Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

1. September 2010 Kommentare: 0

Naiver Brief zum schwelenden Nahost-Konflikt

Ab sofort werde ich mich unregelmäßig zu gesellschaftlichen oder politischen Themen äußern. Günter Grass’ Befehl ist Befehl. Meine Gedanken zu den Sarrazin’schen Thesen folgen frühestens in der nächsten Woche, vielleicht auch nie. Statt dessen soll ein naiver offener Brief an den israelischen Premierminister Benjamin Netanjahu den Anfang machen. Erschreckend ist, dass ich ihn vor knapp einem Jahr für einen Wettbewerb verfasst habe und sich seitdem wenig getan hat, zumindest in der Wahrnehmung eines durchschnittlichen Lesers der westlichen Presse. Die Zwei-Staaten-Lösung muss her! Scheiterten die angebahnten Verhandlungen auch dieses Mal, sähe ich keinen glimpflichen Ausweg aus dem Dilemma. Blutige Auseinandersetzungen im Nahen Osten stünden ins Haus…

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Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Netanjahu,

ich wende mich an Sie mit einem Anliegen, welches Israel, den Palästinensern und Ihren Nachbarn die Chance auf dauerhaften Frieden eröffnete: Die Wiederbelebung des stockenden Friedensprozesses im Nahen Osten.

Nun denken Sie, wie frech von einem jungen Deutschen, sich zu Wort zu melden. Und ich pflichte Ihnen bei, von existenziellen Fragen, die über Leben oder Tod entscheiden, verstehe ich wenig. Not, Gewalt und ein ständiges Gefühl der Gefahr erfuhr ich nie und kenne ich nur aus den Medien oder Erzählungen älterer Menschen wie meiner Großeltern.
Und dennoch, seit zehn Jahren verfolge ich die Berichterstattung über den israelisch-palästinensischen Konflikt, die Hintergründe habe ich sorgfältig studiert, und sehe keinen Fortschritt. Die Namen der Handelnden und Initiativen wechselten und statt Frieden entfaltete sich der Hass. In der Vergangenheit mag Härte notwendig gewesen sein, um Ihr Land und Volk zu schützen, doch es ist an der Zeit, an den Verhandlungstisch zurückzukehren.

Vor kurzem drang an die Öffentlichkeit, dass hochrangige Israelis getagt hatten, um die Alternativen zum Aufhalten des iranischen Urananreicherungsprogramms zu bewerten. Ihre Landsleute schlüpften in die Rollen der israelischen sowie internationalen Interessengruppen und erörterten vorurteilsfrei die Situation. Ich wünschte mir eine ähnliche strategische Simulation zur Palästinenserfrage mit offenem Ausgang.

Ich bitte Sie eindringlich, beenden Sie mit Ihrer Regierung den Siedlungsausbau und entwerfen Sie einen neuen Verhandlungsplan. Gehen Sie mit Ihrer Regierung auf die Vorschläge des US-Präsidenten Obama ein. Ihr Volk, die Palästinenser und viele Menschen auf der Welt blicken auf Sie und sehnen diesen ersten Schritt hin zu einer friedlichen Lösung herbei.

Mit freundlichen Grüßen verbleibt
Sonning Strauß

26. August 2010 Kommentare: 0

Der Anti-Schriftsteller

‘Mal wieder festgestellt, dass es so nicht weiter ging (Geld, Sex, DVD- und Schokoladenkonsum). Eine Demonstration angemeldet. Motto “Eingruppierung fleißiger Schriftsteller in sorglos machende Gehaltsklassen Arm und glücklich, yeah!”. Mit mehreren Sympathisanten (drei, einer davon im Rollstuhl sitzend) durch die Hamburger Innenstadt gezogen. Mit einem dicken Polizisten gerangelt. Bei McDonald’s einen herunter gefallenen Cheeseburger erbettelt. Ständig von Bekannten oder Freunden eingeladen worden. Mit kaputtem Schirm durch den Hamburger Spätsommer-Regen gestapft. Urlaub in Bielefeld erwogen. Mich wie ein brünstiger Stier ohne Herde gefühlt. Socken gestopft. Versucht, mich auf zehn Quadratmeter zu verkleinern. Gescheitert. Per Kontaktanzeige nach einer Gönnerin gesucht. Mich gewundert, warum keine schrieb. Mir gesagt, dass das alles Kokolores sei. Big Business war, was zählte. Und so wird aus dem Jungpoeten wieder der Anti-Schriftsteller, sprich rücksichtslose Geschäftemacher werden, der er einmal war. Moralisch bankrott, intellektuell insolvent, doch physisch begütert. Aus reich und unglücklich ward arm und glücklich ward reich und unglücklich…

21. August 2010 Kommentare: 4

Swallow this!

Man möge mir den furchtbaren Betreff (englisch, mehrdeutig, pfui) verzeihen, aber ich habe am gestrigen Freitag(abend) mehr über vermeintliche Erotik gelernt als an allen bisherigen Freitagabenden dieses Jahres zusammen.
1. Für Erotik bedarf es mindestens zweier Menschen - Geschlecht, Alter, Gewicht, etc. sind egal.
2. Die Pornographisierung der Gesellschaft scheint weit vorgeschritten und unaufhaltbar.
3. Eine Mittagspause am Gänsemarkt wirkt erotisierender als stundenlanges Betrachten von Aktfotos.
4. Meine Blumensex-Fantasien haben mit der harten Realität wenig gemein.
5. Je hübscher die Frau, desto dreckiger ihre Gedanken.

Dementsprechend bin ich mit folgendem Text bei einem erotischen Poetry Slam untergegangen, der Titel lautet “Am Strand”:

Erotik beginnt bekanntlich im Kopf. Deswegen möchte ich Euch bitten, die Augen zu schließen, auch wenn es Euch befremdlich erscheint. Vergesst diesen Raum und die Menschen um Euch herum. Die Gerüche und sonstigen Geräusche. Hört nur auf meine Stimme.

Kuschele Dich noch tiefer in das Sitzpolster. Vergiss die Arbeitswoche und anderen Dinge. Lass Dich von mir an einen Strand entführen. Einen einsamen Südseestrand.

Das Wasser des Meeres rauscht sanft vor sich hin. Sonnenstrahlen sorgen für eine angenehme Wärme auf Deiner Haut. Gierig saugst Du den Strandgeruch durch Deine Nase ein, Sand und Salz.

Vereinzelte Palmen spenden Schatten. Im Hintergrund erhebt sich ein urtümlicher Wald, der das Inselinnere vor Deinem Blick abschirmt. Der Sand ist wunderbar fein und weiß.

Du bist nicht alleine. Der Mensch, den Du heimlich begehrst, ist hier. Die Arbeitskollegin, der Du Dich nie offenbaren würdest. Der nette Typ aus der Bahn, den Du jeden morgen beobachtest. Oder die Freundin des guten Freundes, unerreichbar im normalen Leben. Du weißt genau, wen ich meine.

Er oder sie kommt langsam auf Dich zu. Lächelt Dich an wie jemand, der Dir sehr vertraut ist. Ihr müsst voreinander keine Scheu haben und Du musst Dich heute nicht verstellen. Du blinzelst gegen die Sonne und lächelst leicht zurück.

Du zögerst ein wenig, ob Du die Dir entgegen gestreckte Hand annehmen sollst. Aber niemand ist hier, vor dem Du Dich genieren bräuchtest. Er oder Sie nickt Dir aufmunternd zu.

Eure Fingerkuppen berühren sich ganz leicht. Ein feines Prickeln erfasst Deine Hand. Dann gleiten Eure Hände wie selbstverständlich ineinander. Die Haut Deines Gegenübers ist weich und duftet ungewohnt. Fruchtig und etwas herb zugleich. Mehrmals atmest Du tief ein und aus, genießt diese fremde Note.

Auf einen sanften Ruck hin lässt Du Dich von der Hand mitziehen. Richtung Wasser. Mehrfach treffen sich Eure Blicke für einen Moment. Übermut und Schalk blitzen in dem Augenpaar auf, dass Dich fasziniert. Und diese besondere Wärme zwischen Euch, die sich immer mehr in Deinem Körper ausbreitet.

Plötzlich umspült Wasser Deinen linken Fuß. Es ist warm und erfrischend. Ihr macht einige Schritte Richtung Meer und watet Knöcheltief ins Wasser hinein. Der Ausblick scheint endlos weit zu reichen. Über dem dunklen Blau des Meeres erstreckt sich das helle Blau des Horizonts.

Du widerstehst der Versuchung, Dich einfach ins Wasser gleiten zu lassen. Ihr entfernt Euch so weit voneinander, bis Eure Hände gerade in Kontakt bleiben.

Dann nähert Ihr Euch rasch wieder an, bis nur noch wenige Zentimeter Eure Gesichter trennen. Dein Gegenüber lächelt Dich an, führt den Mund an Dein Ohr und flüstert Dir etwas zu.

Du verstehst und nickst.

Bestimmt legen sich Hände auf Deine Hüften. Die rechte Hand Deines Gegenübers gleitet langsam über Deinen Rücken und Deine Wirbelsäule. Jetzt über Dein Schulterblatt. Sie ruht in Deinem Nacken. Nun zieht sie Deinen Kopf langsam zu sich. Du schließt die Augen und erwartest die Berührung der fremden Lippen.

Plötzlich packt die Hand unerwartet fest zu. Ein Unmutslaut entfährt Deinem Mund. Du schlägst die Augen auf und verziehst das Gesicht. Die Hand packt noch fester zu und reißt Dich weg vom Strand. Weg von dem Menschen, dem Du Dich gerade hingeben wolltest.

Diese Hand gehört der Bedienung, die schon etwas länger neben Dir steht. Du befindest Dich wieder im Stage Club. Auf der Bühne beendet gerade ein Dichter seinen Text.

13. August 2010 Kommentare: 10

Er kann es doch!

Ein Großteil der Hamburger saß zu Hause vor dem virtuellen Lagerfeuer oder einem Buch, Süßigkeiten und Getränke in Reichweite. Draußen tobte der Hamburger Spätsommer und sandte Regenschauer über Regenschauer gegen unschuldige Hauswände, wehrlose Passanten und liebe Bäume. Windböen durchflügten Blumenbeete, die unter den Scheibenwischern parkender Autos eingeklemmten Strafzettel und Werbeflyer sowie mühsam mit Gel fixierte Frisuren. Gebückt unter seinem roten Schirm huschte ein schlanker Mann, der sich Jungpoet nannte, durch die Gassen Altonas. Sprang hier über eine Fütze und wich dort einem entgegen kommenden Schirm mit Beinen aus. Er bog um eine Hausecke, deren verblichene Graffitis ins schwache Licht einer Straßenlaterne gehüllt waren. Da, endlich erblickte der Jungpoet die Stätte, an der über sein weiteres Schicksal entschieden werden sollte. “Belege ich heute keinen Podiumsplatz, dann trete ich nicht mehr auf”, hatte er sich bei der Vorbereitung auf diesen Dichter-Wettstreit geschworen. Sollten die Menschen doch in Zukunft richtig zur Kasse gebeten werden, wenn sie seinen Gedanken lauschen wollten. Schließlich verkauften sich viele Güter auch besser, falls ihr Preis erhöht wurde. Das Geheimnis der Verknappung musste Einzug in die Literaturszene halten, nachdem Jahre des inflationären Veranstaltungswachstums hinter Hamburg lagen.

Der Jungpoet strich sich durch’s Haar und verstaute seinen roten Schirm in der Tasche, bevor er die Kneipe betrat. Der tätowierte Türsteher, Gastgeber und Organisator in einem begrüßte ihn herzlich. Er sei erleichtert, dass ein weiterer Dichter sein Wort gehalten hatte. Die Liste der Teilnehmer lichtete sich zusehends und in wenigen Minuten sollte das Duell beginnen. Wenigstens strömten Gäste in Scharen herbei, so dass kaum ein Platz frei blieb. Ganze zwei Dichter und eine Dichterin stellten sich dem Publikum. Die Geschlechterverteilung der Dichtenden besaß Vorbildcharakter in der männlich geprägten Slam-Domäne. “So wenige”, murmelte eine Frau, die rechts neben dem Jungpoeten hockte. Ein paar mehr schadeten nicht, pflichtete er ihr eilig bei. Konkurrenz belebte das Geschäft, aber ein geschenkter Sieg wäre Seelenbalsam für ihn, fügte er in Gedanken zu. Die Dramaturgie des Abends knüpfte da an, wo sie in der Auster geendet hatte: Der Jungpoet hatte die Ehre, den Slam zu eröffnen. “Fünfzehn Minuten Zeit, damit wir nicht in einer halben Stunde fertig sind”, sagte der Moderator und räumte die Bühne. Dieses Mal besann sich der Jungpoet, trug einen neuen Text vor, den er unbedingt bringen wollte, und ließ dann das Publikum wählen: Lieber einen tragikomischen Text über Einsamkeit oder eine Prise nachdenklichen Sarkasmus’? “Sarkasmus”, skandierten die Versammelten einhellig und genau das bekamen sie zur Genüge serviert.

Der Jungpoet beendete seinen Vortrag mit den zwei Zeilen “Ich habe nachgedacht / über mich und mein Leben” und genoss den langen Applaus. Die Geschichten seiner beiden Mitbewerber waren teilweise traurig, teilweise witzig. Details verschwieg er aufgrund des Paragraph Drei des Slamcodex’. Die Abstimmung über den Gewinner stand an und den Jungpoet hielt es nicht mehr auf seinem Sitz. Es ging um mehr als einen Podiumsplatz. Seine Abendplanung der nächsten Monate hing von dem Votum der Anwesenden ab. Auch ein Stück Lebensglück. Nach vier schmachvollen Auftritten gierte sein Herz nach Aufmerksamkeit und Liebe, Zuneigung und Zuspruch der Massen. Sollte er weiterhin Tage investieren, um launige Zeilen für die Abendunterhaltung Fremder zu verfassen? Ja, er sollte. Grün war seine Farbe und der Kneipenraum verwandelte sich in ein Meer aus grünen Karten. Diesen denkwürdigen Abend strich er sich grün in seinem Kalender an… Er konnte es doch!

6. August 2010 Kommentare: 4

Drei Auftritte und ein doppelter Jungpoet

Meine letzten Auftritte sind irgendwie nicht so gelaufen wie gedacht. Aber von vorne. Im Zuge meines “ich probiere alles”-Ansatzes hatte ich mich auch am Drehbuch schreiben und Verfassen von Liedtexten, aber das ist eine andere Geschichte versucht. Nun stand die Abschlusslesung vor Publikum an und ich entschied mich für den tragischen Text. Titel “Hoffnungslos”, siehe unten. Leider wurde die Lesung vom Haus 73 in der Schanze, einem pulsierenden Kulturzentrum, in ein abgelegeneres Dachterrassen-Etablishment verlegt. Dort begrüßte uns Schreiberlinge eine große Halle mit industriellem Charme, an der sich der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft ablesen ließ. Wo Platz für zweihundert Menschen und Maschinen war, strichen zwei Dutzend Menschen um verwaiste Stuhlreihen. Endlich wurde der Abend anmoderiert und die Veranstalter hatten wirklich intensiv über den Ablauf nachgedacht. Ausreichend Mikrophone waren als überflüssig abgetan worden. Der Inhalt zählte, musste jetzt aber schreiend an die Interessierten gebracht werden. Die Jungs und Mädels vom Impro-Theater waren nichts anderes gewöhnt und legten furios los. Sprünge, Brüllen, Schläge, Blut, sie ließen nichts aus. Dann kamen wir, angekündigt als Nachwuchs-Shakespeares und Bestsellerautoren der Zukunft. Die Fallhöhe war gewaltig. Der Dramatik schreiend vorgetragener Dialoge voll Gefühl und Tiefgang konnte sich selbst der ältere Herr vorne links nicht entziehen. Aufgelockert wurden unsere Geschichten durch eingeschobenen Gitarrenunterricht vor Publikum (What’s up? - damals als ich noch jung und hoffnungsvoll war) und japanische Gesänge. Manchmal ist das Schriftstellerleben verrückter als die eigenen Geschichten…

Wer hat eigentlich behauptet, dass Auftritte Spaß machen sollen? Richtig, niemand. Es handelt sich um Arbeit mit guter Bezahlung (bei Null Euro pro Stunde kann man echt nicht meckern). Dementsprechend wollte ich gleich Nachschlag. Auf zu Acht Minuten in Eimsbüttel, dem Poetry Slam gleich bei mir um die Ecke. Veranstaltet wird er von >Macht<, einer lokalen Literaturinitiative, hohes Niveau schien also garantiert. Die Auster ist eine gemütliche kleine Bar mit der üblichen Ausstattung: Knuffige Ledersitzgelegenheiten, schlechte Beleuchtung, verwaistes DJ-Pult und heiße Babes an der Bar. Als Freigetränk flugs Apfelschorle gewählt und mit zitternden Knien bis 20 Uhr gewartet. Als Startnummer zog ich die vierzehn, von vierzehn Dichtern wohlgemerkt. Ein Grund sich zu freuen, lieber die eigene Saat am Ende auf das bestellte Feld bringen. Endlich ging es los: Die Moderatorin trat ans Mikrophons und man hörte --- NICHTS. Technische Probleme oder lag es an mir? Bin ich der Überbringer des Mikro-Fluches? Nein. Ein Ersatz-Mikro wurde aufgetrieben und der Slam begann. Den Worten der Moderatorin konnte ich allerdings nicht folgen. Auf der Startliste hatte sich nämlich jemand als Jungpoet angemeldet und den ersten Startplatz gesichert. Wer wagte es, unter meinem geheimen Pseudonym aufzutreten? Es sei angemerkt, dass die Pole Position bei Slams eher einer Fool Position entsprach. Der erste ist immer der Trottel, bei dem sich die Jury mit guten Bewertungen auf der Skala 0 - 10 zurück hält. Gemäß meinen Beobachtungen reagierten die erfahrenen Slammer, in dem sie einen besonders abgefahrenen oder provozierenden Text brachten, da es eh egal war. Die Moderatorin rief also den Jungpoet - meinen neuen Erzfeind - auf und nichts regte sich. Dass heißt doch, eine Synapse in meinem Hirn meldete verzweifelt, dass nur ich der Jungpoet sein könne. Kleines Missverständnis bei der Anmeldung. Die Synapse schwoll an, sendete mächtige und mächtigere Stromstöße an alle Lyrik und Schorle trunkenen Synapsen meines Gehirns und übernahm die Kontrolle. Rückartig richtete ich mich auf und flüsterte der Moderatorin ins Ohr, ich sei der Gesuchte. Sie möge den Jungpoeten streichen und den zweiten Dichter anfangen lassen, ich träte gerne zum Schluss auf. Sie nickte, strich mich als Vierzehnten von der Liste und kündigte mich erneut als Euren Jungpoeten an! Meine Synapse kollabierte und ich sank auf's Leder nieder. Geschüttelt von Synapsenkrämpfen (eigene Dummheit, Bürgerkrieg im Synapsenland) schleppte ich mich vor's Publikum und stotterte mir 7 1/2 Minuten lang etwas über Einsamkeit und das schlimme Singleleben ab. An die Jurorin auf der Fensterbank: Die Fünf nahm ich persönlich. Andere gewannen mit Texten über Einsamkeit, Missstände und das schlimme Singeleben...

Am nächsten Tag fühlte ich mich elend und krank. Unter normalen Umständen wäre ich bei DVDs und Schokolade versackt und hätte den ganzen Tag keinen Fuß vor die Tür gesetzt. Rebellische Synapsen hatten meine Hand jedoch vor Wochen angewiesen, im Internet beim Poetry Slam in Heimfeld auf Anmelden zu klicken. Nachher hatte ich mir selbst eingeredet, dass es eine tolle Sache sei. Openair, Heimat Harburg und so! An diesem Morgen dachte ich anders. Gäbe es nicht zwei Konstanten in meinem Leben (Naivität siehe oben, Pflichtbewusstsein), hätte ich meinen Leib nicht der Reihe nach in U-Bahn - S-Bahn - Bus gewuchtet, um mich in den Harburger Stadtpark zu begeben. Der Stadtpark an sich entschädigte für die Mühen, idyllisch und leer wie er sich vor mir erstreckte. Wäre er bloß nicht so weit weg gelegen… In einem Natur-Amphiteather lümmelten ein paar Alternative und Mütter mit Kindern vor einem improvisierten Kasperle-Theater herum. Ich liebe Kinder, vor allem, wenn ich müde bin und Kopfschmerzen habe. Im Hintergrund erhob sich eine richtige Bühne mit Mikrophonen. War ich doch nicht verflucht? Eine halbe Stunde später saß ich dann in der ersten Zuschauerreihe und lauschte dem ungleichen Moderatorenduo (sie mit versoffener Stimme, er als geschmeidiger Schleimer). Ich sollte als Dritter auftreten, was mir gelegen kam. Den lauen Text über’s Reisen wollte ich schnell unter’s Volk bringen und verschwinden. Auswendig gelernt hatte ich meine Zeilen auch nicht mehr, diese Anstrengung stufte ich mittlerweile als überflüssig ein. Vor mir verlas ein Thomas Zeilen über Phlegmatismus, “wie passend”, dachte ich, genau dies war der Grundtenor meines Textes. “So, jetzt kommt der Jungpoet für Euch”, sagte der Moderator und ich grinste. “Wir wissen praktisch nichts über ihn. Aber ich glaube, er kommt aus Berlin und ist einer unser jüngsten Teilnehmer”, posaunte er weiter. Ich presste auf dem Weg zum funktionierenden Mikrophon grimmig die Lippen aufeinander. Zeit für eine verbale Klatsche. Ich setzte in Richtung des Moderators an: “Wenn man etwas nicht weiß, hilft fragen, Du…”. Charmant überspielte ich die miese Anmoderation mit einem lockeren “ich bin Hamburger und schon ein älterer Sack, aber egal.” und verlas meine launigen Zeilen. Natürlich erhielt ich eine bessere Bewertung als am Vortag. Aufwand und Ertrag standen bei mir in einem verqueren Verhältnis zueinander. Die Scheiße wurde ordentlich beklatscht und die guten Sachen will kaum einer hören. In diesem Sinne folgt bald eine Auflistung meiner kommenden Auftritte. Vielen Dank.

23. Juli 2010 Kommentare: 2

Diese Woche ein Mini-Drehbuch: Hoffnungslos.

Am Dienstag fand die Abschlusslesung meines Drehbuchkurses statt, folgende Zeilen wurden unter dem Titel “Hoffnungslos” und meinem Namen verlesen. Für alle Hypochonder und die unter uns, die es nicht werden wollen:

Figuren
DANIEL SCHWARZ: Ein schlanker Mittdreißiger
Eine RADIOMODERATORIN
Eine JUNGE FRAU
Ein JUNGER MANN
Eine ALTE FRAU
Ein ALTER MANN
Eine SPRECHSTUNDENHILFE
Ein ARZT

FADE IN

Im Schlafzimmer
Nachts. Ein spärlich mit Bett, Nachttisch und Kleiderschrank möblierter Raum. Kleidungsstücke liegen überall verteilt. Durch die Lamellen einer Jalousie fällt fahles Mondlicht ins Zimmer. Im Bett wälzt sich DANIEL unruhig hin und her. Er trägt nur eine Unterhose. Schweiß steht ihm auf der Stirn. Eine Hand ruht auf seinem Bauch.

Im Badezimmer
Morgens. Ein altmodisches enges Bad. DANIEL steht vor dem Spiegel und hat tiefe Augenringe. Er fährt sich mit einer Hand durch’s Gesicht, die andere presst er gegen seinen Bauch. Ohne sich zu waschen und mit fettigen Haaren verlässt er das Bad.

In der Küche
Eine typische Junggesellenküche. DANIEL sitzt auf einem von zwei einfachen Holzstühlen an einem kleinen Tisch. Die Wand, an die der Tisch grenzt, ist mit vielen Fotos bedeckt. Sie zeigen DANIEL auf Feiern mit Freunden oder Verwandten und beim Reisen. Er sieht auf jedem Foto gut gestylt aus und lächelt in die Kamera. DANIELs Hemdkragen ist speckig. Er rührt langsam in einem vollen Kaffeebecher. Im Hintergrund läuft das RADIO.

Stimme einer RADIOMODERATORIN (überschwänglich)
Habt Ihr gehört, Ihr Sonnenanbeter und Badefreunde?! Heute sollen es über dreißig Grad bei uns im Norden werden. Also packt die Strandklamotten ein und dann geht’s vom Büro oder Hörsaal direkt ans Wasser! Und wir heizen Euch schon einmal richtig ein mit „Summertime“ von Will Smith, dem alten Knackarsch!

DANIEL erhebt sich langsam und schaltet das Radio ab.

In der Bahn
Ein fast leeres Abteil. DANIEL sitzt alleine in einem Vierer. Aus dem Mülleimer vor ihm quillt der Abfall. Mit einem gequälten Gesichtsausdruck hat er beide Hände vor seinen Bauch gepresst. Die Bahn hält, viele Menschen drängen ins Abteil. Eine JUNGE FRAU und ein JUNGER MANN nähern sich und unterhalten sich laut.

JUNGE FRAU (im Plapperton)
Lass uns Samstag ans Wasser fahren, es soll so schön warm bleiben. Andy und Jenny sind wahrscheinlich auch dabei.

JUNGER MANN (leicht genervt)
Samstag ist doch Fußball, Schatz. Ich will ins Stadion und das Spiel sehen.
Die JUNGE FRAU setzt sich gegenüber von DANIEL hin. Sie sieht sehr gut aus und trägt Hotpants. Der JUNGE MANN setzt sich neben Daniel. Daniel sieht nicht auf, sondern starrt weiter vor sich hin.

JUNGE FRAU (mit etwas Schärfe)
Du immer und Dein blöder Fußball! Kannst Du nicht einmal ‘was mit mir unternehmen, Schatz? Ich mache schließlich…

Im Wartezimmer
Der steril wirkende Warteraum einer Arztpraxis. Die Stühle und Wände sind in weiß gehalten. Alle Sitzplätze sind belegt, überwiegend von älteren Leuten. Zeitschriftenrascheln liegt in der Luft. Eine junge Mutter flüstert beruhigend auf ihr Kind ein. Daniel sitzt zusammengesunken auf seinem Stuhl. Er starrt auf den Boden und presst sich die Hände vor den Bauch. Ein ALTER MANN und eine ALTE FRAU unterhalten sich für alle gut verständlich.

ALTER MANN (mit leidender Fistelstimme)
Meine Frau ist mir vor zehn Jahren weggestorben. Darmkrebs, die Ärzte konnten nichts machen.

ALTE FRAU (nickt verständnisvoll)
Mein Mann fiel plötzlich tot um, Herzstillstand. Und das nach 40 Jahren glücklicher Ehe.

ALTER MANN (raschelt laut mit einer Zeitschrift)
Wenigstens ging es schnell. Meine Frau hat sich nur ein paar Monate gequält und aufgrund des Morphiums gar keine Schmerzen gehabt. Gott sei…

Stimme einer SPRECHSTUNDENHILFE (per Lautsprecher)
Herr Schwarz bitte ins Zimmer drei.

Im Behandlungsraum
In der Mitte des Raumes steht ein Schreibtisch. An der Wand ein volles Bücherregal sowie eine Liege. Großflächige Zeichnungen menschlicher Organe und Körperpartien hängen an den anderen Wänden. Daniel sitzt einem asketisch wirkenden Arzt gegenüber.

ARZT (mit ruhiger Stimme)
Herr Schwarz, Ihr Befund liegt jetzt vor.

DANIEL nickt und presst sich die Hände noch etwas fester auf seinen Bauch.

ARZT (macht eine beschwichtigende Geste)
Ich kann Sie beruhigen, es ist nichts Ernstes.

DANIEL blickt ihn ungläubig an.

ARZT (reicht Daniel ein Rezept)
Eine harmlose Magenschleimhaut-Entzündung. Bei Einnahme dieses Medikaments dürften Ihre Beschwerden abklingen.

DANIEL nimmt das Rezept zögernd an.

ARZT
Schlafen Sie sich richtig aus. Alles Gute und lassen Sie sich in zwei Wochen einen Kontrolltermin geben.

Im Schlafzimmer
DANIEL kauert auf seinem Bett. Sonnenstrahlen erhellen den Raum. Er schüttelt den Kopf und lacht bitter über sich selbst.

ENDE.

8. Juli 2010 Kommentare: 5

Der Tag, an dem sich Rico M.s Leben änderte

Ungläubig las Rico die Mail ein zweites, drittes und viertes Mal. Er?! Es musste sich um eine Verwechslung handeln. Wahrscheinlich ein Mail-Streich der Senioren, die er bei seinem Auftritt am Dienstag beleidigt hatte. Schon ärgerlich, wenn man zu einem Fußball-Themenabend eingeladen wird und dem Trugschluss unterliegt, dort tummelten sich Teens und Twens, die in Dauerfehden mit ihren Großeltern verstrickt seien. Und genau für diesen Zweck einen Text verfasst, der die Themen Generationenkonflikt, Alterserscheinungen und Fußball-Fanatismus genüsslich miteinander verquickt und leider erst beim Gang zum Mikrophon bemerkt, dass überwiegend ältere Damen und Herren im Publikum sitzen. Rico war seit seiner Tätigkeit als Hafenarbeiter abgehärtet und trug jede Zeile vor. Gelacht wurde nicht, geschmunzelt kaum merklicher, dafür türmten sich auf faltigen Stirnpartien Gebirge auf und empörtes Raunen ging mehrfach durch den Raum. Da half auch der sonnige Künstlername Sonning nicht, auf dessen Erfindung er sehr stolz war. Der Moderator des Abends musste das Publikum drei Mal auffordern, dem “Dichter” Rico zumindest einen Anstandsapplaus mit auf seinen Heimweg zu geben. Aber das war SchneeErzählkunst von vorgestern.

In der Nacht wurde Rico von Alpträumen heimgesucht, in denen ihm arglose Rentner übel mitspielten. Neben der verrohenden Jugendkriminalität verzeichnete die Polizei nämlich immer mehr Altersdelikte. Vom Ladendiebstahl bis zur Selbstjustiz (Entführung eines halbseidenen Finanzberaters) ereignete sich Unvorstellbares. Das stand alles in der ZEITung! Rico erwischte einen dieser Tage, an dem man mit dem falschen Bein aufsteht und das richtige den ganzen Tag nicht findet. Schlands Niederlage rundete den Tag ab. Heute schließlich schleppte er sich zum Rechner, um die Korrespondenz mit der Bundeskanzlerin und seinem Schuldenberater fortzusetzen. Rico las die Mail zum ersten Mal, die sein Leben ändern sollte. Die wurstlastige Geschichte, eingereicht unter seinem Künstlernamen Sonning, war in die engere Auswahl für die “schlechteste Geschichte der Welt” gelangt. Welch ein Triumph!

Der Text “Geschlaucht vom Leben” von und mit Rico M. in der Vorauswahl des “schlechteste Geschichte der Welt”-Wettbewerbs des Autorendocks

Mit diesem Erfolg im Rücken aß er ein Eis und spielte den Rest des Tages Computer…

28. Juni 2010 Kommentare: 2

Wie ich in Berlin meine schwule Seite entdeckte

Mein Briefkasten quoll über vor unbezahlten Rechnungen und Mahnungen intellektuellen Magazinen und den täglichen Ausgaben der führenden Zeitungen, Fortsetzungsbriefen meiner Korrespondenzen mit bekannten Literaten und Fanpost, die ich mir unter falschen Namen aus unterschiedlichen Orten der Republik zuzuschicken begonnen hatte. Fast wäre mir der unscheinbare Brief der Pinneberger Rundschau in der Papierflut entgangen. Schnell riss ich den Umschlag auf und las die ersten Zeilen: “Sehr geehrter Herr Sonning Strauß, herzlichen Glückwunsch, Sie sind der Gewinner unseres Preisausschreibens zur politischen Bildung (…)”. An dieser Stelle wusste ich nicht, ob ich jammern oder jubeln sollte. Erst einmal zeugte es nicht gerade von der Meisterschaft in postalischer Korrespondenz, wenn man Menschen mit der Standardfloskel plus Anrede plus Vor- und Nachnamen anschrieb. Davon abgesehen, hatte ich jetzt bereits zehn Mal Artikel bei der Pinneberger Zeitung eingereicht und keiner war veröffentlicht worden. In fünf von zehn Fällen hatte ich nicht einmal eine schriftliche Absage erhalten. Die vier unpersönlichen Dreizeiler per Mail und den einen Anruf mit der Bitte um Unterlassung des Campierens und Wuwuzela-Trötens vor dem Redaktionsgebäude der Rundschau hatten nicht minder an meiner Dichterehre gekratzt. Aber sobald man zu Tusche und Buntstiften griff (in Kunst hatte ich wohlgemerkt immer eine 4-), um die eigenen Gedanken zu Demokratie und Politikverdrossenheit zu Papier zu bringen (brennende Amtsgebäude und mit provokativen Thesen demonstrierende Strichmännchen), kam Leben in die Glieder und Geister gelangweilter Lokaljournalisten. Ich überlegte, mich einen Tag lang in der Wonne des Triumphes zu aalen und dann doch mit Verweis auf nicht vorhandene Termine abzusagen, doch mein knurrender Magen belehrte mich eines Besseren. Nach einem Jahr publizistischer Tätigkeit ohne Veröffentlichung befand ich mich nicht in der Lage, drei Tage mit freier Kost und Logis abzulehnen.

Nachdem ich meine Begeisterung und Genugtuung an der Wuwuzela für meine Nachbarn ausgedrückt hatte, telefonierte ich im Freundeskreis herum. Wenn, dann sollten sie nicht nur meinen Körper bekommen. Rico hatte natürlich keine Zeit (U-Haft wegen Beleidigung einer rüstigen Rentnerin), meine Ex-Freundin nahm nicht ab und mein Bruder zog die zur selben Zeit angesetzte Zeit Geburtstagsfeier seines Schwiegervaters vor. Aber Mike schlug sofort ein als sicher war, dass er keines der Deutschlandspiele verpasste. Bei Mike und mir war es nämlich so eine Sache, unsere Gemeinsamkeiten hielten sich in Grenzen. Ab und an auf dem Putz hauen war drin und erwünscht, doch zu den mir am Herzen liegenden Freibad- und Poetry Slam - Besuchen konnte ich ihn partout nicht bewegen. Mike interessierte sich im wesentlichen für Fußball (spielen und gucken), Bier (bestellen und trinken), Frauen (hässliche durchnudeln und hübsche angaffen) sowie Witze (schlechtere und noch schlechtere). Sein Tag als Heizungsinstallateur verlief meist gleich und ging schnell ‘rum, abends stand für ihn Entspannung und Erholung im Vordergrund. Ich gab Mikes Namen an die Redaktion weiter und buchte die Zugfahrten nach Berlin. Wie aufregend, in der Hauptstadt verbrachte ich 2002 das letzte Mal mehr als einen Tag und die Faszination des neuen Regierungsviertels und Politikreigens sowie die Sogwirkung auf alle Musiker, DJs ohne Tänzer und selbstverlegende Dichter konnte ich bis dato nicht nachvollziehen. Die folgenden Woche verbrachte ich in Vorfreude auf drei unbeschwerte Tage der Völlerei, Exkursionen und Vorträge auf Volkes Kosten.

In der Bahn deutete sich die Aufgabenverteilung der nächsten Tage an, Mike trank ein Beck’s (gold oder green lemon war aus seiner Sicht etwas für Bücherwürmer und andere Schlaffis), vertilgte den letzten Cheeseburger von McDonald’s und schlief fünf Minuten später ein, während ich meinen Text für den kommenden Poetry Slam überarbeitete. Das ICE-Abteil teilten wir uns mit einer Handvoll Passagiere, unter denen sich weder eine besonders gut aussehende Frau noch ein optisch literarisch interessierter Mensch befand. Trotz dieser idealen Rahmenbedingungen hakte ich in der dritten Strophe fest. Gefangen im Schienen-Nirgendwo zwischen Berlin und Hamburg auf der Suche nach einem stilvollen Endreim für “motzen”, so hatten schon Bluttaten schockierenden Ausmaßes ihren Ausgang genommen. Zur Zerstreuung blätterte ich in meinem neuen Buch mit Fischgedichten und erheiterte mich mit Bernd, dem Stör, und seinen Freunden. Als störend erwiesen sich die mehrfach einsetzenden Schnarch-Geräusche meines Sitznachbars und Mikes Körperproportionen. Seine gedrungene Statur mochte zwar mit seinem Bierbauch und kräftigen Schultern in den Augen der Durchschnittsfrau harmonieren und die Artikulation der Unwörter “süß” oder “knuffig” auslösen, aber auf dem begrenzten Platz eines Zweier-Sitzplatzes wurde daraus eine Hitzequelle mit Biergeruch, die mich zudem am Oberkörper mit Fett und Knochen traktierte. Nach knapp zwei Stunden waren wir uns physisch so nah gekommen, wie ich es als Stock-Hetero gerade ertrug und erleichtert trat ich auf den Berliner Bahnsteig. Die Taxifahrerin, ein Exemplar aus der Mike zugeneigten Fraktion, begrüßte uns freundlich und referierte auf meine Aussage hin, dass die City-Nord in Hamburg ein Büroviertel darstelle, über die nicht vorhandenen Berliner Hochhäuser und die hiesige Verquickung von Arbeiten und Wohnen. Die im Hintergrund vorbei ziehenden Hochhäuser mussten Trugbilder sein, die mir mein ausgetrockneter Leib vorgaukelte. Ich schwieg und verzichtete auf die Nachfrage, ab welchem Stockwerk bzw. bei welcher Bauweise ein hohes Haus denn die Bezeichnung Hochhaus verdiente und wie die Gattung der Plattenbauten einzuordnen sei. Ich bezahlte die Frau großzügig und führte das in Hamburg bereits zur Meisterschaft perfektionierte stilvolle Verhungern in der Hauptstadt nahtlos fort. Im Zweifelsfall musste das Geld für Image bildende Maßnahmen verwandt werden, sonstige körperliche Belange hatten hintenan zu stehen.

Unsere Unterkunft, das BB-Hotel, widersprach sowohl baulich (ein mit Glas und billigem Holz verschandelter Eingangsbereich der Jahrhundertwende mit passendem Speise- und Unterbringungsbereich) als auch aus Service-Sicht (Zitat des Rezeptionistens: “Ah, da sind sie ja endlich!”) der erwähnten Prämisse. Diesen Konflikt entschärfte Mike jedoch durch ein in den Raum geworfenes “passt doch!” und zielgerichtetes Nach-oben-Marschieren. Ich fügte mich in mein Schicksal. Mit BB verschleierte das Hotel übrigens den Langnamen “Bei Brüdern”, der bei sofortiger Bekanntheit einen Ausblick auf das uns Bevorstehende verheißen hätte. Zum Verhältnis Mike und Sonning sei angemerkt, dass wir im Alltag abseits von Fußi gucken, Babes abschecken und Kuscheln in der Bahn ein eingespieltes Team bildeten. Wenn der eine schlief, wachte der andere über unsere Wertgegenstände. Meist in der Konstellation schlafender Mike und unfreiwillig wachender Sonning. Am Frühstücksbuffet stürzte er sich genau auf die Dinge, die ich verschmähte, das heißt 90 % der Auswahl in Form von Fleisch in allen Variationen. Wenn man uns ein Bier und ein Wasser brachte, ging der Alkohol an ihn. Und den Rucksack mit unserer Ausstattung für den Tag (meine zwei Notizbücher, eines für lyrische Geistesblitze und das zweite für Alltagsbeobachtungen, den Regenschirm mit Oma-Muster und 1,5 Liter - Wasserflasche, ein oder zwei Romane als Weglektüre für langweilige Momente, Wechselunterwäsche sowie eine schön gekrümmte Banane) hängte er sich morgens wie ein nicht der menschlichen Sprache fähiger Packesel um und schien das Gewicht nicht weiter zu bemerken. Stapfte er Treppen hinauf, hatte ich Mühe Schritt zu halten. Und die Anweisungen der Reiseleiter befolgte er stets dermaßen gründlich, dass er regelmäßig vor versammelter Reisegruppe gelobt wurde.

Es war Abend geworden und das entscheidende Gruppenspiel der Deutschen Mannschaft gegen Ghana stand an, wie Mike ungefähr alle fünf Minuten erwähnte. Ich hätte gerne noch in meinem Buch mit Fischgedichten geblättert, doch Mike drängte auf den Gang in eine geeignete Bar. Eine Bar voller Fußball-Enthusiasten, für mich ein Alptraum in schwarz-rot-gold. Wir bogen nach Verlassen unseres Hotels nach rechts ab, weg von der Hauptstrasse und hinein ins Wohngebiet. Jede zweite Erdgeschosswohnung enthielt ein Ladenlokal, vor dem Stühle zum Verweilen einluden. Das Problem war, dass die meisten bereits besetzt waren und eigentlich ausschließlich von Männern. Erst fiel es mir nicht auf, da mir der eine Forellenreim nicht aus dem Kopf ging, bis sich ein wahrer Riese vor uns aus seinem Stuhl erhob und sich zu voller Körpergröße aufbaute.
“Na, wo wollt Ihr zwei Hübschen denn hin?”, fragte er.
“Wir zwei Hübschen wollen Fußball gucken”, sagte ich.
“Dann bleibt doch gleich hier bei uns”, sagte er.
“Nee danke, hier sind doch keine Plätze mehr frei.”, sagte ich.
“Ihr könnt Euch gerne dazwischen quetschen oder Du kommst auf meinen Schoß.”, sagte er.
Ich lachte auf. “Danke, dass ist mir zu eng und für gewöhnlich sitze ich unten”, sagte ich.
“Wir haben es gerne eng und kuschelig. Jeder sitzt hier ‘mal oben und unten.”, sagte er. Alle seine Freunde lachten.
“Vielleicht ein anderes Mal. Viel Spaß, genießt das Spiel!”, sagte ich und schob mich an ihm vorbei. Mike blieb dicht hinter mir.

Als wir außer Hörweite waren, raunte mir Mike “der fickt auch erst, bevor er fragt” zu. Ich verstand nicht ganz, die Berliner schienen einfach freundlich und humorvoll zu sein. Von der frechen Berliner Schnauze keine Spur. Wir schwenkten an der nächsten Kreuzung nach links und erspähten die Sitzgruppen einer Bar. Nicht alle Plätze waren besetzt. Fünf Minuten später fühlten Mike und ich uns im Außenbereich der Barcode Lounge schon wie zu Hause. Wir saßen im idealen Winkel zum riesigen Flachbildschirm, die Stimmung bei den anderen Gästen war blendend und der Kellner mit geschmeidiger Stimme und ebensolchem Gang bediente aufmerksam. In der ereignislosen Anfangsphase füllte sich der Außenbereich und mir fiel auf, dass sich ausnahmslos Männer zu uns gesellten, teilweise begrüßten sie sich mit Küsschen links und rechts. Ich wusste gar nicht, welchen Einfluss Franzosen und andere Südländer auf die Begrüßungsbräuche Berlins hatten. Fortwährend stolzierten einzelne Passanten, die aus den hohen Wohnhäusern dieser Straße kamen und Einwohner zu sein schienen, durch die schmale Gasse zwischen Stühlen und Tischen auf dem Gehweg. Sie mussten alle eine Modellvergangenheit haben oder im Modebereich arbeiten, so aufreizend bewegten sie sich. Zu Füßen dieses Treibens huschten kleine Hunde hin und her, die in Leibchen steckten. Einem war von seinem Halter gar ein Lahm-Trikot übergestreift worden. Das Spiel nahm den der Mehrheit bekannten Verlauf, aber irgendwie kippte die Stimmung in den uns umgebenden Sitzgruppen. Jedes Mal, wenn ein Wechsel ausgeführt wurde und der Einwechsel-Spieler von hinten gezeigt wurde oder sich ein Gefoulter mit dem Hintern zuerst hochstemmte, schrieen viele Barbesucher “Ausziehen, ausziehen!”. Bei diesem kindischen Unfug machten Mike und ich nicht mit. Nach dem Spiel verließen wir zügig die Bar und fanden in der Nacht kaum Schlaf. Ständig rauschten hupende Autoinsassen auf der Hauptstraße entlang, zu der unser Hotelzimmer ausgerichtet war.

Der erste Programmpunkt des nächsten Tages brachte uns zum Reichstag, in dem der Deutsche Bundestag tagt(e). Unsere Reisegruppe bestand aus 48 strammen FDP-Wählern, wie sich bei oberflächlichen Diskussionen auf der Wiese vor dem Reichstagsgebäude zeigte. Mike mit seiner Verwurzelung in Fußball-Fanclubs und Kegelvereinen sowie ich mit meiner linken Sozialisierung fühlte mich gleich wie zu Hause. Viele Hundert Wählerinnen und Wähler warteten auf der mehrere Fußballfelder großen Fläche. Plötzlich trat eine Frau im Hosenanzug mit einem Megaphon vor die Menge und bat um Ruhe. Jetzt solle die Auslosung der Gesprächspartner erfolgen, jede Gruppe werde nämlich Zeit haben, zwanzig Minuten lang Fragen an ein waschechtes Mitglied des Bundestages zu stellen. Die Ahs und Ohs in de Menge wollten kein Ende nehmen bis die Hosenanzug-Trägerin “Ruhe” schrie. Das Tuscheln erstarb und ich schummelte mich an die Spitze unserer Reisegruppe. Wenn jemand das Glück bei Verlosungen und Preisausschreiben abonniert hatte, dann ich. Das gab ich der älteren Dame mit toupierter Friseur in Renterbeige eindeutig zu verstehen. Sie wich zurück und ich griff beherzt in die zweckentfremdete Wahlurne, die eine zweite Hosenanzug-Trägerin einem Vertreter jeder Besuchergruppe entgegen hielt. Stille legte sich über 48 stramme FDP-Parteisoldaten, einen Vollblut-Fußballer und einen selbstverlegenden Dichter. “Chris-tian Landner äh Lindner” las ich stockend vor. Jubel brandete hinter mir auf. Eine Frau schmachtete “er sieht so gut aus!”, die Beige-Liebhaberin hauchte “Mein Traum-Schwiegersohn, wenn ich doch nur eine Tochter hätte” und ein älterer Herr mit Schnurrbart brabbelte irgendetwas von “er ist wirklich gut in Form und immer braun gebrannt”. Keine Ahnung, wer dieser Christian Lindner war. Mike zuckte ebenfalls mit den Schultern, doch 48 stramme FDPler begannen von hinten zu schieben als ob es freie Currywurst gäbe. Über die Stunden im Reichstag und das Gespräch mit Herrn Lindner muss ich leider Stillschweigen bewahren (jedes Mitglied unserer Gruppe musste eine Schweigeerklärung unterzeichnen), aber eines ist sicher: Er wirkte wie eine Kreuzung aus Traum-Schwiegersohn und Gigolo, der noch jeden Wähler und jede Wählerin überzeugt hatte. Meine Recherche nach der Reise brachte einen Beitrag aus der Harald Schmidt - Show zu Tage, in der von Jude Law für Arme die Rede war. Ein gelungener Vergleich! Wahrlich der attraktivste und einzige Spitzenpolitiker dem ich in meinem bisherigen Leben gegenüber gestanden hatte…

Am Abend dieses aufwühlenden Tages forderte Mike sein Feierabend-Sixpack ein, schimpfte zum wiederholten Male auf die Mädchenbrause in Form der Berliner Weiße und ich gab nach. Die Rezeption unseres Hotels war verwaist, daher suchten wir auf eigene Faust nach einem Supermarkt. Wir wanderten umher und gingen an Dutzenden Bars und Cafés vorbei, in denen eigentlich nur Männer saßen. Große, kleine, dicke, schlanke, kahl geschorene oder langhaarige Männer. Mike flüsterte mir zu, dass er sich wie ein Stück Fleisch fühle, welches Zoo-Löwen vor der Fütterung durch einen Wärter mit bloßen Blicken verschlangen. In einem Moment der Schwäche schwor er mir, nie wieder Frauen mit den Augen auszuziehen und jeden Zentimeter ihrer Oberschenkel und ihres Pos auf Makel abzusuchen. Später auf der Rückfahrt schob er seinen Schwur auf mangelnde Bierzufuhr und einen hitzebedingten Aussetzer seines Gehirns. Salon Mario, ein Coiffeur, kam und entschwand unserer Sicht, Tom’s Hotel warb um Gäste, zu denen wir nicht wurden. Als wir den zweiten Klamottenladen mit verstörender Auslegeware passierten, dämmerte es selbst mir in meinem Oberstübchen. Männlichen Schaufensterpuppen waren Unterhosen oder etwas daran Erinnerndes übergestreift worden, was ich weder auf Plastik- noch menschlicher (oder gar männlicher) Haut jemals wieder sehen wollte. Mehr Träger und Schnüre als Stoff. Der gewöhnliche H&M-Frauentanga trieb mir das Blut ja bereits eher in die Magengegend als in die Genitalien. Bei diesem Anblick hingegen stellte sich ein Würgereiz ein, der allein mit einem kräftigen Schluck stillen Wassers gestoppt werden konnte. Wenn mich nicht alles täuschte, irrten wir seit 1 1/2 Tagen durch ein Schwulenviertel Berlins! Jeder nach seiner Fasson, also für mich bitte Hetero pur. Jetzt begriff ich auch, warum Mike gestern beim Deutschlandspiel von zwei Typen Nummern zugesteckt bekommen und sich mit Händen und Füßen gewehrt hatte. Mike und ich verwarfen, zur Tarnung Hand in Hand weiterzugehen, und fanden den ersehnten Supermarkt.

Nachts schreckte ich hoch. Ein Motorrad war mit Knattern über die mir viel Freude bereitende Hauptstraße gerauscht. Im fahlen Mondschein betrachtete ich Mike, der mir seinen Rücken zugewandt hatte und tief zu schlafen schien. Seine Bettdecke war leicht verrutscht und gab Teile seines Rückens frei. Unter der Haut zeichneten sich Rückenmuskulatur und Wirbelsäule ab. Langsam näherte sich meine Hand Mikes Rücken. Wenige Zentimeter vor der Berührung seiner Haut hielt ich inne. Dann griff ich zu und deckte ihn vollends zu. Nicht, dass er sich verkühlte oder frierend erwachte. Ich drehte mich auf die andere Seite und entschwand in die Gefilde zwischen Traum und Wirklichkeit. Christian Lindners Antlitz spuckte vor meinem inneren Auge herum. Ich ließ mir ihm Salon Mario einen gewagten Haarschnitt verpassen, den Mike “echt schwul” fand, für den mich der Rezeptionist allerdings lobte. Ich überzeugte Mike doch, dem Bull einen Besuch abzustatten. Eingehakt torkelten wir mit einigem Sekt intus in Richtung dieses Scandalous Gay Fetisch Clubs, wie es in einem schlichten Schriftzug über dem Eingang geschrieben stand. Am Ende siegte die Angst über Neugier und das Interesse an der Welt.

Am nächsten Morgen teilte ich Mike mit, dass ich hier weg müsse. Raus aus diesem Hotel der mehrdeutigen Brüderlichkeit. Raus aus den sinnlich-sündigen Gassen dieser Stadt, die meinen Verstand zu benebeln begannen. Raus aus diesem Stadt gewordenem Eldorado aller Spielarten der Sexualität. Ein längerer Aufenthalt gefährdete meine Dichterratio und Seelenstabilität. Verbliebe ich eine Woche, befürchtete ich Risse im Fundament meiner Moral. Verweilte ich Monate, gelangte ich zu Orten, wo ich nicht hingehörte, oder träfe Menschen, deren Umgang für mich nicht vorgesehen sei. Würde ich für Jahre sesshaft werden, so konnte ich weder Freund noch Feind, weder Mama noch Bekannten das Verhalten noch die Reden garantieren, welches sie von einem Dichter aus spießigem Hause erwarteten. Mike beruhigte mich: “Heute Abend trinkst Du zwei Bier mehr und schläfst Dich richtig aus. Danach sieht die Welt anders aus, glaub mir”. In unserem Reisebus hielt ich mir während der ganztägigen Stadtrundfahrt phasenweise die Ohren zu, falls mir der aufreizende Vortrag unseres Stadtführers zu viel wurde. Der ältere Herr war mir anfangs sympathisch vorgekommen, flirtete aber schamlos in den Pausen zwischen der Beschreibung des Kanzleramtes und dem Sitz des Bundespräsidenten (den es derweil aus der Stadt getrieben hatte, gingen alle Pressemeldungen in die Leere und er war einfach zu viel in der Nähe des BB-Hotels spazieren gegangen? Hatte er aus Selbstschutz die Stadt verlassen, wie es mir ebenfalls vorschwebte?) mit unserem Busfahrer Jürgen. Anmachen wie “Ja Jürgen, ja genau so - bieg hier ab” oder “Jürgen, Du fühlst einfach was ich denke” gehörten zum harmlosesten Kaliber. Schließlich führte Mike ein Nervenbündel von Dichter und Rest-Kaufmann zum Bahnsteig. Kein Mensch war zu sehen - kein Wunder, denn alle saßen ja morgens, mittags und abends in den rundum das BB-Hotel Berlin angesiedelten Bars und Cafés. Die Zahl der Frauen mit freiem Willen und ohne prekäre Anstellung beim Staat, der wir hier begegnet waren, konnte ich an einer Hand abzählen. Der ICE ruckelte los und Mike befahl mir “lies noch ein Fischgedicht und dann leg Dich schlafen!”. Ich gehorchte und hatte bei unserer Ankunft in Hamburg Tränen in den Augen. Überlebt und ich selbst geblieben. Irgendwie. Bisher.

“Tschüß, bis zu meinem Geburtstag in zwei Wochen” verabschiedete sich Mike am Bahnhof von mir. Stimmt, in zwei Wochen erreichte das Jahr seinen Höhepunkt. Ein mit übergewichtigen Männern gefüllter Raum, dessen Temperatur mindestens zehn Grad über der Außentemperatur lag, und in dem es außer Bier und Kondenswasser nichts zu trinken gab. Ich hatte schon letztes Jahr seinen 47. geschwänzt, dieses Jahr musste ich wohl in den sauren Apfel beißen und für ein paar Stunden vorbeischauen. Die Masche mit der Autopanne meiner Mutter plante ich für spätestens 22.30 Uhr…

19. Juni 2010 Kommentare: 3

Rico M.s “In your face”

Ricos Beine schlackerten, sein Blick wanderte unruhig umher, aber nein, er war nicht aufgeregt. Er würde alle anderen Dichter platt machen und sich mit einem Bein auf ihren zerschmetterten Körpern ablichten lassen. Safari einmal anders. Die knackige, aber wenig engagierte Moderatorin hüpfte wieder auf der Bühne umher und gab Rico das Zeichen. Sie rief einen Sonning aus Eimsbüttel, Ricos Künstlername, nach vorne. Rico strich sich ein letztes Mal über sein ausgewaschenes Hardrock Café - Shirt und erklomm die 55 Stufen hinauf in den Künstlerolymp. Umständlich adjustierte er das Mikrofon auf seine 168 cm neu, räusperte sich und begann:

Ich habe nachgedacht
über—

Plötzlich stürmte ein junger Mann, der an einen Pinneberger Verkehrsrowdy erinnerte, nach vorne und schleuderte seine getragene Unterhose in Ricos Richtung. Der kleine Poet war sehr überrascht und strauchelte. Ein Raunen ging durch die Menge als die Unterhose wie in Zeitlupe auf Ricos Gesicht zuflog. Ein finsterer Schleier legte sich über zugekniffene Dichteraugen. Beißende Gerüche passierten unschuldige Dichter-Schleimhäute. Aufregung verkehrte sich in Übelkeit. Doch die Menge skandierte erbarmungslos “weiter, weiter!”. Der stinkende Stoff, ein blauer Traum mit Snoopy-Aufdruck, hatte Rico nicht nur die Sicht, sondern sämtliche Texterinnerung geraubt. Stotternd rezitierte er erneut

Ich habe nachgedacht
über—

und rang um Zeilen, die nicht länger in seinem Hirn verweilten. Zu den eingetrockneten Flüssigkeiten in der Unterhose gesellte sich jetzt heißer Dichterschweiß, der Rico aus allen Poren rann. In seiner Not besann er sich auf die Wirkung des Wortes und wiederholte in den nächsten Minuten immer wieder

Ich habe nachgedacht
über—

bis seine dünne Stimme vom Applaus des Publikums überlagert wurde. Die Moderatorin trat neben ihn und beendete mit einer Handbewegung den Jubel der Menge. Mit einer hanebüchenen Erklärung (erforderliche Mindestanzahl unterschiedlicher Wörter verfehlt) disqualifizierte sie Rico. Buhrufe und in ihre Richtung geworfene Wasserflaschen irritierten die Moderatorin nicht. Ein Zittern erfasste Ricos Leib und helfende Hände mussten ihn von der Bühne führen. Ricos Oma, die extra zur Unterstützung aus Mannheim hergereist war und schon einigen Bacardi intus hatte, kriegte sich nicht mehr ein. Sie schimpfte wie eine betrunkene, in die Jahre gekommene Arzthelferin und fing eine Prügelei mit einigen Erasmus-Austauschstudenten an, die ihren Kennenlernabend in Deutschland begingen. Auf der Bühne erzählte der nächste Dichter einen Autowitz nach dem anderen und das Publikum bog sich vor Lachen. Auf einmal schwang sich Rico neben ihn, schubste den Autofan weg und ließ eine Beschimpfungstirade gegen die Moderatorin, Serben, Austauschstudenten und alle Slambesucher sowie Dichter im speziellen vom Stapel. Zwei seiner Konkurrenten brachen daraufhin in Tränen aus und mussten von den Türstehern, die sich nicht auf den entfesselten Rico stürzten, getröstet werden. Rico und seine Oma wurden im Eingangsbereich noch ordentlich vermöbelt und dann auf die Straße gestoßen. Ein barmherziger Taxifahrer brachte die beiden nach Hause und erließ den Fahrpreis, nachdem Rico seine Textzeile ein letztes Mal vorgetragen hatte.

27. Mai 2010 Kommentare: 6

Gepflegte Langeweile in Berlin

Neulich in der Bahn wurde ich Zeuge einer Unterhaltung, die mich elektrisierte. Ein Mann und eine Frau, die keinen expliziten Körperkontakt suchten, tauschten sich aus. Mit der Zeit wurde ich hellhörig und schrieb in meinem Notizbüchlein mit.

(…)
Sie: “Bruno zieht jetzt auch nach Berlin.”
Er: “Ehrlich? Hat er es endlich begriffen?”
“Mache Dir keine Hoffnung, er hat es allein mit wirtschaftlichen Zwängen begründet.”
“Mein Reden, wer die Berliner Szene verpasst, wird abgehängt.”
“Naja, ihm ging es ums Drücken seiner Lebenskosten.”
“Na klar, arm und se-”
“Ich zitiere Bruno: “Arm und scheiße.” ”
“Ha-ha. Wer im Medienbereich absahnen will, hat keine Wahl.”
“Ich werde aggressiv, wenn ich Künstlerseiten im Internet studiere. Jeder Trottel wohnt mittlerweile in Berlin.”
“Von wegen Dummheit, dahinter stecken strategische Überlegungen. Stichwort Suhrkamp.”
“Leck geschlagenes, ehemaliges Flaggschiff der Literaturbranche”
“Stichwort Bildzeitung”
“Wer liest den Mist?”
“Stichwort Let’s dance, die vierte Staffel jetzt live aus Berlin”
“Niveauloses Herumgehüpfe mit clownesker Moderation. Und Kleider machen eben doch keine Leute.”
“Stichwort Hertha BSC Berlin”
Beide sahen sich an und prusteten los.
“Okay, die Tendenz besteht. Sicherlich gibt es Vorreiter, aber ein Großteil lässt sich unter Mitläufertum und Herdentrieb abhaken.”
“Du unterschätzt den Sog der Hauptstadt. Mutterstadt Berlin.”
“Und wer ist der Vater? Bonn oder doch Dr. Kohl? Und die Kinder? Die kleine (Pots)Dami und der putzige (Leip)Ziggi? Alles Boulevard-Gesülze.”
“Die Bühnenszene brodelt!”
“Theater kann mir gestohlen bleiben. Wie war das mit Helene und Konsorten?”
“Ein Einzelfall. Modelabels sprießen aus dem Boden!”
“Deren Fetzen kann eine normal gebaute Frau nicht tragen.”
“Renovierte Museen und wachsende Philanthropie.”
“Na klar, jeder Hartzer schmeißt einen Euro in die Kasse.”
“Berlins verjüngte Architektur nach der Wende!”
“Altbau, Burgen und Schlösser, der Rest stinkt.”
“Behörden und Regierung rücken zusammen.”
“Alle erfolgreichen Politiker sind Betrüger und Lügner.”
“Ich geb’s auf. Wann ziehst Du jetzt um?”
“Im Juni geht’s nach Moabit. Hättest Du am 12. morgens Zeit?”
“Solange die S-Bahnen nicht wieder streiken, wäre ich dabei.”