28. Februar 2010 Kommentare: 2
In der Bahn
Nach dem Verlassen der Hamburger Stadtgrenze hatte der ICE Fahrt aufgenommen und flog dahin. Er durchschnitt verschneite Täler und Wälder, schwebte über zugefrorene Flüsse und rauschte durch verlassen wirkende Bahnhöfe namenloser Städte. Norden und Süden waren näher zusammengerückt, gut fünf Stunden später entstiege ich dem Zug und befände mich in München, der am anderen Ende des Landes gelegenen Metropole. Mit einem Lächeln beäugte ich die Passagiere ohne oder auf der Suche nach Sitzplätzen, die sich im Gang aneinander drängten. Der Zugchef hatte süffisant über das Mikrofon vermeldet, dass der Zug vollbesetzt sei und leider nicht für alle Fahrgäste Sitzplätze angeboten werden konnten. Auf dem Platz neben mir ruhte meine Tasche, in der sich Lesestoff für zehn Stunden und Nahrung für zwei Tage befand, bisher hatte es niemand gewagt, mich auf den vermeintlichen Besitzer anzusprechen. Drei Reihen hinter mir stritten ein älterer Mann und eine resolute Dame seit der Abfahrt in Hamburg-Harburg über ihre Platzreservierungen. Einige Abteile waren aufgrund technischer Schwierigkeiten nicht an den Zug gekoppelt worden, die entsprechenden Reservierungen verfielen nach Bahntheorie ohne Ersatz. Die Frau hatte sich einfach auf denselben Platz in einem anderen Abteil gesetzt, der vor zwei Wochen von dem Herren an einem Bahnschalter irgendwo in Deutschland reserviert worden war. “Eine unmögliche Frau sind Sie”, schrie er schließlich. “Und Sie sind ein alter unverfrorener Sack”, gab sie zurück. “Sie können froh sein, dass ich im Gegenatz zu Ihnen Manieren besitze und keine Frauen schlage”. “Ich hoffe ich habe mich verhört oder wollen Sie mir drohen?”. Dies war der Zeitpunkt, an dem sich ein Schaffner einmischte und im Flüsterton einen sicherlich unmoralischen Handel mit beiden abschloss. Zufrieden zog der Herr von dannen und ward nicht mehr gesehen.
Ich kramte meinen Schreibblock hervor und versuchte mich an einem Gedicht über die Themen, die mich täglich beschäftigten. Der Tod, die Armut in der Welt, Sex mit zwei Frauen, Morde in Zügen, deren Ursache nie aufgeklärt werden konnte, und das schlechte Abschneiden der deutschen Biathleten bei den Olympischen Spielen. Es bereitete mir merkwürdigerweise Schwierigkeiten, den Bogen zwischen diesen eng miteinander verflochtenen Denkimpulsen zu schlagen. Es musste am Lärm im Abteil liegen. Auf der rechten Gangseite, ich saß links, hatte sich ein Truppe Bundis breitgemacht und unterhielt in Kneipenlautstärke die Hälfte des Abteils. Ein dreckiger Spruch folgte auf den nächsten und die immer gleichen Zoten wurden erzählt, über die ich vor zehn Jahren mit meinen Jungs in der Sechserbutse schon nicht gelacht hatte. Derweil hatten sich die in punkto Postoff leer Ausgegangenen auf dem Boden niedergelassen und wie Flamingos stakten vom Harn oder Hunger Getriebene zwischen den Gepäckstücken und menschlichen Hinternissen hin und her. Ein Mann mit kernigem Bass näherte sich von hinten und forderte die Sitzenden auf, ihn doch bitte durchzulassen. Ein Murren erhob sich im Gang und bei den kurzen Schmerzlauten des Mannes war ich mir nicht sicher, ob alle aus der Beengtheit der Verhältnisse oder teilweise doch kleinen Schlägen und Tritten der Aufgeschreckten herrührten. Ich kicherte und starrte auf meine vier Zeilen, die ich bisher zu Papier gebracht hatte: Des Biathleten verfehlter Schuss / machte mit einem Leben Schluss / unterbrach der Körpersäfte Fluss / zu zweier Damen Verdruss. “Ist dieser Platz noch frei?”, fragte eine mir vertraut vorkommende Männerstimme in der Lautstärke eines aufheulenden Motors und riss mich aus meinen Gedanken. “Hätten Sie nicht einen Moment warten können, ich hatte gerade einen Geistesblitz”, sagte ich und drehte meinen Kopf zur Seite. Vor dem Sitzplatz meiner kleinen Tasche hatte sich ein Hüne von Mann aufgebaut, dem Schweißperlen auf der Stirn standen und der mich mit seiner bulligen Statur an meinen Schlachter in Eimsbüttel erinnerte. Wie lange mochte er gebraucht haben, um sich bis hierher durchzukämpfen? “Tut mir leid, hier sitzt eine junge Dame, die sich kurz frisch machen wollte”, log ich, “aber dürfte ich Ihnen eine andere Frage stellen?”. Er verzog das Gesicht und stieß “Nur zu” hervor. “Sie sind nicht zufällig Schlachter in Eimsbüttel?” “Nein, wir kommen Sie auf diesen Unsinn?” “Ich habe Sie wohl verwechselt, die Ähnlichkeit ist frappierend. Haben Sie einen Bruder?” “Nein und jetzt entschuldigen Sie mich, mein Verbindungszug in Hamburg hatte eine Stunde Verspätung, deswegen habe ich mir eineinhalb Stunden die Beine am Bahnsteig in den Bauch gestanden und jetzt finde ich in diesem Scheißzug keinen Sitzplatz” “Viel Glück bei Ihrer Suche und noch eine gute Fahrt”, gab ich ihm mit auf den Weg.
Ich guckte auf die Uhr, 14.27 stand in der Digitalanzeige. Mir fiel ein, dass mein Vater bald Geburtstag hatte und es langsam Zeit wurde, sich ein Geschenk auszudenken. Krawatten hatte er mittlerweile genug und der Heimwerkerkeller platzte auch aus allen Nähten. CDs hörte er selten und Bücher waren nicht sein Fall. Dieses Jahr würde es besonders schwierig werden, etwas für ihn zu finden. Jetzt war es 14.35 Uhr und ich konnte den Rücken des Hünen vier Reihen vor mir erkennen, wie er mit zwei auf den Boden hockenden Jugendlichen diskutierte, die sich scheinbar nicht erheben wollten. Platzreservierungen waren zu empfehlen. Notfalls half eine gewisse Hartnäckigkeit im Abteil. Wir passierten die Messe- und Kongressstadt Hannover, während ich mich weiter in Philipp Roths “The Human Stain” vorkämpfte und an den drastischen Kommentaren zu Bill Clintons oraler Office-Affäre erfreute. “Die Fahrkarten bitte”, flötete eine füllige Schaffnerin im Bahnblaumann von der Seite. Ich reichte ihr mein Portemonnaie und ließ sie sich die Dinge heraussuchen, die sie zur Feststellung meiner Anwesenheitsberechtigung in diesem Abteil benötigte. “Danke der Herr, ist dieser Platz eigentlich noch frei? Wie sie sehen sind jede Menge Fahrgäste auf der Suche nach Sitzplätzen…”, begann sie. “Nein, tut mir leid, hier sitzt eine junge Frau, die sich nur kurz frisch machen wollten und bald wieder zurück sein müsste.” “Okay, dann wünsche ich Ihnen noch eine gute Fahrt.” Erschüttert überflog ich zum zweiten Mal die Zeilen des neuen Kapitels, Zitat “The Human Stain” page 146: “If Clinton had fucked her in the ass, she might have shut her mouth. (…) Well, he never dominated her. He played safe. (…) Miss Monica turns against you. Her loyalty have been earned by fucking her in the ass.” Zitat Ende. Womit sich honorige Schriftsteller so beschäftigten, dass war ja krankhaft. Je älter, desto brünftiger und dann diese elende Viagraanpreisung. Es war schlimm genug, wenn sich junge Männer ständig in erotischen Anspielungen ergingen…
Erschöpft legte ich das Buch zur Seite, um zwei Brote aus der Tupperdose und eine sehr reife Banane zu verschlingen. Für einen Moment kuschelte ich mich in meinen Sitz, deckte mich mit einem dicken Pullover zu und war eingeschlafen. Warum trug ich einen dunklen Anzug? Und wer war dieser mir entfernt bekannt vorkommende Lausbube mit ergrautem Haar, der mich im Spiegel angrinste. Wieso freute ich mich so auf das Beurteilungsgespräch mit dieser neuen Praktikantin, die auf mich in meinem Präsidentenbüro wartete? Ich beschleunigte meinen Schritt, unterdrückte die aufkommende Lust und hielt auf die Bürotür zu. Tiefes Eintauchen in die Arbeit brächte meinen präsidentialen Verstand sicherlich auf andere Gedanken, plötzlich erklang eine Frauenstimme: “Ist dieser Platz noch frei?”. Ich schreckte hoch, wischte mir so unauffällig wie möglich den Speichelfaden im linken Mundwinkel ab, straffte meinen Körperhaltung und blickte nach rechts. Schwarze Haare, hochstehende Wangenknochen, schlanke Figur - in Windeseile lag die meine Tasche auf meinem Schoß und auf dem frei gewordenen Sitz nahm die ersehnte Dame Platz, die sich wirklich lange mit dem Frischmachen aufgehalten hatte. “Der Zug ist ganz schön voll”, ließ ich fallen, doch sie hörte mich nicht. Aus ihren Kopfhörern hämmerten Reggaebeats von Sean Paul. Ich unterdrückte meinen Impuls, sie um die Absenkung der Lautstärke zu bitten, schließlich wollte ich es mir nicht gleich mit meiner neuen Bekanntschaft verscherzen. Mit schnellen Seitenblicken verfolgte ich wie sie sich mit leichten Zuckungen und Isolationen einzelner Gliedmaßen im Takt bewegte. Wie ein spielendes Kind versank sie von einem zum anderen Moment in ihre eigene Welt und schien sich nicht daran zu stören, welche Reaktionen dieses Verhalten in der Erwachsenenwelt auslöste. Je länger ich ihr zusah, desto häufiger zuckte meine Hand, Schulter oder der linke Oberschenkel wie von alleine. Einmal kurz, einmal lang, der Rythmus ging ins Blut. Nach zehn Minuten, in denen ich versucht hatte, mich wieder den in Amerika verfassten Altherrenfantasien zu widmen, legte ich das Buch zur Seite. Ich nahm meinen Mut zusammen und legte meiner neuen Nachbarin die Hand auf die Schulter. Sie blickte mich böse an und aus mir platzte es heraus: “Deine Musik ist echt gut. Könntest Du mich auf einem Ohr mithören lassen?”. “Verarsch’ mich nicht!”, fauchte sie zurück. “Das ist mein Ernst, die Musik und die Bewegungen Deines Körpers sind ist ansteckend”. Wir maßen uns eine halbe Ewigkeit mit Blicken, dann lächelte sie und reichte mir einen Kopfhörer.
Von der restlichen Fahrt sind mir nur diffuse Erinnerungen geblieben. Ein verzweifelt wirkender Schaffner, dessen Hände auf einmal vor meinen Augen herumfuchtelten, behauptete fünfzehn Minuten gebraucht zu haben, um unsere Aufmerksamkeit zu wecken. Nach dem obligatorischen Personalwechsel war er angehalten, die Fahrscheine ein zweites Mal zu prüfen. Wir nickten und hatten ihn sogleich vergessen, sobald der Beat wieder einsetzte und ich meinen Körper walten ließ. Derselbe Schaffner rüttelte mich am Bahnhof in München aus dem tranceartigen Zustand, in den ich verfallen war. Der ICE sei pünktlich angekommen und ich solle mich bitte beeilen den Zug zu verlassen, damit die Bahnangestellten ohne Verzögerung ihren Feierabend genießen konnten. Ich nickte, raffte meine Sachen und sprang auf. Aller Erdenschmerz war von mir abgefallen und mit kleinen Schritten im lautlosen Takt trippelte ich zum Ausgang, um freiwillig bayerischen Boden zu betreten…