Mein Briefkasten quoll über vor unbezahlten Rechnungen und Mahnungen intellektuellen Magazinen und den täglichen Ausgaben der führenden Zeitungen, Fortsetzungsbriefen meiner Korrespondenzen mit bekannten Literaten und Fanpost, die ich mir unter falschen Namen aus unterschiedlichen Orten der Republik zuzuschicken begonnen hatte. Fast wäre mir der unscheinbare Brief der Pinneberger Rundschau in der Papierflut entgangen. Schnell riss ich den Umschlag auf und las die ersten Zeilen: “Sehr geehrter Herr Sonning Strauß, herzlichen Glückwunsch, Sie sind der Gewinner unseres Preisausschreibens zur politischen Bildung (…)”. An dieser Stelle wusste ich nicht, ob ich jammern oder jubeln sollte. Erst einmal zeugte es nicht gerade von der Meisterschaft in postalischer Korrespondenz, wenn man Menschen mit der Standardfloskel plus Anrede plus Vor- und Nachnamen anschrieb. Davon abgesehen, hatte ich jetzt bereits zehn Mal Artikel bei der Pinneberger Zeitung eingereicht und keiner war veröffentlicht worden. In fünf von zehn Fällen hatte ich nicht einmal eine schriftliche Absage erhalten. Die vier unpersönlichen Dreizeiler per Mail und den einen Anruf mit der Bitte um Unterlassung des Campierens und Wuwuzela-Trötens vor dem Redaktionsgebäude der Rundschau hatten nicht minder an meiner Dichterehre gekratzt. Aber sobald man zu Tusche und Buntstiften griff (in Kunst hatte ich wohlgemerkt immer eine 4-), um die eigenen Gedanken zu Demokratie und Politikverdrossenheit zu Papier zu bringen (brennende Amtsgebäude und mit provokativen Thesen demonstrierende Strichmännchen), kam Leben in die Glieder und Geister gelangweilter Lokaljournalisten. Ich überlegte, mich einen Tag lang in der Wonne des Triumphes zu aalen und dann doch mit Verweis auf nicht vorhandene Termine abzusagen, doch mein knurrender Magen belehrte mich eines Besseren. Nach einem Jahr publizistischer Tätigkeit ohne Veröffentlichung befand ich mich nicht in der Lage, drei Tage mit freier Kost und Logis abzulehnen.
Nachdem ich meine Begeisterung und Genugtuung an der Wuwuzela für meine Nachbarn ausgedrückt hatte, telefonierte ich im Freundeskreis herum. Wenn, dann sollten sie nicht nur meinen Körper bekommen. Rico hatte natürlich keine Zeit (U-Haft wegen Beleidigung einer rüstigen Rentnerin), meine Ex-Freundin nahm nicht ab und mein Bruder zog die zur selben Zeit angesetzte Zeit Geburtstagsfeier seines Schwiegervaters vor. Aber Mike schlug sofort ein als sicher war, dass er keines der Deutschlandspiele verpasste. Bei Mike und mir war es nämlich so eine Sache, unsere Gemeinsamkeiten hielten sich in Grenzen. Ab und an auf dem Putz hauen war drin und erwünscht, doch zu den mir am Herzen liegenden Freibad- und Poetry Slam - Besuchen konnte ich ihn partout nicht bewegen. Mike interessierte sich im wesentlichen für Fußball (spielen und gucken), Bier (bestellen und trinken), Frauen (hässliche durchnudeln und hübsche angaffen) sowie Witze (schlechtere und noch schlechtere). Sein Tag als Heizungsinstallateur verlief meist gleich und ging schnell ‘rum, abends stand für ihn Entspannung und Erholung im Vordergrund. Ich gab Mikes Namen an die Redaktion weiter und buchte die Zugfahrten nach Berlin. Wie aufregend, in der Hauptstadt verbrachte ich 2002 das letzte Mal mehr als einen Tag und die Faszination des neuen Regierungsviertels und Politikreigens sowie die Sogwirkung auf alle Musiker, DJs ohne Tänzer und selbstverlegende Dichter konnte ich bis dato nicht nachvollziehen. Die folgenden Woche verbrachte ich in Vorfreude auf drei unbeschwerte Tage der Völlerei, Exkursionen und Vorträge auf Volkes Kosten.
In der Bahn deutete sich die Aufgabenverteilung der nächsten Tage an, Mike trank ein Beck’s (gold oder green lemon war aus seiner Sicht etwas für Bücherwürmer und andere Schlaffis), vertilgte den letzten Cheeseburger von McDonald’s und schlief fünf Minuten später ein, während ich meinen Text für den kommenden Poetry Slam überarbeitete. Das ICE-Abteil teilten wir uns mit einer Handvoll Passagiere, unter denen sich weder eine besonders gut aussehende Frau noch ein optisch literarisch interessierter Mensch befand. Trotz dieser idealen Rahmenbedingungen hakte ich in der dritten Strophe fest. Gefangen im Schienen-Nirgendwo zwischen Berlin und Hamburg auf der Suche nach einem stilvollen Endreim für “motzen”, so hatten schon Bluttaten schockierenden Ausmaßes ihren Ausgang genommen. Zur Zerstreuung blätterte ich in meinem neuen Buch mit Fischgedichten und erheiterte mich mit Bernd, dem Stör, und seinen Freunden. Als störend erwiesen sich die mehrfach einsetzenden Schnarch-Geräusche meines Sitznachbars und Mikes Körperproportionen. Seine gedrungene Statur mochte zwar mit seinem Bierbauch und kräftigen Schultern in den Augen der Durchschnittsfrau harmonieren und die Artikulation der Unwörter “süß” oder “knuffig” auslösen, aber auf dem begrenzten Platz eines Zweier-Sitzplatzes wurde daraus eine Hitzequelle mit Biergeruch, die mich zudem am Oberkörper mit Fett und Knochen traktierte. Nach knapp zwei Stunden waren wir uns physisch so nah gekommen, wie ich es als Stock-Hetero gerade ertrug und erleichtert trat ich auf den Berliner Bahnsteig. Die Taxifahrerin, ein Exemplar aus der Mike zugeneigten Fraktion, begrüßte uns freundlich und referierte auf meine Aussage hin, dass die City-Nord in Hamburg ein Büroviertel darstelle, über die nicht vorhandenen Berliner Hochhäuser und die hiesige Verquickung von Arbeiten und Wohnen. Die im Hintergrund vorbei ziehenden Hochhäuser mussten Trugbilder sein, die mir mein ausgetrockneter Leib vorgaukelte. Ich schwieg und verzichtete auf die Nachfrage, ab welchem Stockwerk bzw. bei welcher Bauweise ein hohes Haus denn die Bezeichnung Hochhaus verdiente und wie die Gattung der Plattenbauten einzuordnen sei. Ich bezahlte die Frau großzügig und führte das in Hamburg bereits zur Meisterschaft perfektionierte stilvolle Verhungern in der Hauptstadt nahtlos fort. Im Zweifelsfall musste das Geld für Image bildende Maßnahmen verwandt werden, sonstige körperliche Belange hatten hintenan zu stehen.
Unsere Unterkunft, das BB-Hotel, widersprach sowohl baulich (ein mit Glas und billigem Holz verschandelter Eingangsbereich der Jahrhundertwende mit passendem Speise- und Unterbringungsbereich) als auch aus Service-Sicht (Zitat des Rezeptionistens: “Ah, da sind sie ja endlich!”) der erwähnten Prämisse. Diesen Konflikt entschärfte Mike jedoch durch ein in den Raum geworfenes “passt doch!” und zielgerichtetes Nach-oben-Marschieren. Ich fügte mich in mein Schicksal. Mit BB verschleierte das Hotel übrigens den Langnamen “Bei Brüdern”, der bei sofortiger Bekanntheit einen Ausblick auf das uns Bevorstehende verheißen hätte. Zum Verhältnis Mike und Sonning sei angemerkt, dass wir im Alltag abseits von Fußi gucken, Babes abschecken und Kuscheln in der Bahn ein eingespieltes Team bildeten. Wenn der eine schlief, wachte der andere über unsere Wertgegenstände. Meist in der Konstellation schlafender Mike und unfreiwillig wachender Sonning. Am Frühstücksbuffet stürzte er sich genau auf die Dinge, die ich verschmähte, das heißt 90 % der Auswahl in Form von Fleisch in allen Variationen. Wenn man uns ein Bier und ein Wasser brachte, ging der Alkohol an ihn. Und den Rucksack mit unserer Ausstattung für den Tag (meine zwei Notizbücher, eines für lyrische Geistesblitze und das zweite für Alltagsbeobachtungen, den Regenschirm mit Oma-Muster und 1,5 Liter - Wasserflasche, ein oder zwei Romane als Weglektüre für langweilige Momente, Wechselunterwäsche sowie eine schön gekrümmte Banane) hängte er sich morgens wie ein nicht der menschlichen Sprache fähiger Packesel um und schien das Gewicht nicht weiter zu bemerken. Stapfte er Treppen hinauf, hatte ich Mühe Schritt zu halten. Und die Anweisungen der Reiseleiter befolgte er stets dermaßen gründlich, dass er regelmäßig vor versammelter Reisegruppe gelobt wurde.
Es war Abend geworden und das entscheidende Gruppenspiel der Deutschen Mannschaft gegen Ghana stand an, wie Mike ungefähr alle fünf Minuten erwähnte. Ich hätte gerne noch in meinem Buch mit Fischgedichten geblättert, doch Mike drängte auf den Gang in eine geeignete Bar. Eine Bar voller Fußball-Enthusiasten, für mich ein Alptraum in schwarz-rot-gold. Wir bogen nach Verlassen unseres Hotels nach rechts ab, weg von der Hauptstrasse und hinein ins Wohngebiet. Jede zweite Erdgeschosswohnung enthielt ein Ladenlokal, vor dem Stühle zum Verweilen einluden. Das Problem war, dass die meisten bereits besetzt waren und eigentlich ausschließlich von Männern. Erst fiel es mir nicht auf, da mir der eine Forellenreim nicht aus dem Kopf ging, bis sich ein wahrer Riese vor uns aus seinem Stuhl erhob und sich zu voller Körpergröße aufbaute.
“Na, wo wollt Ihr zwei Hübschen denn hin?”, fragte er.
“Wir zwei Hübschen wollen Fußball gucken”, sagte ich.
“Dann bleibt doch gleich hier bei uns”, sagte er.
“Nee danke, hier sind doch keine Plätze mehr frei.”, sagte ich.
“Ihr könnt Euch gerne dazwischen quetschen oder Du kommst auf meinen Schoß.”, sagte er.
Ich lachte auf. “Danke, dass ist mir zu eng und für gewöhnlich sitze ich unten”, sagte ich.
“Wir haben es gerne eng und kuschelig. Jeder sitzt hier ‘mal oben und unten.”, sagte er. Alle seine Freunde lachten.
“Vielleicht ein anderes Mal. Viel Spaß, genießt das Spiel!”, sagte ich und schob mich an ihm vorbei. Mike blieb dicht hinter mir.
Als wir außer Hörweite waren, raunte mir Mike “der fickt auch erst, bevor er fragt” zu. Ich verstand nicht ganz, die Berliner schienen einfach freundlich und humorvoll zu sein. Von der frechen Berliner Schnauze keine Spur. Wir schwenkten an der nächsten Kreuzung nach links und erspähten die Sitzgruppen einer Bar. Nicht alle Plätze waren besetzt. Fünf Minuten später fühlten Mike und ich uns im Außenbereich der Barcode Lounge schon wie zu Hause. Wir saßen im idealen Winkel zum riesigen Flachbildschirm, die Stimmung bei den anderen Gästen war blendend und der Kellner mit geschmeidiger Stimme und ebensolchem Gang bediente aufmerksam. In der ereignislosen Anfangsphase füllte sich der Außenbereich und mir fiel auf, dass sich ausnahmslos Männer zu uns gesellten, teilweise begrüßten sie sich mit Küsschen links und rechts. Ich wusste gar nicht, welchen Einfluss Franzosen und andere Südländer auf die Begrüßungsbräuche Berlins hatten. Fortwährend stolzierten einzelne Passanten, die aus den hohen Wohnhäusern dieser Straße kamen und Einwohner zu sein schienen, durch die schmale Gasse zwischen Stühlen und Tischen auf dem Gehweg. Sie mussten alle eine Modellvergangenheit haben oder im Modebereich arbeiten, so aufreizend bewegten sie sich. Zu Füßen dieses Treibens huschten kleine Hunde hin und her, die in Leibchen steckten. Einem war von seinem Halter gar ein Lahm-Trikot übergestreift worden. Das Spiel nahm den der Mehrheit bekannten Verlauf, aber irgendwie kippte die Stimmung in den uns umgebenden Sitzgruppen. Jedes Mal, wenn ein Wechsel ausgeführt wurde und der Einwechsel-Spieler von hinten gezeigt wurde oder sich ein Gefoulter mit dem Hintern zuerst hochstemmte, schrieen viele Barbesucher “Ausziehen, ausziehen!”. Bei diesem kindischen Unfug machten Mike und ich nicht mit. Nach dem Spiel verließen wir zügig die Bar und fanden in der Nacht kaum Schlaf. Ständig rauschten hupende Autoinsassen auf der Hauptstraße entlang, zu der unser Hotelzimmer ausgerichtet war.
Der erste Programmpunkt des nächsten Tages brachte uns zum Reichstag, in dem der Deutsche Bundestag tagt(e). Unsere Reisegruppe bestand aus 48 strammen FDP-Wählern, wie sich bei oberflächlichen Diskussionen auf der Wiese vor dem Reichstagsgebäude zeigte. Mike mit seiner Verwurzelung in Fußball-Fanclubs und Kegelvereinen sowie ich mit meiner linken Sozialisierung fühlte mich gleich wie zu Hause. Viele Hundert Wählerinnen und Wähler warteten auf der mehrere Fußballfelder großen Fläche. Plötzlich trat eine Frau im Hosenanzug mit einem Megaphon vor die Menge und bat um Ruhe. Jetzt solle die Auslosung der Gesprächspartner erfolgen, jede Gruppe werde nämlich Zeit haben, zwanzig Minuten lang Fragen an ein waschechtes Mitglied des Bundestages zu stellen. Die Ahs und Ohs in de Menge wollten kein Ende nehmen bis die Hosenanzug-Trägerin “Ruhe” schrie. Das Tuscheln erstarb und ich schummelte mich an die Spitze unserer Reisegruppe. Wenn jemand das Glück bei Verlosungen und Preisausschreiben abonniert hatte, dann ich. Das gab ich der älteren Dame mit toupierter Friseur in Renterbeige eindeutig zu verstehen. Sie wich zurück und ich griff beherzt in die zweckentfremdete Wahlurne, die eine zweite Hosenanzug-Trägerin einem Vertreter jeder Besuchergruppe entgegen hielt. Stille legte sich über 48 stramme FDP-Parteisoldaten, einen Vollblut-Fußballer und einen selbstverlegenden Dichter. “Chris-tian Landner äh Lindner” las ich stockend vor. Jubel brandete hinter mir auf. Eine Frau schmachtete “er sieht so gut aus!”, die Beige-Liebhaberin hauchte “Mein Traum-Schwiegersohn, wenn ich doch nur eine Tochter hätte” und ein älterer Herr mit Schnurrbart brabbelte irgendetwas von “er ist wirklich gut in Form und immer braun gebrannt”. Keine Ahnung, wer dieser Christian Lindner war. Mike zuckte ebenfalls mit den Schultern, doch 48 stramme FDPler begannen von hinten zu schieben als ob es freie Currywurst gäbe. Über die Stunden im Reichstag und das Gespräch mit Herrn Lindner muss ich leider Stillschweigen bewahren (jedes Mitglied unserer Gruppe musste eine Schweigeerklärung unterzeichnen), aber eines ist sicher: Er wirkte wie eine Kreuzung aus Traum-Schwiegersohn und Gigolo, der noch jeden Wähler und jede Wählerin überzeugt hatte. Meine Recherche nach der Reise brachte einen Beitrag aus der Harald Schmidt - Show zu Tage, in der von Jude Law für Arme die Rede war. Ein gelungener Vergleich! Wahrlich der attraktivste und einzige Spitzenpolitiker dem ich in meinem bisherigen Leben gegenüber gestanden hatte…
Am Abend dieses aufwühlenden Tages forderte Mike sein Feierabend-Sixpack ein, schimpfte zum wiederholten Male auf die Mädchenbrause in Form der Berliner Weiße und ich gab nach. Die Rezeption unseres Hotels war verwaist, daher suchten wir auf eigene Faust nach einem Supermarkt. Wir wanderten umher und gingen an Dutzenden Bars und Cafés vorbei, in denen eigentlich nur Männer saßen. Große, kleine, dicke, schlanke, kahl geschorene oder langhaarige Männer. Mike flüsterte mir zu, dass er sich wie ein Stück Fleisch fühle, welches Zoo-Löwen vor der Fütterung durch einen Wärter mit bloßen Blicken verschlangen. In einem Moment der Schwäche schwor er mir, nie wieder Frauen mit den Augen auszuziehen und jeden Zentimeter ihrer Oberschenkel und ihres Pos auf Makel abzusuchen. Später auf der Rückfahrt schob er seinen Schwur auf mangelnde Bierzufuhr und einen hitzebedingten Aussetzer seines Gehirns. Salon Mario, ein Coiffeur, kam und entschwand unserer Sicht, Tom’s Hotel warb um Gäste, zu denen wir nicht wurden. Als wir den zweiten Klamottenladen mit verstörender Auslegeware passierten, dämmerte es selbst mir in meinem Oberstübchen. Männlichen Schaufensterpuppen waren Unterhosen oder etwas daran Erinnerndes übergestreift worden, was ich weder auf Plastik- noch menschlicher (oder gar männlicher) Haut jemals wieder sehen wollte. Mehr Träger und Schnüre als Stoff. Der gewöhnliche H&M-Frauentanga trieb mir das Blut ja bereits eher in die Magengegend als in die Genitalien. Bei diesem Anblick hingegen stellte sich ein Würgereiz ein, der allein mit einem kräftigen Schluck stillen Wassers gestoppt werden konnte. Wenn mich nicht alles täuschte, irrten wir seit 1 1/2 Tagen durch ein Schwulenviertel Berlins! Jeder nach seiner Fasson, also für mich bitte Hetero pur. Jetzt begriff ich auch, warum Mike gestern beim Deutschlandspiel von zwei Typen Nummern zugesteckt bekommen und sich mit Händen und Füßen gewehrt hatte. Mike und ich verwarfen, zur Tarnung Hand in Hand weiterzugehen, und fanden den ersehnten Supermarkt.
Nachts schreckte ich hoch. Ein Motorrad war mit Knattern über die mir viel Freude bereitende Hauptstraße gerauscht. Im fahlen Mondschein betrachtete ich Mike, der mir seinen Rücken zugewandt hatte und tief zu schlafen schien. Seine Bettdecke war leicht verrutscht und gab Teile seines Rückens frei. Unter der Haut zeichneten sich Rückenmuskulatur und Wirbelsäule ab. Langsam näherte sich meine Hand Mikes Rücken. Wenige Zentimeter vor der Berührung seiner Haut hielt ich inne. Dann griff ich zu und deckte ihn vollends zu. Nicht, dass er sich verkühlte oder frierend erwachte. Ich drehte mich auf die andere Seite und entschwand in die Gefilde zwischen Traum und Wirklichkeit. Christian Lindners Antlitz spuckte vor meinem inneren Auge herum. Ich ließ mir ihm Salon Mario einen gewagten Haarschnitt verpassen, den Mike “echt schwul” fand, für den mich der Rezeptionist allerdings lobte. Ich überzeugte Mike doch, dem Bull einen Besuch abzustatten. Eingehakt torkelten wir mit einigem Sekt intus in Richtung dieses Scandalous Gay Fetisch Clubs, wie es in einem schlichten Schriftzug über dem Eingang geschrieben stand. Am Ende siegte die Angst über Neugier und das Interesse an der Welt.
Am nächsten Morgen teilte ich Mike mit, dass ich hier weg müsse. Raus aus diesem Hotel der mehrdeutigen Brüderlichkeit. Raus aus den sinnlich-sündigen Gassen dieser Stadt, die meinen Verstand zu benebeln begannen. Raus aus diesem Stadt gewordenem Eldorado aller Spielarten der Sexualität. Ein längerer Aufenthalt gefährdete meine Dichterratio und Seelenstabilität. Verbliebe ich eine Woche, befürchtete ich Risse im Fundament meiner Moral. Verweilte ich Monate, gelangte ich zu Orten, wo ich nicht hingehörte, oder träfe Menschen, deren Umgang für mich nicht vorgesehen sei. Würde ich für Jahre sesshaft werden, so konnte ich weder Freund noch Feind, weder Mama noch Bekannten das Verhalten noch die Reden garantieren, welches sie von einem Dichter aus spießigem Hause erwarteten. Mike beruhigte mich: “Heute Abend trinkst Du zwei Bier mehr und schläfst Dich richtig aus. Danach sieht die Welt anders aus, glaub mir”. In unserem Reisebus hielt ich mir während der ganztägigen Stadtrundfahrt phasenweise die Ohren zu, falls mir der aufreizende Vortrag unseres Stadtführers zu viel wurde. Der ältere Herr war mir anfangs sympathisch vorgekommen, flirtete aber schamlos in den Pausen zwischen der Beschreibung des Kanzleramtes und dem Sitz des Bundespräsidenten (den es derweil aus der Stadt getrieben hatte, gingen alle Pressemeldungen in die Leere und er war einfach zu viel in der Nähe des BB-Hotels spazieren gegangen? Hatte er aus Selbstschutz die Stadt verlassen, wie es mir ebenfalls vorschwebte?) mit unserem Busfahrer Jürgen. Anmachen wie “Ja Jürgen, ja genau so - bieg hier ab” oder “Jürgen, Du fühlst einfach was ich denke” gehörten zum harmlosesten Kaliber. Schließlich führte Mike ein Nervenbündel von Dichter und Rest-Kaufmann zum Bahnsteig. Kein Mensch war zu sehen - kein Wunder, denn alle saßen ja morgens, mittags und abends in den rundum das BB-Hotel Berlin angesiedelten Bars und Cafés. Die Zahl der Frauen mit freiem Willen und ohne prekäre Anstellung beim Staat, der wir hier begegnet waren, konnte ich an einer Hand abzählen. Der ICE ruckelte los und Mike befahl mir “lies noch ein Fischgedicht und dann leg Dich schlafen!”. Ich gehorchte und hatte bei unserer Ankunft in Hamburg Tränen in den Augen. Überlebt und ich selbst geblieben. Irgendwie. Bisher.
“Tschüß, bis zu meinem Geburtstag in zwei Wochen” verabschiedete sich Mike am Bahnhof von mir. Stimmt, in zwei Wochen erreichte das Jahr seinen Höhepunkt. Ein mit übergewichtigen Männern gefüllter Raum, dessen Temperatur mindestens zehn Grad über der Außentemperatur lag, und in dem es außer Bier und Kondenswasser nichts zu trinken gab. Ich hatte schon letztes Jahr seinen 47. geschwänzt, dieses Jahr musste ich wohl in den sauren Apfel beißen und für ein paar Stunden vorbeischauen. Die Masche mit der Autopanne meiner Mutter plante ich für spätestens 22.30 Uhr…