Gehören Festnetztelefone im Zuge des technischen Fortschritts zu den rein digitalen Kommunikationsmitteln? Fallen Sie damit in den Bereich der Medien und Techniken, mit denen ich mich beschäftigen müsste, um mein Schlagwort der digitalen Verwahrlosung fassbarer zu machen? Keine Ahnung, aber der Apparat klingelte. Er riss mich aus einer Phase der Konzentration. Konzentration auf entscheidende Fragen des Lebens, die sich jeder Mann beizeiten stellen sollte: Wollte ich Vater werden? Verbesserte die Benutzung eines Pseudonyms meine beruflichen Erfolgschancen? Oder plastischer: Stach Rico M.? War es als Dichter möglich, monogam zu leben? Lieber eine Katze als einen Hund im Haus? Nicht dass ich die Anschaffung eines befellten Gefährten plante.
Meine Konzentration war dahin und ich ging ans Telefon. Eine Stimme, männlich, höher als meinen Ohren angenehm, mit rheinländischem Zungenschlag, stellte den zur Stimme gehörenden Mann nebst dem Unternehmen, für das der Mann arbeitete, vor. Die Namen spielten keine Rolle. Die anschließende Frage schon. Der Fremdling unterbreitete mir das Angebot, anlässlich eines Dichtercastingauswahlgesprächs ins Rheinland zu reisen. Mir widerstrebte dieses Angebot, weil mir an exklusiveren Veranstaltungen gelegen war. Er führte ins Feld, wie viel Zeit in die Gestaltung des Rahmenbespaßungsprogramms geflossen sei und traf bei mir einen Nerv. Worthülsen, die man mit seiner Phantasie füllte, machten mich neugierig und ich begann, mich mit der Idee einer ersten Lesereise anzufreunden. Arglos wie ich war, plapperte ich am Telefon meine Adressdaten aus und versprach, von dem mir zuzusendenden Fahrschein Gebrauch zu machen.
Zwei Tage später war ich mit der Beantwortung der Fragen, die mich beständig quälten, kaum weiter gekommen und fand in meinem Briefkasten einen Fahrschein. Eine Hinfahrt von Hamburg nach Düsseldorf. Die Rheinmetropole Düsseldorf war mir als Herzenskölner - ein denkwürdiges, mit den Stichpunkten Karneval, Alkohol und Bekanntschaften umreißbares Wochenende in der anderen Rheinmetropole hatte meine Herzensbildung enorm beschleunigt - nicht unbekannt und eignete sich für mein dichterisches Debüt ebenso gut wie Delmenhorst. Von dem fehlenden Rückfahrtschein ließ ich mich nicht irritieren, wahrscheinlich war die freundliche Bürokauffrau, die sich um die Buchungen kümmerte, mit den Hinfahrten der Dichter zu beschäftigt gewesen, um sich schon um meine Rückfahrt sorgen zu können.
Dem der Fahrkarte beiliegenden Handzettel entnahm ich, dass man mich am Hauptbahnhof empfinge und für alles gesorgt sei. Die verbleibenden Tage nutzte ich, um einige Gedichte vorzubereiten, die mir als Pfund beim lyrischen Kräftemessen dienten. Zusätzlich packte ich eine pikante Kurzgeschichte ein, für die ich mich auch beim zehnten Lesen selbst beglückwünschte. Wo diese Worte aufblitzten, bliebe kein Raum und Ruhm für meine Konkurrenten, seien sie auch sehr begabt. Demut war eine wichtige Grundeinstellung für Dichter. Demütig belud ich dementsprechend eine kleine Tasche mit Wechselunterwäsche und meinem Kulturbeutel, da ich meine Rückkehr nach einer Übernachtung erwartete. Am Tag meiner Abreise brach das Wetter in Hamburg ein und ich fröstelte beim Verlassen des Hauses. Vielleicht täuschte mir mein Körper den Temperatursturz nur vor, weil ich in der Nacht schlechter als üblich geschlafen hatte. Von Aufregung konnte allerdings keine Rede sein, dieses Gefühl kannte ich nicht.
Verspätungen auf dem Weg zur Bushaltestelle (Hundehaufen), Verspätungen während der Busfahrt (Baustellen) und Verspätungen während der Bahnfahrt (Robert Enke - Imitatoren Deutsche Bahn) summierten sich zu einer Stunde. Prinzipiell fühlte ich mich als Passagier in einem der geräumigen Wagons so weit vom Alltag entrückt, dass die Zeit ihre Bedeutung verlor. Stunden verstriffenstreiften, Menschen lasen, schliefen, aßen, tranken, gingen umher, setzten sich, hörten Musik, unterhielten sich, schwiegen, starben und die Dame neben mir telefonierte. Mehrfach rief sie jemand an, der Hermann hieß, und den sie eigentlich nicht sprechen wollte: “Hermann?” - “Ne, da hab’ ich mich verwählt, wollte die Rosi sprechen.” - “Ich sitze im Zug nach Düsseldorf und wir haben eine Stunde Verspätung. Mach es gut!”. Fünf Minuten später: “Hermann?” - … Wäre ich ein gehässiger Schreiberling, ließe ich diese Episode in eine meiner nächsten Geschichten einfließen.
Am Düsseldorfer Hauptbahnhof angekommen, stieg ich aus und begab mich zum vorderen Ausgang. Ein weitläufiger Platz, auf dem eine Imbissbude stand, die reichlich Würste abverkaufte und von einer Menschentraube umringt war, rollte sich vor mir aus. Menschen allen Alters, Aussehens und Geschlechts betraten und verließen das Bahnhofsgebäude, zogen Koffer hinter sich her, trugen scheinbar schwere Taschen nah an ihrem Körper und orientierten sich mit hektischen Blicken. Mobiltelefone ruhten an geröteten Ohren und hinter mir vernahm ich ein letztes Mal “Hermann?” - … Ich sah mich nach einem Banner um, auf dem mein Name geschrieben war. Andere Hinweise auf mein Empfangskomitee waren mir ähnlich lieb gewesen. Ich wich an den Rand des Menschenstroms aus, der sich auf den Vorplatz und in die Eingangshalle des Bahnhofs ergoss.
Ein beißender Geruch drang in meine Nase und ein brüchige Stimme sagte zu mir “Haste mal zwei Euro?”. Ein Penner hatte sich an mich herangepirscht und hielt mir flehend seine Hände entgegen. In meinem alten Leben hätte ich ihn ob seiner Frechheit zurecht gewiesen, nun antwortete ich, dass ich kein Mann des schnöden Mammons mehr sei und als Dichter etwas für seinen Geist täte. Sein meckerndes, von Hustenkrämpfen unterbrochenes Lachen und den wiederholten Ausruf, dass ich als Dichter eine noch ärmere Sau als er sei, verklang erst, als ich mich fünfzig Schritt an den Rand des Vorplatzes entfernt hatte. Dort hatten sich drei Anhänger der Free Hugs - Bewegung versammelt, die ähnlich streng wie der Penner rochen, und verzweifelt Menschen suchten, die nach Umarmungen dürsteten. Ich fühlte mich alleine und ließ mich minutenlang drücken, bis fremde Passanten mir missgünstige Blicke zuwarfen. Ich bedankte mich bei meinen Wohltätern und ging zum Taxistand. Ich fragte einen Fahrer, der mir bis zur Schulter reichte und einen Migrationshintergrund zu besitzen schien, ob jemand auf einen Dichter wartete. Daraufhin lachte er mich an, antwortete nein, auf Dichter und andere Zechpreller wartete für gewöhnlich niemand, doch einer seiner Kollegen hörte meine Worte, sprang herbei und gab sich als instruierte Nachhut meines vor knapp einer Stunde abgezogenen Empfangskomitees zu erkennen.
Während der Fahrt fragte ich den Mann am Steuer, was aus seiner Sicht besonders sehenswert in dieser Stadt sei. Er sagte:
“Nichts, Düsseldorf ist überflüssig.”
“Guter Mann, ziehen Sie mit ihr nicht ein wenig hart ins Gericht?”
“Nein, diese Stadt nimmt sich zu wichtig. Die Düsseldorfer sind arrogant und haben es nicht drauf.”
“Warum arbeiten Sie hier, wenn es so unerträglich ist?”
“Düsseldorfer haben mehr Kohle, aber ich bin eingefleischter Kölner.”
Ich wurde hellhörig, verbargen sich in Düsseldorfs Altbauzügen und wohligen Vororten die Käuferscharen, die ich dereinst benötigte? Ich ließ mir nichts anmerken und schmeichelte dem Taxifahrer:
“Ich kann Sie verstehen, ich bin Herzenskölner und rein beruflich in Düsseldorf unterwegs.”
“Bitte was?”
“Naja, wissen Sie, mein Herz schlägt eher für Köln, aber ich muss hier arbeiten.”
“Ach so, wie ich also.”
“Fast. Und wenn ich schon vor Ort bin, will ich mir ein paar Sachen ansehen. Wohin fahren Sie denn die Düsseldorfer?”
“Die Möchtegerns und richtig reichen Säcke gehen zum Einkaufen auf die Kö. Die Einheimischen und das Fußvolk betrinkt sich in den Gassen der Altstadt. Und die Jüngeren und Neureichen wollen in den Medienhafen.”
“Wo fahren Sie mich hin?”
“Medienhafen”
“Wunderbar, passt.”
Ehe wir uns nachhaltig anfreundeten, endete unser Moment der motorisierten Zweisamkeit. Ich dankte ihm für seinen Dienst und nun begann die aufregende Zeit in Düsseldorf. Mir gelang es im Nachhinein, als ich wieder in meiner zugigen Hamburger Kammer saß und das Leben in alle meine Glieder zurückgekehrt war, die bewegendsten Augenblicke in Thesen zusammenzufassen:
Düsseldorfer mögen’s heiß Körperkontakt und Rudelveranstaltungen
Hundert Dichterinnen und Dichter waren angereist, eine gute Quote bei fünfzig Geladenen. Seit meiner Kindheit hatte ich Probleme, mir die Namen Fremder zu merken und verzichtete darauf, mich der Konkurrenz vorzustellen oder einige Namen zu lernen. Nach dem Vortrag meiner Werke würden sie mich kennen und ich merkte mir dann die Namen der gefährlichsten Gegner. Zu meiner Enttäuschung fand sich keine Dame in meinem Alter unter der lyrischen Schar. Mittlerweile war es Nachmittag und man teilte uns mit, dass heute Abend der Besuch einer Szenebar anstand. Die Unterkunft war in einer außerhalb gelegenen Jugendherberge vorgesehen, aufgrund des Dichteransturms hätten wir uns mit zwei Fünfziger Schlafsälen zu begnügen. Sodann begann der Taxikreisel, das heißt der waschechte Kölner und einer seiner Kollegen rotierten mit ihren Fahrzeugen stundenlang zwischen dem Medienhafen und unser Unterkunft, um uns alle von M nach U zu kutschieren, damit wir uns einrichten und den Kajal nachziehen konnten. Zu viert zwängten wir uns in die Autos und ich wunderte mich, wie viel Fett und Gepäck andere Dichter mit sich führten, es wurde eng.
Kaum waren die Verteilungskämpfe um die Betten überstanden, wurden wir zurück in den Medienhafen befördert, in dem sich die Szenebar namens Milchbar befand. Hier wurde in den Abendstunden schamlos Milch ausgeschenkt und manchmal auch Alkohol. Ich errang meinen ersten Triumph, als ich mich effektvoll von meinen Begleitern distanzierte “Ich kenne die nicht, ich weiß nicht einmal deren Namen!” und von den Türstehern eingelassen wurde. Rund siebenundneunzig meiner MitlyrikerInnen gelang dies nicht und so zwängte ich mich unentdeckt in diesen gläsernen Vogelkäfig, der über dem Hafenbecken hing und die Nachtschwärmer anzog. Durchtrainierte Frauen und muskulöse Männer schüchterten mich mit ihrer körperlichen Präsenz und Blicken ein, so dass ich mich an fremden Rücken, Bäuchen und Brüsten entlang zur nördlichen Wand des Clubs schieben ließ. Zwischendurch holte ich mir eine Milch, die länger haltbar und lauwarm war. Das Schlürfen lauwarmer Milch mit vor lauter Enge an den Körper gepressten Armen galt in Düsseldorf wohl als ordentlich auf den Putz hauen. Ich sprach drei Besucher dieser illustren Bar an, doch sie gingen nicht auf mich ein. Entweder lag es an der extrem laut hämmernden Musik oder meiner Eröffnung “Ich bin Rico, ein Dichter aus dem Norden, und wer bist Du?”. Nach drei Stunden und fünf Gläsern Milch quetschte ich mich nass geschwitzt und unkontrolliert aufstoßend nach draußen. Dort wartete mein Kölner Freund auf mich und brachte mich in die Unterkunft. Drei Mal rebellierte mein Milchbauch auf der Fahrt beinahe. Die Unruhe im Schlafsaal legte sich nach einigen Unmutsbekundungen, die auf das Einschalten des Lichtes und ein leichtes Würgen meinerseits folgten. Die Temperatur im Saal und in der Milchbar waren vergleichbar und ich schlief den Schlaf des gerechten Dichters.
Düsseldorfer sind ausgesprochen modebewusst
Es fiel wirklich auf. Wohin das Auge reichte, bewegten sich gut gekleidete Menschen mit einer Selbstverständlichkeit durch die Straßen, die ansteckte. War Mode ein Schulfach und hatte in Düsseldorf Deutsch ersetzt? Zwischen Optik und Akustik lagen Welten. Die flanierenden Menschen ansehen - ja! Mit den Menschen ins Gespräch kommen - nun ja… Während einer Busfahrt, deren Entstehungsgeschichte ich verschweigen möchte, belauschte ich unabsichtlich ein Gespräch zwischen zwei jungen Düsseldorfern. Einem er und einer sie. Er hatte langes, schwarzes und wuscheliges Haar, trug einen dunklen Mantel und eine schwarz-weiße Leggings, die in groben Bundeswehrstiefeln endete. Er redete von sich als “Junge” und sprach mit einem samtenen Klang in der Stimme, der mir einen bestimmten Schluss nahe legte. Sie hingegen hatte einen roten Mantel, eine schön eng sitzende blaue Jeans und dunkelbraune Lederstiefel angelegt. Der Junge studierte anscheinend, besaß umtriebige Freunde und echauffierte sich über die modischen Sünden seiner KommilitonInnen. Die junge Frau pflichtete ihm bei und benutzte vulgäreres Vokabular, welches ich nicht aufgreifen wollte. Elektrisiert stieg ich aus und suchte den Vormittag nach einer entsprechenden Leggings für den Mann, erntete jedoch mitleidige Blicke der Verkäuferinnen und Verkäufer, denen ich durchaus regelmäßige Milchbarbesuche unterstellte.
Jeder dritte Düsseldorfer ist ein Agent
An einem Nachmittag gelangten andere Dichter und ich mit dem Taxikreisel in das Foyer eines Hotels. Leder und Marmor satt für das Auge. Wuchtige Möbel standen auf Teppichen, kleine Beistelltischchen bogen sich unter bauchigen Tassen und Kannen, denen Dampf entstieg. Sessel, Garnituren und Tischchen formten Sitzgruppen, die zum Verweilen einluden. Araber, Geschäftsleute, teuer gekleidete Frauen gut verdienender Männer, ein Hund mit grau-braunem Fell und emanzipierte und erfolgreiche Frauen durchschritten das Foyer. Der Hauch der Weltläufigkeit wehte in der Halle und gierig sog ich ihn in mich auf. Die Szenarie war bereitet für eine der Schlüsselszenen eines packenden Kriminalromans. Wir kannten unseren Auftrag und waren entschlossen, ihn ohne Rücksicht auf Verluste auszuführen. Wir, die Neuankömmlinge, schwärmten aus und mischten uns unter die Menschen. Je ein Dichter setzte sich in eine Sitzgruppe und es begann, das Agentenspeeddating. Die Agenten fügten sich ins Bild. Vom liebenden Familienvater mit zwei Kindern und Doppelhaushälfte über die eiskalte verhinderte Feuilletonistin und Kritikerin, die ihre Ersatzbeschäftigung mit derselben chirurgischen Präzision verfolgte, bis hin zum gesetzten Herrn Typ gütiger Großvater, der interessantere Geschichten als die meisten Dichter zu erzählen wusste, gab es genug zu entdecken. Ich brillierte ihm Gespräch, hofierte, provozierte, ignorierte und verkomplizierte mich, den anderen, meine Arbeit und das Leben. Kein Literaturagent biss an.
Düsseldorf ist fest in russischer Hand
In meiner Kindheit fürchtete ich mich immer vor Totenköpfen, mittlerweile hatte es sich zweifach ins Gegenteil verkehrt. Schädel faszinierten mich. Besonders Schädel mit hochstehenden Wangenknochen. Wenn man sich intensiver mit Schädelformen am lebenden Objekt beschäftigte, wurde deutlich, wie unterschiedlich die Knochen in der jüngeren Evolutionsgeschichte gewachsen waren. Zum Beispiel übten slawische Wangenknochen eine Anziehungskraft auf, die ich mit meinem Dichterverstand nicht ergründen konnte. In Düsseldorf vermutete ich bei vielen Menschen, die ich anonym in der Straßenbahn, in Lokalitäten oder Geschäften traf, slawische Wurzeln anhand ihrer Schädelformen. Entsprechend erfreut war ich, als man uns verkündete, dass landestypische Abende geplant waren. Alle verbliebenen Dichter, denn unterdessen waren zehn Kollegen abgereist oder verschwunden, traten zur Verlosung an und dümmlich grinsend griff ich in den zerfransten Hut, der die Lose beherbergte. Ich beförderte einen Zettel ans künstliche Licht, auf dem Italien stand. Begeisterung sah anders aus. Weinend sank ich auf die Knie und beklagte, dass meine Eltern damals an einer Salmonellenvergiftung in der Toscana gestorben waren und mich das Trauma immer wieder einholte Mit viel Überredungskunst tauschte ich mit einem Italienliebhaber, der seinen Russlandzettel abschätzig in die Höhe reckte. Wo wir gerade dabei waren, vereinbarten wir, uns zusätzlich mit Kleidung auszuhelfen. Mein eines Hemd, welches ich über mehrere Tage arg strapaziert hatte, ging an ihn und statt dessen lieh er mir einen warmen Norwegerpullover. Auf dem Weg zur Adresse, die man mir mitgeteilt hatte, verjagte ich einen Hund von einem Baum am Strassenrand und riss die Blüten aus, auf denen er sein Geschäft verrichten wollte. Der Strauß hätte üppiger sein können, doch die Geste zählte. Die zwei mich begleitenden Dichter schwiegen sich über diesen Vorfall aus.
Der russische Abend war im fünfzehnten Stock eines Hochhauses angesetzt. Auf den Treppenhauswänden prangten Graffitis, das Geländer war von Riesenkräften verbogen worden und Kinder mit hartem osteuropäischen Akzent spielten eine gewalttätigere Tickenvariante im Treppenhaus, als wir ankamen. Die Begrüßung war herzlich. Der Hausherr, ein bulliger Mann Anfang Sechzig, der die grauen Haare zum Zopf gebunden hatte, und seine Frau, eine gütige Großmutter in Schürze und mit Dutt, pressten uns an ihre Brust. Ihre anwesenden Kinder zeichneten sich durch eine ähnliche Statur und freundliches Verhalten aus, kurz darauf fühlten wir uns wie zur Familie gehörig. Ich kramte die mir bekannten Russischbrocken hervor, während meine zwei Begleiter unmenschliche Mengen der angebotenen Speisen verdrückten. Alle fünf Minuten fuhr der Hausherr mit dem Vodkaglas in der Hand in die Höhe, brüllte etwas Russisches, dass ich nicht verstand, und prostete uns zu. Artig reagierten wir auf die Trinksprüche und leerten unsere Gläser, die sich wie von selbst mit Vodka füllten, jedes Mal. Ich war spätestens um 22 Uhr sehr betrunken, genau erinnerte ich mich nicht mehr. Der köstlichen Vorspeise folgten knusprige Entenbrüstchen und Unmengen von Nachtisch. Wenn ich es nicht besser wüsste, kam mir später dunkel in den Sinn, wie ich sieben Entenstücke verputzte und später über den Nachtischschüsseln stand, mit dem Vodkaglas in der einen Hand in die Runde prostete und mit der blanken anderen Hand Pudding direkt in meinen Rachen schaufelte.
Im Raum war es so heiß, dass ich meinen Norwegerpullover ausgezogen und in die Ecke geworfen hatte. Die anderen schienen die Hitze nicht zu bemerken. Plötzlich drehten unsere Gastgeber die Musik auf und sprangen im Raum umher. Erst mit der Zeit dämmerte mir, dass “Moskau, Moskau” und andere russische Klassiker erklangen. Ich ließ mir die Grundschritte zeigen und tanzte wie von Sinnen mit. Ab und an verspürte ich an einem allzu fröhlich in die Luft geschwungenem Fuß einen Widerstand, der sich mit einem Stöhnen oder Klirren auflöste. Dann wusste ich nur noch, wie ich am Morgen auf der Couch der Gastgeber erwachte, eng an meine beiden Begleiter und einen fetten alten Kater gekuschelt, versteht sich. Das deftige russische Frühstück brachte mich so weit auf die Beine, dass ich den Weg zur Unterkunft fand und den restlichen Tag im Halbschlaf erlebte.
Düsseldorfer bevorzugen gute reife Literatur
Eines Morgens wurde ich in einen gut gefüllten Saal geführt. Das Publikum hatte sich versammelt, um jungen Lyrikern zu lauschen. Ich verlas mein erstes Gedicht, dann das zweite und dritte. Keine Reaktion. In stockenden Worten sprach ich über meinen Werdegang, da mein Werk den Vorzug erhalten sollte. Lies ‘mal weiter, riefen sie mir zu und ich tat es. Beim Lesen meiner Kurzgeschichte kicherte ich unentwegt und blickte verträumt in das Publikum. Gleich stünde der Saal in Flammen und sie ließen mich hochleben. Ich spannte sie solange wie möglich auf die Folter. Als ich vernehmen ließ, dass es das war, klatschten sie höflich zwanzig Sekunden. Man führte mich weg und raunte mir zu, mit reiferen Werken einen nächsten Anlauf zu wagen. Ich gewann nicht.
Alle Wege führen nach Düsseldorf
Es war ein Kinderspiel gewesen, nach Düsseldorf zu gelangen. Nach aufrüttelnden Wochen im Rheinland verlangte mein Herz nach den Weiden und Häuserschluchten meiner Heimat. Wie ich mich auch gebärdete, mir wurde kein Rückfahrschein besorgt. Die Komfortniveau war nach meinem Auftritt ohnehin gesunken. Entnervt packte ich meine Sachen und hielt das erste Mal in meinem Leben den Daumen in den Wind. Das Trampen inspirierte mich, obwohl LKW-Fahrer, Heavy Metall - Fans mit Schrottkarren und Handwerker in Kleinbussen sich eher wenig für Gedichte interessierten.