Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

4. August 2009

Der Jungpoet im Feldversuch: Von der Musensuche

Am Anfang verrate ich gleich ein Geheimnis: Ich schreibe nicht, weil es mir Spaß macht, all meinen Lügen Unkenrufen zum Trotz. Die Hoffnung auf einen Publikumserfolg oder platt Bestseller treibt mich ebenso wenig an und um. Der große Freiheitsgrad in Form der Orts-, Zeit- und persönlichen Unabhängigkeit meiner neuen “Arbeit” bedeutet mir ebenfalls nichts und wer mich kennt, der weiß, dass mich die Möglichkeit der Beschäftigung mit vielfältigen, gar gesellschaftskritischen Themen noch nie gereizt hat.

Nein, es ist ganz einfach, es geht mir einzig und allein um den erhabenen Nimbus des Schriftstellers. Früher sagte man Bankern auch einen gewissen Nimbus nach, dementsprechend wurde ich in meinem alten Leben Banker. Leider erwies sich diese unwiderstehliche Aura als nicht von Dauer, dementsprechend wurde ich ein Managementassistent, um nach meinen Lehrjahren vom dann erworbenen Nimbus des Managers zehren zu können. Wiederum fuhren mir äußere Umstände in die Parade, die Finanzkrise mauserte sich zu einer veritablen Wirtschaftskrise, die schillernde Managementfassade bröckelte und für mich war zum dritten Mal Umdenken angesagt. Jetzt also Plan C, Schriftsteller werden.

Und wenn ich in meinem alten Leben etwas gelernt habe, dann, dass Image bildender Stil mindestens die halbe Miete ist und selbst die Häuptlinge nur mit Wasser kochen. Wer mich recht einzuschätzen weiß, ahnt, was dies bedeuten dürfte: Ich mache keine halben Sachen und steuere schnurstracks die Wandlung vom ein wenig belächelten Jungpoeten zum respektierten Vollblutschriftsteller oder auch lyrische Mannwerdung an. Nach einer ausgiebigen Analyse gängiger Schriftstellerplatitüden habe ich mir ein Mehr-Punkte-Programm auferlegt, um diesen Wunschtraum möglichst schnell und unkompliziert zu realisieren:

Im ersten Schritt habe ich mit dem Rauchen unterschiedlicher Erzeugnisse der Tabakindustrie angefangen und experimentiere derzeit mit Pfeifentabak und Zigarren. Ein abschließendes Urteil habe ich bis dato nicht gefällt, als Asthmatiker und geruchsempfindlicher Mensch drängt sich mir allerdings der Eindruck auf, dass die Hustenkrämpfe beim Pfeife paffen heftiger und schmerzhafter ausfallen, während der Gestank der Zigarren die Wohnung penetranter verpestet. Optisch gesehen unterstützt die Pfeife eher das in der Bevölkerung weit verbreitete Klischee des Intellektuellendaseins, die Zigarre hingegen verkörpert Männlichkeit und eine oberflächliche Machoattitüde. Soviel ist schon jetzt sicher, aus Imagegründen mit dem Rauchen anzufangen war auf jeden Fall die richtige Entscheidung.

Im zweiten Schritt habe ich mir eine ältere Schreibmaschine mit merklichen Beschädigungen an den Tasten der Vokale zugelegt, aus unerfindlichen Gründen scheint sich zum Beispiel der Buchstabe “a” bei Schreibenden einer besonderen Beliebtheit zu erfreuen. Bei geöffnetem Fenster ist es mir nun möglich, ohne viel Aufhebens durch charakteristische Tippgeräusche zu verdeutlichen, dass in dieser Kammer nur ernsthaft geschrieben werden kann. Fernerhin wirkt sich die Schreibmaschine unter anderem aufgrund der angerissenen Alterserscheinungen des Geräts nachteilig auf meine Schreibgeschwindigkeit aus, ein weiteres erfreuliches Detail zur Abrundung des Bildes des nachdenklichen Schreiberlings an der Tastatur, der um jeden Satz, ach ich untertreibe, jedes Wort und in ausgewählten Fällen um jeden Buchstaben ringt. Seit neuestem liegen auf dem Schreibtisch neben Pfeifen und Zigarren auch Hammer und Meißel stets bereit, um der widerspenstigen “a”-Taste physisch das Fürchten zu lehren und ja, ich kann einen ersten Teilerfolg am Schreibtisch vermelden: Bisher spurt sie.

Kommen wir zum dritten Punkt, dem Gewande eines Poeten. In meinem alten Leben haben sich in meinem Kleiderschrank viele Hemden, Anzüge und Krawatten sowie im Flur dazu passende elegante Lederschuhe und für die Freizeit Jeans angesammelt. Jedem Leser und vor allem jeder Leserin sollte die Ungeeignetheit dieser Geradrobe für die Poesie sofort ins Auge stechen. Im feinen Zwirn dichtet es sich schlecht und die Jeans ist zu sehr Massenware, um der Entstehung wahrhaft fesselnder Geschichten zuträglich zu sein, außerdem will ich nicht mehr so häufig bei Mama zum Bügeln der Sachen vorbeifahren. In einem Secondhandladen um die Ecke bin ich auf eine gemütliche braune Cordhose samt passender Weste gestoßen und habe in Anbetracht der vorausgegangenen Überlegungen bedenkenlos zugeschlagen. Im Eifer des Kaufgefechts wechselten zusätzlich zwei Weisheit und Lebensalter ausströmende Pullover den Besitzer, wieder zu Hause angekommen und in die neuen Kleider gehüllt fühlte ich mich das erste Mal beinahe wie ein richtiger Schriftsteller.

Als Perfektionist bin ich selbstverständlich nie zufrieden und deswegen habe ich Punkt vier ersonnen, nämlich einen gepflegten Weinalkoholismus. Seit neuestem bestelle ich mir bereits zum Mittagstisch ein Gläschen des besten Weines der jeweiligen Wirtschaft, um mein Zünglein zu schulen. Nach Jahren des überzeugten Antialkoholismus’ führt dieses Vorgehen zu einer angenehmen Trunkenheit am frühen Nachmittag und der Zustand lässt sich durch ein bis zwei in den passenden Abständen eingenommene Gläser am Nachmittag und Abend wunderbar strecken, die Zeit vergeht dabei wie im Fluge und die Gedanken sind freier denn je. Gespräche gehen mir lockerer von der Hand beziehungsweise Zunge und die kleinen Missgeschicke des Tages stellen kein bedeutendes Ärgernis mehr dar. Zur Vervollkommnung der Weinkunde lerne ich momentan Geschmackstabellen, Rebensorten und Hintergrundinformationen über Weinanbaugebiete auswendig, um das Weinkennerprofil abrunden zu können.

Im fünften Schritt werde ich mir einige wohl gesetzte sprachliche und Verhaltenseigenheiten angewöhnen, um noch unnahbarer zu wirken und eine liebenswerte Kauzigkeit zu kultivieren. Sprachlich gesehen bietet es sich an, einige sperrige Wörter oder Satzfüllkonstruktionen über Gebühr zu verwenden, was sich in schriftlicher Form nur unzureichend wiedergeben lässt. An dieser Stelle ist mein Aufruf an die verehrte Leserschaft, in den zukünftigen Gesprächen mit mir genau hinzuhören und mich darüber in Kenntnis zu setzen, ob mein Vorhaben spürbare Auswirkungen hat. Bei den Verhaltenseigenheiten liegen Klassiker wie die Abstinenz von sämtlichen Klingen zur Entfernung des Körperhaars ,Stichwort schmieriger Poeten-Mehr-Tage-Bart, die Umstellung der Ernährung auf besonders schmackhafte und geruchsintensive Speisen, kleine Ticks in der Mimik, Gestik und generell Motorik sowie viele andere Feinheiten nahe… Bei besonders interessanten Leservorschlägen wäre ich durchaus geneigt, auf diese Anregung einzugehen und mich entsprechend selbst zu konditionieren.

Zu guter Letzt will ich kurz auf das symbolische Sahnehäubchen der Poesie zu schreiben kommen, die, wie könnte es anders sein, Suche nach einer inspirierenden Muse, um zur unbestreitbaren lyrischen Meisterschaft zu gelangen. Bekanntermaßen eines meiner Lieblingsanliegen, welches besonderer Aufmerksamkeit bedarf und für die besonderen Momente im Jungpoetendasein sorgt. Aus diesem Grund lässt sich dieses romanwürdige Unterfangen natürlich nicht in einigen Sätzen am Ende eines ausschweifenderen Wochenberichts umreißen, sondern wird von mir zu gegebener Zeit wieder aufgegriffen. Einstweilen spanne ich die gesammelte Leserschaft ein wenig auf die Folter…

Längeren Textes spärlich vorhandener Sinn: Die entscheidenden Rahmenbedingungen der Schriftstellermetamorphose sind geschaffen und ich bin bereit, fehlen nur die herausragenden Ideen!

P.S. Urlaubsbedingt dürfte meine Antwortgeschwindigkeit auf etwaige Kommentare in den nächsten Tagen deutlich zu wünschen lassen…

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