Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

11. November 2010

Ode an die IT (Langversion)

Ich arbeite hauptsächlich an Texten für meine nächsten Auftritte. Anbei die Langversion der “Ode an die IT”, die vor Publikum nicht richtig funktionieren will…

An die Maschine, meinen Rechner:
O Du mächt’ges Gerät,
dass mir alles verrät,
Du bist mein Wissensquell,
weißt Rat, sekundenschnell.

Ohne Dich bin ich hilflos,
stelle mich gnadenlos bloß,
kann weder nach Dingen gieren
noch bei Pornos masturbieren.

Du stehst immer Deinen Mann,
solch Potenz auf Knopfdruck kann
frustrieren und eskalieren
in einer Fehlermeldung:
„Das Programm reagiert nicht.“
warum denn, Du einsilbiger Wicht?

Im Bann Deiner Hypnose
fress‘ ich Chips aus der Dose,
kippe Kaffee und Cola hinterher,
Du arbeitest und ich tu‘ mich schwer
mit der Erledigung der Aufgaben,
die man mir aufgetragen.

Du scheinst süchtig nach Zuwendung
wie Teilnehmer einer Casting-Sendung.
Ständig muss ich Deine Maus halten
oder einen Stapel Papier falten
für Deinen Freund, den Drucker,
mit dem sonst keiner spricht
außer Kabeln, Staub und Wollmäusen.

Täglich streichele ich Deine Tasten,
Du kuschelvernarrter Kasten.
Starrst mich an mit Deiner Fratze,
schnurrst dabei wie eine Katze.
Gehorchst Du mir manchmal nicht,
brülle ich Dir ins Gesicht:
„Verdammt, was ist Dein Problem,
wirst Du langsam zu bequem?“

Ich liebe und ich hasse Dich,
so ‘was endet selten glimpflich.
Ich rate Dir zur Vorsicht:
Wirst Du jemals noch kecker,
zerschneide ich Deinen Stecker.

An die Menschen, Euch alle:
Videos gucken, Mails checken,
ein tolles Projekt aushecken,
Neues über Promi X entdecken.
Mit allen in Kontakt stehen,
den ganzen Tag online sein,
von Zuhause die Arbeit versehen,
so wird man Mitglied im Verein
der Digital Natives,
is foolish, but sounds creative.

Vernetzt bald rund um die Uhr,
dies ist der schnellste Weg zu einer Kur.
Eine Kur, die Dich nicht heilt,
weil die Zeit niemals verweilt.
Muße und Innehalten
gelingt beim Lesen gedruckter Zeilen,
doch Obacht, Bücher sind Auslaufmodelle,
Thalia und Hugendubel
verharren analog auf der Stelle.

Amazon, Apple und Google,
drei Internetgiganten,
bereichern sich wie Briganten
am Kulturgut Buch.
Lesegeräte sind der letzte Schrei,
alle rufen „Juchhu!“, keiner „Huch!“.
Alles wird abfotografiert,
digitalisiert, verknüpft
und automatisch recherchiert.
Mit Deiner Privatsphäre ist’s bald vorbei.

Jeder wird wissen, wer Du bist,
was Du liest und wen Du küsst,
was Du Dir wünschst und erträumst,
welche Dinge Du in den Kühlschrank räumst.
Du musst Dich um nichts mehr kümmern,
keine Sorgen, kein nächtliches Wimmern.

Algorithmen berechnen Gedanken.
Prozeduren simulieren Gefühle.
Maschinen ersetzen Menschen.
Zahlen ersetzen Worte.
Virtualität wird Realität,
elektrische Signale gaukeln Dir Dein Leben vor.

Computer codieren Gedichte
mit perfekten Reimen
frei von Kritik und Keimen.
Es bedarf nur einer Marionette, die den Mund bewegt,
so tut als ob das Schicksal der Welt sie erregt.
Bewerben ist aussichtslos, diese Stelle ist belegt,
von mir, dem digitalisierten Jungpoet.

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