Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

17. Dezember 2009

Das alte Leben: Morgendliches Gemuffel.

“Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer. Es ist sieben Uhr in der Frühe und die schönste Stadt der Welt beschenkt uns mit einem diesigen, verregneten Tag. Aber Sie wissen, egal ob schwere Regentropfen niederprasseln oder…”, sagte eine angenehm klingende Frauenstimme, als der schwarze Radiowecker gegen die Zimmerwand prallte, an die sich der Nachtisch schmiegte, auf dem das Gerät geruht hatte. “…die Sonne brennt. Wir machen Sie frisch! Und nun holen wir auch die letzten Schlafmützen mit einem gute Laune - Song aus den Federn: Wake up, everybody!”, erschallte es aus dem Radiowecker, bevor er mit einem gezielten Faustschlag per Wandbande gespielt wurde und nach einer polternden Landung auf dem Laminat verstummte.

Radiomoderatoren zeichneten sich durch zwei Dinge aus: Eine gefällige Stimme und eine penetrant gute Laune, die befähigte, nervige Anrufer abzuwimmeln, Unmusik zu präsentieren, Nachrichten und Staumeldungen herunter zu spulen. Einmal hatte er sich in die Stimme von Martina verliebt. Schnurrend begrüßte sie ihn jeden Morgen und half ihm aus dem Bett. Sie duschten und frühstückten zusammen, unterhielten sich und ihr Schnurren wich ihm nicht von der Seite, bis er im Büro seiner Firma ankam. Im Internet warteten Fotos zu den Stimmen auf neugierige Hörer. Eines Tages, während sie im Hintergrund für ihn schnurrte, klickte er sich hastig durch die Radioseiten. Martina sah älter aus als erhofft und besaß eine Vorliebe für knallige Farben: Rote Haare, gelbes Shirt und pinke Fingernägel. Moderatoren wurden nicht nicht Aussehen eingestellt. In drei Zügen hatte er den Brief zerrissen, dessen Inhalt zwischen Fanpost und Heiratsantrag schwankte. Das Radio bot für Rico M. keinen Ausweg.

Er drehte sich auf die linke Seite. Gab es nicht Schlafwissenschaftler, die Probanden benötigten und gut bezahlten? Schläfer auf Lebenszeit, die Erfüllung eines frommen Traums. Oder Experimente mit harmlosen Potenzmitteln, die Versuchsteilnehmer mit unterschiedlicher Ausstattung voraussetzten? Ihm kamen Szenen in den Sinn, die aus Vorabendreportagen stammen mussten: Eine Reihe gelangweilter Menschen trat an, um Geruchsproben einer zweiten Reihe schwitzender Menschen zu beschnuppern. Pheromonstudien boomten. Rico kratzte sich im Nacken. Eine Badehaube auf dem Kopf, aus der sich Leitungen zu Geräten schlängelten, die aus der Folterkammer von Außerirdischen geliehen sein konnten. Nein. Zwei besonnene Heeren in weißen Kitteln, deren Finger seelenruhig in seinem Intimbereich herumwanderten. Nein! Einige verschwitzte Gestalten, die sich ihm näherten und jeweils den rechten Arm hoben, unter dem sich mit stellenweise dunkel gefärbter Stoff verbarg, der sich über Achselhöhlen spannte. Vor ihm eine blonde junge Frau, die einen süßlichen Duft verströmte und der Schweißperlen auf der Haut standen. Vielleicht. Zu seiner Rechten ließ sich allerdings ein dicklicher, im Gesicht puterroter Mann beschnuppern. Nein. Studenten und Ein-Euro-Jobber mussten auch sehen, wo sie blieben. Er strich sich über die Nase.

Ab wann fiel es auf, wenn man systematisch, jedoch nicht regelmäßig eintägige Krankheitsphasen in den Büroalltag einstreute? Atteste wurden ab zwei Fehltagen notwendig. Zusätzlich Gleittage und Urlaubstage sowie Unvorhersehbares (Oma im Krankenhaus, Hamster tot, Gerichtsvollzieher an der Tür, Wasserrohrbruch im Hobbykeller, spontane Hochzeit) rund ums Wochenende gelegt und schwups. Die Vier-Tage-Woche biederte sich an. Aber sie begann nicht heute. Sein Chef hatte Geburtstag, stolze 43 Jahre und nur Gruppenleiter. Und wenn die Frau des Chefs eines konnte, dann backen. Rico ließ nicht zu, dass Georg aus der Buchhaltung sein Stück des Kuchens fraß. Erlaubte Backkunst Rückschlüsse?

Rico schob seine Beine über die Bettkante und tastete sich ins Schlafzimmer vor. Füße trafen auf Laminat und Plastikteile. Kälte umfing ihn vom Oberschenkel abwärts. Seine lebenswichtigen Organe befanden sich unter der Bettdecke mit HSV-Emblem, in trügerisch wärmender Sicherheit. Er verharrte einige Minuten in dieser Pose. Die Kälte kroch unaufhaltsam an seinen Oberschenkeln entlang, auf sein Geschlecht zu. Mit einem zum Grunzen verkommenden Urschrei befreite er sich ganz von der Bettdecke. Er federte hoch und richtete sich kerzengerade zwischen Bett und Kleiderschrank auf, seine Bauchmuskeln waren wie immer angespannt.. Godzillas Pranken gaben dem Radiowecker den Rest. Rico musterte sich im Spiegel: Fußballerbeine, eng anliegende Shorts, verleugneter Bauchansatz und eine Goldkette auf der Brust, darauf standen die Mädels. Dachte er.

Suchte jemand Alltagsmodells? Fotogene Menschen für Kampagnen über Menschen und ihr Leben? Rico stünde bereit. Er wäre experimentierfreudig und bescheiden beim Honorar. Half eine Plakataktion in der Gegend mit selbst geschossenen Fotos: Privat vor dem Spiegel, ich beim Sport und das Mädel von gegenüber oben ohne im Bad? Für ein bisschen Ruhm in der Nachbarschaft, das Prickeln auf dem Nachhauseweg, sich verschämt abwendende ältere Damen? Er ordnete seine Gedanken, der Kuchen die Arbeit rief. Patsch! Seine linke Pobacke vibrierte von dem Klaps, den er sich selbst verpasst hatte. Schläge gehörten für ihn am Morgen dazu. Rico verschwand im Bad. Er wusste, dass sich sein Leben ändern musste, nur nicht wie…

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