Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

13. November 2009

Der Anruf meiner Mutter

Es geschah an einem regnerischen Tag in einem Hamburger Stadtviertel, welches vor und während des Krieges viele Arbeiterfamilien angezogen hatte. Sie profitierten davon, dass sich in der Nähe viele Betriebe der verarbeitenden Industrie befunden hatten und später davon, dass die Bomberschwärme der Alliierten ihre zerstörerische Kraft nicht auf die hiesigen Straßenzüge konzentriert hatten. Zwar drängten sich nach dem Zweiten Weltkrieg anfangs vielköpfige Familien in zu kleinen Zimmern und vor allem Bädern, die diese Bezeichnung kaum verdienten, doch bald entspannte sich die Wohnsituation. Nach harten Jahren, die von Armut, Hunger und einem kargen Leben geprägt waren, trieb die Pflanze, die später als das Deutsche Wirtschaftswunder klassifiziert werden sollte, sachte erste Blüten. Mit Blick auf die Bandbreite der pflanzlichen Erscheinungsformen, vom zarten Gänseblümchen auf der Frühlingswiese oder mit allen Mitteln bekämpftem Störenfried im geliebten Rasen über den knorrigen Apfelbaum im Garten, der jedes Jahr mehr Früchte zu tragen schien, und dem ich als Kind nach einer kleinen Klettertour einen gebrochenen Arm verdankte, bis hin zum uralten Urwaldgiganten, der die ihn umgebenden Organismen mit seinem Blätterdach wie ein gütiger Großvater gegen die unbarmherzig brennende Sonne abschirmte und dessen verarbeitete Brust nun mein Wohnzimmer als Tisch zierte, war sachtes Blühen vielleicht untertrieben, aber es klang so schön.

Auf jeden Fall bot die Wirtschaft mit der Zeit genügend Arbeitsplätze, damit aus arbeitslosen Arbeitern respektierte und viel beschäftigte Familienoberhäupter von Arbeiterfamilien werden konnten. Die meisten Familien prosperierten, das Stadtviertel gedieh, die Hansestadt wuchs, und alles hätte einen märchenhaften Verlauf nehmen können, an dessen Ende sich die ganze Republik in ein Arbeiterparadies verwandelt hätte. Leider neigte der Mensch nicht zu Gefühlsduselei und sozialer Utopie und findige Geister begannen, neue Verfahren zu entwickeln, die die Automatisierung der Arbeiterarbeit begünstigten. Maschinen ersetzten Menschen und ersetzte Menschen tranken mehr Bier als zuvor suchten sich neue Tätigkeitsfelder. Es kam in Mode, dass Menschen für andere Menschen, mit denen sie weder verheiratet noch verwandt waren, Dienste leisteten und dafür entlohnt wurden. Gelehrte Menschen, die recht selten Arbeiterfamilien entstammten, adelten diese Tätigkeitsfelder, die sie zum tertiären oder auch Dienstleistungssektor zusammenfassten, und indirekt über den sekundären Industriesektor stellten. Ganz unten verblieb natürlich die Landwirtschaft, aus der sich lange Zeit die wachsende Arbeiterschaft gespeist hatte. Deutschland wurde langsam zu einem von Dienstleistungen geprägten Land, zumindest auf dem geduldigen Gelehrtenpapier, denn in Geschäften empfand ich es oft anders, was sich auch in besagtem Stadtviertel niederschlug.

Arbeiterfamilien wandelten sich zu Dienstleistungsverbünden oder wichen in andere Viertel aus, die sich zu Enklaven der Arbeiterschaft entwickelten. Die frei werdenden Wohnungen füllten sich mit Studenten der nahen Universität, jungen Familien ohne Arbeiterhintergrund, Künstlern und Taugenichtsen sowie Anzugträgern, ihrerseits arm an Lebensalter, aber reich laut dem monatlichem Gehaltsauszug, die das Viertel grundlos liebten und sich allein über die Bäder empörten. Doch die Bäder blieben und die Menschen auch. Der Stadtteil war jetzt in und cool und die Bewohner dachten, sie seien es ebenfalls. Immer mehr Menschen dachten, sie seien cool, und müssten in einem angesagten Viertel wohnen oder sie hofften es zu werden, sobald sie entsprechend wohnten.

Ich selbst war vor zwei Jahren hergezogen und sehr glücklich darüber. Selbst an regnerischen Tagen wie heute freute ich mich über die Altbaufronten, die sich mir in den Straßen und beim Blick aus dem Fenster entgegen reckten. Ich war allerdings kein Hund, wenn man Fressverhalten und den animalischen Trieb einmal außen vor ließ, der sich mit Vorliebe in Pfützen, Bächen und Gräben wälzte, denn man bedenke allein, wie dramatisch sich Regen und Wind auf die Frisur auswirkten. Ich zog es daher vor, mich bis zum Beginn des Winters mit seiner Kälte und Klarheit in meiner Wohnung zu verschanzen, und dem täglich fallenden Regen nur durch’s Fenster zuzusehen. Bis auf das Bad, welches den Charme eines mittelalterliches Abortes versprühte, fühlte ich mich nämlich pudel sehr wohl in den von mir bewohnten Räumen.

An einem dieser grauen Novembertage saß ich also an meinem Schreibtisch und guckte die neueste Folge von “Bauer sucht Frau” recherchierte im Internet, um die Detailtreue meiner nächsten Szene, die ich in meinen Ein-Monats-Roman einbauen wollte, zu erhöhen. Auf einmal klingelte das Telefon und erinnerte mich daran, es in Zukunft auszuschalten, damit es mich nicht ständig von meiner Arbeit abhielt. Ich starrte einige Sekunden auf den Bildschirm, während das Klingeln im Hintergrund anschwoll, sprang dann doch auf, um den Anruf anzunehmen. An der übermittelten Nummer erkannte ich, dass es meine Mutter war:

“Hallo Mama”
“Hallo mein Kind - ich wollte nur wissen, wie es Dir geht”
“Danke gut, ich komme mit der Arbeit voran”
“Kommst Du mit Deiner Recherche voran”
“Ja Mama, wie gesagt tue ich das. Ich habe alle alten Folgen von “Bauer sucht Frau”, “Das perfekte Dinner” und “Die Supernanny” gesehen interessante Artikel und Studien aufgetrieben und muss jetzt nur jeweils die aktuelle Entwicklung verfolgen.”, sagte ich und hatte mich unterdessen wieder an meinen Schreibtisch begeben. Ich rief zum elften Mal die neuesten Schlagzeilen von spiegel-online auf.
“Schön, dass freut mich. Mir geht es auch gut. Meine Erkältung ist weg.”
“Schön, dass freut mich”
“Schön”
“Wie war das, startest Du nicht bald in den Winterurlaub?”
“Ja, Du hast Recht. In zwei Wochen geht es los und ich freue mich schon. Es könnte noch kälter sein, aber die Vorhersagen sind gut”
“Schön, dass freut mich”
“Schön, mich auch”
“Wie war das jetzt mit Weihnachten - hast Du einen Wunsch?”
“Muss ich mir überlegen, ich sage Dir dann Bescheid”
“Schön, dass würde mich freuen”
“Und Du willst wieder Geld haben?”
“Ja, dass wäre schön und darüber würde ich mich freuen”
“Schön. Hast Du eigentlich schon die Winterreifen aufziehen lassen, es kann jetzt ja jeden Tag den ersten Wintereinbruch geben?”
“Nein, noch nicht. Ich kümmere mich aber bald darum. Danke schön, freut mich, dass Du mich darauf hinweist”, sagte ich, während ich mich in Richtung meiner Küche aufmachte, um mir einen Joghurt aus dem Kühlschrank zu holen.
“Nicht, dass Dir etwas passiert - das wäre nicht schön”
“Stimmt, Unfälle bei Eis und Glätte sind eher unschön”
“Hast Du in letzter Zeit eigentlich ‘mal wieder eine nette Frau kennengelernt? Es wäre so schön, jemand an Deiner Seite zu sehen”
“Leider nicht. Die wenigen, die mir über den Weg laufen, sind entweder dumm oder nicht schön anzuschauen hässlich”
“Das wird schon”
“Jaja”
“Bei Deinem Vater und mir hat es damals auch lange gedauert, wie Du weißt…”, hob sie an, während ich kurz mit dem Gedanken spielte, mich auf die Toilette zu begeben und dem Harndrang zu gehorchen, doch ich beherrschte mich.
“…und dann auf einmal konnte man sich gar nicht mehr vorstellen, wie es ohne den anderen war.”
“Freut mich wirklich, dass Ihr Euch damals gefunden habt, Mama. Du, lass uns ein anderes Mal länger telefonieren - ich will weiterarbeiten”
“Na schön, mein Kind. Es war schön, Deine Stimme zu hören. Viel Erfolg, Tschüßi!”
“Danke, Tschüß Mama”, sagte ich. Meine Mutter und ich hatten einfach ein sehr gutes Verhältnis und wir konnten über alles reden. Freudig rieb ich mir die Hände, als ich mich an den Rechner setzte, und mit meiner Recherche fortfuhr…

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