31. Januar 2010 Kommentare: 2
In den Fängen der Halbtagszombies
Menschen unterscheiden sich. Es gibt Männer und Frauen, Weltenbummler und Festverwurzelte, Erzkonservative und Progressive, Alleinunterhalter und Trantüten, unzählige Ungenannte und Vergessene sowie die, deren Beschreibung sich nicht in einem Schlagwort erschöpft. Manche freuen sich über Kleinigkeiten, genießen ihr Leben, lieben das, was sie tun, haben die Richtige oder einen Lebensabschnittsverschönerer an ihrer Seite und andere leiden unter einem Fluch. So wie ich, dem eine Stimme befahl, seinen guten Job aufzugeben und fortan als dichtender Bettelmönch hungernd durch die Lande zu ziehen, bis eine reiche Gönnerin auf ihn aufmerksam würde und sich seiner annähme oder sein alter Chef ihn mit einer 20-prozentigen Gehaltserhöhung wieder einstellte der sich rühmt, wahre Freunde zu besitzen, denen er in purer platonischer Hass-Liebe verbunden ist. Diesen Freunden gab ich einst mein Ehrenwort, sie nicht in den Mittelpunkt meiner Geschichten zu stellen und heute breche ich dieses Versprechen. Es geht um Christina und Michael, zwei liebe Menschen, die ich gerne zu meinem nächsten Geburtstag einlüde, aber ganz von vorne:
Hunderte junger Menschen drängten sich in einem Hörsaal hinter Sitzbänke, unter auf deren Schreibflächen mit etwas Pech ein frisch angeklebtes Kaugummi auf eine vorwitzige Studentenhand oder ein spitzes Knie lauerte Kratzspuren und verblichene Zeichnungen von Dutzenden Studentengenerationen zeugten. Als einer der letzten schlenderte ein gebeugt gehender, bei fortschreitender Degeneration zur Buckelbildung neigender Student, der sich anscheinend nicht in diese Erstsemesterveranstaltung verlaufen hatte, herein und setzte sich auf den freien Platz in der ersten Reihe ganz links. Die Sitzfläche des zweiten Platzes in der ersten Reihe von links knarrte altersbedingt unter dem Federgewicht der mutmaßlichen Erstsemesterstudentin mit schüchternem Lächeln und zum strengen Zopf gebundenen Haaren, die auf dem Holz hin und her rutschte, bis der für die Einführung zuständige Dozent erschien. Wir kamen ins Gespräch und die Unterhaltung mit Christina war spannender als der vorne vorgetragene Inhalt und mir prägte sich keiner der Hinweise ein, außer die Tradition der freiwilligen Einnahme der Streberplätze in weiteren Übungen und Vorlesungen. Wir wurden ein unzertrennliches akademisch-platonisches Paar mit einem Hang zur unterhaltungsbedingten Unaufmerksamkeit in Übungen und Vorlesungen.
Fleisch glitt über Metall, Metall schlug auf Gummi, Stöhnen und Schnaufen erfüllte den Raum, als ob man sich in den Darkroom eines abseits gelegenen, von einem leicht übergewichtigem Ehepaar mittleren Alters geführten Swingerclubs im Tarnmantel eines biederen Klinkersteinhauses verlaufen hätte, und der Geruch von Schweiß, erwärmtem Gummi und Metallspänen strömte in vor Anstrengung aufgerissene Münder. Das Gewicht der in meinen Händen liegenden Langhantelstange drückte meinen Rücken tief in das Sitzpolster der Hantelbank und mehrte meine Gewissheit, mich mit dem Gewicht übernommen zu haben und jetzt in Sekundenbruchteilen von Angeben auf Überleben umschalten zu müssen. Knapp einen halben Meter an meinem Kopf ging ein Schlacks vorbei, in dessen Richtung ich ein “Hilfe, ich habe mich übernommen” zwischen den in meinem rot anlaufenden Gesicht kaum mehr auszumachenden Lippen hervor presste. Bevor die Stange meinen Brustkorb berühren konnte, schoss sie wie eine Rakete in die Höhe, zog nach hinten weg und rastete mit einem Klacken in der Haltevorrichtung ein, statt Lichtflecken schob sich das grinsende Gesicht des Schlackses in mein Sichtfeld. Ich richtete mich auf und wir unterhielten uns. Michael trainierte drei Mal in der Woche im Fitnesszentrum der Uni, schien trotzdem nur Muskelmasse in der vorderen Bauchregion aufzubauen, und entpuppte sich als der gesprächigste Physikstudent, dem ich in den folgenden Jahren begegnen sollte. Ein Kommilitone fortgeschrittenen Semesters hatte mir eingeschärft, dass sich BWLer naturgemäß gut mit den Juristen und Mediziner verstanden, Geistes- und Naturwissenschaftler beließ man besser in ihrer eigenen Welt und an diesen Rat hielt ich mich mit Ausnahme von der Begegnung mit Michael strikt.
Die Hürde des Vordiploms nahmen Christina und Michael, der sich mittags manchmal an unseren BWLer-Tisch in der Mensa verlief, ein Semester früher als ich und nachdem ich meine zweite Chance genutzt hatte, planten wir mit drei weiteren Studenten als Belohnung in ein Haus in Dänemark zu reisen. Alle schmissen ihr Geld zusammen und es fand sich eine Bruchbude, die wir per Fax reservierten, und mit zwei Autos aufsuchten, in denen sich Studenten, Getränke, Klamotten und Essensvorräte um Platz balgten. Die Hinfahrt hatte vier Stunden gedauert, am späten Nachmittag rollten ein Fiat Punto, das per Bestechung zum Auto des Jahres 1999 avancierte Prunkstück italienischer Kleinwagenträume, und ein grauer Golf auf einem Kiesbett aus, an dessen Ende sich ein mit rotem Holz verkleidetes Haus erhob. Dunkle Wolken drohten vom Himmel und eine Mischung von Müdigkeit und Schmerz plagte die ehemaligen PKW-Insassen, kurze Zeit später stapelten sich Reisetaschen in den Schlafräumen und Leiber räkelten sich auf Sitzkissen vor dem Ofen, der in der Ecke des Wohnzimmers thronte. Nach einem schnellen Abendbrot schleppten sich sechs Gestalten in ihre Betten und zehn Stunden lang regten sich allein die Federkerne der durchgelegenen Matratzen unter Schlafbewegungen und behaarte Beine der rund tausend obligatorischen Spinnen, die jedes Haus in Dänemark bevölkerten und nachts ihr Revier kontrollierten. Der erste Tag verstrich, Menschen und Spinnen gewöhnten sich aneinander, und abends kreisten Karten und Würfel in der vertrauten Sechserrunde, die nach Unterhaltung gierte.
In der Uni ging Christinas Ehrgeiz so weit, dass sie selbst in der Mensaschlange immer die Erste sein wollte und im Spiel mit Notizzettel und Taschenrechner hantierte, um ihre Gewinnchancen zu verbessern. Plötzlich schlug die Kuckucksuhr, die wir bei unserer Ankunft als schrulliges, zur in Skandinavien verbreiteten Möbelzusammenwürfelungstechnik passendes Detail wahrgenommen hatten, acht Uhr am Abend und Christina entglitt der Taschenrechner. Unsere Blicke richteten sich auf sie, die von einer Sekunde auf die andere verstummte und nicht mehr am Gespräch teilnahm. Ihre Pupillen verengten sich und mit glasigen Augen verfolgte sie die Spielzüge auf dem Tisch, nach fünfzehn Minuten nuschelte sie wie ein frisch an der Zahnwurzel operierter Patient “müde” und “will ins Bett” in den Raum, wurde jedoch genötigt, gefälligst bis zum Ende des Spiels zu verbleiben. Taktiken und Geschachere am Spieltisch dauerten an, so dass der Kuckuck vor die Tür trat und zum neunten Mal seinen Dienst verrichtete, Christina war von der führenden Stelle auf den letzten Platz zurückgefallen und schob ihre Karten in Zeitlupe über den Tisch, sobald sie am Zug war. In ihren Mundwinkeln funkelte ein feiner Speichelfaden, der auf der linken Seite auf ihr Oberteil tropfte, zehn Minuten später leerte sie mit kräftigen Schaufelbewegungen ihrer Hände alle auf dem Tisch stehenden Schüsseln, in denen die Knabbersachen dargeboten wurden, wobei ein Drittel sich auf ihrem Oberteil verteilte. “Hatte die kleine Christina nicht genug zum Abendbrot gehabt”, entfuhrt es Michael, aber es reagierte nicht. Um kurz vor zehn erhob sie sich wortlos vom Tisch, schlurfte mit hängenden Armen und als Spielverliererin unter den Anfeuerungsrufen von uns Fünfen in Richtung ihres Schlafzimmers, die Diskussion, ob sie nachts einen von uns verspeiste, versandete rasch.
Am nächsten Morgen erwartete Christina uns bereits am Esstisch, schwärmte von der erholsamen Nacht und deckte eifrig den Tisch, die Erinnerung an das Spiel schien erloschen zu sein, Michael hingegen zeigte sich nicht und wir begannen mit dem Frühstück ohne ihn. Der Brötchenkorb leerte sich, die Sonne stand hoch am Himmel und wärmte das Wohnzimmer auf, als wir ein Rumpeln aus dem Schlafzimmer vernahmen, in dem Michael die Nacht zugebracht hatte. Die Tür schwang auf und ein an alle Ausdünstungen, zu denen der menschliche Körper fähig ist, gemahnender Gestank kroch in den Raum, dem die aus den geöffneten Fenstern einströmende Frischluft auf Höhe des Esstisches Einhalt gebot. Plötzlich erklang ein Röcheln und Michael ausgemergelter Leib schob sich in die Ausläufer des Wohnzimmers, zersauste und fettige Haare schmiegten sich eng an seinen Kopf und ein Brummen entrann seiner Kehle, als er mit den zu Schlitzen verengten Augen unsere Frühstücksrunde gemustert hatte. “Kaffee hilft!”, sagte Christina und knallte vor Michael einen in der Werkstatt um die Ecke getöpferten Kaffeebecher, aus dem wohlige Dämpfe entstiegen. Michael sank auf dem Stuhl in sich zusammen, legte eine Hand an den Kaffeebecher und schwieg, bei den gurgelnden Lauten, die seinem Körper entwichen, waren wir uns nicht sicher, ob es sich um Äußerungen der Mordlust, des Hungers oder Halbschlafgeräusche handelte. Klatschen neben seinem Ohr und angestimmte Melodien schienen das Scheusal abzuschrecken und zogen Prankenhiebe in die Luft nach sich, nach dem Frühstück duschte es und gegen Mittag schloss sich uns ein in seine menschliche Form zurückverwandelter Michael an.
Die Tage waren entspannt und ließen sich mit Verständnis für die Krankheit unserer beiden Begleiter gut überstehen. Nach der Rückkehr in die Zivilisation recherchierte ich und entdeckte, dass es anscheinend durch Vogelbisse übertragene Krankheitsbilder gab, die unseren hautnahen Erlebnissen sehr nahe kamen. Lerchen und Eulen, eigentlich als für den Menschen harmlos eingestufte Flatterviecher, wurden verdächtigt, Infektionsträger zu sein. Neuere Forschungserkenntnisse werde ich beizeiten der Allgemeinheit zugänglich machen. Und für meinen Geburtstag habe ich mich gegen einen Brunch oder eine Party entschieden, nachmittags zum Kaffee sind alle in Bestform und die Eltern lassen sich gleich mit abhandeln…