Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

23. September 2010 Kommentare: 5

Tage des Abschieds

Die Wärme eines Spätsommertages erfüllte den Raum, der mir als Büro diente. Auf dem Schreibtisch stapelten sich die Seiten halbfertiger Geschichten und Gedichte für meine nächsten Auftritte. Unter der “Ode an die IT”, einer düsteren Utopie unseres technisierten Alltags, lugte das Blatt hervor, auf dem ich vor zehn Monaten das Vorwort meines Romans notiert hatte und mit dem ich seitdem keinen entscheidenden Schritt weitergekommen war. Immer kam etwas dazwischen wie die Begegnung mit der vermeintlichen Liebe meines Lebens oder ein depressiver Schub. Mir machte der Exodus meiner Freunde zu schaffen. Martin hatte sich für den Job in Hannover, nein, gegen Hamburg entschieden. Gegen mich. Meine gute Bekannte Manuela, der Altona endgültig zu hektisch und laut geworden war, war nach Rellingen geflüchtet. Unter Kennern galt Rellingen als eine dieser Speckgürtel-Idyllen, in denen leere Wohnungen auf Mieter mit niedrigem Einkommen warten, eine in Hamburg unvorstellbare Konstellation. Manuela und ich trafen uns jetzt nicht mehr jeden zweiten Donnerstagabend auf ein Bier. Eigentlich trafen wir uns überhaupt nicht mehr. Die Fahrt nach Rellingen dauerte eine Stunde ohne Auto. Meine Hemmschwelle für Fahrten zu Menschen lag bei 30 Minuten, eine von meinen Erlebnissen als Fahrschüler (zum Gymnasium pendelndes Schulkind) herrührende Neurose. Bei mehr als 30 Minuten Fahrtzeit musste es sich um wirklich gute Freunde, die ich länger nicht gesehen hatte, oder sehr attraktive Frauen handeln, die ich häufiger sehen wollte. Beides traf auf Manuela nicht zu.

In den August und September hatten sich fünf meiner Freunde (Martin nicht mitgezählt) entschlossen, Hamburg den Rücken zu kehren. Die örtliche Freundesdichte sank und sank. Ich schwankte, ob ich meine gesammelten Umzugserfahrungen als Wink des Schicksals zu deuten hatte. Sollte ich mein Glück in der Umzugsbranche versuchen? Beratende Freiberufler fanden sich an jeder Ecke, dichtende Möbelpacker (”Die Glocke” auf den Lippen wuchteten sie das Klavier durch’s Treppenhaus) waren rarer gesät. Die Phase der puren Poesie faserte aus. Bisher hatte ich noch alle zwei Jahre die Stelle gewechselt und fühlte mich zu jung, um in einer beruflichen Nische sesshaft zu werden. Hatte ich mich etabliert, hielt ich es für geboten, sich nach einer neuen Herausforderung umzusehen. An die Fülle des geschriebenen, in Schweigen eingehüllten Wortes knüpfte die Fülle des fließenden, von Skrupellosigkeit umhüllten Geldes an.

Schwerer fiel mir der Abschied vom Sommer. Er, der im Norden ein flüchtiger Bekannter war und nach an den Fingern der beiden Hände abzuzählenden Wochen in Richtung des Äquators floh. Die Erinnerung an sechs Schweiß treibende Wochen war in sechs windigen und verregneten Wochen verblichen. Rund 30 Wochen Tristesse standen den tapferen Nordlichtern bevor, unterbrochen nur von einigen klaren Wintertagen und den Ahnungen des neuen Frühlings. Die Zeit der dampfenden Teetassen, übergeworfenen Decken und kratzenden Rollkragen brach an. Triefende Nasen, denen allein mit Feuer beizukommen war, schlotternde Gestalten, die sich in den Glasverschlägen der Haltestellen drängten, billige Schokoladenberge, die sich unter funkelnder Aluminiumfolie im Supermarkt verbargen. Ganz zu schweigen von den Bräuchen und Gewohnheiten, die über die Bewohner der Städte und Dörfer hereinbrachen und sich in der Weihnachts- und Silvesterzeit zu christlich-heidnischen Ritualen aufbauschten, denen sich kaum ein Heide oder Atheist zu entziehen wagte. O Du seliger Herbst und Winter, ich umarme Dich schon jetzt!

17. September 2010 Kommentare: 19

Vier Tage Zweifel, drei Tage Glück.

Vier Nächte durchwacht. Am Leben gezweifelt. Auf Psychopharmaka geschielt. Baldrian eingeworfen. Drei Nächte gedämmert. Das Delirium Leben geliebt. Angefangen, meinen Körper zu spüren. Ihm gelauscht. Gefröstelt. Gebadet. Durch den Park spaziert. Den Po einer Läuferin Blumen und Sträucher bewundert. Die Gänse vermisst. An den Weihnachtsbraten gedacht. Im Regen geradelt. Unter Sonnenschein geradelt. Bei Wind geradelt. Autofahrer getadelt. Meine Einstellung geadelt. Einen Plan entworfen. Mich daran gehalten. Meine Nachbarn abends gefragt, ob wir nicht Wohnungen tauschen wollten. In Gedanken siebzehn Mal umgezogen. Jeden Raum mehrfach eingerichtet. Büchertürme gebaut. Staubmauern eingerissen. DVD-Berge sortiert. Bei Liebesschnulzen geniert. Am nächsten Morgen alles abgeblasen. Mich ins Grüne geträumt. Das Pendeln gescheut. Ins Beratungsgeschäft eingestiegen. Einen Stundensatz von 1.000 Euro gefordert. Nach dem ersten Kundengespräch wieder ausgestiegen. Auf den Urlaub gefreut. Ballast vertäut. Die Schreibzeit reduziert. Produktiver gewesen. Mich erinnert, worauf es ankam: Familie & Frauen Freunde. Ausgegangen. Telefoniert. Mein Leben zum dritten Mal in dreizehn Monaten geändert. Mich vor der nächsten Woche Wendung gefürchtet…

10. September 2010 Kommentare: 14

Mechanismen des Alltags

Essen kochen, Kaffee aufsetzen, Hemden bügeln, Putzen, Geschirr abwaschen, Einkaufen, Staub saugen, Duschen, Zahne bürsten, Schuhe säubern, Wäsche waschen, Fließen schrubben, Boden wischen, Geschirrspüler einräumen, Waschmaschine ausräumen, Trockner anstellen, Wäsche aufhängen, Fleisch braten, Haare waschen, Creme auflegen, Politur auftragen, Fenster putzen, Bettwäsche wechseln, Schminken, Hände waschen, Wohnung aufräumen, Spinnweben entfernen, Essen wegwerfen, Müll ‘rausbringen, Haushaltslisten aufstellen, Flecken einweichen, Parkett wienern, Lampen auswechseln, Rasieren…

Manchmal frage ich mich, ob sich hinter all der Körper- und Sachpflege mein Leben versteckt. Irgendwo muss es doch zu finden sein. Menschen brauchen Routine, Aliens wie ich nicht. Ich auch. Wäre nicht der schmale Grad zwischen rettender Routine und maledeiter Monotonie, das Leben könnte schön sein. Nicht auszudenken, wie sich allein erziehende Mütter und Väter (ja, ihre Zahl steigt - Rechtsprechung im Wandel) ab zwei Kindern fühlen. Ständige Nahtod-Erfahrung durch erschöpfende, sich wiederholende Tätigkeiten. Sachen sauber machen, die sofort wieder dreckig werden. Ordnung schaffen, damit das Chaos losbrechen kann. Ein fünfter Grund, keine Kinder zu zeugen. Geschweige denn, sie alleine großzuziehen. Die Monotonie freien Alternativen sind übersichtlich:
Auf der Straße leben (unangenehm), “WG” mit einem weiblichen Putzteufel (unangenehm), Haushälterin oder Diener beschäftigen (angenehm, aber zu teuer unangenehm), zurück zu Mama (verlockend unangenehm), den Kram liegen lassen (unangenehm). Also den Kram liegen lassen, regelmäßig zetern und langsam versumpfen. Mein Ansatz seit Jahren. Bei Interesse böte ich Messi-Wohnungsführungen oder Demotivationsseminare an. Zu überteuerten Preisen und so unprofessionell wie möglich, alles gut verpackt unter dem Stichwort Immobilienvermittlung.

Jetzt zur Illustration am Otto-Normalbürger namens Peter Müller (früher mag Otto Maier der häufigste Männername in Deutschland gewesen sein, heute ist es Peter Müller. Der Vater von Rico M., meinem verstoßenen Alterego, heißt Hans-Peter Müller, eine erstaunliche Extravaganz mit vier Buchstaben). Die Struktur eines beliebigen Montags Dienstags Mittwochs Donnerstags Freitags Lebenstages ließe sich wie folgt beschreiben:

8,0 Stunden schlafen
0,5 Stunden essen
3,5 Stunden fernsehen
0,2 Stunden pinkeln/scheißen
0,2 Stunden Zähne putzen
7,0 Stunden arbeiten/Hartz IV empfangen/Rentner sein/Urlaub machen
0,5 Stunden Bildzeitung lesen (davon 80% Titelblatt unten)
2,0 Stunden Auto fahren
0,5 Stunden reden (Wettervorhersage, Fußballergebnisse)
0,5 Stunden masturbieren (oder überlegen, es zu tun)
0,2 Stunden furzen
0,2 Stunden rasieren
0,2 Stunden Sport treiben (Gang zum Kühlschrank)
0,0 Stunden Hausarbeit (mit Putzteufel verheiratet)
0,X Stunden verdampfen

Wenn das vollkommene Lebensglück nicht so aussieht, dann weiß ich auch nicht, wonach es zu streben gilt…

1. September 2010 Kommentare: 0

Naiver Brief zum schwelenden Nahost-Konflikt

Ab sofort werde ich mich unregelmäßig zu gesellschaftlichen oder politischen Themen äußern. Günter Grass’ Befehl ist Befehl. Meine Gedanken zu den Sarrazin’schen Thesen folgen frühestens in der nächsten Woche, vielleicht auch nie. Statt dessen soll ein naiver offener Brief an den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu den Anfang machen. Erschreckend ist, dass ich ihn vor knapp einem Jahr für einen Wettbewerb verfasst habe und sich seitdem wenig getan hat, zumindest in der Wahrnehmung eines durchschnittlichen Lesers der westlichen Presse. Die Zwei-Staaten-Lösung muss her! Scheiterten die angebahnten Verhandlungen auch dieses Mal, sähe ich keinen glimpflichen Ausweg aus dem Dilemma. Blutige Auseinandersetzungen im Nahen Osten stünden ins Haus…

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Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Netanjahu,

ich wende mich an Sie mit einem Anliegen, welches Israel, den Palästinensern und Ihren Nachbarn die Chance auf dauerhaften Frieden eröffnete: Die Wiederbelebung des stockenden Friedensprozesses im Nahen Osten.

Nun denken Sie, wie frech von einem jungen Deutschen, sich zu Wort zu melden. Und ich pflichte Ihnen bei, von existenziellen Fragen, die über Leben oder Tod entscheiden, verstehe ich wenig. Not, Gewalt und ein ständiges Gefühl der Gefahr erfuhr ich nie und kenne ich nur aus den Medien oder Erzählungen älterer Menschen wie meiner Großeltern.
Und dennoch, seit zehn Jahren verfolge ich die Berichterstattung über den israelisch-palästinensischen Konflikt, die Hintergründe habe ich sorgfältig studiert, und sehe keinen Fortschritt. Die Namen der Handelnden und Initiativen wechselten und statt Frieden entfaltete sich der Hass. In der Vergangenheit mag Härte notwendig gewesen sein, um Ihr Land und Volk zu schützen, doch es ist an der Zeit, an den Verhandlungstisch zurückzukehren.

Vor kurzem drang an die Öffentlichkeit, dass hochrangige Israelis getagt hatten, um die Alternativen zum Aufhalten des iranischen Urananreicherungsprogramms zu bewerten. Ihre Landsleute schlüpften in die Rollen der israelischen sowie internationalen Interessengruppen und erörterten vorurteilsfrei die Situation. Ich wünschte mir eine ähnliche strategische Simulation zur Palästinenserfrage mit offenem Ausgang.

Ich bitte Sie eindringlich, beenden Sie mit Ihrer Regierung den Siedlungsausbau und entwerfen Sie einen neuen Verhandlungsplan. Gehen Sie mit Ihrer Regierung auf die Vorschläge des US-Präsidenten Obama ein. Ihr Volk, die Palästinenser und viele Menschen auf der Welt blicken auf Sie und sehnen diesen ersten Schritt hin zu einer friedlichen Lösung herbei.

Mit freundlichen Grüßen verbleibt
Sonning Strauß