden hatten und später davon, dass die Bomberschwärme der Alliierten ihre zerstörerische Kraft nicht auf die hiesigen Straßenzüge konzentriert hatten. Zwar drängten sich nach dem Zweiten Weltkrieg anfangs vielköpfige Familien in zu kleinen Zimmern und vor allem Bädern, die diese Bezeichnung kaum verdienten, doch bald entspannte sich die Wohnsituation. Nach harten Jahren, die von Armut, Hunger und einem kargen Leben geprägt waren, trieb die Pflanze, die später als das Deutsche Wirtschaftswunder klassifiziert werden sollte, sachte erste Blüten. Mit Blick auf die Bandbreite der pflanzlichen Erscheinungsformen, vom zarten Gänseblümchen auf der Frühlingswiese oder mit allen Mitteln bekämpftem Störenfried im geliebten Rasen über den knorrigen Apfelbaum im Garten, der jedes Jahr mehr Früchte zu tragen schien, und dem ich als Kind nach einer kleinen Klettertour einen gebrochenen Arm verdankte, bis hin zum uralten Urwaldgiganten, der die ihn umgebenden Organismen mit seinem Blätterdach wie ein gütiger Großvater gegen die unbarmherzig brennende Sonne abschirmte und dessen verarbeitete Brust nun mein Wohnzimmer als Tisch zierte, war sachtes Blühen vielleicht untertrieben, aber es klang so schön.

Auf jeden Fall bot die Wirtschaft mit der Zeit genügend Arbeitsplätze, damit aus arbeitslosen Arbeitern respektierte und viel beschäftigte Familienoberhäupter von Arbeiterfamilien werden konnten. Die meisten Familien prosperierten, das Stadtviertel gedieh, die Hansestadt wuchs, und alles hätte einen märchenhaften Verlauf nehmen können, an dessen Ende sich die ganze Republik in ein Arbeiterparadies verwandelt hätte. Leider neigte der Mensch nicht zu Gefühlsduselei und sozialer Utopie und findige Geister begannen, neue Verfahren zu entwickeln, die die Automatisierung der Arbeiterarbeit begünstigten. Maschinen ersetzten Menschen und ersetzte Menschen tranken mehr Bier als zuvor suchten sich neue Tätigkeitsfelder. Es kam in Mode, dass Menschen für andere Menschen, mit denen sie weder verheiratet noch verwandt waren, Dienste leisteten und dafür entlohnt wurden. Gelehrte Menschen, die recht selten Arbeiterfamilien entstammten, adelten diese Tätigkeitsfelder, die sie zum tertiären oder auch Dienstleistungssektor zusammenfassten, und indirekt über den sekundären Industriesektor stellten. Ganz unten verblieb natürlich die Landwirtschaft, aus der sich lange Zeit die wachsende Arbeiterschaft gespeist hatte. Deutschland wurde langsam zu einem von Dienstleistungen geprägten Land, zumindest auf dem geduldigen Gelehrtenpapier, denn in Geschäften empfand ich es oft anders, was sich auch in besagtem Stadtviertel niederschlug.

Arbeiterfamilien wandelten sich zu Dienstleistungsverbünden oder wichen in andere Viertel aus, die sich zu Enklaven der Arbeiterschaft entwickelten. Die frei werdenden Wohnungen füllten sich mit Studenten der nahen Universität, jungen Familien ohne Arbeiterhintergrund, Künstlern und Taugenichtsen sowie Anzugträgern, ihrerseits arm an Lebensalter, aber reich laut dem monatlichem Gehaltsauszug, die das Viertel grundlos liebten und sich allein über die Bäder empörten. Doch die Bäder blieben und die Menschen auch. Der Stadtteil war jetzt in und cool und die Bewohner dachten, sie seien es ebenfalls. Immer mehr Menschen dachten, sie seien cool, und müssten in einem angesagten Viertel wohnen oder sie hofften es zu werden, sobald sie entsprechend wohnten.

Ich selbst war vor zwei Jahren hergezogen und sehr glücklich darüber. Selbst an regnerischen Tagen wie heute freute ich mich über die Altbaufronten, die sich mir in den Straßen und beim Blick aus dem Fenster entgegen reckten. Ich war allerdings kein Hund, wenn man Fressverhalten und den animalischen Trieb einmal außen vor ließ, der sich mit Vorliebe in Pfützen, Bächen und Gräben wälzte, denn man bedenke allein, wie dramatisch sich Regen und Wind auf die Frisur auswirkten. Ich zog es daher vor, mich bis zum Beginn des Winters mit seiner Kälte und Klarheit in meiner Wohnung zu verschanzen, und dem täglich fallenden Regen nur durch’s Fenster zuzusehen. Bis auf das Bad, welches den Charme eines mittelalterliches Abortes versprühte, fühlte ich mich nämlich pudel sehr wohl in den von mir bewohnten Räumen.

An einem dieser grauen Novembertage saß ich also an meinem Schreibtisch und guckte die neueste Folge von “Bauer sucht Frau” recherchierte im Internet, um die Detailtreue meiner nächsten Szene, die ich in meinen Ein-Monats-Roman einbauen wollte, zu erhöhen. Auf einmal klingelte das Telefon und erinnerte mich daran, es in Zukunft auszuschalten, damit es mich nicht ständig von meiner Arbeit abhielt. Ich starrte einige Sekunden auf den Bildschirm, während das Klingeln im Hintergrund anschwoll, sprang dann doch auf, um den Anruf anzunehmen. An der übermittelten Nummer erkannte ich, dass es meine Mutter war:

“Hallo Mama”
“Hallo mein Kind - ich wollte nur wissen, wie es Dir geht”
“Danke gut, ich komme mit der Arbeit voran”
“Kommst Du mit Deiner Recherche voran”
“Ja Mama, wie gesagt tue ich das. Ich habe alle alten Folgen von “Bauer sucht Frau”, “Das perfekte Dinner” und “Die Supernanny” gesehen interessante Artikel und Studien aufgetrieben und muss jetzt nur jeweils die aktuelle Entwicklung verfolgen.”, sagte ich und hatte mich unterdessen wieder an meinen Schreibtisch begeben. Ich rief zum elften Mal die neuesten Schlagzeilen von spiegel-online auf.
“Schön, dass freut mich. Mir geht es auch gut. Meine Erkältung ist weg.”
“Schön, dass freut mich”
“Schön”
“Wie war das, startest Du nicht bald in den Winterurlaub?”
“Ja, Du hast Recht. In zwei Wochen geht es los und ich freue mich schon. Es könnte noch kälter sein, aber die Vorhersagen sind gut”
“Schön, dass freut mich”
“Schön, mich auch”
“Wie war das jetzt mit Weihnachten - hast Du einen Wunsch?”
“Muss ich mir überlegen, ich sage Dir dann Bescheid”
“Schön, dass würde mich freuen”
“Und Du willst wieder Geld haben?”
“Ja, dass wäre schön und darüber würde ich mich freuen”
“Schön. Hast Du eigentlich schon die Winterreifen aufziehen lassen, es kann jetzt ja jeden Tag den ersten Wintereinbruch geben?”
“Nein, noch nicht. Ich kümmere mich aber bald darum. Danke schön, freut mich, dass Du mich darauf hinweist”, sagte ich, während ich mich in Richtung meiner Küche aufmachte, um mir einen Joghurt aus dem Kühlschrank zu holen.
“Nicht, dass Dir etwas passiert - das wäre nicht schön”
“Stimmt, Unfälle bei Eis und Glätte sind eher unschön”
“Hast Du in letzter Zeit eigentlich ‘mal wieder eine nette Frau kennengelernt? Es wäre so schön, jemand an Deiner Seite zu sehen”
“Leider nicht. Die wenigen, die mir über den Weg laufen, sind entweder dumm oder nicht schön anzuschauen hässlich”
“Das wird schon”
“Jaja”
“Bei Deinem Vater und mir hat es damals auch lange gedauert, wie Du weißt…”, hob sie an, während ich kurz mit dem Gedanken spielte, mich auf die Toilette zu begeben und dem Harndrang zu gehorchen, doch ich beherrschte mich.
“…und dann auf einmal konnte man sich gar nicht mehr vorstellen, wie es ohne den anderen war.”
“Freut mich wirklich, dass Ihr Euch damals gefunden habt, Mama. Du, lass uns ein anderes Mal länger telefonieren - ich will weiterarbeiten”
“Na schön, mein Kind. Es war schön, Deine Stimme zu hören. Viel Erfolg, Tschüßi!”
“Danke, Tschüß Mama”, sagte ich. Meine Mutter und ich hatten einfach ein sehr gutes Verhältnis und wir konnten über alles reden. Freudig rieb ich mir die Hände, als ich mich an den Rechner setzte, und mit meiner Recherche fortfuhr…

5. November 2009 Kommentare: 4

Fast alltäglicher Wahnsinn

Nähmen wir einmal an, dass einige Kinder kurze Geschichten verfassten und dann, ob nun aus Liebe oder wahrer Wertschätzung, von ihrer Mutter für diese Zeilen gelobt wurden. Vielleicht begaben sich auch schicksalshafte Begegnungen mit mit dem Deutschunterricht betrauten Lehrkräften die zwischen dem Werther und Grammatikübungen freiere Passagen einschoben, und nicht müde wurden, die niedergeschriebenen Texte einiger Schüler zu loben, die bereits eine erfolgreiche Vergangenheit als Kinderdichter aufwiesen. Manch einer fügte im frühen Erwachsenenalter Wort um Wort in gereimten Versen zusammen und vernahm ein mit zwei zugedrückten Augen hervor gepresstes “Das hast Du aber schön geschrieben!”. Wieder andere warfen sich nächtelang hin und her, grübelten am hellichten Tage vor sich hin und schenkten den sie umgebenden Menschen kaum Beachtung, bis sie ihren Entschluss verkündeten.

Zögen wir also Parallelen zwischen den erwähnten, sehr unterschiedlichen Menschen, dann könnte der Eindruck entstehen, dass sie sich für Schriftbegabte hielten und weil es erhabener klang als Schriftsteller bezeichneten.

Gingen wir nun davon aus, dass findige und in ihrem Leben nicht mit den obigen Erfolgserlebnissen bedachte Geister vor längerer Zeit Maschinen ersonnen hätten, die die Darstellung und Speicherung in beliebiger Reihenfolge zusammen gewürfelter Schriftzeichen und Symbole erlaubten. Fügten wir die kühne These von der durch eine dritte Gruppe von Menschen mit einer abweichenden Lebensprägung geschaffene Möglichkeit der Vernetzung der mittlerweile weiter verbreiteten Maschinen hinzu und räumten wir einigen nicht herausragend begabten, aber leidlich talentierten Angehörigen der ersten Gruppe Zugriff auf diesen verknüpften Maschinenbund ein, so ergäbe sich ein Riesenschlamassel an der Grenze zur Unverständlichkeit und Überflüssigkeit wie an rund 90 % der Inhalte dieser Seite deutlich wird Raum für schriftliche und miteinander über Ländergrenzen austauschbare Ausschweifungen und Fehltritte in Textform.

Käme schließlich einer der nur durchschnittlich schreibbegabten, aber organisationsfreudigen, sprachfähigen, aber nur des englischen mächtigen Nutzer der ersten Gruppe auf die Idee, einen Monat des Jahres viel Zeit mit dem getippten Geschichten erzählen zu verschwendenbringen, dabei wenig bis gar nichts zu planen und sich mit der Quantität bar jeder Qualität zu schmücken, so böte sich die Bezeichnung des Ganzen als “National Novel Writing Month” an. Und genau bei diesem absurden, auf 50.000 Wörtern beschränkten, plotfreien und für den November angesetzten Wahnsinn mache ich jetzt mit. Der erste Teil meines Einleitungskapitels füllt die Kategorie Romanfortschritt.

5. November 2009 Kommentare: 2

Ein Monat = ein Roman

Der Anfang einer Novelle ohne Plan und Veröffentlichungsabsicht, allein dem “National Novel Writing Month” geschuldet:

Unser Blick fällt auf einen Flur, der als ein unbeschriebenes Blatt im räumlichen Sinne dienen soll. Ein gräuliches Etwas, welches sich bis zum Ende des Blickhorizonts erstreckte, der wiederum nach 100 Schritt ein jähes Ende an einer nicht minder grauen Wand fand. Einige Türen, natürlich geschlossen und in einem etwas dunklerem Grauton gehalten, der sich nur unwesentlich von der Boden- und Wandfarbe unterschied, waren zu erkennen und bei angestrengterem Hinsehen zeigten sich einige Bilder, die halbwegs gerade an den Wänden zwischen den Türen angebracht waren. Bei den Bildern handelte es sich um unspektakuläre Werke unbekannter, dass heißt nein, nur der Allgemeinheit und in der Kunst bewanderteren Geistern nicht bekannter Menschen, die gelegentlich und auch für ihre Freunde oder Verwandten sichtbar mit Farben, Stiften und Materialien arbeiteten, um Ereignisse zu reflektieren, Gefühle auf die Leinwand zu bannen und vielleicht sogar Betrachtern eine Freude zu bereiten.

Ein Bild zeigte die unverkennbare Handschrift eines Kleinkindes, welches eine weiße Fläche mit den zur Verfügung stehenden, also in Extremitätenreichweite des Kleinkindes befindlichen Stiften bemalt und sich noch keinem bildlichen Zwang unterworfen hatte. Linien in roter, blauer, grüner, gelber und schwarzer Farbe umschlangen sich eng wie ein frisch verliebtes Paar, das nicht voneinander lassen kann, und trennten sich dann nach einer Weile, in der die Leidenschaft verglüht gewesen sein könnte, und die hier durch einige verschlungene Zentimeter ihren Ausdruck durch die Hand des kindlichen Künstlers fand, der von diesen Dingen wenig gewusst haben dürfte, falls er oder sie nicht die leibliche Frucht einer solchen Weile war. Die in der rechten unteren Ecke prangenden Initialen kündeten davon wenig und so striff unser Blick weiter, glitt an einer der Türen vorbei und verharrte auf dem nächsten Bild, dessen eine Hälfte in ein Meerwasser in tropischen Gefilden gebührendes Blau und dessen andere Hälfte von einst farbhaltigem Wasser in das braun-grün eines im Hochsommer wie jedes Jahr umkippenden Teiches in einem Stadtpark getaucht worden war, an dem die Spaziergänger, stoisch und hinter vorgehaltener Hand über die Hässlichkeit der sich hier manifestierenden Natur wetternd, entlang flanierten.

Doch riss man sich von diesem Werk los und ignorierte die anderen, im Flur verstreuten Bilder, so offenbarte sich noch immer nicht, ob man sich gerade im Flur eines Krankenhauses, dessen abgelegener Trakt nicht ständig die Frage zwischen Tod und Leben mit beantworten musste, am für Besucher nicht geöffneten Freitag Nachmittag in der dritten Etage des Rathauses einer Stadt mit einer Einwohnerzahl irgendwo zwischen Elmshorn und Berlin oder im fünften und letzten Stock eines Altenheimes, dass die größten und komfortabelsten Wohnungen für die Bewohner in der Endetage bereit hielt, befand. An die Ohren drang ein zaghafter Laut, dem man nachspüren konnte, wenn man sich von einer zur nächsten Tür huschend durch den Flur bewegte und immer wieder kurz inne hielt, um den eigenen Gehgeräuschen nachzuhorchen, bis sie verklungen waren, und den vertrauten Ton erneut zu vernehmen. Ein leises Qietschen eroberte sich Stück für Stück die volle Breite und Länge des Flures wie ein langgezogener Laut, der ein einsames Tal zu erfüllen vermag. Wurden hinter den Türen Patienten von besorgten, in einer nach ersten Anlaufschwierigkeiten gewinnbringend laufenden Gemeinschaftspraxis organisierten Zahnärzten behandelt, die ihren Dienst an den Mündern der Nation behutsam und bestimmt verrichteten, hatten sich mehrere Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Begabung und Herkunft in den ihnen zugewiesenen Klassenräumen versammelt und lauschten den Ausführungen ihrer nicht mehr mit Kreide auf grünen oder dunkelbraunen Tafeln schreibenden, sondern mit Stiften sowie zugehörigen White Boards ausgerüsteten Lehrkräfte oder verrichteten Angestellte eines von der Wirtschaftskrise gebeutelten, dennoch laut dem seit vielen Jahren tätigem Management mit hervorragenden Zukunftsaussichten versehenem Unternehmen aus der Finanzdienstleistungsbranche unaufgeregt ihre Verwaltungsarbeit?

Boden, Wände, Türen und Bilder schienen keinen Geruch zu verströmen, der auf irgendetwas hätte hindeuten können, unter den Türen krochen keine Düfte hervor, die auf Tätigkeiten zur Erhaltung oder Verbesserung des Lebens von Pflanzen, Tieren oder Menschen hindeuteten. Dieser Organismus gewordene Nicht-Raum, denn Flure wurden im allgemeinen nicht als Räume betrachtet, sobald findige Immobilienmakler mitmischten und vornehmlich im privaten Bereich hingegen schon, bewegte sich nicht und roch nicht, er war einfach da. Ein in der Ableitung und Assoziation erfahrener Mensch hätte jedoch ausschließen können, dass es sich um Privatwohnungen in einem gute Lebensqualität bietenden, aber nicht begeisterndem Mehrfamilien- oder Hochhaus handelte, da sich die auf die Markierung des einzelnen Reiches bedachten Menschen entsprechende Namenschilder und Verzierungen an den Türen aufgehängt hätten, und über die Anbringung von Klingeln wäre wohl ebenfalls nachgedacht worden. Bei aller Bedachtheit auf das in guter Nachbarschaft miteinander Auskommen, wäre nach spätestens sechs Monaten der erste Streit über das ein oder andere störende Bild entbrannt, welches doch bitte wo anders hängen solle. Aufgrund der Verschiedenheit der Menschen wäre eine alle Anwohnerparteien zufrieden stellende Bildaufhängungsordnung wohl unverhandelbar gewesen und ihr Fehlen hätte in nächtlichen Bildtauschaktionen gemündet, bei denen es freilich nicht geblieben wäre. Die beinahe biblische Frage, wer denn ohne Abstimmung das erste Bild umgehängt habe, hatte in anderen Fällen auf einem Eskalationspfad über verschiedene verbale und Gewaltausbrüche schon zu Mord und Totschlag geführt.

Nein, hier wohnten, geschweige denn lebten keine Menschen. Das am Rande des klinischen Todes anzusiedelnde Leben des Flurwesens schien sich aus blanker Not in der Einsamkeit eingerichtet und ein für den sensiblen Besucher spürbares Interesse an der Fortexistenz dieses Zustands entwickelt zu haben. Gerade wollten wir dem Flur diesen ersten, letzten und einzigen Gefallen tun, als sich eine der Türen öffnete und ein Mensch heraustrat. Er trug eine dunkle Stoffhose, deren Bund auf schwarzen Lederschuhen aufsaß und knapp oberhalb des Gürtels über einem eingesteckten Hemd endete. Entweder war die Frau an seiner Seite führend in den das Paar betreffenden Modefragen und hatte ihrem Liebsten diese Kleidungsstücke als dem Umständen entsprechend anempfohlen oder der Mann, der Mensch war nämlich männlichen Geschlechts, legte allenfalls halbwegs Wert auf Kleidung. Die Stoffhose hätte etwas enger am Gesäß sitzen können, das Hemd schlackerte ein wenig auf der Brust und die Füße konnten sich in ihrem Territorium recht frei bewegen. Wie dem auch sei, der Mann hieß Jonas und schenkte dem Flur keine Beachtung, mit schnellen Schritten überwand er die Entfernung zur Stirnseite des Flures und wir heften uns für eine Weile an seine Fersen…