Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

31. Januar 2010 Kommentare: 2

In den Fängen der Halbtagszombies

Menschen unterscheiden sich. Es gibt Männer und Frauen, Weltenbummler und Festverwurzelte, Erzkonservative und Progressive, Alleinunterhalter und Trantüten, unzählige Ungenannte und Vergessene sowie die, deren Beschreibung sich nicht in einem Schlagwort erschöpft. Manche freuen sich über Kleinigkeiten, genießen ihr Leben, lieben das, was sie tun, haben die Richtige oder einen Lebensabschnittsverschönerer an ihrer Seite und andere leiden unter einem Fluch. So wie ich, dem eine Stimme befahl, seinen guten Job aufzugeben und fortan als dichtender Bettelmönch hungernd durch die Lande zu ziehen, bis eine reiche Gönnerin auf ihn aufmerksam würde und sich seiner annähme oder sein alter Chef ihn mit einer 20-prozentigen Gehaltserhöhung wieder einstellte der sich rühmt, wahre Freunde zu besitzen, denen er in purer platonischer Hass-Liebe verbunden ist. Diesen Freunden gab ich einst mein Ehrenwort, sie nicht in den Mittelpunkt meiner Geschichten zu stellen und heute breche ich dieses Versprechen. Es geht um Christina und Michael, zwei liebe Menschen, die ich gerne zu meinem nächsten Geburtstag einlüde, aber ganz von vorne:

Hunderte junger Menschen drängten sich in einem Hörsaal hinter Sitzbänke, unter auf deren Schreibflächen mit etwas Pech ein frisch angeklebtes Kaugummi auf eine vorwitzige Studentenhand oder ein spitzes Knie lauerte Kratzspuren und verblichene Zeichnungen von Dutzenden Studentengenerationen zeugten. Als einer der letzten schlenderte ein gebeugt gehender, bei fortschreitender Degeneration zur Buckelbildung neigender Student, der sich anscheinend nicht in diese Erstsemesterveranstaltung verlaufen hatte, herein und setzte sich auf den freien Platz in der ersten Reihe ganz links. Die Sitzfläche des zweiten Platzes in der ersten Reihe von links knarrte altersbedingt unter dem Federgewicht der mutmaßlichen Erstsemesterstudentin mit schüchternem Lächeln und zum strengen Zopf gebundenen Haaren, die auf dem Holz hin und her rutschte, bis der für die Einführung zuständige Dozent erschien. Wir kamen ins Gespräch und die Unterhaltung mit Christina war spannender als der vorne vorgetragene Inhalt und mir prägte sich keiner der Hinweise ein, außer die Tradition der freiwilligen Einnahme der Streberplätze in weiteren Übungen und Vorlesungen. Wir wurden ein unzertrennliches akademisch-platonisches Paar mit einem Hang zur unterhaltungsbedingten Unaufmerksamkeit in Übungen und Vorlesungen.

Fleisch glitt über Metall, Metall schlug auf Gummi, Stöhnen und Schnaufen erfüllte den Raum, als ob man sich in den Darkroom eines abseits gelegenen, von einem leicht übergewichtigem Ehepaar mittleren Alters geführten Swingerclubs im Tarnmantel eines biederen Klinkersteinhauses verlaufen hätte, und der Geruch von Schweiß, erwärmtem Gummi und Metallspänen strömte in vor Anstrengung aufgerissene Münder. Das Gewicht der in meinen Händen liegenden Langhantelstange drückte meinen Rücken tief in das Sitzpolster der Hantelbank und mehrte meine Gewissheit, mich mit dem Gewicht übernommen zu haben und jetzt in Sekundenbruchteilen von Angeben auf Überleben umschalten zu müssen. Knapp einen halben Meter an meinem Kopf ging ein Schlacks vorbei, in dessen Richtung ich ein “Hilfe, ich habe mich übernommen” zwischen den in meinem rot anlaufenden Gesicht kaum mehr auszumachenden Lippen hervor presste. Bevor die Stange meinen Brustkorb berühren konnte, schoss sie wie eine Rakete in die Höhe, zog nach hinten weg und rastete mit einem Klacken in der Haltevorrichtung ein, statt Lichtflecken schob sich das grinsende Gesicht des Schlackses in mein Sichtfeld. Ich richtete mich auf und wir unterhielten uns. Michael trainierte drei Mal in der Woche im Fitnesszentrum der Uni, schien trotzdem nur Muskelmasse in der vorderen Bauchregion aufzubauen, und entpuppte sich als der gesprächigste Physikstudent, dem ich in den folgenden Jahren begegnen sollte. Ein Kommilitone fortgeschrittenen Semesters hatte mir eingeschärft, dass sich BWLer naturgemäß gut mit den Juristen und Mediziner verstanden, Geistes- und Naturwissenschaftler beließ man besser in ihrer eigenen Welt und an diesen Rat hielt ich mich mit Ausnahme von der Begegnung mit Michael strikt.

Die Hürde des Vordiploms nahmen Christina und Michael, der sich mittags manchmal an unseren BWLer-Tisch in der Mensa verlief, ein Semester früher als ich und nachdem ich meine zweite Chance genutzt hatte, planten wir mit drei weiteren Studenten als Belohnung in ein Haus in Dänemark zu reisen. Alle schmissen ihr Geld zusammen und es fand sich eine Bruchbude, die wir per Fax reservierten, und mit zwei Autos aufsuchten, in denen sich Studenten, Getränke, Klamotten und Essensvorräte um Platz balgten. Die Hinfahrt hatte vier Stunden gedauert, am späten Nachmittag rollten ein Fiat Punto, das per Bestechung zum Auto des Jahres 1999 avancierte Prunkstück italienischer Kleinwagenträume, und ein grauer Golf auf einem Kiesbett aus, an dessen Ende sich ein mit rotem Holz verkleidetes Haus erhob. Dunkle Wolken drohten vom Himmel und eine Mischung von Müdigkeit und Schmerz plagte die ehemaligen PKW-Insassen, kurze Zeit später stapelten sich Reisetaschen in den Schlafräumen und Leiber räkelten sich auf Sitzkissen vor dem Ofen, der in der Ecke des Wohnzimmers thronte. Nach einem schnellen Abendbrot schleppten sich sechs Gestalten in ihre Betten und zehn Stunden lang regten sich allein die Federkerne der durchgelegenen Matratzen unter Schlafbewegungen und behaarte Beine der rund tausend obligatorischen Spinnen, die jedes Haus in Dänemark bevölkerten und nachts ihr Revier kontrollierten. Der erste Tag verstrich, Menschen und Spinnen gewöhnten sich aneinander, und abends kreisten Karten und Würfel in der vertrauten Sechserrunde, die nach Unterhaltung gierte.

In der Uni ging Christinas Ehrgeiz so weit, dass sie selbst in der Mensaschlange immer die Erste sein wollte und im Spiel mit Notizzettel und Taschenrechner hantierte, um ihre Gewinnchancen zu verbessern. Plötzlich schlug die Kuckucksuhr, die wir bei unserer Ankunft als schrulliges, zur in Skandinavien verbreiteten Möbelzusammenwürfelungstechnik passendes Detail wahrgenommen hatten, acht Uhr am Abend und Christina entglitt der Taschenrechner. Unsere Blicke richteten sich auf sie, die von einer Sekunde auf die andere verstummte und nicht mehr am Gespräch teilnahm. Ihre Pupillen verengten sich und mit glasigen Augen verfolgte sie die Spielzüge auf dem Tisch, nach fünfzehn Minuten nuschelte sie wie ein frisch an der Zahnwurzel operierter Patient “müde” und “will ins Bett” in den Raum, wurde jedoch genötigt, gefälligst bis zum Ende des Spiels zu verbleiben. Taktiken und Geschachere am Spieltisch dauerten an, so dass der Kuckuck vor die Tür trat und zum neunten Mal seinen Dienst verrichtete, Christina war von der führenden Stelle auf den letzten Platz zurückgefallen und schob ihre Karten in Zeitlupe über den Tisch, sobald sie am Zug war. In ihren Mundwinkeln funkelte ein feiner Speichelfaden, der auf der linken Seite auf ihr Oberteil tropfte, zehn Minuten später leerte sie mit kräftigen Schaufelbewegungen ihrer Hände alle auf dem Tisch stehenden Schüsseln, in denen die Knabbersachen dargeboten wurden, wobei ein Drittel sich auf ihrem Oberteil verteilte. “Hatte die kleine Christina nicht genug zum Abendbrot gehabt”, entfuhrt es Michael, aber es reagierte nicht. Um kurz vor zehn erhob sie sich wortlos vom Tisch, schlurfte mit hängenden Armen und als Spielverliererin unter den Anfeuerungsrufen von uns Fünfen in Richtung ihres Schlafzimmers, die Diskussion, ob sie nachts einen von uns verspeiste, versandete rasch.

Am nächsten Morgen erwartete Christina uns bereits am Esstisch, schwärmte von der erholsamen Nacht und deckte eifrig den Tisch, die Erinnerung an das Spiel schien erloschen zu sein, Michael hingegen zeigte sich nicht und wir begannen mit dem Frühstück ohne ihn. Der Brötchenkorb leerte sich, die Sonne stand hoch am Himmel und wärmte das Wohnzimmer auf, als wir ein Rumpeln aus dem Schlafzimmer vernahmen, in dem Michael die Nacht zugebracht hatte. Die Tür schwang auf und ein an alle Ausdünstungen, zu denen der menschliche Körper fähig ist, gemahnender Gestank kroch in den Raum, dem die aus den geöffneten Fenstern einströmende Frischluft auf Höhe des Esstisches Einhalt gebot. Plötzlich erklang ein Röcheln und Michael ausgemergelter Leib schob sich in die Ausläufer des Wohnzimmers, zersauste und fettige Haare schmiegten sich eng an seinen Kopf und ein Brummen entrann seiner Kehle, als er mit den zu Schlitzen verengten Augen unsere Frühstücksrunde gemustert hatte. “Kaffee hilft!”, sagte Christina und knallte vor Michael einen in der Werkstatt um die Ecke getöpferten Kaffeebecher, aus dem wohlige Dämpfe entstiegen. Michael sank auf dem Stuhl in sich zusammen, legte eine Hand an den Kaffeebecher und schwieg, bei den gurgelnden Lauten, die seinem Körper entwichen, waren wir uns nicht sicher, ob es sich um Äußerungen der Mordlust, des Hungers oder Halbschlafgeräusche handelte. Klatschen neben seinem Ohr und angestimmte Melodien schienen das Scheusal abzuschrecken und zogen Prankenhiebe in die Luft nach sich, nach dem Frühstück duschte es und gegen Mittag schloss sich uns ein in seine menschliche Form zurückverwandelter Michael an.

Die Tage waren entspannt und ließen sich mit Verständnis für die Krankheit unserer beiden Begleiter gut überstehen. Nach der Rückkehr in die Zivilisation recherchierte ich und entdeckte, dass es anscheinend durch Vogelbisse übertragene Krankheitsbilder gab, die unseren hautnahen Erlebnissen sehr nahe kamen. Lerchen und Eulen, eigentlich als für den Menschen harmlos eingestufte Flatterviecher, wurden verdächtigt, Infektionsträger zu sein. Neuere Forschungserkenntnisse werde ich beizeiten der Allgemeinheit zugänglich machen. Und für meinen Geburtstag habe ich mich gegen einen Brunch oder eine Party entschieden, nachmittags zum Kaffee sind alle in Bestform und die Eltern lassen sich gleich mit abhandeln…

22. Januar 2010 Kommentare: 5

Unstillbares Verlangen

Britische Wissenschaftler fanden heraus, dass der Mensch 20 Kleidungsstücke benötigt, um glücklich zu sein. Darunter zwei Hosen, ein paar Sockenpaare und drei Schlüpfer. Ich besitze insgesamt 300 Hosen, Sakkos, Socken, Pullis, Shirts, Unterhemden, Bodys für den Mann, Badehosen, Mützen, Jacken, Shorts, Schals, Strickjacken, Mäntel, Handschuhe, Leggings, Turnschuhe, Tigertangas äh Unterhosen, Netzoberteile, Hemden, Krawatten und Lederschuhe. Diese chronische Unterversorgung mit Stoffen quält mich jeden Morgen nach dem Aufstehen, teilweise schon vorher. Was soll ich anziehen und wie werden meine Mitmenschen reagieren, falls ich zweimal im Monat gleich gekleidet auftrete? Klamotten langweilen Alltagsmodell und Betrachter spätestens nach dem dritten Tragen, ab dem sechsten Hineinschlüpfen protestiert mein Körper mit einem Juckreiz. Nach dem zehnten Mal lodern Flammen aus dem Wäschekorb oder Scherenblätter durchstoßen harmlose Nähte und Stoffflächen. Wie eine Hyäne schleiche ich durch die Einkaufspassagen meiner Umgebung, auf der Suche nach mehrfach reduzierten Sonderangeboten. In Farben, die von Krankheit künden, oder Schnitten, die auf den Tod hindeuten. Aas eben. Nahrung für mein Auge und Balsam für meinen Leib. Bis zum unseligen dritten Mal.

Die Augen meines in Lumpen gehüllten, physischen Ichs schauen in den Raum mit dem Herd: Die Küchenregale biegen sich unter Vorräten, der Kühlschrank ächzt beladen vor sich hin und auf der Arbeitsplatte türmen sich Besorgungen, die irgendwo zu verstauen wären. Mir fehlen dennoch Dinge und ich renne in den Supermarkt, schaufele mir den Einkaufswagen voll und schleppe die Beute nach Hause. Dort wachsen die Vorratshaufen, der Kühlschrank wird Opfer einer weiteren Käse-Milch-Joghurt-Wurst-Vergewaltigung und die Arbeitsplatte verschwindet vollends unter Verpackungen. Meine Zunge fährt über Plastik, hinter dem sich Salamischeiben befinden. Mein Rücken scheuert an Baguettestangen entlang, während meine Hand über Nudeln in Beuteln streicht. Nach fünf Minuten surrt das Kühlgerät vor sich hin und beschallt einen verlassenen Raum. Regale brechen mit Getöse zusammen und eine Arbeitsplatte verendet wie ein eingequetschtes Erdbebenopfer. Ich gehe zu einem Mittagstisch um die Ecke und esse mich satt. Wer weiß, wie hart der Winter noch wird und ob die Nahrungsmittelversorgung der Stadtbevölkerung sichergestellt werden kann.

Abends auf der Party von Freunden quält mich ein Gefühl der Trockenheit, in Mund und Magen. Wie ein zwei Wochen in die Karawane gezwungenes Kamel dem Wasserloch nähere ich mich der Cocktailbar und inhaliere die ersten drei. Ob blau, grün, rot oder weiß, sie schmecken alle gleich, nach dem Nichts, nach mehr! An der Bowleschüssel entlaste ich den Geschirrspüler der Gastgeber und wehre mich nicht gegen mein wölfisches Erbe. Schnelle Zungenstöße benetzten den Gaumen mit dem köstlichen Nass. Auf die Technik kommt es an, wie ich von unserem Familienhund gelernt habe. Wein und Bier lasse ich in Bächen in mich hineinlaufen, das Gurgeln aus meiner Ecke scheint niemanden zu schockieren. Stunden vergehen und literweise werden Flüssigkeiten gekühlt, vermischt, erhitzt, getrennt und wieder ausgeschieden. Besudelt und von Sinnen verschwinde ich spät in der Nacht. Am Morgen begrüßt mich mein treuerster Gefährte: Der Kopfschmerz Durst.

Im Urlaub schieße ich unentwegt Fotos und vergesse bisweilen, Land, Leute und die Eindrücke zu genießen. Wie ein erlebnishungriges Kind stolpere ich durch alte Tempel und Kirchen, Basare und Konsumpaläste, dorfgleiche Ferienanlagen und Häuserschluchten von Kreuzfahrtschiffen. Auf zwei oder vier Rädern juckele ich über aus dem trocken gelegten SumpfBoden gestampfte Autobahnen, Schotterpisten, die ausgetrocknete Flussbetten kreuzen, oder winde mich Serpentinen entlang. Am Ende der zwei Wochen stehen mehr Kilometer auf der Mietwagenanzeige als nach zehn normalen Pendlertagen plus Wochenende. Zu Hause hake ich Land X ab und blättere in Katalogen über Land Y. Die Bilder schaue ich mir danach höchstens zweimal an und lasse sie auf der Festplatte oder im Album verstauben.

Wenn ich gerade nichts kaufe, dann überlege ich, was ich als nächstes kaufen könnte. Die Überlegung bereitet mir Freude, der Akt des Kaufens nicht. Raffen, stopfen, erhaschen, sammeln, auftürmen, haben wollen, bunkern, sichern, besitzen müssen, aus alt mach neu, Leere mit Gegenständen füllen, aus kaputt wird neu, überflüssig, aber neu, doppelt vorhanden, sieht schöner aus, brauche ich nicht, war jedoch billig.

Viele Menschen fühlen sich zu etwas berufen, meine Berufung ist der Konsum. Ich will immer mehr, alles von allem und zwar sofort! Heute, morgen, in drei Jahren, als Familienvater oder Greis, solange, bis der PC die Eingabe meiner Kreditkartennummer verweigert, niemand meine Euroscheine nach der Währungsumstellung akzeptiert oder man die EC-Karte meinen leichenstarren Fingern entwindet…

15. Januar 2010 Kommentare: 6

Kein Brot im Haus

Gegen halb elf neun saß ich am Frühstückstisch, vor mir die Zeitung ausgebreitet und Behälter, in denen sich Nahrungsmittel befanden, aufgestellt. Der frisch gekochte Kaffee duftete in meiner Lieblingstasse mit der tanzenden Micky Maus drauf dem Schriftzug Poetentrunk vor sich hin und belebte mein Nervensystem. Gluckernde Magengeräusche überlagerten das Zeitungsrascheln. Dann Stille, die Brotdose glitt wie von alleine auf und meine Hände ertasteten viele Krümel und einen Plastikbeutel. Ich reckte ihn in die Höhe und hielt das schlaffe Teil ins Licht. Er war leer! Kein Brot im Haus. Ich erwog, wer mir helfen könnte: Brächte meine Mutter mir ein paar Scheiben vorbei, wenn ich telefonisch auf den Notfall hinwies? Blamierte ich mich bei meinen Nachbarn mit der Bitte um eine milde Weizen-Roggen-Gabe? Gab es nicht diesen praktischen Lieferservice von Supermärkten?

Ach nein, Sparsamkeit war angesagt. Dichter waren keine Bettelmönche, sondern suchten sich Brotjobs, um über die Runden zu kommen. Vielleicht sollte ich bald damit anfangen. Drängender schien mir jedoch die Frage der eigenen Sättigung zu sein. Rasch schlüpfte ich in meinen Wintermantel mit Fellkragen und zog mir eine Wollmütze über die ungewaschenen Haare. Ein wenig Kleingeld sollte reichen, die Geldbörse verblieb auf der Kommode. Vor der Haustür hatte sich eine Kältewand aufgebaut, auf die ich unvorbereitet prallte. Überall lag Schnee, auf der Straße von zahllosen Reifen zu dunkelgrauem Matsch zermahlen und auf dem Gehweg vom Schuhwerk meiner Mitmenschen zu einer Eiskruste nieder getrampelt. Ich erinnerte mich daran, dass ich meine Wohnung seit drei Tagen nicht mehr verlassen hatte. Winter war wunderbar, besonders von drinnen anzusehen. Ich stakste einige Meter weg von der Haustür, Streusalz und Splitt boten meinen Ledersohlen halt. Autos mit weißer Krone schlichen an mir vorbei, der Verkehr spielte sich in Zeitlupe ab. Mit knirschenden Reifen schwankte mir der Postbote auf seinem Rad entgegen. In der Lenkertasche drängten sich Briefe und Sendungen, zwei neugierige Päckchen lugten weit hervor. Ich wich zur Seite und nickte ihm zu.

Ich bog nach links ab und passierte die kleine Hauptstrasse, auf der weitere Autos entlang krochen. Panzerartige Kinderwagen, die zwei vermummte Mütter hinter sich herzogen, ratterten an mir vorbei und zerkleinerten mit ihren Rädern die Eiskruste. Füßen erginge es wohl ähnlich. Auf der gegenüber liegenden Straßenseite arbeitete sich eine alte Dame wie eine Gipfelstürmerin voran, den Dorn am Ende ihres Gehstabs rammte sie einen halben Meter vor ihr in den Boden, dann zogen die Beine ihren Körper nach. Hatten sie einen festen Stand gefunden, eroberte das Eisen neues Terrain. In der Seitengasse, die ich betrat, rutschte mir mehrfach ein Fuß weg und ich konnte durch geschicktes Ausbalancieren einen Sturz verhindern. Waren nicht selbst die Bahngleise zu unsicher für die stählernen Rollen der Züge geworden? Ruhten Flugzeuge wie Zugvögel in ihrem Winterquartier, statt majestätisch den Luftraum zu durchschneiden?

Ich bog nach rechts ab. Der Gehweg mündete nach drei Minuten in einem Spielplatz, auf dem kleine Kinder unter der Aufsicht ihrer für die Betreuung zuständigen Elternteile herumtollten. Unförmige Schneebälle flogen durch die Luft und ich verspürte die Lust, eine der netten Mütter n der niedlichen Racker einzuseifen. Auf einer den Spielgeräten zugewandten Sitzbank ruhte ein älterer Herr sich aus, den grünen Hackenporsche hatte er an seiner Seite geparkt. Er sah dem Treiben vor sich zu und ein verschmitztes Lächeln umspielte seine Lippen. Ein Gaukler im bunten Kostüm, der sich für seinen nächsten Auftritt im Zirkus vorbereitete, ließ sein Einrad auf der Kruste hin und her schwingen, als ob er sich in der Menage befände. Keinen Millimeter wich das Reifengummi von dem vorgesehenen Kurs ab. Ich ging weiter, eine Leere fraß sich von der Magengegend in meine Körpermitte vor. Hinter dem Spielplatz lag der Vorplatz einer Schule, der von Halbwüchsigen bevölkert war. In kleineren Gruppen drängten sie sich zusammen und trugen teilweise nur Pullover mit übergestreiften Kapuzen oder Mützen. In ihren leicht bläulichen Händen hielten sie Zigaretten, die sie sich zitternd zum Mund führten. Gesprächsfetzen konnte ich nicht vernehmen und verzichtete darauf, mich als einer der ihren für einen Moment zu ihnen zu gesellen.

Ein letztes Mal bog ich links ab und erreichte die Hauptstraße, in der ich meine Einkäufe erledigte. Die Autos bewegten sich hier zügiger und mehr Menschen schritten über den Gehweg. Viele der Frauen hatten Lederstiefel angelegt, was mich erfreute. An den Füßen der Männer erblickte ich oft Schuhwerk, dass sich für Bergbesteigungen bis 4.000 Meter Höhe zu eignen schien. Oder Turnschuhe wurden zu Anzugshosen kombiniert, was mich mich in die Hoffnung flüchten ließ, in der mit der linken Hand geschwenkten Plastiktüte befände sich passenderes Schuhwerk für’s Büro. Mit vertrautem Stakkatoklacken bahnte sich eine junge Frau den Weg und setzte auf die jugendliche Variante des Gipfelstürmerinnenstils. In kurzen Abständen durchstießen die Pfennigabsätze ihrer Stiefel die Eiskruste und trafen auf die Gehwegplatten. Sie strauchelte nicht ein Mal und ihre Miene strahlte verdiente Erhabenheit aus. In Sichtweite meiner Bäckerei verzögerte sich die Brotqueste. Ein weißer Transporter parkte mit Warnblinker in zweiter Reihe und der untersetzte Fahrer schob ein Fahrgestell, dass mit vierfach gestapelten Paketen beladen war, quer über den Gehweg. Die Füße des Mannes fanden nur schwer halt auf dem Untergrund und erst nachdem ein Angestellter aus dem Bekleidungsgeschäft, für das die Lieferung bestimmt zu sein schien, geeilt war, gelang es ihnen mit vereinten Kräften, die Ware ins Warme zu schieben.

Endlich betrat ich die Bäckerei, kaufte ein halbes Mischbrot und war nach einer Minute wieder auf dem Rückweg. Nach einigen Metern öffnete ich den Verschluss des Plastikbeutels und stopfte mir hastig eine Scheibe Brot in den Mund. Stutzig wurde ich beim Kauen, als mir kurz vor dem Verlassen der Einkaufsstraße ein junger Mann begegnete, der sich am Innenstadtski versuchte. Mit zwei Stangen, die recht klobig waren, unter seinen beiden Armbeugen stützte er sich wechselseitig ab und bewegte sich langsam in Richtung seines mir unbekannten Ziels. Hätte er zusätzlich seine Skibretter angelegt, wäre er weitaus schneller voran gekommen. Minuten später befand ich mich an der kleinen Hauptstraße und sah mich schon am Frühstückstisch sitzen. Plötzlich drang ein Scharren an mein Ohr, welches mich innehalten ließ, während meine rechte Hand in der Plastiktüte nach der zweiten Brotscheibe fingerte. Ein an einem geparkten Auto hantierender Mann in einem schwarzen Mantel hielt einen Minibesen und einen Schneekratzer in den Händen. Mit dem Kratzer befreite er Fensterscheibe für Fensterscheibe des Gefährts vom Eis.

Meine Augen ruhten auf ihm, doch meine Füße schienen sich nach der Wärme der Wohnung zu sehnen. Auf einmal glitt meine Fußsohle auf einem Stück Eiskruste ab und für einen Wimpernschlag drehte sich alles vor meinen Augen, bevor ich hart auf meinem Hintern aufschlug. Sofort rappelte ich mich auf und prüfte, ob jemand mein Missgeschick beobachtet hatte. Anscheinend nicht. Mit den Händen rieb ich mir mein schmerzendes Körperteil und mit den Augen suchte ich nach dem Brotbeutel. Eingerissen lag er in einem kleinen Schneematschsee am Straßenrand. Schnell fischte ich ihn heraus und ging nach Haus. Zwei der verbliebenen Scheiben waren genießbar, nachdem ich sie abgewaschen und getrocknet hatte. Der Ärger über mich selbst überlagerte die Schmerzen. Nun konnte der Tag beginnen!

5. Januar 2010 Kommentare: 4

Familienzeit

Franziska, von ihren Freundinnen Franzi genannt, saß seufzend auf der Ledercouch in ihrem Wohnzimmer und beobachtete ihre zwei Männer, die sich am Fuße des Weihnachtsbaumes niedergelassen hatten. Der kleine Lukas war ein Goldstück, auf den sie nichts kommen ließ. Seit er aus dem Gröbsten heraus war, bereitete er ihr täglich Freude und sein Lächeln entschädigte sie für alle Mühen. Der etwas größere Georg, mit dem sie seit sechs Jahren verheiratet war, brachte sie auch manchmal zum Strahlen. Er hatte seine Qualitäten, im Job, als Ehepartner und Begleiter bei Einladungen oder im Bett.

Sie rechnete ihm hoch an, dass er seine Bedenken nach längerer Bedenkzeit über Bord geworfen und sich ihrem Kinderwunsch gebeugt hatte. Die Schwangerschaft war gut verlaufen und seit der Geburt ihres Lukas waren sie beide sehr glücklich gewesen. Jahre später und vier Monate vor den diesjährigen Weihnachtstagen war sie jedoch aus ihren Träumen von einem harmonischen Familienfest gerissen worden. Georg wollte Lukas unbedingt diese eine Legoburg schenken, von der er ihr regelrecht vorgeschwärmt hatte. Er sei damals als Kind ausgeflippt, als seine Eltern ihm die ersten Modelle gekauft hatten. Lukas erginge es ähnlich, außerdem könnten sie ein Gegengewicht zu den digitalen Medien schaffen, die Kinder magisch anzogen. Schließlich hatte sie sich gefügt und Georg war zur Tat geschritten.

Bis zum 24. Dezember hatte sie die Aufregung wieder vergessen und sich auf ihre Lieblingsfeiertage gefreut. Draußen wurde es kalt und drinnen schmiegten sich die Familien aneinander. Gutes Essen, vertraute Klänge, anregende Zeilen und Ruhe. Der Heiligabend verlief nach Plan, Georg stellte den Baum auf und schmückte ihn. Sie werkelte in der Küche am Weihnachtsmahl. Lukas vertrieb sich die Zeit in seinem Zimmer. Um 18 Uhr versammelten sie sich zu dritt am Esstisch. Die Gans war gelungen. Georg lobte das Essen und Lukas verputzt alles, was auf seinem Teller lag. Vor der anschließenden Bescherung war nicht eindeutig zu erkennen, wer am aufgeregtesten war. Lukas hibbelte herum, Georg starrte auf die eingepackte Legoburg und Franzi hoffte wie jedes Jahr auf den Wellnessgutschein für das Hotel an der Nordsee.

Georg schritt zur Tat und überreichte Lukas sein Geschenk. Ritsch-ratsch. Ein glucksendes Kind hantierte an der Lego-Verpackung herum. Derweil holte Georg ein zweites Geschenk unter dem Baum hervor. Franzis Mann strahlte und überreichte ihr ein fingerdickes Päckchen, welches auf einen verborgenen Briefumschlag hindeutete. Franzis Herz machte einen Sprung, tagelang Wellness und auf Händen getragen werden. Endlich! Gierig riss sie das Geschenkpapier auf. Und tatsächlich, ein edel aussehender Gutschein des Hotel Ambassador in St. Peter-Ording. Triumphierend reckte sie ihn in die Höhe und vor ihrem inneren Auge sah sie sich auf der Massagebank, im Whirlpool oder am reichhaltigen Buffet und abends beim Weinchen trinken mit den Mädels. Als das Hochgefühl abebbte, schaute sie sich nach Georg um. Er kniete mit Lukas vor der geöffneten Legoverpackung, redete auf ihren Sohn ein und sie hatten schon begonnen, die Burg aufzubauen. Nein, eher baute Georg die Burg auf und Lukas sah zu. Dass war vor einer halben Stunde…

“Maus, guck ‘mal, wir sind fertig”, sagte Georg schließlich und drehte sich sofort wieder zur Burg um. Widerwillig stand Franzi auf und näherte sich. Eine Miniaturfestung, auf der einige Legomännchen standen, was war schon dabei? Sie beugte sich über die Beiden und warf einen Blick auf die bunten Steine.
“Sieht toll aus! Luki, gefällt sie Dir?”
“Ja Mama, ist super”
“Habt Ihr gut gemacht”, sagte sie und tätschelte zwei Haarschöpfe.
“Maus, guck sie Dir genauer an. Es gibt so viele neue Farben und Teile, die es früher nicht gab. Und diese detailgetreuen Figuren. Wahnsinn!”
“Ja, ganz toll. Und nun lass Luki ‘mal alleine mit seinem Geschenk”
“Ach komm, Maus, nun sei nicht so, heute ist Weihnachten”
“Wie Du meinst”, resignierte sie und setzte sich wieder auf die Couch. Ihre Männer spielten mit der Burg und den kleinen Rittern, dass heißt Georg spielte mit der Burg und Lukas schaute zu, während sie auf den Baum blickte. Nach zehn Minuten schnappte sie sich die Fernsehzeitung, entschied sich für einen Film und schaltete das Gerät an. Am Ende des Films hockten die zwei Spielkinder wie festgewachsen vor der Burg und waren in ihre eigene Welt vertieft. Sex und Zärtlichkeiten gab es heute Abend nicht mehr…

***

Georg musste zwischen den Tagen nicht ins Büro und Franzi hatte sich auf Familienzeit gefreut. Gemeinsam spazieren gehen, die Mahlzeiten genießen und Spiele mit Lukas machen. Die zwei Weihnachtstage verbrachten sie mit Besuchen bei Franzis Eltern und ihren Schwiegereltern, dort aß, trank und schwatzte man nach Herzenslust. Georg jedoch drängte ungewöhnlich früh zum Aufbruch und quengelte wie Lukas zu seinen besten Zeiten. Franzi gab nach und zu Hause angekommen stürzten Vater und Sohn sich sofort auf die Lego-Burg und vertieften sich ins Spiel. Franzis dritter Fernsehabend hintereinander war nicht berauschend, obwohl sie nicht über die zu sehende Sendung diskutieren musste.

Am 28. Dezember, den ersten Tag nach den Feiertagen, an dem die Geschäfte wieder öffneten, bereiteten Franzi und ihr Mann in der Küche das Frühstück vor.
“Maus, heute haben die Geschäfte doch wieder geöffnet, oder?”
“Ja, Schatz. Ich wollte nachher eh einkaufen und die Vorräte auffüllen. Soll ich etwas Bestimmtes mitbringen?”
“Och nein, lass nur, ist nicht so wichtig.”
“Nun sag schon, wenn ich eh unterwegs bin, fällt eine Besorgung mehr nicht ins Gewicht.”
“Wie hoch war noch einmal das Weihnachtsbudget für Luki? Was hatten wir gesagt?”
“50 Euro, wie Du weißt. Warum?”
“Hm. Die Burg hat knapp 50 Euro gekostet.”
“Ja, stimmt. Es war ein tolles Geschenk und mehr als ausreichend.”
“Maus, es gibt da noch diesen Belagerungswagen, der super zur Burg passt. Mit drei Figuren und täuschend echt dem Mittelalter nachgebaut. Er kostet nur 20 Euro…”
“Was! Ich glaube, Du spinnst wohl. Luki hat genug bekommen und in wenigen Monaten hat er Geburtstag. Vielleicht bekommt er ihn dann geschenkt.”
Das anschließende Frühstück war einsilbig. Georg sagte nichts und danach fuhr Franzi alleine einkaufen. Sie setzte keinen Fuß in die Spielwarenabteilung. Georg hingegen spielte den Vormittag dieses und der nächsten Tage mit der Burg. Manchmal mit Lukas, aber meistens ohne ihn. Franzi konnte die Geräusche, die er dabei machte, kaum ertragen. Sie hätten von einem Sechsjährigen stammen können.

***

Silvester. Franzi hasste es, Georg liebte es. Sie hatten die Einladung von Heinrich und Maria ausgeschlagen. Sie machten es sich zu Hause gemütlich, aßen Fondue, spielten “Mensch ärgere Dich nicht” und Kniffeln. Um 23.30 Uhr wurde Georg unruhig. Er fingerte an der gekauften Raketenpackung herum.
“Maus, ich geh jetzt böllern.”
“Wie? Es ist noch vor Mitternacht.”
“Ja, aber es sind nur diese acht A-Böller, die ich schnell loswerden will.”
“Georg, muss das jetzt sein? Lass uns noch eine Runde spielen.”
“Nein, ich will jetzt böllern.”
Franzi seufzte und schüttelte ihren Kopf.
“Luki, wollen wir noch eine Runde kniffeln? Papa will kurz verschwinden.”
“Au ja, Mama.”
Georg stand auf, schlüpfte mit Bier und Böllern in der Hand durch die Terrassentür und verschwand im Garten. Franzi hatte einen Lauf beim Würfeln und vergaß ihn. Unregelmäßig knallte es aus dem Garten und die Uhrzeiger schritten auf die Zwölf zu. Noch sieben Minuten. Noch fünf Minuten. Franzi ging in der Wohnung umher, stellte die Sektflasche und Gläser bereit. Sie türmte die Berliner auf und sprach beruhigend auf Lukas ein. Um drei vor Zwölf öffnete sie die Terrassentür und rief Georgs Namen in die Nacht. Er antwortete aus der hintersten Gartenecke, dass er gleich komme. Sie setzte sich wieder an den Tisch. Welch einen Kindskopf hatte sie geheiratet? Unzählige, in den Himmel aufsteigende Raketen verkündeten ihr den Beginn des neuen Jahres. Franzi wünschte Lukas ein frohes neues Jahr. Als sich ein Schatten der Terrassentür näherte, fuhr sie herum und blickte den verfroren aussehenden Georg an, mit Blumen und Sekt in der Hand.
“Wo warst Du, was ist bloß los mit Dir?”
“Maus, erst einmal ein frohes neues Jahr. Für Dich natürlich auch, Luki.”
“Frohes neues Jahr”, antworteten beide mechanisch.