Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

22. Oktober 2010

Auf Montage in Düsseldorf

“Sie haben keinen Anspruch, tut mir leid. Einen schönen Tag noch!”
Das saß. Abgeblitzt bei der ARGE, der Stätte, die sonst jeder Pilger gesegnet verließ. Von Enttäuschung war ich in Wut, von Wut in Verzweiflung verfallen. Wozu war ich 48 Monate Fördermitglied dieses Vereins gewesen, der mit seinem Modell der Pflichtmitgliedschaft noch jeden unschlüssigen Arbeitnehmer überzeugt hatte? Um arbeitslosen Sozialpädagogen die Umschulung, ausgemusterten Sachbearbeiterinnen den Computerkurs zu finanzieren? Mein Rettungsanker dümpelte fünf Meter vor mir in einer Cola-Pfütze, bedrängt von Erdnusshälften und Rotz strotzenden Taschentüchern. Eine Telefonnummer. Mein Hintereingang in das ARGE-Land, in dem H-Milch und Honig-Imitate flossen. Meine Verzweiflung schlug in Trotz um, meine Finger flogen über die Tasten.
“Ja, ich kann Sie in unsere Datenbank aufnehmen, Herr Strauß”
“Ja, meine Kollegen überweisen das Geld sofort”
“Nein, auf Eimsbüttel lässt sich Ihr Einsatzgebiet nicht eingrenzen, Herr Strauß”
“Nein, Fitnessstudios, Gärtnereien und Kindergärten werden nicht ausgeschlossen”
“Gerne. Einen schönen Tag noch, Herr Strauß”

Die Sonne als Alleinherrscherin am Himmel, der Poet als Ameisenarbeiter am Boden, dachte ich, schwieg aber. Der Vorarbeiter, Uwe, wünschte keine Unterhaltungen. Sein Lieblingsspruch lautete “Laber nicht, pack an”, gefolgt von “Pack an, laber nicht”. Diese und zwei weitere Lektionen hatte ich schnell gelernt: Auf dem Bau herrschten andere Sitten und Gott wachte über die Baustelle, dann kam lange nichts, dann Uwe. Er war ein Bär von Mann, modellte in seiner Freizeit wohl für Dirks Tattoo-Studio oder einen andersnamigen Laden mit dem gleichen Drecksangebot. Bilder schlechter Qualität, billig und schnell gestochen. Ab einem Quadratmeter zerstochener Haut gab’s ein barbusiges Frauenbild gratis. Am ersten Abend hatte ich mich über die Körperbilder der Jungs lustig gemacht. Am zweiten sie sich über meine schmächtige Statur. Am dritten hatte ich mir die Adresse des Tattoowierers geben lassen. Lieber das restliche Leben einen Teufel auf der Pobacke tragen als die Hilfsarbeiterstelle verlieren. Ich brauchte die Achtung der Jungs, vom Geld ganz zu schweigen. Respekt war in meinen Dichtermonaten die Währung geworden, in der ich mich schamlos bereichert hatte. Als Respekt-Millionär war man wer. Das musste sich in meinem neuen Bau-Brotjob fortsetzen. Wer weiß, ob sich die Plackerei eines Tages in Bauarbeiter-Lyrik ummünzen ließ, die zum unerwarteten Kassenschlager avancierte.

“Rudi, komm mal mit hoch in die Chefetage”, sagte Paul. Rudi, so nannte man mich hier. Mein eigentlicher Vorname war schwierig auszusprechen, besonders für die osteuropäischen Handwerker. In der Chefetage erwartete uns Uwe vor einem Stapel Zementsäcke. “Die müssen runter, Falschlieferung”, sagte er trocken und wandte sich ab. Abends fiel ich wie tot auf mein Bett. Die Federn der durchgelegenen Matratze stachen in meinen Rücken. Meine Rücken- und Schulterpartie spürte ich seit dem Anheben des zweiten Zementsacks nicht mehr. Im Etagenbett über mir machte sich Paul breit, die Namen der anderen beiden, mit denen wir uns den Baucontainer teilten, konnte ich mir nicht merken. Unser Schweißgeruch mischte sich mit den in der Toilettenecke gesammelten Ausdünstungen. Welcher Innenarchitekt hatte die glorreiche Idee gehabt, das Klo mit einem Vorhang von dem Schlafbereich abzutrennen? Nachts lag ich lange wach und schreckte aus diffusen Träumen hoch, sobald einer der drei zu schnarchen begann. Oder sich knirrschend auf der Matratze umdrehte. Die Sonnenstrahlen bahnten sich ab sechs Uhr ihren Weg zu meiner Wange, verwandelte den Container in eine Herrensauna. Meine drei Mitbewohner reagierten mit Gelassenheit auf die widrigen Umstände. Sie trugen Hausschuhe und Unterwäsche, stellten Fett und Muskeln zur Schau. Ich hatte weder das eine noch das andere vorzuweisen. Ein untergezogener Rollkragenpullover verlieh meinem Oberkörper männliche Breite. Nach Kaffee und Stulle begann das Elend. Wenigstens sparte ich mir das Fitnessstudio und musste keine Fragen beantworten, wie weit ich mit meinem Roman gekommen war.

Mittags gewährte uns Uwe eine halbe Stunde Pause. “Und das ist noch Luxus”, gab er uns jedes Mal mit auf den Weg zum Grillimbiss. Zur Auswahl standen Currywurst Pommes oder ein halbes Hähnchen, natürlich mit Pommes. Das schrie nach einer Strategie. Bewahrung des kulinarischen Genusses in der Ferne. Paul aß die beiden Gerichte im Wechsel, Jirchy vier Tage Currywurst, dann einmal Hähnchen, um den Freitag als kleinen Feiertag hochzuhalten. Ich entschied mich nach Tageslaune. Heute brauchte ich Wurst. Das Zeug schmeckte immer gleich gut. Geschmacksverstärkern und der Lebensmittelchemie sei Dank! Donnerstagabend hatten wir im Fernsehen einen Bericht geguckt, in dem eine New Yorker Künstlerin über ihr Experiment sprach: Das Cheeseburger-Fotoexperiment. Seit sieben Jahren fotografierte sie am letzten Monatstag denselben Cheeseburger, den sie bei McDonald’s gekauft hatte. Der Burger war ein wenig in sich zusammengefallen, schimmelte und stank aber nicht. Wie viele unverdaute Cheeseburger wohl in meinem Darm herumspukten? Dies war kein Ort der einprägsamen Gerüche, Geräusche, Gefühle. Zwei Tage später schmiss ich hin und stieg in den Zug nach Hamburg. Sollten meine Nachfolger das Hyatt im Medienhafen fertig bauen und sich die Taschen vollmachen. In Eimsbüttel Nägel in die Wand zu schlagen und Regale aufzubauen zog ich dem Monteurleben vor…

Kommentare

  1. 25. Oktober 2010 - Jungpoet

    @ Hähnchenfreund
    Hilfe!

  2. Bitte entschuldige Sonning, wenn ich kurz etwas Werbung mache. Alle, die das Schimmelmuseum nicht mehr kennengelernt haben, sei das Dieter-Roth Museum wärmstens empfohlen. Das ist m.E. ein echter Geheimtipp in Hamburgs Museenlandschaft, der üblicherweise nur auf Anmeldung geöffnet wird. http://www.dieter-roth-museum.de/ Vielleicht kann sich ja hier eine Gruppe organisieren. Bei dem Cheeseburger-Experiment mußte ich sofort daran denken. Die Frau ist halt nicht mal ansatzweise innovativ…

    Eigentlich wollte ich aber zu einem anderen kulinarischen Aspekt des Beitrags Stellung beziehen: Sei stark! Du schaffst es! Du hast die Sucht nach Schlauch schon einmal besiegt! Du wirst es wieder. Viel Erfolg übrigens bei dem Wettbewerb.

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