Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

16. September 2009

Alltägliche Überzeugungsarbeit

Ich erwache nach einem unruhigen, mehrfach unterbrochenen und zu kurzen Schlaf. Das Öffnen meiner Augenlider und die ersten Regungen meines Körpers kosten mich viel Kraft, ebenso die ersten Schritte und bekannten Handgriffe des neuen Tages. Mein Rücken schmerzt genauso wie meine Beine. Ich fühle mich krank und bin es doch nicht. Ich bin bis zum Bersten gefüllt mit Vorhaben und doch geht mir in diesen morgendlichen Stunden sämtlicher Wille zum Schreiben ab. Ich trotte durch meine Wohnung und mache mich langsam fertig für den Tag. Lethargie. Die Freude am Leben ist mir schon lange abhanden gekommen. Ich habe die Suche nach ihr eingestellt oder gar nie begonnen. Beklommen mustere ich mich im Spiegel. Fremd im eigenen Körper. Nur eine Empfindung des Augenblicks oder die Grundlage meines flüchtigen Seins? Ich schüttele den Kopf, mein Haar und meine Glieder. Schütteln belebt nicht die Sinne.

Langsam nähere ich mich meinem Schreibtisch und mache mein Hirn Synapse für Synapse damit vertraut, dass in nicht allzu ferner Zukunft heute gearbeitet werden soll. Jede Zelle meines Kopfes stimme ich auf die einzunehmende Sitzposition auf dem Schreibtischstuhl ein. Meine Muskelfasern gewöhne ich an die Aussicht, sich viele Stunden entsprechend Strecken und Zusammenziehen zu müssen, um die unbequeme, aber notwendige Sitzposition bis auf kurze Phasen der Lockerung einzunehmen. Auf meine Hose rede ich beruhigend ein, “Ja, es ist unangenehm, mit einem unverhältnismäßig großen Anteil meines Körpergewichts belastet zu werden und ja, es tut mir irgendwo auch leid. Diese anspruchsvolle Aufgabe muss allerdings von jemandem übernommen werden und derzeit habe ich kein anderes Kleidungsstück zur Verfügung.” Ich wollte mich gerade setzen, nun begannen jedoch die Klagen des Schreibtischstuhls, des Tisches und des Rechners. Die geknechteten Stifte und malträtierten Papierseiten fielen in das Wehklagen ein. “Überall Aufregung und Lärm! Wie hinderlich und unpraktisch!”, entfuhr es mir, bevor ich einige Schritt zurücktaumelte.

Nach kurzem Hadern mit mir selbst entschied ich mich für hartes Durchgreifen. “Wir alle haben viele arbeitsreiche Monate vor uns und sollten uns lieber früher als später mit der zugedachten Rolle abfinden. Wir brauchen einander!” schrie ich in Richtung der aufmüpfigen Gegenstände. Beherzt griff ich einen Rebellen nach dem anderen und schleuderte ihn in die linke Zimmerecke, in der sich ein Haufen bildete. Mit bloßem Auge konnte ich einige Tote und Verletzte erkennen, machte jedoch erst Halt, nachdem ich die gesamte Schreibecke frei geräumt hatte. Hernach ließ ich die widerspenstigen Geister einige Zeit ruhen, sie würden ihre Einbeziehung in meinen Schriftstelleralltag bald als Höhepunkt und Moment der Freiheit und Lust zu schätzen wissen. Ich schlug ein gefügiges Buch auf und war schnell in die Lektüre vertieft. Nach einiger Zeit riss ich mich los von diesem fesselnden Werk und warf einen prüfenden Blick in die linke Zimmerecke. Einige weiße Blätter waren dort gehisst worden, vielleicht schon vor Stunden. Ich legte das Buch zärtlich zur Seite, vertröstete es auf unsere Verabredung am heutigen Abend und ließ Gnade walten.

Am frühen Nachmittag waren die störrischen Gesellen und ich endlich schreibfähig. Meine ersten Zeilen des Tages lauteten “Ein jedwed’ Ding erkenne seinen Platz, diene seinem Herrn stetig auf’s Neu, scheue die sonst drohende Hatz, statt sich aufzubäumen wie ein Leu…”

Kommentare

  1. 16. September 2009 - George

    Schöner, fast pünktlicher Report! :-)

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