Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

25. November 2009

Das imaginäre Interview

Wir setzen heute unsere lose SPARGEL-Interviewreihe “Der Mensch hinter dem Bestseller” mit dem jungen Autor Sonning Strauß fort. Er hat mit seinem Debütroman “Berufsmonotonie” für Furore gesorgt und aus dem literarischen Nichts die Bestsellerliste gestürmt (s. SPARGEL 13/2010 - Banalität des Seins, Anm. der Red.). Wir haben ihn in seiner Hamburger Wohnung aufgesucht und unseren bewährten Fragenkatalog vor ihm ausgerollt. Mit einigen Ausnahmen, wie sich zeigen sollte.

Laut seiner detailfreudigen Beschreibung fanden wir das Haus spielend. Rotes Eckhaus, solider Hamburger Backstein, ein vertrauter Anblick. Wir klingelten wie aufgetragen bei R. Müller und standen uns eine Weile die Beine in den Bauch. Kurz vor dem Kontrollanruf unter seiner uns vorliegenden Nummer surrte es endlich in der Tür. Das Treppenhaus war in einem gepflegten Zustand, eine einsame Yukka-Palme flankierte den Flur, an vielen Türen war kein Namensschild angebracht. Im zweiten Stock erwartete uns eine geöffnete Tür, in deren Rahmen eine ältere Frau stand, die sich ihre Hände an ihrer blau geblümten Schürze abstrich. Wohnte Sonning Strauß noch bei seiner Mutter? Auf unsere Frage, ob sie Frau Müller und hier Herr R. Müller anzutreffen sei, schüttelte die Frau heftig den Kopf und zeigte mit ihrem Finger nach oben. Sie fügte hinzu, dass der Spinner im Dachgeschoss wohne.

Wir stiefelten hinauf und wurden in der Endetage von einem unangenehmen Geruch begrüßt, der wahrscheinlich von dem Schuhhaufen ausströmte, der sich gegenüber der in diesem Stock gelegenen Wohnungstür auftürmte. Die Wohnung, in der wir den Strauß vermuteten, verfügte über keinen Klingelknopf, sondern einen gusseisernen Türklopfer in Schlangenform, vor der Türschwelle lag eine Fußmatte mit der Aufschrift “Pornorico”. Kaum war die metallene Schlange in Bewegung gesetzt, öffnete sich die Tür und uns blickte ein unrasierter, untersetzter Mitdreißiger mit müden Augen und dunklem Haar entgegen. Ein einst weißes Unterhemd war halb in seine Hose gestopft, die hastig hochgezogen schien, und unsere geübten Redakteuraugen sprangen die offenen Knöpfe des Hosenschlitzes an.
“Ja bitte, Sie wünschen”, sagte der Mann.
“Sind Sie Sonning Strauß? Wir kommen vom SPARGEL wegen des Interviews.”
“Ah ja, natürlich. Verzeihung, dass ich Sie warten ließ. Ich hatte gerade einen guten Einfall, den ich verarbeiten musste.”

Er gab uns beiden die Hand und erreichte auf der SPARGEL-internen Handschlageinstufungsskala zwischen tote Hasenpfote und Knochenbrecher eine klare Mümmlerextremität, aus der das Leben vor einiger Zeit gewichen war. Er bat uns hinein und andächtig durchschritten wir seinen Wohnungsflur. Feuerschalen säumten die grob behauenen Wände, die sich zu einem gewaltigen gotischen Bogen in vier Meter Höhe vereinigten. Unsere Schritte hallten auf dem Gang und wäre es ein Diener im mittelalterlichen Gewand gewesen, der uns vorauseilte, dann hätte es uns nicht überrascht, auf der Stirnseite des Ganges in die königlichen Gemächer einzutreten. Statt dessen schloss sich eine Kammer an, in die ein fahrradgroßer, blitzeblanker Schreibtisch gezwängt war. Ein altersschwacher Hocker, der mächtig knarrte, als sich unser Interviewpartner auf ihm niederließ, und zwei mit speckig braunem Bezug bespannte Stühle, die er uns mit raumgreifender Geste empfahl, sollten uns als Gesprächskulisse dienen. Die Wänden waren kahl und wir vermissten sofort die Getränke, welche man uns üblicherweise anbot. Wären nicht bauliche Standards entstanden, die dies verhinderten, hätten wir gewettet, dass der Wind beständig durch die Kammer zog.

SPARGEL: Herr Strauß, bitte stellen Sie sich dem Teil unserer Leser, die Sie noch nicht kennen, kurz vor.
Strauß: Bitte nennen Sie mich Rico M.
SPARGEL: Also gut, obwohl Ihr Buch unter keinem Pseudonym erschienen ist, machen wir Ihr Spiel mit. Herr Rico M., bitte stellen Sie sich kurz unseren Lesern vor.
Rico M.: Ohne Herr, Rico M. reicht. Ich heiße Rico M. und bin Schriftsteller.
SPARGEL: Ginge es etwas ausführlicher?
Rico M.: Gerne. Von Haus aus bin ich gelernter Kaufmann (Nach längerer Diskussion wurde aus studierter gelernter Kaufmann, Anm. der Red.). Nach mehreren Jahren der Büromaloche hatte ich die Faxen dicke und habe meinem Chef gründlich die Meinung gegeigt. Danach gammelte ich im Campingwagen meiner Eltern vor mich hin bin ich durch Europa gereist und fasste den Entschluss, mit dem Schreiben meine Brötchen zu verdienen. Heraus kam dann der erste Bestseller, weswegen Sie hier sind.
SPARGEL: Könnten Sie uns in die Entstehungsgeschichte Ihres ungewöhnlichen Werks einweihen, man schreibt ja nicht einfach einen Roman.
Rico M.: Eigentlich doch. Es ist schnell erzählt. Ich habe im November 2009 am National Novel Writing Month teilgenommen und gewonnen. Das gut hundert Seiten starke Manuskript musste ich nur noch geringfügig anpassen.
SPARGEL: Ein Roman in einem Monat, hört sich fast nach Werther’schen Dimensionen an. Goethe würde sich im Grab umdrehen. Wie haben Sie Ihren Schreibfluss aufrechterhalten?
Rico M.: Mit offenen Augen durch den Tag gehen, Banalitäten spiegeln und verfremden, den Kram täglich in drei Stunden zusammen tippen, Zack - fertig ist der Bestseller.
SPARGEL: Wo hatten Sie die besten Ideen?
Rico M. ringt um eine Antwort in Kehlmann’scher Tradition: Auf dem Klo. Dort sprudelte es aus mir heraus, dass können oder wollen Sie sich gar nicht ausmalen. Ich bin tagelang nicht mehr von dem Ding ‘runtergekommen und habe mein künstlerisches Schaffen dorthin verlegt. Auf dem, aber nicht für’s Lokus oder scheißen und schreiben ist einerlei, wie ich zu sagen pflege.
SPARGEL: Müssen wir uns merken. Wobei, manchmal ist es angenehmer, nicht alle künstlerischen Geheimnisse zu kennen. Den Rest behalten Sie bitte für sich.
Rico M.: Jungs, mit Euch macht es mir richtig Spaß. Wisst Ihr eigentlich, wie glücklich Ihr Euch schätzen dürft?
SPARGEL einhellig und in Vorfreude auf signierte Romanexemplare: Wieso?
Rico M.: Dies ist mein erstes Interview, in Absprache mit meiner Mutterm Agenten verweigere ich mich sonst allen Anfragen.
SPARGEL: Interessant, wie kommt es zu dieser, für einen jungen Autor wie Sie ungewöhnlichen Haltung?
Rico M.: Wissen Sie, zum Beispiel Bild-Interviews empfinde ich als Playboyauftritte für Männer, da will ich in eigener Sache lieber den Preis hochtreiben mache ich nicht mit. Künstlerische Emanzipation und so.
SPARGEL: Welch eine Ehre. Und was ist mit Kerner oder Gottschalk, gab es schon Anfragen (manchmal ist es schwer ernst zu bleiben, Anm. der Red.)?
Rico M.: Abgelehnt. Bei Kerner wird mir zu wenig Tacheles geredet, bei Gottschalk interessiert mich nur die Michelle. Ein knackiger Hüpfer. Sie liest allerdings nicht, wie mir ausgerichtet wurde, und findet Autoren unsexy.
SPARGEL: Sie waren ein Nobody. Unsere Leser interessiert, auf welche Weise Sie Ihr Manuskript an den Verlag brachten.
Rico M.: Ich hatte damals so’n Blog, den ich als geistige Müllhalde betrachtete. Einer der Verlagsfuzzis ist darauf gestoßen und hat mich angeschrieben. Sobald der Vertrag unterzeichnet war, habe ich den Blogmist sein lassen. (Die Seite heißt alltagsfantasien.de und liegt brach. Beim Lesen der Texte fragt man sich, ob das Manuskript von “Berufsmonotonie” aus Sonning Strauß’ Feder stammen konnte. Die Qualitätsunterschiede sind dramatisch, Anm. der Red.)
SPARGEL: Und weiterer Anstrengungen bedurfte es nicht?
Rico M.: Nö, lief von alleine. Genau wie das Schreiben.

Nachdem wir mit der letzten Frage den ersten*) unserer drei typischen Blöcke “der Mensch” abgearbeitet hatten, legten wir eine Pause ein, bevor wir uns “das Werk” und “die Zukunft” vornehmen wollten. Eine lockere Unterhaltung im Plauderton entwickelte sich jedoch nicht. Unser Interviewpartner verschwand mit dem Hinweis “habe einen guten Einfall und bin gleich wieder da” in Richtung der Toilette, wir blieben im kahlen Raum zurück. Wir prüften unsere Notizen, stimmten die Fragen für die beiden ausstehenden Teile ab und warteten. Die Viertelstunde der Höflichkeit verstrich und weitere fünf Minuten, bevor wir in den Flur gingen, um uns nach dem Befinden von Herrn Strauß zu erkundigen.
“Sorry Jungs, habe gerade einen kreativen Schub”, vernahmen wir von der Tür, hinter der wir das Örtchen vermuteten.
“Rico M., wie lange wird es denn dauern?”
“Kann ich nicht genau sagen. Wenn’s läuft, muss man es laufen lassen.”
Wir blickten uns an und schüttelten den Kopf.
“Könnt Ihr wieder kommen, morgen um dieselbe Zeit vielleicht?”
“Das wird schwierig, wir haben viele Termine.”
“Okay, dann demnächst vielleicht. Wir telefonieren.”
Arschloch Klar. Viel Erfolg für Sie in der Zwischenzeit.”
“Danke, Jungs. Zieht Ihr die Tür ins Schloss?”
“Ja, machen wir, Du Idiot. Tschüß Rico.”
Die auf dem Rückweg begonnene Diskussion setzten wir in der Redaktionskonferenz fort und entschieden, die gesammelten Antworten zu veröffentlichen. Unser Interviewpartner hatte sich im Vorfeld einverstanden erklärt. Falls Sie irgendwelche Fragen an unseren Interviewpartner haben, reichen Sie sie gerne bei uns ein.

Ihr SPARGEL-Team

*) Unsere drei Standardfragen zum Thema Frauen haben wir auf Wunsch von Rico M. ausgelassen. Er sagte, dass er nicht ständig mit diesem Thema niedere Instinkte ansprechen und punkten wolle. Wir waren uns einig, dass ein Mann mit seinem Erfolg entweder gehasst oder geliebt wurde. Nach dem Interview tippen wir auf Ersteres.

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