Ich musste mich ein wenig beeilen und hastete die letzten Schritte zum Café Geneva. Hoffentlich wartete Annika nicht schon auf mich. Endlich kam der geschnörkelte und wohl vertraute, auf der Caféscheibe prangende Schriftzug in Sicht. Ich entspannte mich leicht, obgleich ich Annikas zerbrechliche Silhouette nicht erblicken konnte.
Ich atmete durch, stürmte hinein in die heimelige Wärme des Cafés und tatsächlich, sie saß bereits am wackligen Tisch in der hinteren Ecke. Ihr langes Haar ruhte geordnet auf ihren Schultern und umspielte ein elegantes braunes Oberteil. Annikas Augen wanderten durch den Raum und richteten sich auf mich, den Neuankömmling. Ich trat zu ihr, versuchte mich an meinem charmantesten Lächeln, und konnte die recht hölzerne Begrüßung dennoch nicht entscheidend auflockern. Ich legte meine Sachen ab und setzte mich auf den freien Stuhl. Nun hockten wir uns gegenüber und ich durchbrach unser Schweigen:
“Tut mir leid, dass ich zu spät gekommen bin. Hoffentlich hast Du noch nicht lange gewartet.”
“Ist schon okay, jetzt bist Du ja da.”, antwortete sie und schenkte mir das erste ehrliche Lächeln dieses Nachmittags.
“Wisst Ihr schon, was Ihr trinken wollt?”, fragte die unbemerkt an unseren Tisch gekommene Bedienung. Ich musterte sie flüchtig und blieb weder an ihrer Kombination aus schwarzem Shirt und passender Hose noch ihrem Gesicht hängen.
Annika bestellte eines dieser neumodischen Kaffeemischgetränke, dessen Aussprache den meisten Deutschen Probleme bereitet, ihr hingegen nicht. Ich wusste ebenfalls, wonach mir der Sinn stand und es wäre ein Leichtes gewesen, meinen Bestellwunsch in gängige Worte zu kleiden. Wenn, ja wenn da nicht meine kleine Privatfehde mit der im Deutschen für diese selten kalt gereichte Erfrischungsmöglichkeit gebräuchlichen Bezeichnung gewesen wäre. Zudem wollte ich Annika beeindrucken und ihr beweisen, mit welchem weltgewandten Mann sie sich gerade traf. Ich hob an:
“Ich hätte gerne etwas von diesem dem Munde Geborgenheit schenkendem Blütenwasser und Kräutertrunk.”
“Äh, Entschuldigung, bitte was?”, entfuhr es der Dame in schwarz.
“Ich bin durstig und dachte daran, mir durchs Trinken des verbreiteten Pflanzengebräus Erleichterung zu verschaffen. Na, Du weißt schon, Blätter in einer erhitzten Flüssigkeit im Becher serviert…”, sprach ich, um ihr ein zweites Mal verbal die Hand zu reichen.
Sie legte ihre Stirn in Falten, schüttelte zaghaft den Kopf und aus den Augenwinkeln bemerkte ich, wie Annikas Miene langsam versteinerte. Es schien der erste Tag der Bedienung zu sein und ich unternahm einen dritten Anlauf:
“So schwierig ist es doch nicht. Bring mir einfach diese kochende Flüssigkeit mit Geschmack, dieses nicht kaffeehaltige englische Traditionsgetränk. Wohl temperiertes Nass und Erquickungsessenz in einem. Bis dato nicht, aber bald überall als wohl schmeckende Magenlotion verlangt. Ach, was rede ich, mir gelüstet es nach meinem Schmiermittel des Nachmittags, belebender Erkältungsmedizin auch für Gesunde, heißer Dichterluft in einem anderen Aggregarzustand!”
Verständnislos starrten mich die beiden Frauen an, sie schienen zu Komplizinnen des Moments geworden zu sein. Ich atmete tief ein und aus. Die Bedienung reagierte nicht und starrte mich weiter an. In meinem Verstand begannen sich derweil Buchstaben zu einem Wort zu formen, deren Aussprache ich bereuen würde. Doch ich war sehr durstig und bestrebt, Herr der verzwickten Lage zu bleiben und mich vor den Augen Annikas zu rehabilitieren.
Meine Lippen begannen zu zucken und den unheilvollen Konsonanten zu formen. Ein Teil von mir sträubte sich und suchte einen anderen Ausweg. Er wurde nicht fündig und ehe ich mich versah, durchschnitt wie ein Pistolenschuss das “T” gefolgt von einem zwischen den Lippen hervor gepressten “eeeee!” den Raum. Hektisch sah ich mich um, zum Glück war das Café spärlich besucht und außer den beiden Frauen hatte niemand mein Missgeschick verfolgt. Die Bedienung nickte und verließ uns abrupt. Annika blickte mich vorwurfsvoll an und ich war den Rest des Nachmittags beschäftigt, sie wieder einigermaßen zu beruhigen und die Bedienung mit einer großzügigen Bestellung samt Trinkgeld zu besänftigen.
Gut das Du keinen Chai Latte bestellt hast :-)!
@ Kiwi
Bitte was für ein unsägliches Getränk? ;)
“sie schienen zu Komplizinnen des Moments geworden zu sein” - Bravo!
*Kratzfuß andeut*
alta, ich hatte auch mal nen blog , digga, während der schle :D, ist mir grad wieder eingefallen wo ich deines hier durchstöbere, meiner ist viel schlechter als deiner :D : http://johnsonnoise.twoday.net/stories/1067193/
@ M
Dein Blog ist tatsächlich ausbaufähig… ;)