Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

5. November 2009

Ein Monat = ein Roman

Der Anfang einer Novelle ohne Plan und Veröffentlichungsabsicht, allein dem “National Novel Writing Month” geschuldet:

Unser Blick fällt auf einen Flur, der als ein unbeschriebenes Blatt im räumlichen Sinne dienen soll. Ein gräuliches Etwas, welches sich bis zum Ende des Blickhorizonts erstreckte, der wiederum nach 100 Schritt ein jähes Ende an einer nicht minder grauen Wand fand. Einige Türen, natürlich geschlossen und in einem etwas dunklerem Grauton gehalten, der sich nur unwesentlich von der Boden- und Wandfarbe unterschied, waren zu erkennen und bei angestrengterem Hinsehen zeigten sich einige Bilder, die halbwegs gerade an den Wänden zwischen den Türen angebracht waren. Bei den Bildern handelte es sich um unspektakuläre Werke unbekannter, dass heißt nein, nur der Allgemeinheit und in der Kunst bewanderteren Geistern nicht bekannter Menschen, die gelegentlich und auch für ihre Freunde oder Verwandten sichtbar mit Farben, Stiften und Materialien arbeiteten, um Ereignisse zu reflektieren, Gefühle auf die Leinwand zu bannen und vielleicht sogar Betrachtern eine Freude zu bereiten.

Ein Bild zeigte die unverkennbare Handschrift eines Kleinkindes, welches eine weiße Fläche mit den zur Verfügung stehenden, also in Extremitätenreichweite des Kleinkindes befindlichen Stiften bemalt und sich noch keinem bildlichen Zwang unterworfen hatte. Linien in roter, blauer, grüner, gelber und schwarzer Farbe umschlangen sich eng wie ein frisch verliebtes Paar, das nicht voneinander lassen kann, und trennten sich dann nach einer Weile, in der die Leidenschaft verglüht gewesen sein könnte, und die hier durch einige verschlungene Zentimeter ihren Ausdruck durch die Hand des kindlichen Künstlers fand, der von diesen Dingen wenig gewusst haben dürfte, falls er oder sie nicht die leibliche Frucht einer solchen Weile war. Die in der rechten unteren Ecke prangenden Initialen kündeten davon wenig und so striff unser Blick weiter, glitt an einer der Türen vorbei und verharrte auf dem nächsten Bild, dessen eine Hälfte in ein Meerwasser in tropischen Gefilden gebührendes Blau und dessen andere Hälfte von einst farbhaltigem Wasser in das braun-grün eines im Hochsommer wie jedes Jahr umkippenden Teiches in einem Stadtpark getaucht worden war, an dem die Spaziergänger, stoisch und hinter vorgehaltener Hand über die Hässlichkeit der sich hier manifestierenden Natur wetternd, entlang flanierten.

Doch riss man sich von diesem Werk los und ignorierte die anderen, im Flur verstreuten Bilder, so offenbarte sich noch immer nicht, ob man sich gerade im Flur eines Krankenhauses, dessen abgelegener Trakt nicht ständig die Frage zwischen Tod und Leben mit beantworten musste, am für Besucher nicht geöffneten Freitag Nachmittag in der dritten Etage des Rathauses einer Stadt mit einer Einwohnerzahl irgendwo zwischen Elmshorn und Berlin oder im fünften und letzten Stock eines Altenheimes, dass die größten und komfortabelsten Wohnungen für die Bewohner in der Endetage bereit hielt, befand. An die Ohren drang ein zaghafter Laut, dem man nachspüren konnte, wenn man sich von einer zur nächsten Tür huschend durch den Flur bewegte und immer wieder kurz inne hielt, um den eigenen Gehgeräuschen nachzuhorchen, bis sie verklungen waren, und den vertrauten Ton erneut zu vernehmen. Ein leises Qietschen eroberte sich Stück für Stück die volle Breite und Länge des Flures wie ein langgezogener Laut, der ein einsames Tal zu erfüllen vermag. Wurden hinter den Türen Patienten von besorgten, in einer nach ersten Anlaufschwierigkeiten gewinnbringend laufenden Gemeinschaftspraxis organisierten Zahnärzten behandelt, die ihren Dienst an den Mündern der Nation behutsam und bestimmt verrichteten, hatten sich mehrere Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Begabung und Herkunft in den ihnen zugewiesenen Klassenräumen versammelt und lauschten den Ausführungen ihrer nicht mehr mit Kreide auf grünen oder dunkelbraunen Tafeln schreibenden, sondern mit Stiften sowie zugehörigen White Boards ausgerüsteten Lehrkräfte oder verrichteten Angestellte eines von der Wirtschaftskrise gebeutelten, dennoch laut dem seit vielen Jahren tätigem Management mit hervorragenden Zukunftsaussichten versehenem Unternehmen aus der Finanzdienstleistungsbranche unaufgeregt ihre Verwaltungsarbeit?

Boden, Wände, Türen und Bilder schienen keinen Geruch zu verströmen, der auf irgendetwas hätte hindeuten können, unter den Türen krochen keine Düfte hervor, die auf Tätigkeiten zur Erhaltung oder Verbesserung des Lebens von Pflanzen, Tieren oder Menschen hindeuteten. Dieser Organismus gewordene Nicht-Raum, denn Flure wurden im allgemeinen nicht als Räume betrachtet, sobald findige Immobilienmakler mitmischten und vornehmlich im privaten Bereich hingegen schon, bewegte sich nicht und roch nicht, er war einfach da. Ein in der Ableitung und Assoziation erfahrener Mensch hätte jedoch ausschließen können, dass es sich um Privatwohnungen in einem gute Lebensqualität bietenden, aber nicht begeisterndem Mehrfamilien- oder Hochhaus handelte, da sich die auf die Markierung des einzelnen Reiches bedachten Menschen entsprechende Namenschilder und Verzierungen an den Türen aufgehängt hätten, und über die Anbringung von Klingeln wäre wohl ebenfalls nachgedacht worden. Bei aller Bedachtheit auf das in guter Nachbarschaft miteinander Auskommen, wäre nach spätestens sechs Monaten der erste Streit über das ein oder andere störende Bild entbrannt, welches doch bitte wo anders hängen solle. Aufgrund der Verschiedenheit der Menschen wäre eine alle Anwohnerparteien zufrieden stellende Bildaufhängungsordnung wohl unverhandelbar gewesen und ihr Fehlen hätte in nächtlichen Bildtauschaktionen gemündet, bei denen es freilich nicht geblieben wäre. Die beinahe biblische Frage, wer denn ohne Abstimmung das erste Bild umgehängt habe, hatte in anderen Fällen auf einem Eskalationspfad über verschiedene verbale und Gewaltausbrüche schon zu Mord und Totschlag geführt.

Nein, hier wohnten, geschweige denn lebten keine Menschen. Das am Rande des klinischen Todes anzusiedelnde Leben des Flurwesens schien sich aus blanker Not in der Einsamkeit eingerichtet und ein für den sensiblen Besucher spürbares Interesse an der Fortexistenz dieses Zustands entwickelt zu haben. Gerade wollten wir dem Flur diesen ersten, letzten und einzigen Gefallen tun, als sich eine der Türen öffnete und ein Mensch heraustrat. Er trug eine dunkle Stoffhose, deren Bund auf schwarzen Lederschuhen aufsaß und knapp oberhalb des Gürtels über einem eingesteckten Hemd endete. Entweder war die Frau an seiner Seite führend in den das Paar betreffenden Modefragen und hatte ihrem Liebsten diese Kleidungsstücke als dem Umständen entsprechend anempfohlen oder der Mann, der Mensch war nämlich männlichen Geschlechts, legte allenfalls halbwegs Wert auf Kleidung. Die Stoffhose hätte etwas enger am Gesäß sitzen können, das Hemd schlackerte ein wenig auf der Brust und die Füße konnten sich in ihrem Territorium recht frei bewegen. Wie dem auch sei, der Mann hieß Jonas und schenkte dem Flur keine Beachtung, mit schnellen Schritten überwand er die Entfernung zur Stirnseite des Flures und wir heften uns für eine Weile an seine Fersen…

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