Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

4. Januar 2012 Kommentare: 0

Neujahrsgruß

Frohes neues Jahr und alles Gute für das Jahr 2012, Herr Bundespräsident!

Herzlichst, Ihr Jungpoet

20. Dezember 2011 Kommentare: 0

Being Christian Lindner

In einer Zeit, in der Gewissheiten rar werden, scheint auf einen Mann Verlass zu sein: Christian Lindner, den Jude Law für Arme (Zitat Harald Schmidt) und hocherotischen (Geständnis zweier überzeugter Grün-Wählerinnen) Ex-Generalsekretär der FDP und Neu-Hauptmann der Reserve. Nach zwei Jahren im Dienste des mitfühlenden Liberalismus’ ist Eines sicher: Er weiß, was die Frauen wollen und durch ihn können auch erfolglose, selbstverlegende Dichter den Frauen Befriedigung verschaffen und Wonne spenden. Dabei machte er nicht nur durch seine geschliffene Sprache und sein intellektuelles Format von sich reden, nein, er warf sich mit Verve in Pose für die Kameras der Hauptstadt und wusste um die Wirkung des Drei-Tage-Barts. Fernerhin bewies er, dass alles eine Frage des Stils bleibt. Ihn trieben keine popeligen Einfamilienhaus-Visionen wie Christian “Kermit” Wulff und seine Tattoo-Betty (Doppelzitat Harald Schmidt) um, denn er hatte Hannover-Burgwedel als das erkannt, was es war: Einer der drei langweiligsten Stadtteile der langweiligsten Stadt DeutschlandsEuropas. Danke, Christian Lindner und auf Wiedersehen (Zitat aus Christian Lindners Rücktrittsrede)!

Gemessen an der aktuellen Dauer der Rückzüge prominenter Politiker wird mit dem smarten Ex-Mitglied der so genannten FDP-Boygroup bald wieder zu rechnen sein. Die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung der Drei samt einem auf CD gepressten Kassenschlager wird sich höchstwahrscheinlich nicht erfüllen. Ganz unverbindlich möchte ich allerdings folgenden Geheimplan für ein dreistufiges Comeback im Herbst 2012 vorschlagen:

1. Interview mit dem TAZ-Chefredakteur in bester Karl-Theodor zu Guttenberg - Manier; Themenschwerpunkte: Schnelle Autos, schöne Frauen und gute Nachrede auf die FDP
2. Gemeinsame Buchpräsentation und Buchveröffentlichung; wohlgemerkt mit mir beziehungsweise meines Debütromans
3. Annahme einer geeigneten Stellenofferte in der Greenpeace-Verwaltung

30. November 2011 Kommentare: 0

Herbstschlagzeilen

Vergessen, dass ich Schriftsteller sein wollte.

Dem inneren Kaufmann gehuldigt. Mich hoch verschuldet. Den Wecker wochenlang auf sechs Uhr gestellt. Konsequent um elf aus dem Bett gequält. Mit ‘ner Blondine ausgegangen. Zwei Abfuhren eingefangen. Mehr Zeit in Eimsbüttel als Niendorf verbracht. Mich über meinen Umzug lustig gemacht. Gegen Griechenland und den Euro spekuliert. Festgestellt, ich hatte nur fantasiert. In Tagebüchern fremder Mädchen gelesen. Außer Schwärmereien, Trash Metal - Gedichten und zwanzig Jahren Altersunterschied nichts gewesen. Im November wie früher geschuftet. Bevor’s zu anstrengend wurde, wieder ins Arbeitszimmer verduftet. Düsseldorf besucht. Die Bahn verflucht! Erfolglos Ladenlokal-Betreiber umschwänzelt. Halloween gecancelt. Kiel angesteuert. Meinen imaginären Agenten gefeuert. Den zweiten Glavinic verschlungen. Zum Ausgleich im Kirchenchor gesungen. Ins Reich der Fantasie geflüchtet. Rollenspiel-Fetische gezüchtet. Eine Lesung zur Pause verlassen. Gedacht, soll der Autor mich bloß hassen! Zwischendurch den Sugardaddy gespielt. Auf ihren jungen Körper geschielt. Wie ein brünstiger Stier über die A7 gerast. Die Vorstädte des Speckgürtels abgegrast.

Mich erinnert, dass ich selbsterklärter Schriftsteller bin.

2. November 2011 Kommentare: 0

Halloween I: Auge in Auge mit dem Bösen

Fragmente meiner abgesagten Halloween-Lesung:

Philosophen, Kriminologen und Soziologen diskutieren seit langem, ob das Böse in Reinform existiere. Für mich herrschte seit fünf Tagen Gewissheit. Das Böse existierte nicht nur, sondern hatte sich auf meiner Nase inkarniert. Als Brillengestell mit braun-schwarzen Bügeln und Gläsern in Lupenstärke. Die breiten Bügel schnitten mir am empfindlichen Übergang zwischen Ohrmuschelhinterseite und Kopf ins Fleisch und die Nasenbügel bohrten sich immer tiefer in meine Nasenhaut. Die Schmerzen ließen sich mit zwei Tabletten am Tag aushalten, die an der Ohrmuschelwunde austretenden Blutstropfen unauffällig abtupfen. Doch das Brillengestell hatte sich mit meinen Horch- und Riechorganen zu einer Bio-mechanischen Einheit verbunden und injizierte langsam die Essenz des Bösen in meine Blutbahn. Meine Mordlust wuchs. In der seriösen und konservativen Hülle, als der mein Körper angesehen wurde, erwachte das Tier. Mein rechtes Auge pochte mittlerweile so heftig, dass ich einäugig durch die Straßen Eimsbüttels taumelte. Vor zwei Tagen hatte ich mir den Opferdolch mit Goldimitatknauf umgeschnallt. Beiläufig strich ich immer wieder über die Klinge, die ich für 15,95 Euro bei Mister Mint in den Gewölben der Eimsbüttler Karstadt-Filiale schärfen lassen hatte. Mit den Worten “schneidet jetzt Brot wie Butter”, hatte sie mir der Angestellte überreicht und ich hatte in Gedanken “und Finger wie Würstchen” hinzugefügt.

(…)

Mein Atem rasselte. Meine linke Hand rutschte an der Rinde des Baumes ab und ich packte mit der zweiten nach dem verwitterten Stamm, um mich abzustützen. Speichel tropfte aus meinem rechten Mundwinkel und fiel auf den Kragen meines blau-gestreiften Schlafanzugs. Gierig sog ich den Wildgeruch ein. Das Rehkitz konnte nicht weit entfernt sein. Mit einem Knurren sprang ich über einen hüfthohen Strauch. Mit zwei weiteren Sätzen überwand ich das letzte Stück hin zum Zaun, der das Wildgehege umgab. Im Mondlicht zeichneten sich zwei schlanke Umrisse ab. Ich hangelte mich weiter an den Gitterstäben entlang.

(…)

Rosa Farbwirbel überlagerten mein Sichtfeld. Meine rechte Hand strich über den Knauf des Opferdolchs. Ich krabbelte auf allen Vieren über Sitze, Jacken, leere Bierflaschen und Zeitungen. Dieser altersschwache, mit Edding beschmierte U-Bahn-Mülleimer verhieß mir die Sicherheit, die ich suchte. Mehrere Passagiere sprangen auf als ich mich ihnen näherte. Kaum war ich auf Spukreichweite heran gekrochen, entlud sich mein Mageninhalt als breiter Strahl in den Mülleimer. Mein Magen verkrampfte sich mehrmals, bis das Gröbste überstanden war. Mein Kopf war wieder leer und mein Gewissen rein. Mit fahrigen Bewegungen entwand ich der Brille meine Ohren und Nase und steckte sie ihn die breiige Brühe, die im Mülleimer im Takt der U-Bahn-Schwellen hin und her schwappte. Mit einem Schrei riss ich den Opferdolch aus meiner Gürteltasche und stieß ihn bis auf den Grund des Mülleimers in das unverdaute Etwas. Ich griff mir eine MoPo vom Boden des Vierer-Platzes, wischte mir gründlich den Mund ab und taumelte am Schlump Richtung Freiheit.

7. September 2011 Kommentare: 0

Zwei Kontaktanzeigen

Aus gegebenem Anlass:

Spaß- und Sportskanone
Hässlicher, dummer und kleiner Sportstudent sucht eine abergläubige, dicke und redselige Hauptschülerin, mit der er den ganzen Tag auf der Couch sitzen und in Ruhe fernsehen kann. Zuschriften bitte ohne Bild.

Der Hauptgewinn
Junger potenter Erbe (1,80, schlank, sportlich, attraktiv) sucht eine nette und smarte junge Frau aus gutem Hause. Gerne mit Modellvergangenheit oder Unternehmertochter. Musikalisch und politisch. Kunst und Kultur interessiert, in der Küche nicht minder versiert. Einem kleinen Schabernack nicht abgewandt. Parkett- und stilsicher. Studiert, reisefreudig, tier- und kinderlieb. Charmant, witzig und freundlich.
(…) Eine halbe Seite Adjektive und Superlative gekürzt.(…)
Gerne aus dem Norden. Auf jeden Fall mit Foto. Am besten für immer!

5. August 2011 Kommentare: 2

Neugeboren in Niendorf

Die Vögel sangen. Die Flugzeuge zwitscherten. Die Heckenscheren summten. Rasenmäher tanzten ihr Wiesenballett. Selig lauschten wir diesen Klängen der Natur. Meine drei Hünen und ich genossen die Vergesslichkeit unserer Hirne. Eben noch wuchteten wir gefühlte 1.000 Umzugskartons in und aus dem Kleintransporter. Mühten uns mit Zimmerpflanzen ab, deren Blätterkleid an hundertjährige Urwaldriesen gemahnte. Bewegten eine Großfamilie von Stühlen und Tischen, die einem Feudalherren zur Ehre gereicht hätte, von E nach N. Schlitterten dabei über den Film, zu dem sich Schweiß, Blut und Sand auf dem Zugangswegen meiner Wohnungen vermengt hatten.

Jetzt lagen wir aneinander gekuschelt auf der Couch, nagten an deutschen Würsten und entdeckten unser Lachen wieder. Die Prozession der Schleppenden eines zünftigen Umzugs erinnerte mich an die hinteren Reihen eines Trauerzuges, in denen entferntere Bekannte und Nachbarn mit verkniffenem Gesicht der Kernfamilie hinterher trotteten. Die Schultern gebeugt von dem Bewusstsein, sich für das ein oder andere Wort nicht mehr entschuldigen, die geliehenen 500 Euro nicht mehr zurückzahlen zu können.

Doch niemand Vertrautes war gestorben und statt des Geldes hatte ich mir einen Kleintransporter geliehen. Mit der Eigentümerfamilie Sixt verband mich weder gute Bekanntschaft noch Nachbarschaft. Ich befürchtete, dass die Sixts auf die Rückgabe des Wagens pochten. Leider war der Wagen verschwunden. Einzelne Wagenteile ließen sich bei akribischer Suche vermutlich auftreiben. Der rechte Außenspiegel lag in der Alsenstraße ungefähr auf der Höhe des Baustellenzauns der Dachdecker Firma Hansen. An dieser Straßenengstelle hatte ich mir nicht anders zu helfen gewusst als Kollateralschäden (Spiegel, tiefe Kratzer, Rücklicht) an der rechten Wagenflanke in Kauf zu nehmen, um den Kleintransporter sicher ans Ziel zu bringen. Die linke Hintertür stand aufrecht an der Hausaußenwand meiner alten Wohnung in E. Wenige Meter vom Straßenrand entfernt, an dem eine Porsche Cayenne – Fahrerin mit um drei Stundenkilometern überhöhter Geschwindigkeit in mein kleines Schlepp-In gerast war. Zum Glück war niemand zu Schaden gekommen. Die rechte Hintertür ließ sich anstandslos schließen und die Porsche Cayenne – Fahrerin konnte ihre Shoppingtour fortsetzen.

Ungefähr zur selben Zeit hatte Ingo sich an einen Termin erinnert, den er unbedingt wahrnehmen musste. Ich war ihm unendlich dankbar, dass er sich trotzdem für 60 Minuten zu meiner Umzugstruppe gesellt hatte. Auf meine Freunde war eben Verlass. Vier von vierzehn gefragten Hünen waren erschienen und schleppten für fünf.

Dieser Umzug wäre als reibungsloseste Schleppzusammenkunft aller Zeiten in die Geschichtsbücher eingegangen, hätten wir den Kleintransporter nicht im Halteverbot geparkt. Die Parkposition unter der großen Tanne vor der Tür meiner neuen Wohnung in N. verkürzte den Schleppweg um sagenhafte drei Meter pro Runde. Auf die gefühlten 1.000 Umzugskartons hochgerechnet ergab sich eine Gehersparnis von drei Kilometern. Selbstverständlich sah dies der ältere Herr, über dessen Gürtel sich ein imposanter Bauch wölbte, der wiederum von einer Bauchtasche in bester Bondage-Manier stranguliert wurde, anders. Ich eilte herbei, um die Weichen für eine gute Nachbarschaft zu stellen. Er war herbei geeilt, um den Willen der Eigentümergemeinschaft zu vollstrecken. Das Diskutieren und Vollführen einfacher Umzugsmathematik (ich: „Wir sparen drei Kilometer“. Er: „Junger Mann, die habe ich in ihrem Alter zurückgelegt, um meine Familie mit Brunnenwasser zu versorgen. Und das dreimal täglich. Die Eigentümergemeinschaft duldet Parkquerulanten nicht“.) schlug fehl.

Meine neue Wohnung bestach durch den riesigen Kellerraum. Ein ganzer Hausgerätepark hätte hier Platz gefunden und dieses Untergrund-Penthouse nur zur Hälfte ausgefüllt. An einer anderen Tatsache änderte mein Raumreichtum hingegen nichts: Jeder hatte seine Leiche im Keller. Meine war ein älterer Herr, über dessen Gürtel sich ein imposanter Bauch wölbte, der wiederum von einer Bauchtasche in bester Bondage-Manier stranguliert wurde. Nachdem wir im Gespräch nicht weiterkamen, hatte ich dem Mann schnell zweimal den Sixt-Schlüsselanhänger an die Schläfe gerammt und die Jungs gebeten, kurz anzufassen. Mehr noch als der Verfall des Körpers nagte die Einsamkeit des Alters an den Menschen. Deswegen sollte ich den schlaffen Körper Frau Müllers aus dem zweiten Stock, die morgens um sieben immer ihren Staubsauger anriss, zwei Wochen später ebenfalls in den Keller schleppen. Und die sterblichen Überreste des Ehepaars unter mir, dem meine Musik zu laut war, stapelte ich auf die ersten zwei Leichen.

Auf jeden Fall hatten wir gerade die Leiche des ersten Störenfrieds weggeschafft und kehrten zurück, um den Kleintransporter vollständig auszuladen. Doch dort, wo mein motorisierter Freund gestanden hatte, hockte ein einzelner, in sich zusammengesunkener Umzugskarton wie ein auf dem Boden gefallenes Ei. Er musste beim rasanten Anfahren des Fahrzeugdiebs aus dem Rückraum gestürzt sein. Der eigentliche Umzug endete somit früher als geplant. Um die in meiner alten Wohnung verbliebenen Kleinigkeiten sollte sich mein alter Vermieter kümmern.

Apropos kümmern, mein neuer Vermieter, ein trendiger Typ in meinem Alter war nach eigener Aussage jüngst von N. nach E. gezogen. Abseits dieser sympathischen Gegenbewegung bemühte er sich redlich um mein Wohlergehen. Am Tag nach dem Umzug schoss ein eiskalter Wasserstrahl aus dem Duschkopf, dessen Temperatur sich nur im Bereich zwischen Pol-Kälte und norddeutschem Brunnenwasser im Winter regeln ließ. Sämtliche Wasserhähne spien unterkühltes Nass aus. Aus dem Spülkasten meines Klosetts aber ergossen sich lauwarme Fluten in die Keramikschüssel. Ein Elektroinstallateur der Firma Hansen fand später heraus, dass der Durchlauferhitzer falsch angeschlossen worden war. Ich sah großzügig über die Durchlauferhitzer-Affäre hinweg, schließlich hatte ich mir in der Zwischenzeit mit geschöpftem Warmwasser Haare und Gesicht waschen können.

Meine Vorräte schwanden. Der Hunger trieb mich hinaus. Meine Füße ertasteten den Weg zum Supermarkt, der für mich zu einer Trost spendenden Routine werden sollte. Ein Kinderwagen mit Mutter schob sich an mir vorbei. Versonnen betrachtete ich ihr braunes Haar, in dem der Wind spielte, und ihren schlanken Rücken. Sie musste meine Blicke gespürt haben und drehte sich um. Ich sah sie unverwandt an. Sie ging ein paar Schritte und drehte sich wieder um. Blieb stehen, hob ihr Kind aus dem Wagen und kam auf mich zu.

„Bist Du nicht dieser Jungpoet vom Schanzenslam?“.
„Nein“.
„Ich meine aus dem Stageclub“.
„Doch, ja.“

Was mich störte, war nicht, dass ich nun als Hamburger KiezgrößeKünstler schon auf offener Straße erkannt wurde. Danach verzehrte sich mein eitles Herz in den dunkelsten, hellsten und grauesten Stunden. Nein, diese Frau trug ein Kind auf dem Arm. Wer mich kannte, wusste, wie negativ sich dies auf meine Zuneigung zu Damen auswirkte. Erstens: Sie war nicht mehr zu haben. Sämtliche Hoffnungen, meine lokale Bekanntheit in Groupie-Umarmungen umzumünzen, zerstoben. Zweitens: Sie war eine Mutter. Mit Kindern wusste ich nichts anzufangen, seitdem ich selbst ein Knirps gewesen war. Unsere Interessen klafften bereits damals weit auseinander. Wir sprachen nicht dieselbe Sprache. Sie schrien herum. Und sie wagten es, meine Lieblingslego-Ritterfiguren anzufassen. Eine Sache widerstrebte mir mehr als Umzüge: Kinder!

Eigentlich kam ich über Jahre nur mit zwei Gruppen von Menschen zurecht. Mit Bekannten, die mir bei irgendetwas halfen und cholerischen, einsilbigen, hochintelligenten Neurotikern. Das Durchforsten meines Adressbuchs ergab, dass ich niemanden kannte, auf den die zweite Beschreibung zutraf. Ich wünschte der Mutter einen schönen Tag und kaufte mir eine Thunfischpizza.

Was blieb festzuhalten: Ich war neugeboren in Niendorf und hatte mich aller Altlasten entledigt.

19. Juli 2011 Kommentare: 0

Endlich Urlaub!

Ich nehme mir eine Woche frei, Details anbei…

28. Juni 2011 Kommentare: 8

Zweijähriges

Drei Tage vor der Zeit ist des Jungpoeten Pünktlichkeit.

Beschlossen, ein weiteres Jahr als selbsterklärter Schriftsteller dranzuhängen. Entschlossen, die fast in Vergessenheit geratene Tradition der Wochenberichte demnächst wieder aufleben zu lassen. Beschlossen, keine Groupies mehr an der Tür abzuweisen. Entschlossen, eine Balkan-Tanzgruppe in Hamburg-Niendorf ins Leben zu rufen. Beschlossen, nur noch glückliche Monate zu verleben. Entschlossen, in jedem Monat, der sich auf Sonning reimt, ein Kind zu zeugen. Beschlossen, doch nicht als Flitzer der Mönckebergstraße Schlagzeilen zu schreiben. Entschlossen, als Ausgleich exotische Spinnen im riesigen Kellerraum zu züchten. In Freihaltung versteht sich.

Happy Zweijähriges allerseits!

28. Juni 2011 Kommentare: 0

Warum ich kein Instrument spiele

Achtung Erotik! Ein kleiner Gruß an alle anwesenden und verhinderten Teilnehmer und Zuschauer des letzten Erotik Slams Deluxe:

Ich erinnere mich an unsere erste Begegnung als wäre es gestern gewesen. Die Tür des Musikraums schwang auf und Du betratst die Klasse. Und mein Leben. Du nahmst auf dem Stuhl direkt gegenüber von mir Platz und warfst mir fortan in jeder Unterrichtsstunde diese Blicke zu. Blicke, die ich in meiner Unerfahrenheit nicht recht zu deuten wusste. Woche um Woche verging und der Sommer brach an, in dem ich mein sechszehntes Lebensjahr vollenden sollte. Woche um Woche, in denen uns nur ein paar Meter und doch eine gefühlte Unendlichkeit voneinander trennten. Ich wusste Deine Avancen weder zu erkennen noch zu erwidern. Wenn sich unsere Finger zufällig beim Xylophonspiel streiften, zog ich meine Hand zurück. Wenn Du mich mit einem Nicken ermuntertest, lauter zu singen, verstummte ich. Wenn Du mich anlächeltest, schaute ich zu Boden.

Eines Tages batest Du mich, am frühen Nachmittag zum Musikraum zu kommen. Ich hatte große Angst. Warst Du mit meiner Analyse der Westside-Story, die Du uns als Hausaufgabe aufgegeben hattest, so unzufrieden oder sollte ich Dir das Musikstück der letzten Stunde erneut auf dem Xylophon vorspielen?
Ich klopfte an der Tür und sprach: „Hallo Frau Müller, hier bin ich.“
Du öffnetest und sagtest: „Ah Sonning, schön, dass Du da bist. Komm doch herein.“
Hinter uns fiel die Tür ins Schloss. Dein üppig wogender Busen und Dein Birnenpopo schwangen im Takt Deiner Schritte als Du mich zum Lehrerpult führtest. Verschüchtert sank ich auf einem der zahlreichen, im Kreis stehenden Stühle nieder und sah Dich an.
„Sonning, ich ertrage es nicht mehr“, sagtest Du.
Ich schwieg.
„So kann es nicht weitergehen mit uns beiden.“, setztest Du nach.
Ich schluckte schwer.

Dann, wie eine ausgehungerte Vampirin in der Nacht auf den blassen Jüngling stürztest Du Dich im Halbdunkel des Musikraums auf mich. Sprangst so heftig ab, dass das Lehrerpult wankte und Stühle zu Boden gingen. Ich purzelte vor Schreck auf den Boden und halb sitzend, halb liegend landetest Du auf mir. Nein, es war keine Liebe auf den ersten Blick zwischen uns beiden, sondern Brunft und Wahnsinn ab dem ersten Akkord. Wie bei einem Duett zweier begabter Musiker schwangen unsere Körper im Gleichklang. Ich glitt wie ein schlanker und strammer Geigenbogen über Deinen ausladenden Kontrabass-Leib. Wir begannen mit einem langsamen, gefühlvollen Auftakt der sich über die erste und zweite Strophe zum Refrain hin steigerte. Du offenbartest Dich auch hier als strenge Lehrerin, die mich ständig Stellen wiederholen ließ.

Unerbittlich gab das von Dir aufgestellte Metronom den Takt vor, indem sich unsere Hüften zu bewegen hatten und unsere Schöße miteinander rangen. Wir vergaßen alles um uns und liebten einander in einer Heftigkeit bis die Vorderfüße des Klaviers brachen, der Flügel des Flügels gesprengt, die Trommeln zerborsten und die Tuba verbogen war. Und jeweils im Schlussakkord bäumtest Du Dich auf mir hockend auf und schraubtest Deine Stimme ein letztes Mal in die obersten Sopranhöhen, diese den meisten unbekannten Gefilde wahrer Körpermusik.

Ich erlernte von Dir die Leichtigkeit des Oktavsprungs, wenn sich Fleisch und Geist der Liebenden vereinen. Du konzentriertest Dich auf das hohe C, ich aufs tiefe. Unser mehrstimmiger Gesang füllte jeden Winkel des Raumes aus. Doch kein Laut drang durch die gut gedämmten Wände des Musiktrakts und der Schulflur lag in der Stille des Nachmittags.

Umschlossen Deine Querflöten gestählten Lippen meinen ausgeklappten Notenständer, entlocktest Du mir die vollständige Tonleiter der Lust. Feuertest Du mich an: „Richte Dich auf, mein prächtiger Papageno“, gehorchte ich. Verlangtest Du ein Ritardando der Leidenschaft oder ermahntest mich „Crescendo, mein junger Adept, Crescendo“, befolgte ich Deine Anweisung wie es sich für einen braven und fleißigen Zehntklässler gehörte. Ich war Dir vollends verfallen und gefangen in dieser tückischen Triangel der Gefühle, Liebe und Triebe.

Die Wochen vergingen, dienstags bis freitags wankte ich am späten Nachmittag gezeichnet von den Anstrengungen unseres Einzelunterrichts nach Hause. Suchte die von unserem Schweiß durchtränkten Notenblätter vor den Augen meiner Mutter zu verbergen und erfand immer neue Lügen, was wir jenes Mal durchgenommen –Verzeihung- geübt hatten.

Und so ward ich ein Gefangener der Sinfonie des Fleisches. Begeisterte mich oberflächlich übermäßig für achtel, viertel, halbe und ganze Noten. Nicht zu vergessen die Pausen dazwischen. Doch lange ließest Du mich nie zur Ruhe kommen. Dieser harmlose Raum voller blecherner und hölzerner Instrumente war kein Musikzimmer mehr, sondern unsere Kammer der Hingebung und körperlichen Erlösung.

Du erwähntest manchmal Dein schlechtes Gewissen, mich um meine musikalische Ausbildung gebracht zu haben. Doch welch Geschenk war die umfassende physische Aufgabe, mit der Du mich in diesen prägendsten Monaten meines Lebens umfingst?

Dies ist also die Geschichte wie ich zwischen Xylophon und Rassel meine Unschuld verlor. Wie ich in der Blüte meiner Jugend stehend leiblicher Zeuge der fordernden Leidenschaft einer Frau mittleren Alters, die sich ihrer Bedürfnisse ganz bewusst war, wurde. Und wie ich im Gegenzug Momente der Ekstase erlebte, die ich hernach oft entbehren sollte.

Fragt mich heute jemand, ob ich ein Instrument spiele, druckse ich herum. Ich sei früher leider sehr faul gewesen und habe ein Problem mit meiner Musiklehrerin gehabt…

Mit Dank für die vielfältige Inspiration an alle Beteiligten der Frasier-Folge “Der letzte Tango in Seattle”.

17. April 2011 Kommentare: 8

I wanna be your disco boy!

Die Menschenschlange setzte sich hinter der Hausecke fort. Buki hatte uns gewarnt. Vor dem Andrang, dem Durchschnittsgast (schlecht deutsch sprechende Frauen auf Männerjagd, schlecht deutsch sprechende Männer auf MännerFrauenjagd) und dem, was später folgen sollte. So musste sich das Einkaufen in einer sozialistischen Gesellschaft mit reglementiertem Markt in der Zerfallsphase anfühlen. Nicht, dass ich etwas Vergleichbares je erlebt hätte. Menschenschlangen bildeten sich in Norddeutschland selten, die namensgebenden Reptilien waren noch seltener. Die letzte Blindschleiche hatte ich als Kind auf dem Dorfweg gefunden. Der Kiefer zermahlen vom großprofiligen Autoreifen eines Jeeps, in dem eine tierliebende Mutter ihre tierliebende zehnjährige Tochter gerade zum Reiten gefahren hatte. Es starben einfach zu viele Schlangen auf deutschen Feldwegen und Hauptstraßen. Igel, Nachtfalter, Krokodile und Kühe sowieso. Aber in diesem Moment wünschte ich mir nichts sehnlicher herbei als einen Jeep, dessen Fahrerin auf der Reeperbahn die Kontrolle über ihren Wagen verlor, und nicht verhindern konnte, dass das motorisierte Ungeheuer in eine Nebenstraße hineinglitt und gnadenlos eine Schneise in die Grüppchen von Nachtschwärmern, Junkies, Drogenhändlern, Dorftrotteln, Bankkaufleuten und Yuppies mähte, die alle Nebenstraßen Hamburgs vermeintlich sündigster Meile jede Samstagnacht verstofften. Und mir den Weg versperrten, nein, die Last aufbürdeten, mich hinten in der Menschenschlange anzustellen. Für die Balkannacht wohlgemerkt, von der ich bereits vor ihrem Beginn wusste, wie sie für mich enden würde. Nämlich mit 3 1/2 miesen Stunden Schlaf und fünf Stunden tänzerischen Verrenkungen in den Knochen sowie Dutzenden Bildern von prallen Dekolletés und einladenden Hinterteilen feister Balkan Bitches im Kopf, die mich tagelang im wahrsten Sinne des Wortes umtrieben. Und so stand auf meinem Grabstein der für Außenstehende unverständliche Sinnspruch: “Und nächtlich grüßte der Balkan.” Denn plötzlich schoss der Jeep heran, walzte erst die Straßenlaterne vor mir und dann mich nieder, schleifte drei weitere Balkanesen in spé die verbleibenden sieben Meter über den Rasen mit, bis seine Motorhaube mit einem Kreischen in der Hauswand des Grünspans zum Stehen kam. Dabei wurden zwei über die Stadtviertelgrenzen berühmte Graffitis, die in pinken Farbtönen gestaltete Aufforderung “Fuck the norm!” des Szenesprayers Johnny G. und die fleischfarbene Pobacke, von einer weiblichen Künstlerin erschaffen und an Arnold Schwarzeneggers Hintern in guten Zeiten gemahnend, zerstört. Und ich war sofort tot. Das heißt nein, ich wäre sofort tot gewesen, hätte es den Jeep gegeben. Doch hätte es den Jeep gegeben, so wäre ich dank meines hervorragenden Gehörs auf den heran rauschenden Fünf-Tonnen-Metalltorpedo mit Reifen aufmerksam geworden und hätte mich mit einem Sprung auf den Rasen in Sicherheit gebracht. Die vordere Stoßstange und die Kotflügel des roten (Blut hatte sich in mehreren Schichten über die ursprüngliche Farbe gelegt) Jeeps hätten reiche Ernte in der Menschenschlange halten können. Aber kein Jeep kam und das Kreischen einer vielleicht 21-jährigen Schönheit mit langen dunklen Locken und perfekten Balkanmaßen riss mich aus meinen mörderischen Gedanken. Egon und Buki diskutierten darüber, dass Affen die neuen Drachen seien. Was sich sowohl auf Tattoos als auch Schulterschmuck beim Fasching oder Karneval bezog. Ich verstand nicht, worauf sie hinaus wollten. Statt dessen begann ich mit dem Taschenrechner meines Nokia-Knochens zu berechnen, wie lange die exakte Wartezeit betrug, bis die Menschenschlange vor uns vollständig in den Club gekrochen war. Hoffentlich wurden mehrere der größeren Männergruppen, die sich in die Schlange gemischt hatten, auch an der Tür abgewiesen, so bliebe mehr Balkananschauungsmaterial für nette Akademiker wie mich.

Zehn Euro knöpfte mir das Kassiermädchen am Eingang ab. Darin mussten zehn Klappse auf beliebige, einladende Hintern fremder Frauen einfach enthalten sein. Gegen Wucher begehrte ich bei jeder Gelegenheit auf.

(…)

Frauen drehten sich wie kleine Ventilatoren, bei stabilem Rumpf vollführten ihre Oberkörper schwungvolle 360° - Bewegungen. Eine Traube von 50 Frauen drängte sich auf einem Podest, welches für 20 Tänzerinnen zugelassen war, um den gockelhaften DJ, der sich abwechselnd hinter sein Pult stellte und auf den Plattentellern räkelte. Dabei intonierte er Lautreihen, die von den Balkan-Hundertschaften nachgesungen, nein nachgeschrien und -gehechelt wurden.

(…)

Erst zaghaft, dann mit Nachdruck brüllte ich die erlösenden Worte in den Raum: “I wanna be your disco boy!”.

To be continued / completed…