Am Anfang verrate ich gleich ein Geheimnis: Ich schreibe nicht, weil es mir Spaß macht, all meinen Lügen Unkenrufen zum Trotz. Die Hoffnung auf einen Publikumserfolg oder platt Bestseller treibt mich ebenso wenig an und um. Der große Freiheitsgrad in Form der Orts-, Zeit- und persönlichen Unabhängigkeit meiner neuen “Arbeit” bedeutet mir ebenfalls nichts und wer mich kennt, der weiß, dass mich die Möglichkeit der Beschäftigung mit vielfältigen, gar gesellschaftskritischen Themen noch nie gereizt hat.
Nein, es ist ganz einfach, es geht mir einzig und allein um den erhabenen Nimbus des Schriftstellers. Früher sagte man Bankern auch einen gewissen Nimbus nach, dementsprechend wurde ich in meinem alten Leben Banker. Leider erwies sich diese unwiderstehliche Aura als nicht von Dauer, dementsprechend wurde ich ein Managementassistent, um nach meinen Lehrjahren vom dann erworbenen Nimbus des Managers zehren zu können. Wiederum fuhren mir äußere Umstände in die Parade, die Finanzkrise mauserte sich zu einer veritablen Wirtschaftskrise, die schillernde Managementfassade bröckelte und für mich war zum dritten Mal Umdenken angesagt. Jetzt also Plan C, Schriftsteller werden.
Und wenn ich in meinem alten Leben etwas gelernt habe, dann, dass Image bildender Stil mindestens die halbe Miete ist und selbst die Häuptlinge nur mit Wasser kochen. Wer mich recht einzuschätzen weiß, ahnt, was dies bedeuten dürfte: Ich mache keine halben Sachen und steuere schnurstracks die Wandlung vom ein wenig belächelten Jungpoeten zum respektierten Vollblutschriftsteller oder auch lyrische Mannwerdung an. Nach einer ausgiebigen Analyse gängiger Schriftstellerplatitüden habe ich mir ein Mehr-Punkte-Programm auferlegt, um diesen Wunschtraum möglichst schnell und unkompliziert zu realisieren:
Im ersten Schritt habe ich mit dem Rauchen unterschiedlicher Erzeugnisse der Tabakindustrie angefangen und experimentiere derzeit mit Pfeifentabak und Zigarren. Ein abschließendes Urteil habe ich bis dato nicht gefällt, als Asthmatiker und geruchsempfindlicher Mensch drängt sich mir allerdings der Eindruck auf, dass die Hustenkrämpfe beim Pfeife paffen heftiger und schmerzhafter ausfallen, während der Gestank der Zigarren die Wohnung penetranter verpestet. Optisch gesehen unterstützt die Pfeife eher das in der Bevölkerung weit verbreitete Klischee des Intellektuellendaseins, die Zigarre hingegen verkörpert Männlichkeit und eine oberflächliche Machoattitüde. Soviel ist schon jetzt sicher, aus Imagegründen mit dem Rauchen anzufangen war auf jeden Fall die richtige Entscheidung.
Im zweiten Schritt habe ich mir eine ältere Schreibmaschine mit merklichen Beschädigungen an den Tasten der Vokale zugelegt, aus unerfindlichen Gründen scheint sich zum Beispiel der Buchstabe “a” bei Schreibenden einer besonderen Beliebtheit zu erfreuen. Bei geöffnetem Fenster ist es mir nun möglich, ohne viel Aufhebens durch charakteristische Tippgeräusche zu verdeutlichen, dass in dieser Kammer nur ernsthaft geschrieben werden kann. Fernerhin wirkt sich die Schreibmaschine unter anderem aufgrund der angerissenen Alterserscheinungen des Geräts nachteilig auf meine Schreibgeschwindigkeit aus, ein weiteres erfreuliches Detail zur Abrundung des Bildes des nachdenklichen Schreiberlings an der Tastatur, der um jeden Satz, ach ich untertreibe, jedes Wort und in ausgewählten Fällen um jeden Buchstaben ringt. Seit neuestem liegen auf dem Schreibtisch neben Pfeifen und Zigarren auch Hammer und Meißel stets bereit, um der widerspenstigen “a”-Taste physisch das Fürchten zu lehren und ja, ich kann einen ersten Teilerfolg am Schreibtisch vermelden: Bisher spurt sie.
Kommen wir zum dritten Punkt, dem Gewande eines Poeten. In meinem alten Leben haben sich in meinem Kleiderschrank viele Hemden, Anzüge und Krawatten sowie im Flur dazu passende elegante Lederschuhe und für die Freizeit Jeans angesammelt. Jedem Leser und vor allem jeder Leserin sollte die Ungeeignetheit dieser Geradrobe für die Poesie sofort ins Auge stechen. Im feinen Zwirn dichtet es sich schlecht und die Jeans ist zu sehr Massenware, um der Entstehung wahrhaft fesselnder Geschichten zuträglich zu sein, außerdem will ich nicht mehr so häufig bei Mama zum Bügeln der Sachen vorbeifahren. In einem Secondhandladen um die Ecke bin ich auf eine gemütliche braune Cordhose samt passender Weste gestoßen und habe in Anbetracht der vorausgegangenen Überlegungen bedenkenlos zugeschlagen. Im Eifer des Kaufgefechts wechselten zusätzlich zwei Weisheit und Lebensalter ausströmende Pullover den Besitzer, wieder zu Hause angekommen und in die neuen Kleider gehüllt fühlte ich mich das erste Mal beinahe wie ein richtiger Schriftsteller.
Als Perfektionist bin ich selbstverständlich nie zufrieden und deswegen habe ich Punkt vier ersonnen, nämlich einen gepflegten Weinalkoholismus. Seit neuestem bestelle ich mir bereits zum Mittagstisch ein Gläschen des besten Weines der jeweiligen Wirtschaft, um mein Zünglein zu schulen. Nach Jahren des überzeugten Antialkoholismus’ führt dieses Vorgehen zu einer angenehmen Trunkenheit am frühen Nachmittag und der Zustand lässt sich durch ein bis zwei in den passenden Abständen eingenommene Gläser am Nachmittag und Abend wunderbar strecken, die Zeit vergeht dabei wie im Fluge und die Gedanken sind freier denn je. Gespräche gehen mir lockerer von der Hand beziehungsweise Zunge und die kleinen Missgeschicke des Tages stellen kein bedeutendes Ärgernis mehr dar. Zur Vervollkommnung der Weinkunde lerne ich momentan Geschmackstabellen, Rebensorten und Hintergrundinformationen über Weinanbaugebiete auswendig, um das Weinkennerprofil abrunden zu können.
Im fünften Schritt werde ich mir einige wohl gesetzte sprachliche und Verhaltenseigenheiten angewöhnen, um noch unnahbarer zu wirken und eine liebenswerte Kauzigkeit zu kultivieren. Sprachlich gesehen bietet es sich an, einige sperrige Wörter oder Satzfüllkonstruktionen über Gebühr zu verwenden, was sich in schriftlicher Form nur unzureichend wiedergeben lässt. An dieser Stelle ist mein Aufruf an die verehrte Leserschaft, in den zukünftigen Gesprächen mit mir genau hinzuhören und mich darüber in Kenntnis zu setzen, ob mein Vorhaben spürbare Auswirkungen hat. Bei den Verhaltenseigenheiten liegen Klassiker wie die Abstinenz von sämtlichen Klingen zur Entfernung des Körperhaars ,Stichwort schmieriger Poeten-Mehr-Tage-Bart, die Umstellung der Ernährung auf besonders schmackhafte und geruchsintensive Speisen, kleine Ticks in der Mimik, Gestik und generell Motorik sowie viele andere Feinheiten nahe… Bei besonders interessanten Leservorschlägen wäre ich durchaus geneigt, auf diese Anregung einzugehen und mich entsprechend selbst zu konditionieren.
Zu guter Letzt will ich kurz auf das symbolische Sahnehäubchen der Poesie zu schreiben kommen, die, wie könnte es anders sein, Suche nach einer inspirierenden Muse, um zur unbestreitbaren lyrischen Meisterschaft zu gelangen. Bekanntermaßen eines meiner Lieblingsanliegen, welches besonderer Aufmerksamkeit bedarf und für die besonderen Momente im Jungpoetendasein sorgt. Aus diesem Grund lässt sich dieses romanwürdige Unterfangen natürlich nicht in einigen Sätzen am Ende eines ausschweifenderen Wochenberichts umreißen, sondern wird von mir zu gegebener Zeit wieder aufgegriffen. Einstweilen spanne ich die gesammelte Leserschaft ein wenig auf die Folter…
Längeren Textes spärlich vorhandener Sinn: Die entscheidenden Rahmenbedingungen der Schriftstellermetamorphose sind geschaffen und ich bin bereit, fehlen nur die herausragenden Ideen!
P.S. Urlaubsbedingt dürfte meine Antwortgeschwindigkeit auf etwaige Kommentare in den nächsten Tagen deutlich zu wünschen lassen…
Der Sache mit der angenehmen nachmittäglichen Trunkenheit werde ich bzw. wir ab September mal auf den Zahn fühlen…
Es geziemt sich für einen Poeten klassischer Prägung an sich nicht, moderne technische Fortbewegungsmittel wie etwa Autos oder sogar Flugzeuge zu benutzen.
Ich schlage daher vor, Ihr macht Euch zu Ross gen Küste auf und übersetzt dann per Fähre nach Norwegen.
Schönen Urlaub!
@ Brahms
Vorzugsweise mit dem Argentinischen?! ;)
@ TRS
Habt Dank für Euren Verweis, ich werde flugs das Notwendige in die Wege leiten…
so, nun muss ich mich mal umfänglicher äußern: zu Schritt 1: gibt es denn nicht mehr diese Schokozigaretten aus meiner Kinderzeit…. lässig im Mundwinkel hängend aus der Ferne betrachtet cool genug und eben keine Geruchsbelästigung geschweige denn Asthmaanfall. zu Schritt 2: das schwere Tippen auf Band aufnehmen und bei Bedarf am offenen Fenster abspielen .. macht Eindruck - keine Sehnenscheidenentzündung und wirkt evtl. beruhigend wenn Sie ganz lautlos dabei am Notebook “klimpern”. zu Schritt 3: sag ich besser nix ;-) oder glauben Sie der Muse wirds gefallen?????
zu Schritt 4: nicht SIE sollen was über Weinhintergründe und bla bla LESEN sondern UNS was schreiben also Schluss damit und her mit den Zeilen an die Fangemeinde und zu Schritt 5: NOCH UNNAHBARER??? ;-)
ach ja - zur Optik: ´nen Zopf wäre hübsch…. wirkt intellektuell/poetisch, oder? und kann täglich auch unfrisch frisiert werden… paßt wieder zum schmierigen-poeten-mehrtagebart!
beim nächsten kommentar halt ich mich dafür was zurück! schönen urlaub …ähm WOVON eigentlich erholen bei DEM Leben ;-))
Hallo Herr Jungpoet,
ich sehe die geplanten Dinge als ersten richtigen und wichtigen Schritt zum Poetentum an. Ich denke Du solltest das Thema Kauzigkeit weiterhin forcieren, bestes Beispiel, dass man in der Litaraturwelt ohne nicht weit kommt, ist Herr Reich-Ranicki.
Wie wäre es z.B. mit einem Hut a la Udo Lindenberg? Die Idee mit dem Zopf meinder Vorschreiberin finde ich auch Klasse… Oder einem gewagten Ohrring in Buchform? … Die Möglichkeiten sind vielfältig, Du wirst schon was passendes finden!
Viele Grüße und weiter so :-)
Hallo Sonning,
Du hast wohl bei meinem Weinseminar nicht so ganz aufgepaßt. Es gibt keine Geschmackstabellen, sondern Geruchskreisel. Die passen auch besser zu der natürlichen Bewegungsform nach fortgeschrittenem Weinkonsum. Ich glaube, Du mußt dringend in die Nachschulung.
Um als Weinkenner durchzugehen, ist es außerdem nicht so wichtig Weinanbaugebiete und Rebsorten zu kennen. Wichtig ist es mit möglichst geschwollener Sprache, den Wein zu beschreiben und mit einer arroganten Geste sämtliche Vorbehalte von Leuten mit noch funktionierenden Geschmacksnerven aber geringem Selbstvertrauen wegzuwischen. Zumindest das erstere sollte für Dich als Jungpoet doch eine Finger-, äh Zungenübung sein.
Auf Dein Wohl :-)
Ach, sag mal, mir kommen da gerade ein paar Gedanken:
Du wirst Deine neuen Jungpoeten/Vollblutschriftsteller Kleider doch sicherlich stolz auf der Frankfurter Buchmesse defilieren oder?
Solltest Du also im Oktober trotz sicherlich schon erfolgtem Durchbruch noch mit uns kleinen Leuten sprechen, dann ließe ich mir gern mal einen Wein von Dir empfehlen und mit Dir schmecken - auf die alten Guten(berg) Zeiten natürlich.
Und sollte trotz besagtem Durchbruch der Scheck vom Verleger bis dahin noch nicht eingetroffen sein, wäre es uns natürlich eine Ehre Dir Quartier zu bieten - aber geraucht wird nicht, dass mag unsere neue Mitbewohnerin nicht!
Grüße!
> “In einem Secondhandladen um die Ecke bin ich auf eine gemütliche braune Cordhose samt passender Weste gestoßen und habe in Anbetracht der vorausgegangenen Überlegungen bedenkenlos zugeschlagen.”
Gibt es noch die sagenumwobene Levis-Combi?
@ Andrea Kiefer
Ich muss mir anscheinend langsam Sorgen machen, dass Sie mich und nicht ich Sie in den Boden schreibe?! ;) Schokozigaretten und Bandaufnehmen sind grandiose Fingerzeige, damit ließe sich wahrlich arbeiten.
Mein Bildungsauftrag umfasst nicht die kulinarische Verfeinerung des Leserlebens, eigentlich wollte ich das anderen und besser geeigneten Schreiberlingen überlasse. Ich bin eben als perfekte Verkörperung des Genussmenschen bekannt…
Zu guter Letzt merke ich an, dass Dichten ungemein schlaucht. Und wenn schon nicht das Dichten, dann die klischeehaften Aktivitäten und Erlebnisse drumherum. ;)
@ Poetenjünger
Kommt zu mir, meine Kinder, ich bedarf Eurer! ;) Kauzigkeit sei also das Gebot der Stunde? Wie wäre es dann mit einem Zopf, der unter der breiten Hutkrempe hervorlugt und einem buchförmigen Nasen- oder besser Unterkieferpiercing? Stellt sich nur die Frage, ob meine jeweils erste Lesung die letzte sein würde, oder? ;)
@ Kevin
Freude in den Hütten und Palästen - bist Du es, mein alter Gefährte! ;) Dein Lob ehrt mich natürlich besonders und sobald ich mit genügend Pomp in Frankfurt auftauche, sollte einem Weinchen nichts im Wege stehen!
@ F
;) Der erwähnte Landjugendpanzer hat leider vor geraumer Zeit den Weg des Irdischen angetreten…
@ Clem
Oh ja, Verzeihung, dass war mir nach dem gefühlten zehnten Wein entfallen… ;) Von da an erinnere ich mich nur noch an “kipp’ ‘runter das Zeug!”, die Überarbeitung des allgemeinen Sprachniveaus ist gestartet worden und dürfte in spätestens fünf Jahren erfolgreich beendet sein!
Das abendliche Gläschen Wein hätten wir uns wohl doch teilen können. Nun trinke ich den meinen allein auf dem Sofa - und fröne deinen Texten. Wenn du anfängst vor lauter Jungpoetenperfektionismus den ollen Kachelofen wieder aufzubauen, nur um daran einen Zylinder zu befestigen, und du dir dann noch einen schwarzen Schirm übers Bett hängst, fange ich an, mir Gedanken zu machen. Soweit ist es ja aber noch nicht. — ODER?!
@ Rumpel
Stimmt, wobei meine Texte idealerweise alleine zu genießen sind, damit ganz unbeschwert gejuchzt werden kann. ;) Deine Hinweise kommen auf die Liste, waren bis dato aber nicht in der engeren Auswahl…
Hi Sonning,
wenn ich jetzt verrate, daß es insgesamt gerade mal 8 Weine waren, fragen sich Deine mathematisch hochbegabten Leser sicherlich ab dem wievielten Glas Du angefangen hast doppelt zu zählen.
@ Clem
Tja, manchmal schleicht sich bei mir eben eine leichte Ungenauigkeit ein und im Zahlenraum bis zehn war ich schon immer schwach… ;)
Das ist ja wieder typisch Schriftsteller. Immer nur an den großen Zahlen interessiert. Unter 6stelligen Auflagen und 7stelligem Kontostand lohnt es sich gar nicht aufzustehen.
@ Clem
Ertappt! ;)