Ich fühlte mich wie ein platonischer Auftragskiller, der auf die Auslöschung von Freundschaften spezialisiert war. Sebastian, einer meiner Kommilitonen aus Kieler Tagen, und ich hatten uns auseinander gelebt. An diesem Wochenende wollte ich einen Schlussstrich ziehen, um mir die eine Reise pro Jahr nach Süddeutschland zu ersparen. Der ICE flog dahin und durchschnitt verschneite Täler und Wälder. Er schwebte über zugefrorene Flüsse und rauschte durch verlassen wirkende Bahnhöfe namenloser Städte. Fünf Stunden Fahrt steckten den in Hamburg eingestiegenen Passagieren, also auch mir, in den Knochen und ich dämmerte zwischen diffusen Gedanken und Halbschlaf vor mich hin. Das ältere Ehepaar mir gegenüber frotzelte miteinander im bayerischen Zungenschlag. Gab es wahre Liebe im Alter? Junge Menschen, die keinen Sitzplatz gefunden hatten, ließen sich auf dem Boden des Ganges nieder. Wie Flamingos stakten vom Harn oder Hunger Getriebene zwischen den Gepäckstücken und menschlichen Hindernissen umher. Es sollte mein erster und letzter Besuch in München werden, die Stadt interessierte mich ohnehin nicht. Die Spitzenpositionen in Städterankings konnte man nicht ernst nehmen, ganz oben in den Musikcharts landete schließlich meist auch Schrott. Ich nickte ein und schreckte hoch, als die sonore Stimme des Zugführers „in Kürze erreichen wir München Hauptbahnhof, unsere Endstation“ verkündete. Auf dem Bahnsteig begrüßten sich Paare, die sich auf ein gemeinsames Wochenende zu freuen schienen, Eltern schlossen ihre Kinder in die Arme und mit viel Gepäck beladene Reisende schleppten sich in Richtung des Ausgangs. Die Bahnhofshalle hätte genauso gut in Hannover stehen können, eins zu null für Hamburgs Wandelhalle im direkten Stadtvergleich.
Sebastian zwängte sich durch die Menge und drohte mit seiner zerbrechlichen Gestalt zerquetscht zu werden. Es bedurfte noch ein paar hundert Maß Bier und Haxen, um sich äußerlich dem klischeehaften Bayer anzunähern. Wir fielen uns in die Arme und verharrten in dieser Haltung kürzer als unter guten Freunden üblich. Auf dem Weg zur U-Bahn tauschten wir uns über Belanglosigkeiten aus, Fahrt war gut, Wetter mäßig und Westerwelle hatte gegen die Hartz IV – Empfänger nachgelegt. Die U4 schob sich an den Bahnsteig und ich musterte nach dem Einsteigen alle Fahrgäste. Ein alter Mann mit stechenden Augen lieferte sich mit mir ein Blickduell, welches er verlor, davon abgesehen hatten wir ein friedliches Abteil erwischt. In Münchener U- und S-Bahnen musste man vorsichtig sein. Längsstreifen in Brauntönen an den Wänden und rote Sitzpolster verströmten einen Siebziger Jahre – Charme, den ich aus meiner Heimatstadt nicht gewohnt war. München glich aus. Speckiges Licht beleuchtete die Gänge der Station Böhmerwaldplatz, an der wie ausstiegen. Sebastians Wohnung lag an einer von Supermärkten gesäumten Hauptverkehrsstraße, die sich genauso gut in Düsseldorf-Flingern oder Berlin-Kreuzberg hätte befinden können. Kleiner Flur, zwei Zimmer, gefliestes Vollbad, praktische Küche und das Wohnglück des Großstadtsingles war perfekt. Eine Leere breitete sich von der Magengegend auf meinen Unterleib aus und ich nötigte Sebastian an den Herd. Eine bayerische Spezialität als Abendessen hätte mich interessiert, obwohl man mich mit Leberkäse oder fettem Fleisch jagen konnte. Wahrscheinlich aßen mehr Touristen als Einheimische die traditionellen Gerichte, Labskaus und oder Birnen, Bohnen und Speck kochte meine Mutter auch nie. Stattdessen gab’s Nudeln mit Tomatensoße, den globalisierten Klassiker der kochenden Massen. Nachdem der letzte Bissen von unseren Tellern verschwunden war, gähnte ich ausgiebig und ließ fallen, ob wir es nicht für heute gut sein lassen wollten. Sebastian nickte, räumte ab und baute das Schlafsofa für mich auf. In der Nacht weckten mich einige auf der Straße vorbei bretternde Autos, die Münchener fuhren ja wie die Henker!
Ich schlief wieder ein und erwachte bei Tagesanbruch. Der Neuschnee knirschte unter meinen Füßen und die Straßen waren wie leer gefegt. Der Bäcker sprach gebrochenes Deutsch mit türkischem Akzent und war unfreundlich. Auf dem Rückweg erspähte ich kleine Holzständer an einer Straßenecke, unter deren Glasscheiben sich Zeitungen und ein Münzschlitz verbargen. Ich warf 75 Cents ein und angelte mir eine Abendzeitung, wohl die Münchener Inkarnation des lokalen Käseblatts: Dieter Bohlens ledriges Gesicht grinste mir neben der Schlagzeile „Deutschland sucht den Superstar – die fiesen Geheimverträge“ entgegen. Diese Show schien das Land umzutreiben. Die Zeitungskästen rissen es für München nicht heraus, Spiegel und Zeit unterstützt von der Morgenpost und Coupé schlugen Süddeutsche, Fokus, Abendzeitung und Bunte. Zwei zu eins für Hamburg nach subjektivem Pressevergleich. Während Sebastian das Bad aufsuchte, blätterte ich im Regionalteil. „Ein Denkmal für Michael Jackson beim Bayrischen Hof.“ Keine Ahnung, wo der lag, aber klang richtig. „Eine Münchener Filmtechnikfirma heimste den fünfzehnten so genannten Technik-Oskar ein.“ München war keine Filmhochburg, wie mir einfiel. Babelsberg stach (Versuch einer kurzgeschichteninternen Verlegung nach München gescheitert, Anm. der Red.) Fatih Akin obsiegte und glich verschlimmerte die papierne Schmach aus. „Gastro-Boom im Glockenbachviertel“. Laut einem Interview sei Schwabing tot, Glockenbach boome jetzt und München-Westend bringe sich in Stellung. Aha. Der Stadt fehle es jedoch an einer Amüsiermeile. Ich rang mich durch, Sankt Pauli als Hamburger Trumpf zu zählen und auf drei zu zwei im Stadtvergleich zu erhöhen. Auf dem Frühstückstisch türmten sich Plastikpackungen irischen und englischen Cheddar-Käses, daneben stapelten sich Semmeln im Brotkorb. „Wo sind die Weißwürste?“, stieß ich hervor. Sebastian überging meine Äußerung und sprach die Tagesplanung an. Er wohnte seit zwei Monaten hier und kannte sich nicht aus. Diese Unwissenheit einte uns. Mir entfuhr ein „Schau’n mer mal“. Es ging auf zum Karlsplatz oder Stachus, kaum ein Mensch zeigte sich. Ich löcherte meinen Begleiter mit Fragen: Wieso Karlsplatz? Warum Stachus? Er hatte keine Ahnung und zierte sich, sein iPhone zu bemühen. Die Münchener und Touristen schienen den Samstagvormittag anderweitig zu nutzen, nur die im in der Mitte des Platzes gelegenen Brunnen treibenden Eisschollen leisteten uns Gesellschaft. Stolz reckten sich zwei halbkreisförmige, um den Platz angeordnete Bauten im mediterranen Stil in die Höhe. In eisernen Lettern prangte Osram an der Fassade und mich durchfuhr industrielle Wehmut. München beherbergte die Machtzentren von Siemens, Infineon, Linde oder BMW. Kreischender Stahl, endlose Fertigungshallen und sterile Labore. Ein Pluspunkt. Durch das Zinnen bewehrte Karlstor betraten wir die Neuhauser Straße, zugleich Fußgängerzone und Haupteinkaufsstraße. Ein Gebäude mit historischer Front reihte sich an das nächste, in hundert Jahre altem Stein verankerte Leuchtreklamen gängiger Filialketten von Esprit bis Saturn verschandelten das Bild. Entzückt erblickte ich das Oberpollinger, Karstadts hiesigen Edelableger. Ob dieser Konsumtempel wohl die Konzerninsolvenz überlebte? Die Kaufingerstraße, welche ihrem Name alle Ehre machte, schloss sich an: H&M, Douglas, Deichmann und Konsorten. Endlich öffneten sich die Straßenzüge vor uns und die Weiten des Marienplatzes erinnerten uns daran, dass wir uns nicht in der Dortmunder Innenstadt, sondern in München befanden. Demütig gruppierten sich die kleineren Gebäude um das Neue Rathaus, das die Vorherrschaft über den Platz errungen hatte. Das alte Rathaus war an den Rand verdrängt worden. Der Geist der Jahrhunderte streifte mich, aber Sebastian blieb um genauere Fakten verlegen. Ein Hugendubel-Buchhändler versorgte die Innenstadt mit Literatur, wie in Berlin schien es auch in München vor dieser Kette kein Entkommen zu geben. Die Auslage spendete mir Trost: Helmut Schmidt, der standhafte Hanseat, sinnierte mit Fritz Stern über ihr Jahrhundert. Beim letzten Rundblick schoben sich mehrere, rund um den Marienplatz aufragende Kirchtürme in mein Blickfeld, deren Namen ich mir später zusammensuchte. Frauenkirche, St. Peter und Heilig Geist. Imposant, doch wir bogen rechts ab und erreichten den Viktualienmarkt. In Dutzenden Pavillons und Ständen warteten Händler mit Bergen von Obst, Gemüse, Fleisch, Fisch und Käse sowie Leckereien und waschechten Schmankerln auf Kundschaft. Bei Namen wie „Café Nymphenburg“, „Exoten Müller“ oder „Bäckerliesl“ schäumte mir schier das Herz über, endlich München pur! Durch Plastikplanen erspähte ich Menschen mit Weißwürsten und Brezeln in der Hand, während Sebastian Papayagelee für seine Mutter kaufte. Nur ein weißer, wie ein gestrandetes Ufo wirkender Nordseestand missfiel mir. Ein Minuspunkt für Hamburg als Flaggschiff des Nordens, das seine Truppen nicht unter Kontrolle hatte. Das Areal Nähe Reichenbachstraße und dem Rondell des Gärtnerplatzes umwehte ein Hauch von Kunst und Kommerz, der Vergleich mit den Hamburger Szenevierteln St. Georg und Schanzenviertel war unausweichlich. München verlor. Sebastian und ich diskutierten derweil über die Finanzkrise, Platzhirsche wie die BayernLB hatten sich nicht mit Ruhm bekleckert, aber hatte nicht jede deutsche Großstadt ihre eigene Skandalbank zu bieten? Wenigstens blieb es still um die Allianz und Münchener Rück, seit neuestem Munich RE. Ein Hoch auf die Globalisierung! Plötzlich knurrte mein Magen so laut, dass wir verstummten und das nächstbeste Lokal betraten. Das Wassermann Ecke Fraunhoferstraße wirkte von außen halbwegs urig, innen empfing routinierte Sachlichkeit. Auf den Tischen anderer Gäste dampfte der Alibi-Kaiserschmarrn neben klassischen Frühstückstellern vor sich hin. Ich bestellte einen Flammkuchen, Sebastian nichts, stattdessen berichtete er von der Oktoberfestplanung seiner Kollegen. Schlappe neun Monate im Voraus hatten sie gebucht und an einen Platz in den Festzelten war nicht zu denken gewesen. Ich sah mich mit Fremden zu Volksmusik schunkelnd auf einer Bank sitzen, einen Humpen in der Hand haltend und jeder drallen Kellnerin in den Ausschnitt stierend. Es gab Schlimmeres als die Wiesn!
Nach dem Essen setzten wir unsere Begehung fort und zwei Straßenkreuzungen später rumpelte die erste Tram an uns vorbei. Ich liebte Straßenbahn fahren, ein Bonuspunkt für München. Wir gelangten zur Uferpromenade eines Isararmes, dessen Fluten dahin rauschten und alle Geräusche der Stadt übertönten. Zwei Norddeutsche auf Abwegen schritten stumm voran und genossen die Stille. Der Englische Garten tastete sich als schmaler Grünstreifen bis in die Innenstadt vor und ließ normale Stadtparks weit hinter sich. Sebastian freute sich schon, hier den ersten Frühlingstag mit einem guten Buch zu verbringen. Nach einigen Fußminuten schlängelte sich der Weg hinauf zu einer Anhöhe, die von einem kolossalen Bauwerk eingenommen wurde: Dem Bayerischen Landtag. Wenn man vom Chauffeur her kutschiert worden und mit einer komfortablen Abgeordnetenmehrheit ausgestattet war, ließ sich der Allmachtsanspruch manches CSU-Landespolitikers erahnen. Nicht nur München lag einem von dort oben betrachtet zu Füßen. Wir stiegen wieder herab in die Niederungen der Metropole und passierten kleine Gässchen, in denen Trachtengeschäfte an unseren Sinn für Kitsch und Tradition appellierten. Leider konnte ich Sebastian nicht zum Betreten eines Ladens bewegen. Ich hätte ihn gerne in Lederhosen und mit blanken Waden gesehen. München punktete in meinen Augen erneut, da der Norden arm an traditionellen Gewändern war. Wir durchquerten den verschneiten Hofgarten, der im Sommer sicherlich beeindruckender war und ignorierten das Haus der Kunst genauso wie die Vielzahl der Ausstellungen und Museen, mit denen die Stadt aufwartete. Ein unscheinbares Schild mit der Aufschrift P1 wiegte sich im Wind und beflügelte meine Fantasie. 24 Stunden waren zu knapp bemessen, um sich einen Eindruck vom Nachtleben zu verschaffen, doch es hätte mich gereizt. Vor uns breitete sich ein größerer Abschnitt des Englischen Gartens aus, auf den verschneiten Wegen tummelten sich Spaziergänger und Läufer trabten umher. München war aufgewacht. Zu Füßen des Chinesischen Turms zog ein Langläufer seine Bahnen, vielleicht wollte er der älteste Teilnehmer der Olympischen Winterspiele München 2018 werden? Die Funktionäre und Stadtvertreter warfen sich gerade in Vancouver für ihr innerstädtisches Eis-Cluster und das Garmisch-Partenkirchen und Oberammergau umfassende Schnee-Cluster ins Zeug. Hamburg war mit seiner Bewerbung für den Olympischen Sommer 2012 kläglich gescheitert, München witterte Morgenluft und hatte die Chance, sich zukünftig einen Pluspunkt im Ringen der Metropolen zu sichern. Der Blick auf die Uhr verriet, dass meine Zeit in München zu Ende ging. Nach einem letzten Schlenker über das Akademieviertel sollte es gut sein. Wuchtige Gebäude aus der Jahrhundertwende flankierten die Ludwigsstraße bis hin zum Siegestor. Großstädte wie München besaßen keine Campusuni, sondern sich vom Haupthaus in alle Richtungen verteilende Ableger und Institute. Dafür glänzte die LMU mit einem guten Ruf, München legte nach.
Auf dem Weg zu Sebastians Wohnung blendete der Bildschirm in der U-Bahn die Bundesligaergebnisse ein. Das Nord-Süd-Derby Bayern vs. HSV war 1:0 ausgegangen. Zum Glück interessierte mich Fußball nicht sonderlich. Spannender war, dass München im subjektiven Stadtduell gegen Hamburg mit 5:4 führte. Ich ertappte mich, wie ich von der Stadt zu schwärmen begann. So ein Mist, ich hatte meine beiden Ziele verfehlt. Sebastian und ich blieben Freunde und die Stadt hatte mich überrascht. „Wir werden uns wiedersehen“, schwor ich München - bei besserem Wetter und mit mehr Zeit…