Der September scheint ein Monat der lyrischen Experimente zu werden. Wie wäre es mit einer kleinen Fortsetzungsgeschichte (siehe unten), die Kraft der geneigten Leserinnen und Schreiberlinge dieser Seite eine ungeahnte Dynamik entwickelt? Als einzige “Regel” möchte ich den Vorschlag in den Raum stellen und mich ebenfalls daran halten, sich jeweils frühestens nach fünf fremden Kommentaren/Beiträgen wieder in den Fortgang der Ereignisse einzumischen. Ausnahmsweise gilt dieses Mal, dass viele Köche den Brei bereichern statt verderben!
Eruption der Erzählkunst oder poetischer Rohrkrepierer - wir werden sehen. Wohlan:
Georg versuchte sich zu konzentrieren. Angestrengt kniff er die Augen zusammen und fixierte zum wiederholten Male den Bildschirm. Seine Chefin hatte ihn extra darauf hingewiesen, dass der Bericht bis heute Abend fertig sein müsse. Und er wollte sie nicht enttäuschen, konnte ihrem Auftrag aber nicht recht nachkommen. Das ereignisreiche Wochenende steckte ihm in den Knochen und ständig schweiften seine Gedanken ab. Vorhin, als sich endlich ein zarter Arbeitsfluss eingestellt hatte, rief unpassenderweise Manuela aus der Buchhaltung an und brachte ihn mit einer Frage aus dem Konzept. Jetzt lag ihm das Mittagessen schwer im Magen und er hockte nutzlos auf seinem Platz. Seine Augen ruhten auf den ersten drei Zeilen des Berichts. Weiter war er bis dato nicht gekommen. Während er vor sich hin starrte, verschwamm sein Sichtfeld und ihm kam in den Sinn wie…
er am Wochenende noch auf dem Kandidatenstuhl einer Glücksshow des NDR mit einem überaus korpulenten Showmaster gesessen hatte. Es sollte sein Tag werden! Endlich wollte er genug Geld zusammen haben, um in die Hippie-Kommune ziehen zu können, die sich eigentlich nur einige hundert Kilometer entfernt auf Ibiza befand, für ihn aber wieder in endlose Ferne gerückt war.
Wie konnte er sich nur so blamieren? War es die Aufregung? Das ständige Schwänzen der Geschichtsstunden in der Oberstufe? Oder sollte es einfach sein Lebenssinn sein, hier in den “Katakomben des Grauens”, wie er das Büro nur allzu gerne nannte, sein Dasein zu fristen? Es war doch eigentlich eine so einfache Frage! Dachte er zumindest, bis er den roten Knopf, welcher wie eine Mutterbrust vor ihm da lag, drückte und nur halb verständlich in das Mikro nuschelte: “Die Antwort lautet…
Donau.”
In dem Moment, indem Georg sein charmantes Siegerlächeln aufsetzen wollte, mit dem er die Frauenherzen selbst ohne einen Millionengewinn zum Schmelzen bringen konnte, erstarb ihm dieses, als er in die traurigen Augen des ungläubigen Moderators blickte.
Beim Gedanken an diesen tragischen Augenblick könnte Georg sich noch immer schlagen. Sicherheitshalber gab er sich eine schallende Ohrfeige, die richtig saß. Wirklich besser fühlte er sich deshalb noch nicht. Er lehnte sich im Bürostuhl zurück, strich sich mit den Händen über die Oberschenkel, als könnte er die Sorgen abstreifen, griff dann mit ihnen in seine Haare, als ob sich seine Probleme aus ihnen herausziehen ließen und verschränkte sie resigniert in seinem Nacken.
Wie schon die ganze Zeit, seit diesem lebensverändernden Moment, der allzu gut geeignet war, eine lebenslange Psychose hervorzurufen, wandelte sich seine Resignation schnell wieder in Wut. Zornig brüllte Georg “Welcher Fluß fließt durch München? Ahhhhhhhhhhhhhhhh!” Der Schrei langte ihm nicht. Seine Hand schlug auf den Tisch auf, was diesem weit weniger weh tat als Georg. Energisch stand er auf.
Als ob der verlorene Gewinn und die verlorene Freiheit nicht schon schlimm genug gewesen wären. Es gab tatsächlich noch Leute, die sich doofe Quizsendungen im NDR anschauten, die ihn gesehen hatten, wie er von seinen Träumen berichtet hatte und wie er über seine Arbeit geschimpft hatte, als der Gewinn immer näher rückte. Wenn er an all die hämischen Bemerkungen infolge seiner Blamage dachte. Als er am Montag später ins Büro kam, spürte er die Blicke der Kollegen und das Getuschel hinter seinem Rücken. Doch das war nichts gegen sein übervolles Postfach, indem sich 83 ausnahmslos hämische Mails befanden. Wenn er an die Mail von Karl-Heinz aus der Buchhaltung dachte, diesem elenden Erbsenzähler, platzte ihm beinahe der Kragen…
Karl-Heinz hatte die Dreistigkeit ihm umfangreiche Informationen aus sämtlichen bekannten und auch unbekannten Nachschlagewerken über die DONAU zuzusenden und damit sein Postfast beinahe zum bersten gebracht……Er fügte den kaum hämische Kommentar hinzu, dass er ja nun leider nicht in die Kommune nach Ibiza auswandern könne, aber das Urlaubsgeld ja evtl. für eine schöne Donaukreuzfahrt reichen könnte. Ein angefügtes P.S. informierte ihn zusätzlich über die Gerüchteküche der Firma: Man habe gehört, dass seine reizende Chefin diese Sendung auch verfolgt habe und nunmehr mit dem Gedanken spiele sich einen neuen Mitarbeiter für sein Themengebiet zu suchen, da er ja sehr klar deutlich gemacht hatte wie unzufrieden er seinem Job sei. Alles brach über ihm zusammen und er wußte nicht wie er diese Lawine aus Peinlichkeiten überhaupt noch aufhalten könnte, außer…..
Rohrkrepierer! ;)