Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

29. Januar 2011 Kommentare: 10

Es war einmal…

Ich bin ein großer Fan schlecht geschriebener spannender Fantasygeschichten und holpriger lehrreicher Märchen.

Es war einmal ein dicker, hässlicher Zwerg. Er hieß Gundolar Großbeutel, wurde aber von allen nur Säckchen genannt. Sogar für Zwergenverhältnisse war Säckchen ausgesprochen dick, hässlich und klein, außerdem hatte er Schweißfüße und stank aus dem Mund. Sonst war er aber total nett. Täglich wuchtete Säckchen Bier- und Weinfässer und natürlich Säcke voller Getreide und Gemüse durch die Gassen der Stadt. Über den Häusern und Mauern des einfachen Volkes erhob sich die Burg Königstolz, in der der weise König Felarion und seine Tochter Prinzessin Willowmine residierten. Säckchen träumte davon als Ritter am Hof zu dienen. Oder eine schöne Prinzessin zu sein, die von allen Untertanen angehimmelt wurde.

Eines Tages schreckte Säckchen nachts hoch. Pferde wieherten. Mit einem Auge spähte er in die Nacht und sah vermummte Reiter durch die Straßen jagen. Als die Luft rein zu sein schien, wagte sich Säckchen hinaus. Etwas blinkte verheißungsvoll zwischen den Pflastersteinen auf: Ein goldener Ring. Säckchen sah sich nach allen Seiten um und hob ihn auf. Was der wohl wert war? Ob er ihn behalten sollte? Da sprach der Ring: „Wage es nicht, mich anzustecken, Du dicker und hässlicher Zwerg! Ich bin für eine Prinzessin bestimmt.“ Säckchen begann zu schluchzen, dieser fiese Ring. Er wäre so gerne sein Freund geworden.

Am nächsten Morgen hatten sich beide beruhigt und Säckchen stapfte hinauf zur Burg. Zehn Meter vor Erreichen des Tores rief ihm einer der Wächter zu: „Komm nicht näher, Du grässlich stinkender Zwerg! Was willst Du?“. „Ich habe einen Ring gefunden, der zu einer Prinzessin gebracht werden will“. Die Wache lachte auf: „Steck ihn Dir sonst wo hin, die edle Willowmine würde Dich nicht empfangen. Abgesehen davon ist sie gerade unterwegs zum alten Zurbaran, um sich die Nase schön hexen zu lassen.“ Ring und Zwerg riefen „Neeeein!“.

Säckchen stand vor dem dunklen Wald, dessen Wipfel sich drohend viele Meter über ihm erhoben. Irgendwo dort sollte der Zauberer leben. Stunden später betrat Säckchen eine Lichtung und drehte sich suchend im Kreis. Die Vögel zwitscherten, Sonnenstrahlen fielen auf Blumen und Sträucher. Plötzlich sprang ein Einhorn mit einem eleganten Satz hinter einem Baum hervor. Es war das letzte seiner Art. Einhörner waren mythische Wesen, berühmt für ihre Intelligenz und ihr empfindliches Näslein. Eine erste Dunstschwade drang in die Nüstern des edlen Tieres ein. Es strauchelte. Säckchens Odeur entfaltete sich mit Wucht und geschüttelt von Krämpfen brach das Einhorn zusammen. „Siehst Du Ring, ein Zeichen. Das Einhorn gab sein Leben und weist uns den Weg.“, sagte Säckchen. Vorsichtig kraulte er dem toten Einhorn das noch warme Fell und kletterte über den Kadaver hinweg.

Er irrte weiter durch den Wald, bis er sich vor einem schlanken Turm aus weißem Stein wiederfand. Säckchen klopfte. Plötzlich erschien ein Mann mit wallender blauer Robe und rauschendem weißen Bart in der Tür. „Komm näher, mein junger Freund – ich sehe, höre und rieche nicht mehr so gut wie früher.“ Was Zurbaran wahrscheinlich das Leben rettete. Nun brachen aus Säckchen all die Erlebnisse und sonstigen Dinge, die ihm seit Jahren auf den Herzen brannten, hervor. Zurbaran lauschte und unterbrach ihn: „Verschone mich - ich bin Zauberer, kein Therapeut!“. Säckchen stutzte und Zurbaran fuhr fort: „Ich befürchte, der böse Drache Langzahn hat die Prinzessin überfallen. Leider habe ich die meisten Zaubersprüche vergessen. Ich kann Dich äußerlich ins Gegenteil verwandeln und in die Nähe der Drachenhöhle teleportieren, dort wärest Du auf Dich gestellt.“ Säckchen willigte ein.

„O holde Maid, wie herrlich sich Dein Finger anfühlet.“, säuselte der Ring zum wiederholten Mal. Säckchen konnte es selbst nicht glauben und strich sich über seinen üppigen Busen. Kniff sich zur Bestätigung in das jetzt feste Fleisch seines Hinterns. Vor allem ging ihm dieses– nein, SEIN neues liebliches Gesicht nicht mehr aus dem Kopf, welches er lange im Spiegel betrachtet hatte. Mit einem Augenaufschlag wäre er Sieger jedes Modellwettbewerbes geworden, falls es so etwas schon gegeben hätte.
Säckchen orientierte sich und entdeckte gerade rechtzeitig die Drachenhöhle: Das 20 Meter lange, Schuppen strotzende Untier schob seinen mächtigen Leib ins Freie. Unter einem Felsvorsprung hatten sich die Ritter verschanzt und schirmten Prinzessin Willowmine mit ihren Schildern ab. Der Drache fauchte so laut, dass Löwenbrüllen wie Flüstern gewirkt hätte. Selbst Geribald, der tapfere Hauptmann der königlichen Garde, zitterte am ganzen Leib. Langzahns Pranken schnellten vor, schoben Waffen und Ritter beiseite. Seine Klauen schlossen sich um den Körper der Prinzessin und reckten die Beute in die Höhe. Das Drachenmaul klappte auf. Mit einem Schrei stürzte die Prinzessin auf Langzahns Gaumen. Dann klappte er sein Maul zu und kaute genüsslich. Langzahn schluckte und fuhr sich mit seiner Riesenzunge mehrfach über‘s Maul. „Sie war eh ‘ne hohle Nuss“, entfuhr es dem Ring.

Jetzt richtete der Drache seine Augen auf den Hauptmann. „Nein, nicht auch Geribald“, rief Säckchen und stürmte vor. Verdutzt hielt Langzahn inne. Ein weiteres zartes Prinzesschen. Er sog Luft durch seine gewaltigen Nüstern ein, riss sein Maul auf und spie Feuer in Säckchens Richtung. Ein Flammenmeer schwappte auf Säckchen zu. Er schrie um Hilfe und sein unheilvoller Mundgeruch verbreitete sich. Dort, wo sich Feuer und Zwergenatem trafen, entzündete sich das Methangemisch. So entstand eine schützende Barriere, die das Drachenfeuer nicht passieren konnte. Säckchen lief wie in Trance auf den Drachen zu. Verwundert streckte Langzahn seinen Kopf vor und atmete mitten in der bestialisch stinkenden Wolke tief ein und aus. Ein Zittern ergriff den Drachenkörper, die Beine knickten ein und das Reptil schlug schwer auf dem Fels auf. Säckchen konnte nicht mehr bremsen. Er stolperte und überschlug sich. Rutschte unaufhaltsam mit den Füßen voran auf den Drachen zu. Mit einem schmatzenden Geräusch landeten seine Füße in den Nüstern der Riesenechse.

Säckchen kaum wieder zu sich und blickte in das Gesicht des Hauptmanns. „Wer seid Ihr?“, fragte Geribald. „Ich bin Gundolar, Freunde nennen mich Säckchen“, hauchte der Zwerg in Modellgestalt. „Nun denn, verehrte…“, setzte Geribald an, doch Säckchen zog ihn an sich. Küsste gierig seine Lippen. Ihre Zungen fanden sich. Die Erleichterung in Geribalds Gesicht wich Erstaunen, dann Ekel. Doch Säckchens Lippen hatten sich an den seinen festgesaugt und die schmatzenden Geräusche unterdrückten des Ritters Hilferuf. Geribalds Geschmacks- und Geruchssinn starb mit der Zeit ab und er gewann sein Säckchen lieb. Und wenn sie nicht gestorben sind, küssen sie sich noch heute wie am Tag ihrer ersten Begegnung…

21. Januar 2011 Kommentare: 7

Empathie eliminiert.

Einen bekannten Schriftsteller kennengelernt. Mit ihm unterhalten. Zu selten den Mund gehalten. Einer von zehn Möchtegerns gewesen. Alle Slammer-Ambitionen begraben. Das Lesungsangebot in Itzehoe angenommen. Den ersten Vorsatz gebrochen. Mich mit Leitungswasser besoffen. Künstler am Telefon gelinkt. Als Wahlhelfer verdingt. Hart verhandelt. Mit einer Agentur angebandelt. Meinen Oberarm mit einem selbstgestochenen Tattoo verschandelt. Viel mit Fremden verkehrt. Bekanntes gelehrtBekannte belehrt. Die Zukunft organisiert. Freunde brüskiert. Durch Hoheluft flaniert. Sechs Geburtstagstorten garniert. Empathie eliminiert. Gut ins Jahr gestartet. Warum bis 2011 gewartet?

14. Januar 2011 Kommentare: 6

Dichter und Geschichtenerzähler aus Hamburg und Umgebung gesucht!

Ich möchte einen freundlich-bestimmten Aufruf an alle Menschen richten, die im stillen Kämmerlein an Gedichten feilen, ihrem Blog oder Tagebuch Passagen anvertrauen, die Fremde aufmuntern, erheitern oder nachdenklich stimmen könnten. Diejenigen, die im Café ihr Notizbuch füllen, sich ihren Alltag von der Seele schreiben oder bisher nur in Gedanken aufgetreten sind. Meldet Euch bei mir und nutzt die Chance, unkompliziert Künstlerluft zu schnappen. Für den Poetry Slam Deluxe im Stage Club suche ich ständig nach Neulingen, die sich das erste Mal dem Publikum stellen, oder Wortkünstlern mit Bühnenerfahrung, die wieder einmal auftreten wollen.

Einzige Bedingung: Ihr tragt Eure eigenen Texte vor und nehmt das Leben mit Humor.

Ich selbst bin vor gut einem halben Jahr das erste Mal auf die Bühne gestolpert und kann nur jedem empfehlen, sich ebenfalls in der Unterhaltung Fremder zu üben. Bei dem Debüt klappt zwar meistens wenig wie geplant, aber mit der Zeit wird es besser…

13. Januar 2011 Kommentare: 2

Jahresanfangschaos, weiche!

Das neue Jahr ist kaum zwei Wochen alt und schon weiß man nicht mehr, wo einem der Kopf steht. Die Arbeitsbelastung ist wieder auf das Niveau der Vorweihnachtszeit hochgeschnellt, der Desktop gepflastert mit zu bearbeitenden Unterlagen, der Schreibtisch erinnert eher an einen Altpapiercontainer als eine Projektionsfläche der Ideen, erste Termine bevölkern die Kalenderseiten der zweiten Jahreshälfte und die gelben Merkzettel am Bildschirm haben sich so sprunghaft vermehrt, dass nur ein kleines 10-Zoll-Guckloch verblieben ist.

Doch das muss nicht sein, die Seite Alltagsfantasien.de schafft Abhilfe und geht mit leuchtendem Vorbild voran! Zugegebenermaßen ist der Status des Golfs unter den Internetseiten mit 2.000 überwiegend nutzlosen praktischen Zusatzfunktionen noch nicht erreicht, aber in Sichtweise. Die Komplexität des Rechenkerns von AF.de (unter dem zehnköpfigen Betreuungsteam geläufige Abkürzung) konkurriert mit denen der Rechenzentren namhafter Großbanken und das Modul liegt mittlerweile in drei Dialekten vor: Norddeutsch, bemühtes Hochdeutsch und unverständliches Behördendeutsch. Als Krönung des Ganzen werden Auftritte jetzt in einer neuen Rubrik zusammengefasst, benutzerfreundlicher und webzweipunktnulliger kann Internetsurfen kaum sein.

P.S. Falls es wider Erwarten Verbesserungsvorschläge geben sollte, bitte ich um entsprechende Kommentare und werde eine Umsetzung zum Jahreswechsel 2011/2012 in Erwägung ziehen.

13. Januar 2011 Kommentare: 2

Von der Bespaßung Hamburger Bühnen: Meine nächsten Auftritte

Januar
Künstlerpause.

Februar
Zwecks Umsetzung meines wichtigsten Vorsatzes 2011 will ich mir einige Frei-Croques sichern und werde daher Croque-Essern ihre Remoulade mit pikanten Texten würzen. Bevor den ausgemergelten Gestalten ihr halber Meter der Wonne überreicht wird, soll jeder Gast mit einigen Zeilen erfreut werden. Die Speisung der Geister und Leiber findet am 01. Februar abends im besten Croqueladen Eimsbüttels statt. Kleines P.S.: Es handelt sich um die Eröffnungsfeier des angeschlossenen Barbereichs…

Link zur Internetseite von “Croques & Crepes”

Am 17. Februar startet meine Kampagne für den Aufstieg zum Tagesschausprecher mit der Moderation des ersten Poetry Slam(s) Deluxe 2011 im Stageclub an der Neuen Flora. Ich werde es mir nicht nehmen lassen, den Dichterinnen und Dichtern den Weg mit meinen Texten zu bereiten. Einlass ab 20 Uhr, Beginn um 20.30 Uhr.

Link zum Slam Deluxe am 17. Februar 2011

6. Januar 2011 Kommentare: 4

Vorsätze 2011

Eine willkürliche Auswahl:
Zunehmen. Wahlprogramme studieren. Bekannte absägen. Mehr arbeiten. Weniger schlafen. Cooler werden. Häufiger randalieren. In die Politik gehen. Den kompletten Stern lesen. Zum Biertrinker werden. Endlich mit dem Rauchen anfangen. (Mehr) Sex haben.

31. Dezember 2010 Kommentare: 2

Guten Rutsch!

Das Jahr endet wie es begann: Mit einer traurigen Liebesgeschichte.

31. Dezember 2010 Kommentare: 8

Aniela

Ein letztes Mal spannten sich die Zwerchfelle aller Sänger. Der Sopran preschte vor, der Tenor hinterher, der Alt hielt sich wacker und der Bass verschleppte das Tempo. Ich hustete leise. Der Refrain „Ehre sei Gott in der Höhe“ eroberte das Kirchenschiff und hallte nach, während der Chor sich setzte und Pastor Müller zum Altar schritt.
„Liebe Gemeinde, in der Predigt möchte ich mich mit der körperlichen Lust, die alles überlagern kann, beschäftigen. Schon in der Bibel heißt es, dass manche Menschen die Wollust mehr lieben denn Gott und diese Feststellung hat nichts an Aktualität eingebüßt. Es gibt…“
Meine Augen wanderten an den Rücken und ergrauten Haarschöpfen der älteren Männer und Frauen, die vereinzelt an den Bänken vor mir lehnten, entlang und blieben an den schmalen Schultern der jungen Frau hängen, deren schwarzer Pferdeschwanz in der vordersten Reihe zu erkennen war. Ich konnte mich in diesem Gottesdienst nicht konzentrieren. Sang der Chor, ruhte mein Blick auf meinem Platz in der hinteren Bassreihe, doch heute hielt ich kein Gesangbuch in der Hand, sondern ein Taschentuch. Sprach der Pastor, rätselte ich, wer sie war und malte mir aus, wie ihr Gesicht aussah. In den vergangenen Monaten hatte ich die Rücken der vor mir sitzenden Kirchgänger studiert und war mir sicher, ihren das erste Mal erblickt zu haben. Der Gottesdienst näherte sich dem Abendmahl und Vorfreude erfasste meinen Geist. Auf das Händchen halten mit Fremden oder Nippen am Kelchrand als Siebter oder Achter in der Reihe konnte ich verzichten, auf die Gelegenheit ihr ins Gesicht zu schauen nicht.
„Die Gemeinde ist herzlich zum Abendmahl eingeladen“,
sagte Pastor Müller und riss mich aus meinen Gedanken. Ich bahnte mir den Weg nach vorne, überholte zwei ältere Frauen und stellte mich auf die linke Altarseite, um zwischen Kerzenständern und Pokalen hindurch einen Blick auf die Unbekannte zu erhaschen. Sie wirkte aus der Nähe zierlich und zerbrechlich. Ihre weiße Rüschenbluse verblasste unter dem Funkeln ihrer Augen und den feinen Linien ihres Gesichts. Mein Herz begann zu pochen. Sie war genau der Typ Frau, den ich für unerreichbar wähnte. Als der Pastor zu dem Mann neben mir trat, blickte sie mich direkt an und ich senkte meinen Blick wie ein ertapptes Kleinkind auf den Boden. Der Schlussakkord der Orgel verhallte im Kirchenschiff, weder Thomas kahl geschorener Kopf noch Christians Lockenpracht erhoben sich aus der Menschentraube. Ich schlängelte mich zum Ausgang und den Fahrradständern durch und bestieg meinen rostigen Drahtesel.

Während meine Backenzähne die Nudeln zerkleinerten, ärgerte ich mich über meine Schüchternheit. Warum hatte ich sie nicht angesprochen? Ein schlichtes Hallo sollte doch über die Lippen zu bringen sein. Den Rest des Tages schob ich mein Lernpensum für die Prüfungsphase vor mir her, abends telefonierte ich mit meiner Mutter.
„Nein, Mama, alles in Ordnung und ja, mein Mittagessen war lecker.“
Unter der Woche bewegte ich mich im studentischen Dreieck bestehend aus Fitnesscenter, Universität und eigener Wohnung. Die Tage glichen einander und in Gedanken beschäftigte mich ein schwarzer Haarschopf.

Am nächsten Sonntag warf ich mein schwarzes Festtagssakko über, bevor ich mich auf das Rad schwang. Wenn der Nieselregen mein Gesicht besprenkelte und der Gegenwind meine Pedaltritte erschwerte, fragte ich mich sonst, ob es die Gottesdienste wert waren. Der lilane Blitz, wie ich mein Konfirmationsgeschenk mit Augenzwinkern nannte, schoss in Richtung Gotteshaus. In Rekordzeit stellte ich das Rad ab, hechtete ins Kirchenschiff, schüttelte Pastor Müller die Hand und streckte Klaus, einem gestandenen Mittfünfziger mit geweihartigem Schnurrbart, der neben mir im Bass saß, die Hand entgegen. Mein Atem ging schnell und mein Blick heftete sich auf einen schwarzen Pferdeschwanz und die Schulterpartie eines roten Oberteils. Sie war wieder hier, das genügte mir. Je mehr die Orgel ihr Tempo im zweiten und letzten Vers des Schlusslieds verlangsamte, desto heftiger pochte mein Herz. Den dritten Vers hätte ich nicht überlebt. Etwas sauste auf meine Schulter herab. Meine linke Schulterpartie brannte und Christian grinste mich an.
„Hey Alter, schön Dich mal wieder zu sehen“, sagte er.
„Hallo Chris, freut mich auch. Weißt Du, wer…“
„Hast Du Bock gleich brunchen zu gehen?“, unterbrach er mich.
„Ich muss lernen. Aber Du könntest mir verraten, wer…“
„Na komm, Pausen sind genauso wichtig wie intensive Lernphasen.“
„Nein, geht nicht. Sag mal, wer ist diese gut aussehende Schwarzhaarige?“
„Sie heißt Aniela, eine Austauschstudentin aus Polen. Ist echt ne Süße.“
In Topographie war ich immer schlecht. Polen lag östlich von Deutschland, Hauptstadt Warschau, so viel wusste ich. Die Gängelung Polens durch die europäischen Großmächte hatten wir in Geschichte gründlich durchgenommen, sämtliche Details waren mir entfallen. Meine Großeltern, Vertriebene aus Ostpreußen, sprachen viel von ihrer alten Heimat und einem ernüchternden Besuch fünfzig Jahre später. Alles sei heruntergekommen gewesen und sähe ganz anders aus als früher. Zeitung las ich nicht und mein alter Fernseher stand im Kinderzimmer bei meinen Eltern. Ich hatte keine Ahnung, was momentan in Polen vor sich ging und die Menschen beschäftigte.
„Hallo Aniela, darf ich Dir Sebastian, unseren Quoten-BWLer, vorstellen?“, sagte Christian und holte mich in die Realität zurück. Sie stand direkt vor mir und lächelte mich an. „Hallo, ich bin Sebastian, nett Dich kennenzulernen. Wie war Dein Name?“, brachte ich hervor.
„Hallo Sebastian, ich bin Aniela, freut mich.“, sagte sie mit schwerem Akzent, der mich als Herzensgermanisten zusammen zucken ließ.
In meiner Familie sprachen alle lupenreines Norddeutsch und im Freundeskreis gab es als einzigen Exoten einen Griechen, der hier aufgewachsen war.
„Ich lasse Euch Beide einmal alleine, dort hinten läuft Thomas, der alte Mikroskopier-Spezialist, herum.“, sagte Christian mit einem Augenzwinkern. Wir unterhielten uns blendend. Sie war Stipendiatin des Goethe-Instituts und schwärmte von der monatlichen Zahlung, die sie erhielt, von dem tollen Zimmer im Wohnheim und ihren drei polnischen Freundinnen, mit denen sie viel unternahm. Ich verschwieg, wie damals mein Bewerbungsgespräch für ein Stipendium in den USA misslungen war und welch eine große Wohnung ich mir mit den Jungs teilte. Ich erfuhr, dass die Säkularisierung in Polen ebenfalls voran schritt und dass nicht alle Polen Katholiken waren. Plötzlich sagte Aniela:
„Ich muss leider los. Meine Freundinnen erwarten mich zum Essen.“
„Schade.“
„Sehen wir uns nächsten Sonntag?“
„Vielleicht. Gib mir doch lieber Deine Mailadresse.“

Zu Hause setzte ich mich mit einem mulmigen Gefühl im Magen in die Küche. Quälte mich nur Heißhunger? Als ich mir eine Tiefkühlpizza hervorholte und die Gefrierfachtür mit Schwung zuschlug, wankte der einen halben Meter aufragende Geschirrstapel in der Spüle. Nach dem Essen schrieb ich eine Mail an Aniela:
„Hi Aniela, wie geht’s? Wie war Euer Essen? Hier hast Du meine Adresse. Liebe Grüße, Sebastian“
Am Montag, Dienstag und Mittwoch rief ich morgens, mittags und abends meine Post ab. Keine Antwort von Aniela. Dann endlich schrieb sie, das Internet im Wohnheim habe gestreikt, alles sei wunderbar. In einer Mail, die ich ihr am Donnerstag schickte, lud ich sie für den kommenden Sonntag zum Essen bei mir ein. Nach dem Drücken auf den Senden-Knopf meldete mir mein Gehirn, dass sich mein Repertoire auf Nudeln, schlecht schmeckendes Wok-Gemüse und Salate mit gekauftem Dressing beschränkte. Samstagvormittag entdeckte ich eine Mail von Aniela, die ein Foto ihres letzten Partybesuchs enthielt. Mit wenigen Mausklicks richtete ich mir das Bild als Desktop-Hintergrund ein.

So sehr ich mich anstrengte, die hohen Töne verloren auf dem Weg von meinen Stimmbändern ins Freie ihre Klarheit und der Dirigent schien es zu bemerken. Er gestikulierte in meine Richtung, ich konzentrierte mich für den Rest des Liedes auf das Gesangbuch in meiner Hand und schielte nicht in die vorderste Sitzreihe. Dort zogen lange schwarze Haare, auf schwarzen Stoff gebettet, meine Aufmerksamkeit auf sich und stachen aus der Herde der blanken, grauen oder weißen Haarschöpfe hervor wie das sprichwörtliche schwarze Schaf. Nach dem Gottesdienst begrüßte meine Hand Christian und Thomas, während meine Augen nach Aniela suchten. Wir trafen uns vor der Tür. Aniela sagte mir, sie führe kein Fahrrad, seitdem sie in ihrer Kindheit gestürzt sei. Ihre Füße trügen sie an jeden Ort in Kiel, heute zu meiner Wohnung in der Gutenbergstraße.
auf einem Holztisch in einer Studentenküche erwartete ein frischer Salat seine Esser und wurde zur Nebensache, weil sich zwei junge Menschen über ihr Leben austauschten. Sie studierte in Warschau Deutsch aus Liebe zur Sprache und Literatur, wollte Deutschlehrerin in Polen werden und ging davon aus, zum Geld verdienen im Supermarkt an der Kasse arbeiten zu müssen. Er stammte aus einer Dynastie der Angestellten und dachte damals, dass er Kaufmann werden wollte. Auf Betriebswirtschaft war die Wahl gefallen, genau wie bei seinem Vater. Morgens im Anzug ins Büro verschwinden, abends zurückkommen und dazwischen wichtige Dinge erledigen, entsprach seiner Vorstellung der Arbeitswelt. Kultur bedeutete Leben für sie und in den ersten zwei Wochen ihres Auslandssemesters in Deutschland hatte sie mehr Ausstellungen und Konzerte besucht als er in den ersten zwei Semestern seines Studiums. Die Büchernamen, die sie ihm nannte, sagten ihm nichts und seine Begeisterung für Computerspiele ließ er nicht durchblicken. Nachmittags spazierten wir wie zwei Verliebte bei blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein durch einen kleinen Park und setzten uns auf eine Parkbank. Meine Hand krallte sich an der Holzlehne fest. Wir sahen uns minutenlang in die Augen. Aniela lächelte. Meine Gedanken kreisten um die 50 Zentimeter, die unsere Lippen trennten. Diesen unerklärlichen Widerstand, der mich davon abhielt, über meinen Schatten zu springen. Mein pochendes Herz, das jede Intuition blockierte. Mit der Frage „Welche Filme magst Du gerne?“ befreite ich mich aus der misslichen Lage. Seichter Gedankenaustausch führte uns weg von der Holzbank. Fort aus dem Park und zurück in unseren Alltag.

Vier klein gewachsene Frauen hockten auf einer Eckbank rund um einen gedeckten Tisch. Sie unterhielten sich in ihrer an Zischlauten reichen Muttersprache, von der ein junger Mann, der am äußeren Rand saß, kein Wort verstand. Ich hatte mich sehr über die Einladung zum Mittagessen in Anielas Wohnküche gefreut und extra ein Hemd angezogen. Am Herd hantierte ein schlanker Frauenkörper mit wippendem Pferdeschwanz, der uns den Rücken zuwandte, in der Luft lag der verführerische Duft von Frauen und einer warmen Mahlzeit. Die Teller füllten und leerten sich, satte Austauschstudentinnen zogen sich auf ihre Zimmer zurück und zwei junge Menschen, sie Polin, er Deutscher, knüpften an ihre Unterhaltung an. Ich erzählte von der Rolle der Polen in deutschen Witzen, entweder klauten sie oder waren faul. Sie lachte nur und winkte ab, in den polnischen Witzen übernahmen die Deutschen die Rolle der Übeltäter und bisher sei ihr in Deutschland nichts passiert. Aniela erwähnte, dass ihr Stipendium üppig bemessen war und sie zwei Kilo zugenommen hatte. In der Heimat wohnte sie bei ihren Eltern und ihr Vater war arbeitslos, es fehlte an Geld, ob für Essen oder Kleidung. Ich wechselte das Thema, da mein Vater im Vorstand saß, mich förmlich zum Auszug und Studium in einer anderen Stadt gedrängt hatte und meine Eltern mich großzügig unterstützten, so dass ich nicht arbeiten musste. Sonnenstrahlen fielen durch das Fenster, der Frühlingstag zog uns hinaus. Wir wanderten im botanischen Garten der Universität umher, in dem sich Bäume und Büsche haushoch in die Höhe reckten. Vögel zwitscherten auf Ästen und in Baumkronen. Aniela sprach von ihrem Wunsch zu promovieren und wie schwierig ein Platz zu finden sei, obwohl sie hervorragende Noten hatte und im guten Kontakt zu den Lehrstühlen stand. Ein Dozent hatte ihr angeboten, bei ihm promovieren zu können, allerdings sollte sich sie sich anderweitig erkenntlich zeigen, was abgesehen davon, dass er über fünfzig und glatzköpfig war, für sie nicht in Frage kam. Ich kämpfte mit den Prüfungen für das Vordiplom und sehnte mich nach dem ersten Job, dem Ziel aller akademischen Mühen, die Studieninhalte langweilten mich. Gegen vier Uhr berührten sich unsere Hände zum zweiten Mal nach der Begrüßung. wir umarmten uns vor dem Wohnheim und ich dankte ihr für die Einladung, zu Hause warte Arbeit auf mich.

Osteuropäische Popmusik waberte aus den Lautsprechern des Ghettoblasters, und flutete die rauchschwere, von vielen Körpern erhitzte Luft in der Wohnküche. Auf allen Sitzgelegenheiten drängten sich Austauschstudentinnen in bunten Oberteilen und Austauschstudenten in kurzärmeligen Hemden, die es bestimmt nicht bei H&M zu kaufen gab. Die Münder bewegten sich ständig und Hände schwangen Wodka in Plastikbechern und Bierflaschen in die Höhe. Ich hatte mich in einer Ecke auf dem Boden niedergelassen und scherzte mit einem Freund, der mich begleitete und das Treiben beobachtete. Meine Ohren gehörten ihm, meine Augen klebten an Aniela, die durch den Raum huschte, sich mit jedem unterhielt und mir trotzdem das Gefühl gab, den Mittelpunkt ihres Interesse zu bilden. Ich erfuhr, dass ihre Freundinnen in Polen bereits verheiratet waren, ihr erstes Kind geboren hatten und sie als Single mit Anfang Zwanzig schief angeguckt wurde. Ich nickte. Meine Freunde und ich waren froh, die erste Beziehungserfahrung vorweisen zu können und das erste Mal hinter sich zu haben, eine eigene Familie zu gründen lag außerhalb meiner Vorstellungskraft. Am Ende des Abends hatte mich mein Freund alleine in der Ecke zurückgelassen. Aniela kniete vor mir. Wir sahen uns direkt an, ihre grauen Augen funkelten und ihre Haut schimmerte von einer Mischung aus Makeup und winzigen Schweißtropfen. In mir tobte ein Kampf. Sollte ich sie an mich heranziehen, ihren Geruch aufsaugen und sie küssen oder lieber nach Hause gehen? Mir wurde bewusst, wie lange keiner von uns mehr ein Wort gesprochen hatte. Eilig erhob ich mich. Ich schloss Aniela kurz in die Arme und bedankte mich für den Abend.

Ungeöffnete Post, das Rechnungswesen-Skript, zwei Marketingbücher und meine Notizen dieses Semesters rangen miteinander um den knappen Platz auf meinem Schreibtisch, in dessen Mitte mein in die Jahre gekommener Rechner wie ein Bienenschwarm surrte. Die Armeen des Computergegners hatten meine Waffenschmiede überrannt und sammelten sich für den Angriff auf meine Burg. Mit hektischen Mausbewegungen und in die Tastatur gehämmerten Befehlen ordnete ich die Reihen meiner Truppen zum Aufbau einer Verteidigungslinie. Plötzlich stand der Langschläfer aus dem Nebenzimmer hinter mir und hielt das Telefon in der Hand: „Für Dich, irgendein Mädel.“ Ein Tastendruck gewährte den digitalen Kämpfern eine Ruhepause vor der entscheidenden Schlacht. Es war Aniela mit ihrer schleppenden Aussprache und bedrückter Stimme, seit der Feier hatten wir uns zwei Wochen nicht mehr gesehen und keine Mails geschickt. Das flaue Gefühl im Magen meldete sich sofort bei mir und für einen Moment vergaß ich den vor mir auf dem Bildschirm tobenden Existenzkampf. Sie erkundigte sich, wie es mir ging.
„Wann hast Du Zeit für mich?“, fragte sie mich.
Mein Blick wanderte über die verstreuten Unterlagen, mit denen ich mich beschäftigen musste und den Kampf auf dem Bildschirm, den es zu gewinnen galt.
„Du, tut mir leid, ich habe sehr viel zu tun und das Studium ist mir sehr wichtig.“
Sie schluckte, sagte „okay“ und legte auf.
Ich ging ein paar Mal in meinem Zimmer auf und ab, setzte mich vor den Rechner und nahm den Kampf gegen die gegnerischen Armeen wieder auf. Mit einem gewagten Ausfall gelang es mir den Sieg davon zu tragen.

Der Sommer kam. Aniela und ich trafen uns fast jeden Sonntag in der Kirche, wechselten nette Worte und gingen an der Kirchentür getrennte Wege. Am Ende des Sommers kehrte sie zurück in ihre Heimat. Danach schrieben wir Mails, die mit der Zeit kürzer ausfielen und seltener eintrudelten. Sie unterschrieb mit „die wahrscheinlich kleinste Polin der Welt“, ich mit Sebastian. Ich fragte mich, warum wir es nicht wenigstens miteinander versucht hatten und hasste mich für meine Zurückhaltung. In einer der letzten Mails stellte sie fest, dass mich wohl ihr polnischer Hintergrund gestört hätte und deswegen nichts aus uns geworden sei. Sie hatte Unrecht, das Problem war nicht sie, sondern ich.

23. Dezember 2010 Kommentare: 2

Frohe Weihnachten!

Ich wünsche meinen Lesern Obiges samt besinnlichen Tagen und vielen schönen Elchen…

Alles fing ganz harmlos an,
als der liebe Weihnachtsmann
merkte, „ich bin knapp bei Kasse“.
Mr. X-Mas überlegte sich,
„bevor ich‘s ganz lasse,
verschenk‘ ich Masse statt Klasse“.
Er klammheimlich
in Rudis Resterampe schlich,
um sich mit billigen, bunten Sachen
den Sack vollzumachen.
Untermalt vom Wichtelchor,
sprach er bei Discountern vor,
rettete Berge abgelaufener Schokoladen
vor gierigen Würmern und Maden.

Ende November begann die Zeit
der Weihnachtsmärkte
und Adventskonzerte.
Der Mann in rot-weiß war bereit,
zum Dienst gemäß der Tradition:
Geben, loben, bescheren - obschon
ihm schmerzte der Rücken
vom ständigen Bücken.
Und das kindliche Entzücken
über die verteilten Gaben
hielt sich in Grenzen.
Vor lauter „Mama, ich wollt ‘was Anderes haben“,
behalf er sich durch Schwänzen:
Den Tag des heiligen Nikolaus
ließ er dieses Jahr aus.

Schneeflocken tanzten in der Luft,
da eilte Santa aus seinem Kabuff,
Das Christmas-Business hat Tücken:
Der Wind pfiff durch seine Zahnlücken,
niemand half beim Schlittenschmücken
und ihm wurde übel vom Zimtduft.
Während der diesjährigen Probefahrt,
-mit einem alten Mann am Zügel
jagte ein klappriger Schlitten über die Hügel-
stoppte ihn die Polizei,
und fragte, ob dies sein Ernst sei?
Miese Bezahlung, schlechte Bekufung,
Nachtschichten und fehlende Behufung,
Anklage wegen
Wichtelsklaverei und Rentierquälerei.
Santa verpatzte zweimal den Fahrttest,
saß ein Wochenende in U-Haft fest.
Man beließ es bei einer Rüge
und Kürzung seiner enormen Rentenbezüge.

Der Weihnachtsmann trampte zurück,
lieh sich einen Jeep.
Er wollte vorher Sonne tanken,
statt mit den Engeln zu zanken,
flog eine Woche nach Afrika,
unterm Filzmantel rann der Schweiß,
alle fürchteten ihn, der zu weiß
war und schnaufte wie ein Andromeda.
Ausgehungerten Mägen bekam Süßes nicht,
genauso wenig wie Malaria dem Wicht,
der ihn begleitete und elendig starb,
Santa kehrte heim und trug ihn zu Grab.

Drei Tage bis Weihnachten:
Draußen bittere Kälte,
drinnen weinende Kinder und Schelte.
Santas Herz begann zu schmachten
nach unkomplizierten Fällen,
Kindermienen, die sich beim „Ho, ho, ho“ aufhellen.
Er ging zum Nachbarsjungen Bent,
strich ihm mit der Hand
liebevoll über die Wange,
doch der Knirps bestand
auf Geschenke so vehement,
da ward dem Weihnachtsmann bange.
Er machte das Alles schon zu lange,
ein letztes Mal ab durch den Kamin, dann war Schluss.

Mutig erklomm er das nächstbeste Dach,
sprang in den Schornstein hinein,
blieb stecken, denn richtig,
er war stark übergewichtig,
wand sich, fing an zu schrei’n,
Sein Mantel verhakte sich, mit Krach
ging’s für Santa runter,
leider hatte er nichts drunter.
So purzelte er aus dem Kamin,
das hätt‘ ihm Oma vielleicht verzieh’n,
doch Santa, der Gute,
umklammerte stoisch seine Rute,
versuchte ein tiefes „Ho, ho, ho“
und verschwand Richtung Klo.
Seit diesem Abgang vom X-Mas-Star
erzählte sich die Klasse des kleinen Flo,
dass Santa nichts Anderes war
als ein dicker, alter und nackter Mann.

Weihnachten

15. Dezember 2010 Kommentare: 4

Es ist ein Ros(s) entsprungen…

Die Fälschung:
„Es ist ein Ros entsprungen – aus einer Wurzel zart, wie uns die Alten sungen, aus Jesse kam die Art. Und hat ein Blümlein bracht, mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht.“

Das Original: Eine Pferde-Liebesgeschichte.
Roswitha war ein rassiges Ross. Ihre goldene Mähne lag glatt auf ihrem Hals, ihre vollen Lippen entlockten noch dem grantigsten Stallburschen ein Zuckerstückchen und ihre schlanken Fesseln brachten jeden Hengst um den Verstand. Wäre da nicht ihre Mutter gewesen, die eifersüchtig über die Ordnung im Stall wachte. Mama wurde von den Alten nur zarte Wurzel genannt, was sich auf ihre Erscheinung als Fohlen bezogen haben musste. Mittlerweile hatte sie den Hintern eines Brauereipferdes, was daran liegen mochte, dass sie bis zu Roswithas Geburt für eine Brauerei gearbeitet hatte.

Tagsüber tobte Roswitha unter den wachsamen Augen ihrer Mutter über die Koppel. Warf Schülerinnen ab. Erschlug Bremsen mit ihrem Schweiß oder ließ sich von einem Stallburschen ordentlich striegeln. Nachts lag sie im Stroh ihrer Box und träumte vom edlen Schimmel, der den weißen Ritter abwarf, und sie zu seiner Stute machte. Stellte sich vor, wie sie kleine weiß-braune Fohlen gebar. Oder vom stolzen Rappen, der sie aus dem Stall entführte, um mit ihr über mondbeschiene Lichtungen zu traben. Gemeinsam über umgestürzte Bäume zu springen und ausgelassen durch Felder und Wiesen zu galoppieren.

Derweil verlief das Leben des männlichen Protagonisten holpriger:
Paul war ein fauler Gaul mit vorlautem Maul. Sein Vater, ein abgehalfteter Holsteiner, hatte seine Mutter, ein sprödes Springpferd namens Wendy, auf einem Ponyhof entdeckt. Sie gedeckt und befleckt, ehe sie es gescheckt, und war kurz darauf an einem verschimmelten Bündel Stroh verreckt. Wendy war zu Tode erschreckt, wurde von den anderen Stuten geneckt und gab den kleinen Paul weg.

An einen Zirkusclown, der Unterstützung für einige Sketche suchte. Paul lernte jonglieren, Teller auf den Hufen balancieren und wie ein Araber zu wiehern. Doch die Bezahlung war mau, Paul hielt sich für schlau und sagte dem Clown, er wolle studieren. Da jagte der Clown ihn wie ein pummeliges Pony vom Hof, was nicht ganz abwegig war, denn Paul war ein pummeliges Pony und kein Manegenstar. Paul galoppierte in die große Stadt, um Fuhrwerkspferd zu werden. Doch an der Station teilte man ihm mit, er solle wiederkehren, wenn er lange Beine und einen schlanken Körper hätte, also nie. Aber das zwang Paul nicht in die Knie. Er bewarb sich beim Militär und erfuhr nach einer gründlichen Musterung, die Pferdestaffel gab es nicht mehr. Der Gaul Paul hätte kotzen können, leider klappte es selbst in dieser Geschichte nicht.

Ein kalter Winter brach an und Paul sprach bei den Reiterhöfen im Umland vor. Erfolglos versteht sich, mehrfach wurde er abgewiesen. Im vorletzten Stall putzte ihn eine matronenhafte Mähre runter, doch Paul hatte keine Augen und Ohren für sie. In der anderen Ecke des Stalls richtete sich nämlich Roswitha auf, schürzte ihre vollendeten Lippen und blies Luft durch ihre neckischen Nüstern. Roswitha sah, dass sich ihre Mutter mit einem popeligen Pony unterhielt und trabte spielerisch an ihr vorbei in die beheizte Reithalle. Pauls verfettete Herzkammern verkrampften sich und er entbrannte in Liebe für diese sündige Stute.

So folgte er dem Rat von Roswithas Mutter und verdingte sich auf dem verbliebenen Reiterhof als Stundenpony. Dort krabbelten drei verschiedene Gruppen von Kindern aus seinen Rücken: Dicke Kinder, dumme dicke Kinder und stinkende dumme dicke Knirpse. Das störte Paul nicht, denn er hatte sein Auskommen und während Roswitha nachts in ihrer Box lag und vom Rappen oder Schimmel ihres Herzens träumte, schwelgte Paul in der Erinnerung an Roswithas Rücken, Fesseln und Rachen. Er ersann einen meisterhaften Plan, um das Herz seiner Liebsten, der er bis an den Oberschenkel reichte, zu gewinnen. Paul wollte ihr eine der seltenen Winterblumen ans Zaumzeug heften und ihr dann seine Liebe gestehen. So brach Paul an einem klaren Winterabend auf. Leider merkte er nicht, wie wenig er sich auskannte. Paul irrte die halbe Nacht durch den Forst und zitterte schon am ganzen Körper.

Plötzlich betrat er eine Mond beschienene Lichtung. Dort erhob sich ein majestätischer Strauch, der in einer herrlichen, blassblauen Blüte endete. Paul schlug erleichtert nach hinten aus. Ja, das war es. Das Pfand, mit dem er die Stute seines Herzens freien würde. Zärtlich stülpte er seine Lippen über den Stängel und trennte die Blüte ab. Süßlicher Duft stieg ihm in seine Nüstern und fast wie von selbst schoben seine Lippen das Unterpfand der Liebe Stück für Stück in sein Maul. Wie von Sinnen schlang Paul die Blüte herunter. Liebestrunken und berauscht vom Blütenstaub irrte Paul einige Stunden durch den Wald bis er jämmerlich erfror. Ein Bauer fand das tiefgefrorene pummelige Pony Wochen später und ließ es zu Pferdewurst für den Weihnachtsmarkt verarbeiten.

Roswitha, das reinrassige Ross, geriet an einen reichen Rüpel, aber das war eine andere Geschichte…