Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

25. März 2010 Kommentare: 8

Jacko lebt!

Es war halb neun am Abend, die Friseur saß und legte sich wie ein schützender Teppich über den Nacken. Der Hut drückte ein wenig auf dem Hinterkopf und der Glitzerfummel war getränkt vom Schweiß der letzten neun Auftritte. Die Abneigung gegen profane Waschmittel überwog noch das Sauberkeitsbedürfnis. Die Hose saß schön stramm am Gesäß und verschlankte sich Richtung Füße auf Karottenenge. Der neueste modische Schrei! Die weißen Socken mit Spitzenrand, von Mama vor der neuesten Tournee gekauft, wurden selbst im Bett nicht ausgezogen und spendeten Trost in einsamen Hotelstunden. Bei den Lackschuhen gab es die strikte Order, jedes Paar nach dem Auftritt sofort wegzuwerfen und immer sieben auf Vorrat mitzuführen. Der Saal tobte. Tausende Fans hielt es nicht mehr auf den Sitzen. Der weiße, mit funkelnden Steinen besetzte Handschuh entwickelte ein Eigenleben und winkte ins Publikum, fuhr durch die Luft oder glitt am Körper entlang. Ob jung oder alt, alle jubelten mir zu. Sie verzehrten sich nach jedem Ton, der meine Stimmbänder verließ. Sie lechzten nach meinem Hüftschwung und dem energischen Griff, mit dem ich bisweilen meine Männlichkeit packte.

Pobacke nach links, fünf weibliche Fans in der ersten Reihe fielen in Ohnmacht. Pobacke nach rechts, zwei kräftige Männer schräg dahinter kippten um. Einnahme der Moonwalkstartposition und ein tausendfaches Kreischen gellte durch die Halle. Ich foppte sie und sprang nur mehrfach von einem Bein auf’s andere. Einstreuen einer atemberaubenden, sechsfachen Drehung um die eigene Achse, ein erster Schweißtropfen rann über meine Stirn. Ein beherzter Griff in den Schritt und wir schrieen wie am Spieß, ich vor Schmerz und sie vor Begeisterung. Ein gehauchtes Billie Jean wurde von den Lautsprecher in die Menge geworfen. Mit einer schieren Endloskette von Moonwalkschritten säuberten meine Sohlen gründlich den Boden der Bühne. Das Publikum liebte mich. Ich war Michael Jackson.

18. März 2010 Kommentare: 2

Geschlaucht vom Leben

Menschen gingen zur Arbeit. Polizisten schlüpften in ihre schmucken Uniformen, um für acht Stunden den Freund und Helfer zu mimen. Maurer schnappten sich ihre dreckige Kelle und gingen in Gedanken den Tag durch: Mörtel hinklatschen, Stein drauf, an die richtige Stelle klopfen, verstreichen und das Ganze 265 Mal wiederholen. Sekretärinnen prüften den Sitz ihrer Friseur und wie viel Einblick die Bluse bot. Taxifahrerinnen ließen den Mercermotor aufheulen, bevor sie sich in das Verkehrsgetümmel stürzten. Büroangestellte stiegen in die Bahn, drängten sich durch Massen von Büroangestellten, saßen in einem Viererplatz mit anderen Büroangestellten und begrüßten weitere Büroangestellte, mit denen sie ein Büro teilten - liebevoll nannte man sich Kollegen. Die Jungs vom Escortservice drehten eine Extrarunde im Bett. Genauso wie Rico M., der liegen blieb. Irgendwann knurrte ein Raubtier, dass sich hinter der Wölbung in Ricos Bauchgegend verschanzt haben musste, so laut, dass an Schlaf nicht mehr zu denken war. Trotz der beinahe zwölf Stunden zurückliegenden letzten Mahlzeit gelang es ihm, seine Muskeln zu strecken und mit den Fingern der linken Hand die Fensterbank abzutasten. Wäre die Szenerie besser ausgeleuchtet gewesen, hätte man sich durch die hilflos wirkenden Zappelbewegungen in die erste Stunde eines schlecht besuchten Aerobickurses, bei dem sich der einzige Teilnehmer auf dem Boden mühte, erinnert gefühlt. Genug Fett und Spiegel waren vorhanden.

Ricos Finger berührten den Rand des Plastikgefäßes, nach dem er gesucht hatte, und ohne zu zögern tauchten sie in die Flüssigkeit ein, die das Innere ausfüllte. Wie ein Fisch schnappte seine Hand mehrfach zu und fand doch nichts Festes vor. Derweil schwappte die Flüssigkeit über den Rand, benetzte Hand und Fensterbank und tropfte auf den Boden. “Verflixt”, brummte er und stand auf. Er nahm sich ein Taschentuch, trocknete Hand und Fensterbank ab und zog das Rolo hoch. Zwei Meter vor dem Fenster richtete sich eine ältere Frau abrupt aus ihrer gebückten Haltung auf und hielt sich eine Hand vor den Mund, in der anderen baumelte eine kleine grüne Schaufel. Rico hatte sich gedanklich noch nicht auf seine neue Erdgeschosswohnung eingestellt und machte da weiter, wo er im Dachgeschoss aufgehört hatte. Er öffnete das Fenster und sagte zu der Frau: “Moin Frau Hermann, schon fleißig?”. “Guten Tag oder Morgen Herr Müller. Es ist Viertel nach Zwölf. Haben Sie denn kein Benehmen?” “Ahso. Bitte was? Wo bleibt eigentlich der Scheißfrühling?” “Wahrscheinlich verschreckt von ungewaschenen und schlecht gelaunten Menschen wie Ihnen!” “Witzig.” “Haben Sie denn keine Arbeit?” “Nee, bin krank geschrieben.” “Warum?” “Rücken. Schmerzt wie Hulle vom Schleppen der Lasten beim Löschen der Schiffe. Der Harburger Hafen brummt.” Was nicht ganz der Wahrheit entsprach, Ricos Job als Kranfahrer im Harburger Hafen war futsch. Ob es am Jammern über das leichte Ziehen lag, welches sich beim Bedienen der Schalthebel des Krans eingestellte hatte, oder ob ihn der Typ von der Hareico-Würstchenbude, bei der er monatelang anschreiben ließ, verpfiffen hatte, konnte er für sich nicht mehr genau nachvollziehen. Das Grundübel verbarg sich hinter drei unscheinbaren Worten: Pinkeln im Kraninneren Fummelspiele mit Hafenarbeitern Aufknacken parkender Autos Diagnose mittelschwere Schlauchabhängigkeit. Schläuche waren, wie ihm sein Chef ab dem ersten Tag eingebläut hatte, das Lebenselixier des Hafens. “Sobald Du auf den Geschmack gekommen bist, stehst Du morgens schon auf dem Schlauch und legst mittags gleich zwei nach. Vertrau mir, Rico.”, hörte er die Worte in seinem Kopf hallen. Und es stimmte. Verwundert beobachtete er die Jungs dabei, wie sie sich um zehn Uhr morgens die erste Bockwurst am Kiosk genehmigten. Damals, als sein Leben noch gut war und er Hoffnungen mit sich herumtrug. Auf Zureden und um sich nicht sofort ins Abseits zu manövrieren, schlang er unter Aufsicht und den johlenden Anfeuerungsrufen der Jungs den ersten Schlauch herunter und wurde den ranzigen Geschmack im Mund bis zum Mittag nicht mehr los. Als Hauptmahlzeit gab’s zwei Schläuche mit einer halben Scheibe Toast, die aus dem schmalen Guckloch der Würstchenbude wie am Fließband gereicht wurden. “Und ehe Du Dich versiehst, diktieren Dir die Schläuche den Tagesablauf, die Arbeit rückt in den Hintergrund und Du lebst für diese zwei oder drei schönen Minuten des Tages, in denen es Nachschub gibt.”, hörte Rico seinen ehemaligen Chef sagen. “Der Paule, den werden wir nie vergessen. Der hat hier fünfzig Jahre geschafft und in jedem Jahrzehnt musste er seine Tagesdosis um mindestens zwei Schläuche erhöhen. Die Wirkung von dem Zeug lässt eben nach. Am Ende war er bei zwanzig Schläuchen angelangt und wenn es Krach mit seiner Liese gab, mussten fünf zusätzlich sein. Schön war das nicht mehr, sage ich Dir.” Rico schüttelte sich und blickte zu seiner Nachbarin, hieß sie nicht Liese Hermann? “Viel Spaß noch, geben Sie’s dem Unkraut richtig”, sagte er und drehte sich um. Im Flurspiegel erkannte er, was aus den Schokostückchen geworden war, die ihm gestern Abend auf der Couch aus der Hand gefallen waren. Drei braune Flecken gruppierten sich auf seinem T-Shirt, dass sich über dem Bauchnabel wölbte.

Der Arbeitsplatz fiel weg, doch die Sucht nahm man mit nach Hause. Rico prüfte sein Reservoir in der Küche, alles war geplündert. War er Opfer einer seiner nächtlichen Fressattacken geworden? Oder wurde heute Nacht in seiner Wohnung eingebrochen und die Diebe hatten sich den Magen voll geschlagen? Hastig zählte er das Geld in seinem Portemonnaie, 453 Euro. Stimmt ja, der Besuch bei seiner Oma lag erst eine Woche zurück. Mit einem fröhlichen Rapsong auf den Lippen begab er sich in den Discounter seines Vertrauens, um die Vorräte aufzufüllen und das Erwachen in den Folgetagen zu erleichtern. In der Tiefkühlabteilung Unterabteilung Fleisch strich er über die prall gefüllten Würstchenbehälter, 20er, 50er und 100er Packs standen zur Auswahl. Just in diesem Moment kurvte ein Angestellter des Ladens auf einer fahrbaren Hebebühne vorbei und Rico fasste einen verwegenen Plan. “Heda, ich will einen Großeinkauf starten, könnte ich mir ihr Gefährt einmal ausleihen?” “Äh, wie meinen der Herr?” “Ich gebe demnächst eine Riesengrillparty und wollte mir jetzt die entsprechenden Vorräte anlegen. Könnte ich mir ihr Gefährt ausleihen, um die Ladung nach Hause zu bekommen? Ich wohne gleich um die Ecke.” Nach dem ein Fünfzig Euroschein den Besitzer gewechselt hatte, schob Rico zufrieden den größten Fleischeinkauf seines Lebens in Richtung Kasse und lud sich zusätzlich ein paar 20er Packs Caprisonne auf den Wagen. Der flüssige Zucker harmonierte auf dem Gaumen mit den feinen Saitlingfreuden und die Werbung hatte ihm erfolgreich eingeredet, dass die Tagesration Vitamine für einen Erwachsenen in den Trinkpäckchen steckte. Auf dem Weg nach Hause staunte er über die Fleischmengen, die sich mit knapp 400 Euro erwerben ließen. Einige Rempler an parkende Autos führten zu keinen Fleischkollateralschäden und eine Packung Schläuche musste auf halber Strecke als Wegzehrung herhalten.

Zu Hause verteilte Rico jeweils ein Päckchen als Notverpflegung an verschiedenen Stellen seiner knapp dreißig Quadratmeter großen Wohnung: Eins auf’s Fensterbrett neben dem Bett, zwei unter dem Abflussrohr der Toilette, eins in sein Eastpack und den Rest stapelte er zu abenteuerlicher Höhe in seiner Küche. Beim nächsten Erdbeben begrübe ihn ein Haufen Fleisch, ein schöner Tod. Wie ein verdurstendes Kamel trank er sieben Caprisonnen in einem Zug leer und fiel dann auf seine Couch. Hunger und Durst hatte er für’s Erste im Griff. Nach einem kleinen Mittagsschlaf trieb es ihn hinaus in den Park. Welche Freuden er einigen Kindern, einer alten Dame, einem streunenden Hund und zwei gurrenden Tauben mit seinen Schläuchen bereiten konnte, erfahren wir vielleicht beim nächsten Mal…

11. März 2010 Kommentare: 4

Der Literat für Arme

Manch aufmerksamer Leser mag sich fragen, ob wirklich alle Schriftsteller so unproduktiv sind wie ich und nur einen launigen Wochenbericht in sieben Tagen zu Stande bringen. Bei dieser Geschwindigkeit dauerte es geschätzte 17 Jahre eine Weile, um einen Roman zu verfassen und tatsächlich, mich beschäftigen auch andere Dinge. Bei meinen drei Nebenjobs als Hausmeister in einem Altenheim, Aushilfskraft in einem Hähnchen-Grillwagen vor meinem Discounter um die Ecke und gelegentlichem Nacktputzen bei gelangweilten Hausfrauen oder allein stehenden Männern bleibt nicht immer die Zeit, sich tagelang mit einem Thema zu beschäftigen und geeignetes literarisches Material hervorzubringen. In letzter Zeit habe ich mir allerdings den Samstagnachmittag reserviert, um Kurzgeschichten für Literaturwettbewerbe zu verfassen. Der Erfolg ist so durchschlagend, dass ich mich vor Preisgeldern, Reisen durch Deutschland und Veröffentlichungen kaum retten kann.

Nachfolgend findet sich ein exemplarischer Beitrag für einen Wettbewerb in München, bei dem ich leider keinen der vorderen Plätze belegt richtig abgeräumt habe und mich mit Blick auf Schreiberlinge, die es nötiger hatten, gegen eine Annahme des Hauptpreises in Höhe von 10.000 entschieden habe. Geld macht eben nicht glücklich, gönnerhaftes Verhalten hingegen schon.

11. März 2010 Kommentare: 4

München in 24 Stunden - Wettbewerbsbeitrag

Ich fühlte mich wie ein platonischer Auftragskiller, der auf die Auslöschung von Freundschaften spezialisiert war. Sebastian, einer meiner Kommilitonen aus Kieler Tagen, und ich hatten uns auseinander gelebt. An diesem Wochenende wollte ich einen Schlussstrich ziehen, um mir die eine Reise pro Jahr nach Süddeutschland zu ersparen. Der ICE flog dahin und durchschnitt verschneite Täler und Wälder. Er schwebte über zugefrorene Flüsse und rauschte durch verlassen wirkende Bahnhöfe namenloser Städte. Fünf Stunden Fahrt steckten den in Hamburg eingestiegenen Passagieren, also auch mir, in den Knochen und ich dämmerte zwischen diffusen Gedanken und Halbschlaf vor mich hin. Das ältere Ehepaar mir gegenüber frotzelte miteinander im bayerischen Zungenschlag. Gab es wahre Liebe im Alter? Junge Menschen, die keinen Sitzplatz gefunden hatten, ließen sich auf dem Boden des Ganges nieder. Wie Flamingos stakten vom Harn oder Hunger Getriebene zwischen den Gepäckstücken und menschlichen Hindernissen umher. Es sollte mein erster und letzter Besuch in München werden, die Stadt interessierte mich ohnehin nicht. Die Spitzenpositionen in Städterankings konnte man nicht ernst nehmen, ganz oben in den Musikcharts landete schließlich meist auch Schrott. Ich nickte ein und schreckte hoch, als die sonore Stimme des Zugführers „in Kürze erreichen wir München Hauptbahnhof, unsere Endstation“ verkündete. Auf dem Bahnsteig begrüßten sich Paare, die sich auf ein gemeinsames Wochenende zu freuen schienen, Eltern schlossen ihre Kinder in die Arme und mit viel Gepäck beladene Reisende schleppten sich in Richtung des Ausgangs. Die Bahnhofshalle hätte genauso gut in Hannover stehen können, eins zu null für Hamburgs Wandelhalle im direkten Stadtvergleich.

Sebastian zwängte sich durch die Menge und drohte mit seiner zerbrechlichen Gestalt zerquetscht zu werden. Es bedurfte noch ein paar hundert Maß Bier und Haxen, um sich äußerlich dem klischeehaften Bayer anzunähern. Wir fielen uns in die Arme und verharrten in dieser Haltung kürzer als unter guten Freunden üblich. Auf dem Weg zur U-Bahn tauschten wir uns über Belanglosigkeiten aus, Fahrt war gut, Wetter mäßig und Westerwelle hatte gegen die Hartz IV – Empfänger nachgelegt. Die U4 schob sich an den Bahnsteig und ich musterte nach dem Einsteigen alle Fahrgäste. Ein alter Mann mit stechenden Augen lieferte sich mit mir ein Blickduell, welches er verlor, davon abgesehen hatten wir ein friedliches Abteil erwischt. In Münchener U- und S-Bahnen musste man vorsichtig sein. Längsstreifen in Brauntönen an den Wänden und rote Sitzpolster verströmten einen Siebziger Jahre – Charme, den ich aus meiner Heimatstadt nicht gewohnt war. München glich aus. Speckiges Licht beleuchtete die Gänge der Station Böhmerwaldplatz, an der wie ausstiegen. Sebastians Wohnung lag an einer von Supermärkten gesäumten Hauptverkehrsstraße, die sich genauso gut in Düsseldorf-Flingern oder Berlin-Kreuzberg hätte befinden können. Kleiner Flur, zwei Zimmer, gefliestes Vollbad, praktische Küche und das Wohnglück des Großstadtsingles war perfekt. Eine Leere breitete sich von der Magengegend auf meinen Unterleib aus und ich nötigte Sebastian an den Herd. Eine bayerische Spezialität als Abendessen hätte mich interessiert, obwohl man mich mit Leberkäse oder fettem Fleisch jagen konnte. Wahrscheinlich aßen mehr Touristen als Einheimische die traditionellen Gerichte, Labskaus und oder Birnen, Bohnen und Speck kochte meine Mutter auch nie. Stattdessen gab’s Nudeln mit Tomatensoße, den globalisierten Klassiker der kochenden Massen. Nachdem der letzte Bissen von unseren Tellern verschwunden war, gähnte ich ausgiebig und ließ fallen, ob wir es nicht für heute gut sein lassen wollten. Sebastian nickte, räumte ab und baute das Schlafsofa für mich auf. In der Nacht weckten mich einige auf der Straße vorbei bretternde Autos, die Münchener fuhren ja wie die Henker!

Ich schlief wieder ein und erwachte bei Tagesanbruch. Der Neuschnee knirschte unter meinen Füßen und die Straßen waren wie leer gefegt. Der Bäcker sprach gebrochenes Deutsch mit türkischem Akzent und war unfreundlich. Auf dem Rückweg erspähte ich kleine Holzständer an einer Straßenecke, unter deren Glasscheiben sich Zeitungen und ein Münzschlitz verbargen. Ich warf 75 Cents ein und angelte mir eine Abendzeitung, wohl die Münchener Inkarnation des lokalen Käseblatts: Dieter Bohlens ledriges Gesicht grinste mir neben der Schlagzeile „Deutschland sucht den Superstar – die fiesen Geheimverträge“ entgegen. Diese Show schien das Land umzutreiben. Die Zeitungskästen rissen es für München nicht heraus, Spiegel und Zeit unterstützt von der Morgenpost und Coupé schlugen Süddeutsche, Fokus, Abendzeitung und Bunte. Zwei zu eins für Hamburg nach subjektivem Pressevergleich. Während Sebastian das Bad aufsuchte, blätterte ich im Regionalteil. „Ein Denkmal für Michael Jackson beim Bayrischen Hof.“ Keine Ahnung, wo der lag, aber klang richtig. „Eine Münchener Filmtechnikfirma heimste den fünfzehnten so genannten Technik-Oskar ein.“ München war keine Filmhochburg, wie mir einfiel. Babelsberg stach (Versuch einer kurzgeschichteninternen Verlegung nach München gescheitert, Anm. der Red.) Fatih Akin obsiegte und glich verschlimmerte die papierne Schmach aus. „Gastro-Boom im Glockenbachviertel“. Laut einem Interview sei Schwabing tot, Glockenbach boome jetzt und München-Westend bringe sich in Stellung. Aha. Der Stadt fehle es jedoch an einer Amüsiermeile. Ich rang mich durch, Sankt Pauli als Hamburger Trumpf zu zählen und auf drei zu zwei im Stadtvergleich zu erhöhen. Auf dem Frühstückstisch türmten sich Plastikpackungen irischen und englischen Cheddar-Käses, daneben stapelten sich Semmeln im Brotkorb. „Wo sind die Weißwürste?“, stieß ich hervor. Sebastian überging meine Äußerung und sprach die Tagesplanung an. Er wohnte seit zwei Monaten hier und kannte sich nicht aus. Diese Unwissenheit einte uns. Mir entfuhr ein „Schau’n mer mal“. Es ging auf zum Karlsplatz oder Stachus, kaum ein Mensch zeigte sich. Ich löcherte meinen Begleiter mit Fragen: Wieso Karlsplatz? Warum Stachus? Er hatte keine Ahnung und zierte sich, sein iPhone zu bemühen. Die Münchener und Touristen schienen den Samstagvormittag anderweitig zu nutzen, nur die im in der Mitte des Platzes gelegenen Brunnen treibenden Eisschollen leisteten uns Gesellschaft. Stolz reckten sich zwei halbkreisförmige, um den Platz angeordnete Bauten im mediterranen Stil in die Höhe. In eisernen Lettern prangte Osram an der Fassade und mich durchfuhr industrielle Wehmut. München beherbergte die Machtzentren von Siemens, Infineon, Linde oder BMW. Kreischender Stahl, endlose Fertigungshallen und sterile Labore. Ein Pluspunkt. Durch das Zinnen bewehrte Karlstor betraten wir die Neuhauser Straße, zugleich Fußgängerzone und Haupteinkaufsstraße. Ein Gebäude mit historischer Front reihte sich an das nächste, in hundert Jahre altem Stein verankerte Leuchtreklamen gängiger Filialketten von Esprit bis Saturn verschandelten das Bild. Entzückt erblickte ich das Oberpollinger, Karstadts hiesigen Edelableger. Ob dieser Konsumtempel wohl die Konzerninsolvenz überlebte? Die Kaufingerstraße, welche ihrem Name alle Ehre machte, schloss sich an: H&M, Douglas, Deichmann und Konsorten. Endlich öffneten sich die Straßenzüge vor uns und die Weiten des Marienplatzes erinnerten uns daran, dass wir uns nicht in der Dortmunder Innenstadt, sondern in München befanden. Demütig gruppierten sich die kleineren Gebäude um das Neue Rathaus, das die Vorherrschaft über den Platz errungen hatte. Das alte Rathaus war an den Rand verdrängt worden. Der Geist der Jahrhunderte streifte mich, aber Sebastian blieb um genauere Fakten verlegen. Ein Hugendubel-Buchhändler versorgte die Innenstadt mit Literatur, wie in Berlin schien es auch in München vor dieser Kette kein Entkommen zu geben. Die Auslage spendete mir Trost: Helmut Schmidt, der standhafte Hanseat, sinnierte mit Fritz Stern über ihr Jahrhundert. Beim letzten Rundblick schoben sich mehrere, rund um den Marienplatz aufragende Kirchtürme in mein Blickfeld, deren Namen ich mir später zusammensuchte. Frauenkirche, St. Peter und Heilig Geist. Imposant, doch wir bogen rechts ab und erreichten den Viktualienmarkt. In Dutzenden Pavillons und Ständen warteten Händler mit Bergen von Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch und Käse sowie Leckereien und waschechten Schmankerln auf Kundschaft. Bei Namen wie „Café Nymphenburg“, „Exoten Müller“ oder „Bäckerliesl“ schäumte mir schier das Herz über, endlich München pur! Durch Plastikplanen erspähte ich Menschen mit Weißwürsten und Brezeln in der Hand, während Sebastian Papayagelee für seine Mutter kaufte. Nur ein weißer, wie ein gestrandetes Ufo wirkender Nordseestand missfiel mir. Ein Minuspunkt für Hamburg als Flaggschiff des Nordens, das seine Truppen nicht unter Kontrolle hatte. Das Areal Nähe Reichenbachstraße und dem Rondell des Gärtnerplatzes umwehte ein Hauch von Kunst und Kommerz, der Vergleich mit den Hamburger Szenevierteln St. Georg und Schanzenviertel war unausweichlich. München verlor. Sebastian und ich diskutierten derweil über die Finanzkrise, Platzhirsche wie die BayernLB hatten sich nicht mit Ruhm bekleckert, aber hatte nicht jede deutsche Großstadt ihre eigene Skandalbank zu bieten? Wenigstens blieb es still um die Allianz und Münchener Rück, seit neuestem Munich RE. Ein Hoch auf die Globalisierung! Plötzlich knurrte mein Magen so laut, dass wir verstummten und das nächstbeste Lokal betraten. Das Wassermann Ecke Fraunhoferstraße wirkte von außen halbwegs urig, innen empfing routinierte Sachlichkeit. Auf den Tischen anderer Gäste dampfte der Alibi-Kaiserschmarrn neben klassischen Frühstückstellern vor sich hin. Ich bestellte einen Flammkuchen, Sebastian nichts, stattdessen berichtete er von der Oktoberfestplanung seiner Kollegen. Schlappe neun Monate im Voraus hatten sie gebucht und an einen Platz in den Festzelten war nicht zu denken gewesen. Ich sah mich mit Fremden zu Volksmusik schunkelnd auf einer Bank sitzen, einen Humpen in der Hand haltend und jeder drallen Kellnerin in den Ausschnitt stierend. Es gab Schlimmeres als die Wiesn!

Nach dem Essen setzten wir unsere Begehung fort und zwei Straßenkreuzungen später rumpelte die erste Tram an uns vorbei. Ich liebte Straßenbahn fahren, ein Bonuspunkt für München. Wir gelangten zur Uferpromenade eines Isararmes, dessen Fluten dahin rauschten und alle Geräusche der Stadt übertönten. Zwei Norddeutsche auf Abwegen schritten stumm voran und genossen die Stille. Der Englische Garten tastete sich als schmaler Grünstreifen bis in die Innenstadt vor und ließ normale Stadtparks weit hinter sich. Sebastian freute sich schon, hier den ersten Frühlingstag mit einem guten Buch zu verbringen. Nach einigen Fußminuten schlängelte sich der Weg hinauf zu einer Anhöhe, die von einem kolossalen Bauwerk eingenommen wurde: Dem Bayerischen Landtag. Wenn man vom Chauffeur her kutschiert worden und mit einer komfortablen Abgeordnetenmehrheit ausgestattet war, ließ sich der Allmachtsanspruch manches CSU-Landespolitikers erahnen. Nicht nur München lag einem von dort oben betrachtet zu Füßen. Wir stiegen wieder herab in die Niederungen der Metropole und passierten kleine Gässchen, in denen Trachtengeschäfte an unseren Sinn für Kitsch und Tradition appellierten. Leider konnte ich Sebastian nicht zum Betreten eines Ladens bewegen. Ich hätte ihn gerne in Lederhosen und mit blanken Waden gesehen. München punktete in meinen Augen erneut, da der Norden arm an traditionellen Gewändern war. Wir durchquerten den verschneiten Hofgarten, der im Sommer sicherlich beeindruckender war und ignorierten das Haus der Kunst genauso wie die Vielzahl der Ausstellungen und Museen, mit denen die Stadt aufwartete. Ein unscheinbares Schild mit der Aufschrift P1 wiegte sich im Wind und beflügelte meine Fantasie. 24 Stunden waren zu knapp bemessen, um sich einen Eindruck vom Nachtleben zu verschaffen, doch es hätte mich gereizt. Vor uns breitete sich ein größerer Abschnitt des Englischen Gartens aus, auf den verschneiten Wegen tummelten sich Spaziergänger und Läufer trabten umher. München war aufgewacht. Zu Füßen des Chinesischen Turms zog ein Langläufer seine Bahnen, vielleicht wollte er der älteste Teilnehmer der Olympischen Winterspiele München 2018 werden? Die Funktionäre und Stadtvertreter warfen sich gerade in Vancouver für ihr innerstädtisches Eis-Cluster und das Garmisch-Partenkirchen und Oberammergau umfassende Schnee-Cluster ins Zeug. Hamburg war mit seiner Bewerbung für den Olympischen Sommer 2012 kläglich gescheitert, München witterte Morgenluft und hatte die Chance, sich zukünftig einen Pluspunkt im Ringen der Metropolen zu sichern. Der Blick auf die Uhr verriet, dass meine Zeit in München zu Ende ging. Nach einem letzten Schlenker über das Akademieviertel sollte es gut sein. Wuchtige Gebäude aus der Jahrhundertwende flankierten die Ludwigsstraße bis hin zum Siegestor. Großstädte wie München besaßen keine Campusuni, sondern sich vom Haupthaus in alle Richtungen verteilende Ableger und Institute. Dafür glänzte die LMU mit einem guten Ruf, München legte nach.

Auf dem Weg zu Sebastians Wohnung blendete der Bildschirm in der U-Bahn die Bundesligaergebnisse ein. Das Nord-Süd-Derby Bayern vs. HSV war 1:0 ausgegangen. Zum Glück interessierte mich Fußball nicht sonderlich. Spannender war, dass München im subjektiven Stadtduell gegen Hamburg mit 5:4 führte. Ich ertappte mich, wie ich von der Stadt zu schwärmen begann. So ein Mist, ich hatte meine beiden Ziele verfehlt. Sebastian und ich blieben Freunde und die Stadt hatte mich überrascht. „Wir werden uns wiedersehen“, schwor ich München - bei besserem Wetter und mit mehr Zeit…

7. März 2010 Kommentare: 2

Frühling für einen Tag

Die letzten Reste des Schnees waren geschmolzen und versickerten in flüssiger Form im Erdreich oder mit einem Glucksen in den Abwasserschächten der Stadt. Geborstener Teer, Schlaglöcher, die an die Verwüstungen der Stellungskämpfe des Ersten Weltkriegs erinnerten, und eine rund fünf Zentimeter dicke Sandschicht stellten die Räder meines Drahtesels auf die Probe. Der Ritt forderte mir mein ganzes Lenkerkönnen ab, ohne dass es weiterer Verkehrsteilnehmer bedurfte, mit denen man sich bisweilen vergnügte. Nach fünf Minuten Fahrt hatte ich erste schlaglochaufprallbedingte Abschürfungen am Handrücken davon getragen und bei jedem neuem Schlagloch musste ich einen Schmerzlaut unterdrücken. Endlich erreichte ich die Hauptstraße, deren Belag widerstandsfähiger gewesen zu sein schien und auf der es sich gleich ganz anders radelte. Mühelos verdoppelte ich meine Schrittfrequenz und brauste mit geschätzten fünfzehn Stundenkilometern durch mein sonnenbeschienenes Viertel. Vögel, die ich leider nicht genauer bestimmen konnte, zwitscherten um die Wette, jedes fünfte Fenster war sperrangelweit geöffnet, um den Muff des Winters auszulüften, und die Menschen auf den Gehsteigen blickten sich wieder in die Augen, statt auf den Boden. In spätestens zwei Wochen begäben sich die Sonnenanbeter unter den Einwohnern Hamburgs mit kurzen Ärmeln und weiteren Ausschnitten hinaus, um sich die Haut von Sonnenstrahlen wärmen und Blicken bewundern zu lassen. Man konnte sich einen Eindruck davon verschaffen, was in den kommenden Monaten mit “Farben der Saison”-Lügen an den Mann oder die Frau gebracht werden sollte und nach höchstens zwei Jahren wieder ausrangiert wurde. Die Winterstarre fiel von den Seelen der Menschen ab, erste Frühlingsgefühle regten sich. Das Tagwerk, der Frühjahrsputz und das ganze Leben wurde mit neuem Elan angegangen, der andere ansteckte und den gesamten Bienenstock der Großstadt zum Brummen brachte. Erste Ausflüge wurden geplant und vielleicht gar unternommen. Unter einer Wolldecke unter einem Heizpilz leerten sich Latte Macchiato - Gläser, erhitzte Zungen schlängelten sich an Hälsen Eiskugeln entlang und Kinder, deren Mutter auf Vorrat eingekauft hatte, verschlangen ihren ersten Schokoosterhasen des Jahres. Auf den Speisekarten der Kantinen und Restaurants schlich sich der Spargel ein und vertrieb alle Kohlvariationen, neuen Schorlenkreationen wurden auf ältere Damen und experimentierfreudige Mittdreißiger losgelassen, während sich die Vorbräuner in den Schlangen der Swingerclubs Solarien einreihten. Unter Freiluft erworbene Bräune war entbehrlich.

Das alles und viel mehr breitete sich vor mir auf und ich hätte mich nur bedienen müssen. Frühlingstechnisch aus dem vollen Schöpfen! Als erster am Büffet sein und richtig abräumen. Endlich wieder wildfremde Frauen für ‘ne schnelle Nummer auf der Straße ansprechen und irgendetwas von Modeln dabei murmeln. Die kurzen Hosen und Polohemden bügeln und freiwillig draußen spazieren gehen. Nur warum schneite es auf einmal und hörte nicht mehr auf? Wieso häuften sich Flocken in Zentimeterhöhe an und ließen sich platt trampeln, um am nächsten Morgen die Eiskruste zu mimen? Frühling, Du Herbeigesehnter, kehre im Norden ein. Winter, Du alter Schelm, es reicht - noch so ein Ding und es gibt richtig Ärger. Ein Anruf, fünfzig Leute!