Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

29. Juli 2010 Kommentare: 10

Stress

Mir zu viele Dinge aufgehalst. Weder ein noch aus gewusst. Gekrümelt statt gesaugt. Stundenlang Musik gehört. Einen Songtext geschrieben. Drei Magazine (PC Games, Playboy, Tuning), eine Zeitung und ein halbes Buch gelesen. Den Anfang einer Kurzgeschichte verfasst. Burger, Chinesisch, Döner und Pizza “gekocht”. Täglich einen Apfel verspeist. Ein Mini-Drehbuch modelliert. Zehn Folgen Frasier geglotzt. Über Geschäftsideen gebrütet. Das Wochenbudget gesprengt. Zwölf-Stunden-Schichten am Rechner eingelegt. Mehr Zeit im Mittelalter als in der Gegenwart verbracht. Vorsätze hinweg gefegt. Mich am Telefon erregt. In Summe nichts bewegt. Von Übersprungshandlungen geschüttelt worden. Verdrängt, was in der Woche geschah. So musste sich wohl hausgemachter Stress anfühlen.

23. Juli 2010 Kommentare: 4

Diese Woche ein Mini-Drehbuch: Hoffnungslos.

Am Dienstag fand die Abschlusslesung meines Drehbuchkurses statt, folgende Zeilen wurden unter dem Titel “Hoffnungslos” und meinem Namen verlesen. Für alle Hypochonder und die unter uns, die es nicht werden wollen:

Figuren
DANIEL SCHWARZ: Ein schlanker Mittdreißiger
Eine RADIOMODERATORIN
Eine JUNGE FRAU
Ein JUNGER MANN
Eine ALTE FRAU
Ein ALTER MANN
Eine SPRECHSTUNDENHILFE
Ein ARZT

FADE IN

Im Schlafzimmer
Nachts. Ein spärlich mit Bett, Nachttisch und Kleiderschrank möblierter Raum. Kleidungsstücke liegen überall verteilt. Durch die Lamellen einer Jalousie fällt fahles Mondlicht ins Zimmer. Im Bett wälzt sich DANIEL unruhig hin und her. Er trägt nur eine Unterhose. Schweiß steht ihm auf der Stirn. Eine Hand ruht auf seinem Bauch.

Im Badezimmer
Morgens. Ein altmodisches enges Bad. DANIEL steht vor dem Spiegel und hat tiefe Augenringe. Er fährt sich mit einer Hand durch’s Gesicht, die andere presst er gegen seinen Bauch. Ohne sich zu waschen und mit fettigen Haaren verlässt er das Bad.

In der Küche
Eine typische Junggesellenküche. DANIEL sitzt auf einem von zwei einfachen Holzstühlen an einem kleinen Tisch. Die Wand, an die der Tisch grenzt, ist mit vielen Fotos bedeckt. Sie zeigen DANIEL auf Feiern mit Freunden oder Verwandten und beim Reisen. Er sieht auf jedem Foto gut gestylt aus und lächelt in die Kamera. DANIELs Hemdkragen ist speckig. Er rührt langsam in einem vollen Kaffeebecher. Im Hintergrund läuft das RADIO.

Stimme einer RADIOMODERATORIN (überschwänglich)
Habt Ihr gehört, Ihr Sonnenanbeter und Badefreunde?! Heute sollen es über dreißig Grad bei uns im Norden werden. Also packt die Strandklamotten ein und dann geht’s vom Büro oder Hörsaal direkt ans Wasser! Und wir heizen Euch schon einmal richtig ein mit „Summertime“ von Will Smith, dem alten Knackarsch!

DANIEL erhebt sich langsam und schaltet das Radio ab.

In der Bahn
Ein fast leeres Abteil. DANIEL sitzt alleine in einem Vierer. Aus dem Mülleimer vor ihm quillt der Abfall. Mit einem gequälten Gesichtsausdruck hat er beide Hände vor seinen Bauch gepresst. Die Bahn hält, viele Menschen drängen ins Abteil. Eine JUNGE FRAU und ein JUNGER MANN nähern sich und unterhalten sich laut.

JUNGE FRAU (im Plapperton)
Lass uns Samstag ans Wasser fahren, es soll so schön warm bleiben. Andy und Jenny sind wahrscheinlich auch dabei.

JUNGER MANN (leicht genervt)
Samstag ist doch Fußball, Schatz. Ich will ins Stadion und das Spiel sehen.
Die JUNGE FRAU setzt sich gegenüber von DANIEL hin. Sie sieht sehr gut aus und trägt Hotpants. Der JUNGE MANN setzt sich neben Daniel. Daniel sieht nicht auf, sondern starrt weiter vor sich hin.

JUNGE FRAU (mit etwas Schärfe)
Du immer und Dein blöder Fußball! Kannst Du nicht einmal ‘was mit mir unternehmen, Schatz? Ich mache schließlich…

Im Wartezimmer
Der steril wirkende Warteraum einer Arztpraxis. Die Stühle und Wände sind in weiß gehalten. Alle Sitzplätze sind belegt, überwiegend von älteren Leuten. Zeitschriftenrascheln liegt in der Luft. Eine junge Mutter flüstert beruhigend auf ihr Kind ein. Daniel sitzt zusammengesunken auf seinem Stuhl. Er starrt auf den Boden und presst sich die Hände vor den Bauch. Ein ALTER MANN und eine ALTE FRAU unterhalten sich für alle gut verständlich.

ALTER MANN (mit leidender Fistelstimme)
Meine Frau ist mir vor zehn Jahren weggestorben. Darmkrebs, die Ärzte konnten nichts machen.

ALTE FRAU (nickt verständnisvoll)
Mein Mann fiel plötzlich tot um, Herzstillstand. Und das nach 40 Jahren glücklicher Ehe.

ALTER MANN (raschelt laut mit einer Zeitschrift)
Wenigstens ging es schnell. Meine Frau hat sich nur ein paar Monate gequält und aufgrund des Morphiums gar keine Schmerzen gehabt. Gott sei…

Stimme einer SPRECHSTUNDENHILFE (per Lautsprecher)
Herr Schwarz bitte ins Zimmer drei.

Im Behandlungsraum
In der Mitte des Raumes steht ein Schreibtisch. An der Wand ein volles Bücherregal sowie eine Liege. Großflächige Zeichnungen menschlicher Organe und Körperpartien hängen an den anderen Wänden. Daniel sitzt einem asketisch wirkenden Arzt gegenüber.

ARZT (mit ruhiger Stimme)
Herr Schwarz, Ihr Befund liegt jetzt vor.

DANIEL nickt und presst sich die Hände noch etwas fester auf seinen Bauch.

ARZT (macht eine beschwichtigende Geste)
Ich kann Sie beruhigen, es ist nichts Ernstes.

DANIEL blickt ihn ungläubig an.

ARZT (reicht Daniel ein Rezept)
Eine harmlose Magenschleimhaut-Entzündung. Bei Einnahme dieses Medikaments dürften Ihre Beschwerden abklingen.

DANIEL nimmt das Rezept zögernd an.

ARZT
Schlafen Sie sich richtig aus. Alles Gute und lassen Sie sich in zwei Wochen einen Kontrolltermin geben.

Im Schlafzimmer
DANIEL kauert auf seinem Bett. Sonnenstrahlen erhellen den Raum. Er schüttelt den Kopf und lacht bitter über sich selbst.

ENDE.

16. Juli 2010 Kommentare: 4

Hitze.

34°C in der Dichterstube gemessen. Für zwei geschwitzt. Um klare Gedanken gerungen. Hängebauchschweine und Waschbären durchs Zimmer wuseln gesehen. Die Wasserflasche über meinem Kopf geleert. Dank Ventilator einen Schnupfen geholt. Den Keller gesucht. Mich erinnert, dass es keinen gab. Überlegt, in Unterhose weiter zu schreiben. Das falsche Modell angehabt. Gemerkt, dass ich nur eine kurze Hose besaß. Eine Boss-Jeans abgeschnitten. Mich über den Ausblick (Himmel, Frauen) gefreut. Mehr hinaus als auf den Schreibtisch geschaut. Mich in den Stadtpark gesehnt. Das Fenster aufgerissen. Den Klimawandel verflucht. Schuldige (Verwandte, Freunde, Fremde) angeblafft. Die Klimaanlage im alten Büro vermisst. Den Kühlschrank zweckentfremdet. An die Ostsee nach Kiel gefahren. Die Badehose vergessen. Morgens das Deo weggelassen. Die Düfte des Sommers genossen. Von Minusgraden geträumt. Eine Woche Skiurlaub gebucht. Bei der Wettervorhersage geweint. “Zu viel Hitze, zu viel Sonne” gestöhnt. Mir eingestanden, dass ich im Hochsommer eher der Frühlings-/Herbsttyp war…

8. Juli 2010 Kommentare: 7

Der Tag, an dem sich Rico M.s Leben änderte

Ungläubig las Rico die Mail ein zweites, drittes und viertes Mal. Er?! Es musste sich um eine Verwechslung handeln. Wahrscheinlich ein Mail-Streich der Senioren, die er bei seinem Auftritt am Dienstag beleidigt hatte. Schon ärgerlich, wenn man zu einem Fußball-Themenabend eingeladen wird und dem Trugschluss unterliegt, dort tummelten sich Teens und Twens, die in Dauerfehden mit ihren Großeltern verstrickt seien. Und genau für diesen Zweck einen Text verfasst, der die Themen Generationenkonflikt, Alterserscheinungen und Fußball-Fanatismus genüsslich miteinander verquickt und leider erst beim Gang zum Mikrophon bemerkt, dass überwiegend ältere Damen und Herren im Publikum sitzen. Rico war seit seiner Tätigkeit als Hafenarbeiter abgehärtet und trug jede Zeile vor. Gelacht wurde nicht, geschmunzelt kaum merklicher, dafür türmten sich auf faltigen Stirnpartien Gebirge auf und empörtes Raunen ging mehrfach durch den Raum. Da half auch der sonnige Künstlername Sonning nicht, auf dessen Erfindung er sehr stolz war. Der Moderator des Abends musste das Publikum drei Mal auffordern, dem “Dichter” Rico zumindest einen Anstandsapplaus mit auf seinen Heimweg zu geben. Aber das war SchneeErzählkunst von vorgestern.

In der Nacht wurde Rico von Alpträumen heimgesucht, in denen ihm arglose Rentner übel mitspielten. Neben der verrohenden Jugendkriminalität verzeichnete die Polizei nämlich immer mehr Altersdelikte. Vom Ladendiebstahl bis zur Selbstjustiz (Entführung eines halbseidenen Finanzberaters) ereignete sich Unvorstellbares. Das stand alles in der ZEITung! Rico erwischte einen dieser Tage, an dem man mit dem falschen Bein aufsteht und das richtige den ganzen Tag nicht findet. Schlands Niederlage rundete den Tag ab. Heute schließlich schleppte er sich zum Rechner, um die Korrespondenz mit der Bundeskanzlerin und seinem Schuldenberater fortzusetzen. Rico las die Mail zum ersten Mal, die sein Leben ändern sollte. Die wurstlastige Geschichte, eingereicht unter seinem Künstlernamen Sonning, war in die engere Auswahl für die “schlechteste Geschichte der Welt” gelangt. Welch ein Triumph!

Der Text “Geschlaucht vom Leben” von und mit Rico M. in der Vorauswahl des “schlechteste Geschichte der Welt”-Wettbewerbs des Autorendocks

Mit diesem Erfolg im Rücken aß er ein Eis und spielte den Rest des Tages Computer…

2. Juli 2010 Kommentare: 6

In eigener Sache: An alle Singer-Songwriter oder kleinen Bands

Ich suche eine(n) Singer-Songwriter(in) oder kleine Band idealerweise aus Hamburg(-Eimsbüttel) mit selbst geschriebenen deutschen Texten. Mein Ziel ist es, testweise Themenabende (z.B. Liebe/Gefühl oder Stress/Zeit) mit verschiedenen Textformen (Gedichte/Slamgeschichten/Kurzgeschichten/Songs) zu gestalten. Mir geht (und Dir/Euch sollte) es darum gehen, Bühnenerfahrung zu sammeln. Geld spränge am Anfang wohl für keinen von uns ‘raus. Die erste Lokation im Herzen Eimsbüttels hat nur Platz für 20 - 30 Zuschauer, wäre also sehr gut zum Üben geeignet. ;) Ich freute mich über Mails/Kommentare von Interessierten (gerne auch potenzieller Zuschauer bzw. von Leuten, die da jemanden kennen)!

P.S. Mittlerweile haben sich so viele Musiker gemeldet, dass ich weitere Interessenten vertrösten muss. Schreibt mir gerne, aber rechnet bitte nicht damit, schnell bei einem Abend dabei zu sein. Auf jeden Fall bin ich begeistert, wie viele Vollblut-Musiker sich gemeldet haben! ;)

1. Juli 2010 Kommentare: 8

Zwölf Monate später

Vor einem Jahr offiziell mein Leben geändert. Aus dem Alltag verabschiedet. Hunderte Kollegen verloren. Eine neue gewonnen. Nicht umgezogen. Keine Freunde in die Wüste geschickt. Alle Hobbys beibehalten. Versucht zu kochen. Mir eine Kantine gesucht. Unverändert lange vor’m Rechner gehockt. So viel Sport getrieben bis ich zum Arzt musste. Zehn Dates gehabt. Mit der Dichtermasche nicht wie erhofft gepunktet. Einen waschechten Dichter getroffen. Andere Schreiberlinge vergrauelt. Geld im Wert eines Kleinwagens verbrannt. Keinen Cent verdient. Höchstens einmal die Woche Anzug getragen. Keinen neuen gekauft. Am konzernfreien Glück geschnuppert. Die Uni hassen gelernt. Rund Hundert Bücher gelesen. Einen schlechten Roman verfasst und weggeschmissen. Mit dem guten noch nicht angefangen. Beim einzigen Auftritt untergegangen. Weder reicher noch berühmter geworden. Überlegt, diese Seite nach einem Jahr zu schließen. Dagegen entschieden. Dem alten Leben nie hinterher getrauert. Zufriedener geworden. Mich zwölf Monate später das erste Mal als richtiger Poet gefühlt.