Der linke Vorderreifen des deutschen Kleinwagens schleuderte einen Tropfen des sich in der Fahrrinne ansammelnden Gemisches aus Regen und Schmutz auf das Plakat, dessen Rückseite an einem Straßenschild befestigt war. Der Tropfen landete mittig, rann langsam über die Lettern des Schriftzuges „Ole! Ihr alter und neuer Bürgermeister“ und die blonde Haartolle des lächelnden Mannes, den das Wahlplakat zeigte.
Christian blickte dem silbernen Opel Corsa mit dem HH-Nummernschild nach, der sich rasch entfernte. Im Seitenprofil hatten die langen braunen Haare und die Wangenlinien der Fahrerin sein Interesse geweckt. Er hätte ihr Gesicht gerne von vorne betrachtet, doch Hamburg war groß. Sie sähen sich nie wieder, dachte er, überquerte zwei weitere Straßen und hatte sie vergessen. Es war neunzehn Uhr am Freitagabend, ihm blieben knapp zwei Stunden und er verschickte eine Kontroll-SMS: „Hi Basti, von mir aus bleibt es bei 21 Uhr an der Station Sternschanze. LG, Chris“
Uringestank erfüllte den U-Bahn-Schacht und verband sich mit Nikotingeruch, der von den Zigaretten der auf der Treppe stehenden Halbstarken aufstieg. Christian kämpfte gegen den Impuls an, auf dass für alle Bahnhöfe geltende Rauchverbot hinzuweisen, und ging direkt zum Bahnsteig der U2. In der Wand war ein Bildschirm eingelassen, auf dem ein Werbefilm lief. „Werfen Sie Ihre Stimme nicht weg. Hamburg-Wahl 2008.“ Wenn es nur eine wählbare Partei gäbe, lachte Christian in sich hinein. Nach zwei Minuten schob sich die U-Bahn vor den Bahnsteig und Menschen eilten durch die geöffneten Türen, Anzugträger reihten sich an Fernreisende mit wuchtigen Koffern, Teenager, um die eine Parfümwolke waberte und deren Kopfhörer vor Musik dröhnten, drängten an Senioren vorbei, die stoisch auf das Abebben des Menschenstroms warteten. Was tat Daniela gerade? War sie nach ihren Tagesterminen direkt in ihr Hotel gefahren, saß sie in einem Café in der Düsseldorfer Altstadt oder belohnte sie sich mit einer kleinen Shoppingtour auf der Königsallee? Er schrieb ihr eine SMS: „Hi Dani, ich wünsche Dir einen schönen Abend. Bis Sonntag am Flughafen. Dein Crischi“. Christian stieg an der Station Osterstraße aus und wurde von der Menschenmasse auf dem Gehweg aufgesogen, die sich an den Geschäften der Haupteinkaufsstraße Eimsbüttels vorbeischob. Ständig wurden Überlebende in Geschäfte oder Häusereingänge ausgespien und neue Opfer aufgesaugt. Auf der Straße führten die Stoßstangen von Luxuskarossen, Lieferwagen und Hausfrauenzweitwagen den Tanz des Berufsverkehrs auf: Zwei Schritt vor, stopp, drei Schritt vor, stopp, keinen Schritt zurück, stopp, und abbiegen. Christians im Endstockwerk eines Altbaus an der Osterstraße gelegene Wohnung wachte wie ein Leitstand über das Treiben zu ihren Füßen. Im Flur ließ er die Ledertasche auf den Dielenboden fallen, warf seinen Mantel in die Ecke und lockerte sich die Krawatte. Im Spiegel der Geradrobe musterte ihn ein schlanker Yuppie, dem die Anstrengungen einer langen Bürowoche ins Gesicht geschrieben standen. Die erste Hälfte des kalten Bieres kippte er sich hinunter, um seinen Durst zu löschen, die zweite Hälfte, um die letzten Bürostunden der Woche zu vergessen. Das moderne Lagerfeuer flammte auf und die Tagesschausprecherin verlas die aktuellen Umfrageergebnisse zur Bürgerschaftswahl in Hamburg: CDU 40,2; SPD 33,7; FDP 4,7; Grüne Alternative Liste oder kurz GAL 6,8 Prozent. Christian wunderte sich nicht mehr, warum Hamburg eine Bürgerschaft statt einen Landtag besaß. Begriffe waren nebensächlich. Aber wo versteckte sich die CWP, Christians Wunschpartei, mit deren Inhalten er sich identifizieren konnte? Wählen um des Wählens Willen war lächerlich. Um zwanzig nach acht sprang er auf und tauschte die Anzughose gegen eine verwaschene Jeans. Leichter Regen hatte eingesetzt und legte sich wie ein Schleier über die in kleinen Gruppen oder alleine vor dem Ausgang der Station Sternschanze Wartenden. Christian gesellte sich zu ihnen. Er erkannte Basti, der sich mit seiner wallenden blonden Mähne wie ein stolzer Löwe bewegte, von weitem. Sie begrüßten sich wie unter Männern üblich mit Abklatschen und anfeuernden Rufen. Sie entschieden, die Bar Goldfischglas aufzusuchen, in der sich Studentinnen tummeln sollten. Die Türsteher wirkten eher wie Sportstudenten als kampfsporterfahrene Schränke, die vor dem Eingangsbereich vieler Läden auf Gäste lauerten. Ein Klangteppich aus Satzfetzen, Gläserklirren und wummernder Musik legte sich über ihre Ohren und der Duft des Nachtlebens umspielte ihre Nasen. Christians Blick glitt über die besetzten Sitzgruppen und Basti zeigte auf die freien Plätze an der Theke. Während sie mit dem ersten Bier anstießen, berichtete Basti über die neueste große Liebe seines Lebens und prüfte gleichzeitig die Figur jeder eintretenden Frau. Anna sehe umwerfend aus, sei eine Granate im Bett und sehr intelligent, leider war sie verheiratet und lebte mit dem Vater ihrer zwei Kinder zusammen. Ihre Treffen mussten immer außerhalb stattfinden und die Kommunikation gestaltete sich schwierig. Christian schmunzelte, Basti lebte nach seiner eigenen Fasson. Er war der Prototyp des modernen Menschen, nichts hatte für ihn Bestand. Alles ließ sich auf Sicht von drei Monaten revidieren, Bastis Wohnort, Freundin und Job wechselten spätestens alle zwei Jahre, manchmal häufiger. „Was ist denn aus Katharina geworden, hatte sie nicht extra für Dich ihren langjährigen Freund verlassen?“, fragte Christian. „Ja stimmt, aber weißt Du, wir haben uns dann doch nicht so gut verstanden und das Gerede über Hochzeit und Kinder hat mich genervt. Allein diese Blicke, falls uns im Café eine junge Mutter mit ihrem Kind gegenüber saß, schrecklich.“ Christian kannte diese Blicke von seiner Dani, mit der er seit fünf Jahren zusammen war. Seine Bierflasche war leer und er winkte der Bedienung zu. Plötzlich brüllte ihn Basti von der Seite an: „Lass mal woanders hingehen, die Mädels hier schocken einfach nicht.“ Er nickte seinem Freund zu und bezahlte. Christian folgte ihm nach draußen und sah im Gehen auf die Uhr, es war zehn. Auf dem Weg zur Sofabar schwankten ihnen angetrunkene Jugendliche entgegen, die mehr mit Zombies als den braven Auszubildenden und Schülern, die sie zu sein schienen, gemein hatten. Die Sofabar ähnelte einem Hühnerstall, in dem sich aufgeplusterte, zerzauste und abgekämpfte Exemplare drängten und in kleinen Gruppen vor sich hin schnatterten. Basti und Christian gelang es, an der Bar einen Stehplatz mit guter Sicht auf die überfüllten Sofas zu ergattern. Mit einem frischen Bier in der Hand begann das Taxieren der Anwesenden. „Die Typen haben es nicht drauf, nur der dahinten mit dem Kapuzenpullover und er hier vorne sind cool.“, sagte Basti. „Stimmt, die Mädels sind auch nicht viel besser. Entweder haben sie einen zu dicken Hintern oder einen Gehfehler.“ „Meistens beides, zu stramm sitzende Hosen und einen hässlichen Vogel an ihrer Seite.“ Christian zahlte das zweite, vierte und sechste Bier, Basti im Wechsel das dritte, fünfte und siebte. Alkohol, der große Gleichmacher, flutete Blutbahn und Hirn. Basti fasste einer Blondine, die sich dicht an ihm vorbeischob, auf den zu dicken Hintern und nahm ihre Ohrfeige klaglos hin, Christian rutschte raus, wie gerne es Dani von hinten mochte und dass er von einem Dreier mit ihr und ihrer besten Freundin träumte. Es wurde einer dieser Abende, an denen sich Vorfreude schnell in Reue umkehrte und man im Halbschlaf per Taxi nach Hause gelangte, durch Poltern im Treppenhaus die Nachbarn aufweckte und mit dreckigen Zähnen im Bett in eine unruhige Nacht wegdämmerte.
Christians Hand fuhr über Danis rechte Pobacke und mit einem Klaps fachte er ihre Lust an, sie stöhnte auf. Plötzlich stampften im Nebenzimmer Füße auf und Stimmengewirr erhob sich. Er schreckte aus seinem Traum hoch und sah sich im Halbdunkel seines Schlafzimmers um. Ein dumpfer Schmerz hatte sich in seinem Kopf eingenistet, drei eilig in der Küche heruntergestürzte Glaser Wasser halfen nicht. Im Minutentakt trampelten Füße durch das Treppenhaus, schwere Gegenstände schlugen gegen das Treppengeländer und Verständigungsrufe schallten hinauf. Zwei Stunden wälzte sich ein junger Mann in seinem Bett, wurde Dutzende Male aus dem Schlaf gerissen und schlurfte dann unter die Dusche. Der Blick aus dem Fenster offenbarte einen Kleintransporter, der die rechte Fahrspur blockierte und alle Fahrzeuge zum Ausscheren zwang. Schwerer Regen fiel auf die Menschen in den Straßen, die mit verkniffenen Gesichtern Besorgungen erledigten. Christian beschleunigte seinen Schritt. Auf dem kleinen Marktplatz Ecke Heußweg leuchtete das Rapsfeld der Parteienlandschaft, ein FDP-Stand, dessen Betreuer jeden Passanten ansprachen. Christian entfuhr ein „Lasst mich in Ruhe“, während er auf seinen Biobäcker zusteuerte. Dani legte Wert auf gutes Brot im Haus und sollte morgen nicht enttäuscht werden. Ob es an seinen betäubten Geschmacksnerven oder der industriellen Zubereitung lag, die Pizza aus dem Backofen war geschmacklos und sättigte ihn nicht. Er rollte sich wie ein Hund auf der Couch zusammen und schlief ein. Am späten Nachmittag hatte der Regen nachgelassen und das schlechte Gewissen drückte. Christian zog seine Laufklamotten an, schnürte die Schuhe stramm und trippelte vor der Haustür los. Die lange Runde um die Binnenalster täte ihm gut. Vereinzelt segelten Blätter von den Laubbäumen, die die Gehwege der Straßen säumten, zu Boden und Christians Fuß rutschte mehrfach ab. Viele Fahrradfahrer und Läufer nutzten die regenfreien Minuten. Als ein Uferstück der Binnenalster in Sicht kam, schöpfte Christian neue Kraft. Er schloss sich dem Heer der Läufer und Spaziergänger an, welches die Wasserscheibe zu jeder Tag- und Nachtzeit umkreiste. Er prüfte die Figur der Frauen in seinem Alter, solange es keiner auffälligen Verrenkungen bedurfte, und beschleunigte seinen Schritt, falls jemand ihn überholen wollte. In einer Dreiergruppe erspähte Christian einen Blondschopf mit Kinderwagen, der ihm bekannt vorkam. Er verlangsamte sein Tempo, um den Mann fixieren zu können. Es war Ole von Beust, der amtierende Bürgermeister, ein bekennender Schwuler, der lässig einen Kinderwagen schob und sich angeregt mit einem Mann mittleren Alters unterhielt. Scheint sich um die bescheiden hanseatische Art des Wahlkampfs zu handeln, dachte Christian. Plötzlich glitt seine Ferse auf einer Baumwurzel ab und er strauchelte. Mit einer gesprungenen Seitbewegung wich er dem Bürgermeister aus, streifte einen älteren Herrn und fand zurück in seinen Laufrythmus. Wieder zu Hause hämmerte er sich ein, spätestens um zehn Uhr ins Bett zu gehen und morgen den Urnengang zu absolvieren, bevor er Dani abholte. Gegen halb zwölf kroch er von der Fernsehcouch ins Schlafzimmer und erwachte nach tiefem Schlaf. Die Nachwirkungen der Sauftour mit Basti waren abgeklungen, um elf Uhr stand Christian hinter Kirchgängern und Senioren in der Schlange des Wahllokals. Je näher er den Wahlkabinen rückte und je mehr Wähler ihm mit verklärtem Gesichtsausdruck entgegen kamen, desto unruhiger wurde er. Die FDP und SPD schieden aus, über die Kandidaten der Grünen hatte er sich nicht informiert und von der CDU kannte er nur Ole von Beust, seit gestern persönlich. Für die Auswahl des passenden Handytarifs, der Suche nach dem perfekten Automodell oder die Urlaubsplanung nahm man sich viele Stunden Zeit. Über die zur Wahl stehenden Politiker informierte man sich selten länger als ein paar Minuten. Der ältere Herr mit Halbglatze reichte Christian seinen Wahlzettel und wies auf die linke der drei Wahlkabinen. Hinter der Sichtschutzwand klappte er das Papier auf und setzte sein Kreuz bei den Grünen. Christian faltete erleichtert den Wahlzettel zusammen und warf ihn in die an eine Mühltonne erinnernde Wahlurne. Auf dem Nachhauseweg gönnte er sich ein Schokocroissant vom Bäcker und freute sich auf den restlichen Tag mit Dani. Nachdem er sich ihre Reisegeschichte angehört haben würde, stünden die Chancen auf Sex am Nachmittag gut.