Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

2. Februar 2011 Kommentare: 10

Schaffenspause

Kein Auge zugedrückt. Wie im Fieber fantasiert. Mich innerlich radikalisiert. Die Nacht der Entscheidung(en) überlebt. Angefangen, die xte Liste zu schreiben. Bei 30 Einträgen aufgehört. Prioritäten neu gesetzt. Qualität in den Vordergrund gerückt. Die Wochenberichte hiermit ausgesetzt. Eine Schaffenspause eingelegt. Dauer unbestimmt.

29. Januar 2011 Kommentare: 10

Es war einmal…

Ich bin ein großer Fan schlecht geschriebener spannender Fantasygeschichten und holpriger lehrreicher Märchen.

Es war einmal ein dicker, hässlicher Zwerg. Er hieß Gundolar Großbeutel, wurde aber von allen nur Säckchen genannt. Sogar für Zwergenverhältnisse war Säckchen ausgesprochen dick, hässlich und klein, außerdem hatte er Schweißfüße und stank aus dem Mund. Sonst war er aber total nett. Täglich wuchtete Säckchen Bier- und Weinfässer und natürlich Säcke voller Getreide und Gemüse durch die Gassen der Stadt. Über den Häusern und Mauern des einfachen Volkes erhob sich die Burg Königstolz, in der der weise König Felarion und seine Tochter Prinzessin Willowmine residierten. Säckchen träumte davon als Ritter am Hof zu dienen. Oder eine schöne Prinzessin zu sein, die von allen Untertanen angehimmelt wurde.

Eines Tages schreckte Säckchen nachts hoch. Pferde wieherten. Mit einem Auge spähte er in die Nacht und sah vermummte Reiter durch die Straßen jagen. Als die Luft rein zu sein schien, wagte sich Säckchen hinaus. Etwas blinkte verheißungsvoll zwischen den Pflastersteinen auf: Ein goldener Ring. Säckchen sah sich nach allen Seiten um und hob ihn auf. Was der wohl wert war? Ob er ihn behalten sollte? Da sprach der Ring: „Wage es nicht, mich anzustecken, Du dicker und hässlicher Zwerg! Ich bin für eine Prinzessin bestimmt.“ Säckchen begann zu schluchzen, dieser fiese Ring. Er wäre so gerne sein Freund geworden.

Am nächsten Morgen hatten sich beide beruhigt und Säckchen stapfte hinauf zur Burg. Zehn Meter vor Erreichen des Tores rief ihm einer der Wächter zu: „Komm nicht näher, Du grässlich stinkender Zwerg! Was willst Du?“. „Ich habe einen Ring gefunden, der zu einer Prinzessin gebracht werden will“. Die Wache lachte auf: „Steck ihn Dir sonst wo hin, die edle Willowmine würde Dich nicht empfangen. Abgesehen davon ist sie gerade unterwegs zum alten Zurbaran, um sich die Nase schön hexen zu lassen.“ Ring und Zwerg riefen „Neeeein!“.

Säckchen stand vor dem dunklen Wald, dessen Wipfel sich drohend viele Meter über ihm erhoben. Irgendwo dort sollte der Zauberer leben. Stunden später betrat Säckchen eine Lichtung und drehte sich suchend im Kreis. Die Vögel zwitscherten, Sonnenstrahlen fielen auf Blumen und Sträucher. Plötzlich sprang ein Einhorn mit einem eleganten Satz hinter einem Baum hervor. Es war das letzte seiner Art. Einhörner waren mythische Wesen, berühmt für ihre Intelligenz und ihr empfindliches Näslein. Eine erste Dunstschwade drang in die Nüstern des edlen Tieres ein. Es strauchelte. Säckchens Odeur entfaltete sich mit Wucht und geschüttelt von Krämpfen brach das Einhorn zusammen. „Siehst Du Ring, ein Zeichen. Das Einhorn gab sein Leben und weist uns den Weg.“, sagte Säckchen. Vorsichtig kraulte er dem toten Einhorn das noch warme Fell und kletterte über den Kadaver hinweg.

Er irrte weiter durch den Wald, bis er sich vor einem schlanken Turm aus weißem Stein wiederfand. Säckchen klopfte. Plötzlich erschien ein Mann mit wallender blauer Robe und rauschendem weißen Bart in der Tür. „Komm näher, mein junger Freund – ich sehe, höre und rieche nicht mehr so gut wie früher.“ Was Zurbaran wahrscheinlich das Leben rettete. Nun brachen aus Säckchen all die Erlebnisse und sonstigen Dinge, die ihm seit Jahren auf den Herzen brannten, hervor. Zurbaran lauschte und unterbrach ihn: „Verschone mich - ich bin Zauberer, kein Therapeut!“. Säckchen stutzte und Zurbaran fuhr fort: „Ich befürchte, der böse Drache Langzahn hat die Prinzessin überfallen. Leider habe ich die meisten Zaubersprüche vergessen. Ich kann Dich äußerlich ins Gegenteil verwandeln und in die Nähe der Drachenhöhle teleportieren, dort wärest Du auf Dich gestellt.“ Säckchen willigte ein.

„O holde Maid, wie herrlich sich Dein Finger anfühlet.“, säuselte der Ring zum wiederholten Mal. Säckchen konnte es selbst nicht glauben und strich sich über seinen üppigen Busen. Kniff sich zur Bestätigung in das jetzt feste Fleisch seines Hinterns. Vor allem ging ihm dieses– nein, SEIN neues liebliches Gesicht nicht mehr aus dem Kopf, welches er lange im Spiegel betrachtet hatte. Mit einem Augenaufschlag wäre er Sieger jedes Modellwettbewerbes geworden, falls es so etwas schon gegeben hätte.
Säckchen orientierte sich und entdeckte gerade rechtzeitig die Drachenhöhle: Das 20 Meter lange, Schuppen strotzende Untier schob seinen mächtigen Leib ins Freie. Unter einem Felsvorsprung hatten sich die Ritter verschanzt und schirmten Prinzessin Willowmine mit ihren Schildern ab. Der Drache fauchte so laut, dass Löwenbrüllen wie Flüstern gewirkt hätte. Selbst Geribald, der tapfere Hauptmann der königlichen Garde, zitterte am ganzen Leib. Langzahns Pranken schnellten vor, schoben Waffen und Ritter beiseite. Seine Klauen schlossen sich um den Körper der Prinzessin und reckten die Beute in die Höhe. Das Drachenmaul klappte auf. Mit einem Schrei stürzte die Prinzessin auf Langzahns Gaumen. Dann klappte er sein Maul zu und kaute genüsslich. Langzahn schluckte und fuhr sich mit seiner Riesenzunge mehrfach über‘s Maul. „Sie war eh ‘ne hohle Nuss“, entfuhr es dem Ring.

Jetzt richtete der Drache seine Augen auf den Hauptmann. „Nein, nicht auch Geribald“, rief Säckchen und stürmte vor. Verdutzt hielt Langzahn inne. Ein weiteres zartes Prinzesschen. Er sog Luft durch seine gewaltigen Nüstern ein, riss sein Maul auf und spie Feuer in Säckchens Richtung. Ein Flammenmeer schwappte auf Säckchen zu. Er schrie um Hilfe und sein unheilvoller Mundgeruch verbreitete sich. Dort, wo sich Feuer und Zwergenatem trafen, entzündete sich das Methangemisch. So entstand eine schützende Barriere, die das Drachenfeuer nicht passieren konnte. Säckchen lief wie in Trance auf den Drachen zu. Verwundert streckte Langzahn seinen Kopf vor und atmete mitten in der bestialisch stinkenden Wolke tief ein und aus. Ein Zittern ergriff den Drachenkörper, die Beine knickten ein und das Reptil schlug schwer auf dem Fels auf. Säckchen konnte nicht mehr bremsen. Er stolperte und überschlug sich. Rutschte unaufhaltsam mit den Füßen voran auf den Drachen zu. Mit einem schmatzenden Geräusch landeten seine Füße in den Nüstern der Riesenechse.

Säckchen kaum wieder zu sich und blickte in das Gesicht des Hauptmanns. „Wer seid Ihr?“, fragte Geribald. „Ich bin Gundolar, Freunde nennen mich Säckchen“, hauchte der Zwerg in Modellgestalt. „Nun denn, verehrte…“, setzte Geribald an, doch Säckchen zog ihn an sich. Küsste gierig seine Lippen. Ihre Zungen fanden sich. Die Erleichterung in Geribalds Gesicht wich Erstaunen, dann Ekel. Doch Säckchens Lippen hatten sich an den seinen festgesaugt und die schmatzenden Geräusche unterdrückten des Ritters Hilferuf. Geribalds Geschmacks- und Geruchssinn starb mit der Zeit ab und er gewann sein Säckchen lieb. Und wenn sie nicht gestorben sind, küssen sie sich noch heute wie am Tag ihrer ersten Begegnung…

21. Januar 2011 Kommentare: 7

Empathie eliminiert.

Einen bekannten Schriftsteller kennengelernt. Mit ihm unterhalten. Zu selten den Mund gehalten. Einer von zehn Möchtegerns gewesen. Alle Slammer-Ambitionen begraben. Das Lesungsangebot in Itzehoe angenommen. Den ersten Vorsatz gebrochen. Mich mit Leitungswasser besoffen. Künstler am Telefon gelinkt. Als Wahlhelfer verdingt. Hart verhandelt. Mit einer Agentur angebandelt. Meinen Oberarm mit einem selbstgestochenen Tattoo verschandelt. Viel mit Fremden verkehrt. Bekanntes gelehrtBekannte belehrt. Die Zukunft organisiert. Freunde brüskiert. Durch Hoheluft flaniert. Sechs Geburtstagstorten garniert. Empathie eliminiert. Gut ins Jahr gestartet. Warum bis 2011 gewartet?

13. Januar 2011 Kommentare: 2

Jahresanfangschaos, weiche!

Das neue Jahr ist kaum zwei Wochen alt und schon weiß man nicht mehr, wo einem der Kopf steht. Die Arbeitsbelastung ist wieder auf das Niveau der Vorweihnachtszeit hochgeschnellt, der Desktop gepflastert mit zu bearbeitenden Unterlagen, der Schreibtisch erinnert eher an einen Altpapiercontainer als eine Projektionsfläche der Ideen, erste Termine bevölkern die Kalenderseiten der zweiten Jahreshälfte und die gelben Merkzettel am Bildschirm haben sich so sprunghaft vermehrt, dass nur ein kleines 10-Zoll-Guckloch verblieben ist.

Doch das muss nicht sein, die Seite Alltagsfantasien.de schafft Abhilfe und geht mit leuchtendem Vorbild voran! Zugegebenermaßen ist der Status des Golfs unter den Internetseiten mit 2.000 überwiegend nutzlosen praktischen Zusatzfunktionen noch nicht erreicht, aber in Sichtweise. Die Komplexität des Rechenkerns von AF.de (unter dem zehnköpfigen Betreuungsteam geläufige Abkürzung) konkurriert mit denen der Rechenzentren namhafter Großbanken und das Modul liegt mittlerweile in drei Dialekten vor: Norddeutsch, bemühtes Hochdeutsch und unverständliches Behördendeutsch. Als Krönung des Ganzen werden Auftritte jetzt in einer neuen Rubrik zusammengefasst, benutzerfreundlicher und webzweipunktnulliger kann Internetsurfen kaum sein.

P.S. Falls es wider Erwarten Verbesserungsvorschläge geben sollte, bitte ich um entsprechende Kommentare und werde eine Umsetzung zum Jahreswechsel 2011/2012 in Erwägung ziehen.

6. Januar 2011 Kommentare: 4

Vorsätze 2011

Eine willkürliche Auswahl:
Zunehmen. Wahlprogramme studieren. Bekannte absägen. Mehr arbeiten. Weniger schlafen. Cooler werden. Häufiger randalieren. In die Politik gehen. Den kompletten Stern lesen. Zum Biertrinker werden. Endlich mit dem Rauchen anfangen. (Mehr) Sex haben.

31. Dezember 2010 Kommentare: 2

Guten Rutsch!

Das Jahr endet wie es begann: Mit einer traurigen Liebesgeschichte.

15. Dezember 2010 Kommentare: 4

Es ist ein Ros(s) entsprungen…

Die Fälschung:
„Es ist ein Ros entsprungen – aus einer Wurzel zart, wie uns die Alten sungen, aus Jesse kam die Art. Und hat ein Blümlein bracht, mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht.“

Das Original: Eine Pferde-Liebesgeschichte.
Roswitha war ein rassiges Ross. Ihre goldene Mähne lag glatt auf ihrem Hals, ihre vollen Lippen entlockten noch dem grantigsten Stallburschen ein Zuckerstückchen und ihre schlanken Fesseln brachten jeden Hengst um den Verstand. Wäre da nicht ihre Mutter gewesen, die eifersüchtig über die Ordnung im Stall wachte. Mama wurde von den Alten nur zarte Wurzel genannt, was sich auf ihre Erscheinung als Fohlen bezogen haben musste. Mittlerweile hatte sie den Hintern eines Brauereipferdes, was daran liegen mochte, dass sie bis zu Roswithas Geburt für eine Brauerei gearbeitet hatte.

Tagsüber tobte Roswitha unter den wachsamen Augen ihrer Mutter über die Koppel. Warf Schülerinnen ab. Erschlug Bremsen mit ihrem Schweiß oder ließ sich von einem Stallburschen ordentlich striegeln. Nachts lag sie im Stroh ihrer Box und träumte vom edlen Schimmel, der den weißen Ritter abwarf, und sie zu seiner Stute machte. Stellte sich vor, wie sie kleine weiß-braune Fohlen gebar. Oder vom stolzen Rappen, der sie aus dem Stall entführte, um mit ihr über mondbeschiene Lichtungen zu traben. Gemeinsam über umgestürzte Bäume zu springen und ausgelassen durch Felder und Wiesen zu galoppieren.

Derweil verlief das Leben des männlichen Protagonisten holpriger:
Paul war ein fauler Gaul mit vorlautem Maul. Sein Vater, ein abgehalfteter Holsteiner, hatte seine Mutter, ein sprödes Springpferd namens Wendy, auf einem Ponyhof entdeckt. Sie gedeckt und befleckt, ehe sie es gescheckt, und war kurz darauf an einem verschimmelten Bündel Stroh verreckt. Wendy war zu Tode erschreckt, wurde von den anderen Stuten geneckt und gab den kleinen Paul weg.

An einen Zirkusclown, der Unterstützung für einige Sketche suchte. Paul lernte jonglieren, Teller auf den Hufen balancieren und wie ein Araber zu wiehern. Doch die Bezahlung war mau, Paul hielt sich für schlau und sagte dem Clown, er wolle studieren. Da jagte der Clown ihn wie ein pummeliges Pony vom Hof, was nicht ganz abwegig war, denn Paul war ein pummeliges Pony und kein Manegenstar. Paul galoppierte in die große Stadt, um Fuhrwerkspferd zu werden. Doch an der Station teilte man ihm mit, er solle wiederkehren, wenn er lange Beine und einen schlanken Körper hätte, also nie. Aber das zwang Paul nicht in die Knie. Er bewarb sich beim Militär und erfuhr nach einer gründlichen Musterung, die Pferdestaffel gab es nicht mehr. Der Gaul Paul hätte kotzen können, leider klappte es selbst in dieser Geschichte nicht.

Ein kalter Winter brach an und Paul sprach bei den Reiterhöfen im Umland vor. Erfolglos versteht sich, mehrfach wurde er abgewiesen. Im vorletzten Stall putzte ihn eine matronenhafte Mähre runter, doch Paul hatte keine Augen und Ohren für sie. In der anderen Ecke des Stalls richtete sich nämlich Roswitha auf, schürzte ihre vollendeten Lippen und blies Luft durch ihre neckischen Nüstern. Roswitha sah, dass sich ihre Mutter mit einem popeligen Pony unterhielt und trabte spielerisch an ihr vorbei in die beheizte Reithalle. Pauls verfettete Herzkammern verkrampften sich und er entbrannte in Liebe für diese sündige Stute.

So folgte er dem Rat von Roswithas Mutter und verdingte sich auf dem verbliebenen Reiterhof als Stundenpony. Dort krabbelten drei verschiedene Gruppen von Kindern aus seinen Rücken: Dicke Kinder, dumme dicke Kinder und stinkende dumme dicke Knirpse. Das störte Paul nicht, denn er hatte sein Auskommen und während Roswitha nachts in ihrer Box lag und vom Rappen oder Schimmel ihres Herzens träumte, schwelgte Paul in der Erinnerung an Roswithas Rücken, Fesseln und Rachen. Er ersann einen meisterhaften Plan, um das Herz seiner Liebsten, der er bis an den Oberschenkel reichte, zu gewinnen. Paul wollte ihr eine der seltenen Winterblumen ans Zaumzeug heften und ihr dann seine Liebe gestehen. So brach Paul an einem klaren Winterabend auf. Leider merkte er nicht, wie wenig er sich auskannte. Paul irrte die halbe Nacht durch den Forst und zitterte schon am ganzen Körper.

Plötzlich betrat er eine Mond beschienene Lichtung. Dort erhob sich ein majestätischer Strauch, der in einer herrlichen, blassblauen Blüte endete. Paul schlug erleichtert nach hinten aus. Ja, das war es. Das Pfand, mit dem er die Stute seines Herzens freien würde. Zärtlich stülpte er seine Lippen über den Stängel und trennte die Blüte ab. Süßlicher Duft stieg ihm in seine Nüstern und fast wie von selbst schoben seine Lippen das Unterpfand der Liebe Stück für Stück in sein Maul. Wie von Sinnen schlang Paul die Blüte herunter. Liebestrunken und berauscht vom Blütenstaub irrte Paul einige Stunden durch den Wald bis er jämmerlich erfror. Ein Bauer fand das tiefgefrorene pummelige Pony Wochen später und ließ es zu Pferdewurst für den Weihnachtsmarkt verarbeiten.

Roswitha, das reinrassige Ross, geriet an einen reichen Rüpel, aber das war eine andere Geschichte…

10. Dezember 2010 Kommentare: 4

Namensfindung

(…)
Maria: “Die Prophezeiung besagt, dass er Jesus heißen soll.”
Josef: “Aber was ist mit Michael oder Thomas?”
Maria: “Nein Josef und fang jetzt bitte nicht an mit mir zu diskutieren”
Josef: “Na gut, aber was den Familiennamen angeht…”
Maria: “Nachname Davidson”
Josef: “Warum nicht Josefson?”
Maria: “Ach Josef, Du verstehst aber auch gar nichts!”
Josef: “Es ist mein Kind, dürfte ich vielleicht auch etwas mitbestimmen?”
Maria: “Nein. Unser Sohn soll Jesus Finn Christian Davidson heißen. Ende der Namensdiskussion”
Ende der Namensdiskussion.

4. Dezember 2010 Kommentare: 3

Wenn ich ein Hase wäre…

Bei Schnee bepuderten Straßen und Wegen, auf denen Füße und Räder dahin rutschen, bei klarer Luft, die sich in den Lungen drängt, beim adventlichen Sog, der sich langsam aller bemächtigt, fielen mir posierlichste Tiergeschichten ein…

Wenn ich ein Hase wäre, hoppelte ich fröhlich über’s Feld. Hielt meine putzigen Löffel in die Höhe und ließe den Wind an meinen Härchen spielen. Mümmelte den ganzen Tag saftiges Gras und bestiege meine Häsin. Genösse mein Leben und dächte nicht an morgen. Bis sich ein Schatten am Himmel zeigte und ein Habicht hinab stürzen würde und mich schlüge. Oder ein Rascheln im Unterholz lockte und mich dort ein Füchslein vernaschte.

Wenn ich ein netter Mensch wäre, schriebe ich keine bösen Geschichten.

Wenn ich eine Großstadtkatze wäre, tobte ich durch die Wohnung meines Frauchens und striche mit meinen Krallen über den Dielenboden. Zur Freude der Nachbarn und Nachmieter. Spielte fangen mit einem Wollknäuel oder den Ohrläppchen der Menschen. Verschwände durch die Katzentür über die Katzenleiter im Park. Schliche dort durch die Büsche zum Apfelbaum. Spielte mit meinen Freunden den Vögeln und durchbohrte ihr Federkleid dann mit meinen Krallen. Bis mich eine junge Mutter mit ihrem Golf überfahren würde oder ich in die Hände einer brutalen Jugendclique fiele, die mich folterte.

Wenn ich ein Charmeur wäre, käme ich bei all den tollen Frauen im Saal gar nicht mehr aus dem Schwärmen heraus. Ladies, Ihr habt Euch heute ‘mal wieder umwerfend zurechtgemacht. Süßes Oberteil. Tolle Haare und was bist Du hier vorne erst für ein Augenschmaus. Zum Glück zählen die Inneren Werte und auf all das kommt es nicht an.

Wenn ich ein Choleriker wäre, regte ich mich jetzt richtig auf: Über die hohen Steuern, die ich nicht zahle und deren Verwendung durch unfähige Politiker nicht nachvollziehbar ist. Elbphilarmonie, Hafencity im allgemeinen, die HSH-Nordbank, Schutz der Atomtransporte durch übermüdete Polizisten vor harmlosen Bürgern, Stuttgart 21. Ach, da weiß man gar nicht mehr, wo man anfangen und aufhören soll. Wo es angefangen hat und ob es jemals wieder aufhören wird. Ob es überhaupt angefangen hat und wieder aufhören kann. Früher war sowieso alles besser, — die Jugend von heute und — die da oben. Und immer die anderen, nie ich! Leider weiß ich, dass das Leben aus Graustufen statt Schwarz-Weiß-Malerei besteht.

Wenn ich ein gut erzogener Mensch wäre, hülfe ich alten Menschen über die Straße. Begegnete Fremden freundlich und unvoreingenommen. Aber Ich schubse sie lieber zur Seite, jeder ist sich selbst der Nächste.

Wenn ich ein Gentleman wäre, verkniffe ich mir die folgenden, an meine Ex-Freundin gerichteten Worte: Also Beate, ich bin echt froh, dass es aus ist. Du bist eine Niete im Bett, selbst Bügeln war spannender als Sex mit Dir. Das Einzige, was an Dir gut roch, war Deine frisch gewaschene Kleidung. Du bist mindestens genauso nervig wie Deine Mutter. Ich hasse Hunde, mag keine Kinder und einmal die Woche treffen reicht mir generell, sonst war ich aber ehrlich zu Dir. Übrigens, Du hattest noch Deine Stutzstrümpfe, Schlafmaske und weiteres Zeug bei mir herumliegen. Brauchst den Mist nicht mehr abzuholen, habe ich bis auf die Leggings weggeschmissen. Die Dinger passen mir ganz gut.

Wenn ich ein Feigling wäre, stünde ich nicht hier.

Wenn ich ein reicher Mensch wäre, kaufte ich mir immer sofort alles, was ich haben will. Führe ein dickes Auto, wohnte in meiner Traumwohnung, unternähme teure Urlaubsreisen. Spräche mit meinen Freunden viel über Geld und Dinge, die man damit machen kann. Und wäre wahrscheinlich keinen Deut glücklicher als jetzt.

Wenn ich ein Macho wäre, machte ich klare Ansagen an die Frauen: Du, Du und Du, Ihr drei bewegt Euren süßen Hintern nachher in den Backstage-Bereich. Den Schampus könnt Ihr selbst mitbringen. Groupiesex und Toiletten putzen ist angesagt, entscheidet Euch, wer was macht.

Wenn ich ein böser Mensch wäre, ergötzte ich mich an all dem Leid und Elend in der Welt. Hunger, Krieg, Krankheit, Elend – alles ist im Angebot. Einfach den Fernseher oder Rechner anschalten und genießen.

Wenn ich ein zufriedener Mensch wäre, fände ich mein Leben schön. Freute mich morgens nach dem Aufstehen auf den Tag. Träfe tagsüber nette Leute und hätte bei der Arbeit halbwegs Spaß. Und abends fiele ich erschöpft und glücklich ins Bett. Moment, ich merke gerade, dass ich zufrieden bin.

Wenn ich ein Narr wäre, gäbe ich meinen gut bezahlten Job auf und verzichtete auf die sich abzeichnende Karriere. Tschüss Arbeitszeiten, Kollegen, Zwänge - hallo Freiheit, Ruhm, Selbstverwirklichung. Den eigenen Traum jenseits der Konventionen leben. Malen. Singen. Schreiben. Reisen. Sprachen lernen. Tanzen. Welch ein absurder Gedanke!

Wenn mein Leben normal verlaufen wäre, wohnte ich jetzt in einer Reihenhaushälfte. Hätte Nicole Vogel geheiratet und trüge jetzt den Doppelnamen Vogel-Strauß. Gäbe meiner Frau abends einen Wiedersehenskuss und spielte dann mit Laura-Shakira oder Finn-Amon. Genösse die mit Elternbesuchen, Familienausflügen und Kinderterminen vollgepackten Wochenenden. Ahh, da lobe ich mir doch das Singleleben. Die gesamte Freizeit so zu gestalten, wie man es will. Das ganze Sofa und Bett für sich haben. Mit niemandem reden müssen und seine Gedanken für sich selbst zu behalten. Ein Hoch auf die Einsamkeit!

Wenn ich ein ehrlicher Mensch wäre, behauptete ich jetzt, all das Gesagte Geschriebene ernst gemeint zu haben.

19. November 2010 Kommentare: 7

Zu gut, um schlecht zu sein - zu schlecht, um gut zu sein

“Aufhören!”, rief jemand aus der hinteren Ecke des unbeleuchteten Raumes. Neben mir wand sich ein dicklicher Mittdreißiger im erbarmungslosen Griff eines Lachkrampfes, der ihn abwechselnd glucksen und wimmern ließ. In Wellenbewegungen schwappte Gelächter durch den Raum, dann herrschte wieder Stille. Vereinzeltes Aufstöhnen. Und die mittlerweile an Schmerzen erinnernden Laute des Krampfopfers. Der blonde Mann auf der Bühne, dessen Gesichtszüge mich an einen Hasen gemahnten, fuhr unbeirrt fort. Seit fünf Minuten las er die Abenteuer dreier Hasenbrüder, die in fremde Wohnungen einbrachen und dort randalierten (Vasen umstoßen, Polster zerfetzen, Flächen voll ködeln), vor. Er war als Klaus aus Stade anmoderiert worden, was wunderbar ins Bild passte. Seine Hasengeschichte war schlecht, sehr schlecht sogar. Die einzig verbliebene Frage war, ob Inhalt oder Ausdruck die Zuhörer am meisten quälten. Der Hasenbandenepos rundete den Abend der zehn schlechtesten Geschichten ab und avancierte mit jeder Zeile zum “Favoriten” der Zuschauer. Dagegen erblassten selbst renitente Fahrkartenautomaten, Bockwurst-Junkies, Bäche von Scheidenflüssigkeit, gierige Dünen, Kokosbutter vom Bodyshop, verschwundene Traktorenschlüssel, ein Herz aus Asbest und Pseudo-Philosophisches ohne Sinn und Verstand. Wieder einmal wurde mir deutlich vor Augen geführt, dass ich zu gut war, um richtig schlecht zu sein, aber zu schlecht, um wirklich gut zu sein…