Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

31. Juli 2009

Der Jungpoet und das Krankenkassenkomplott

Liebes Tagebuch,
im Badezimmer ist mir heute Morgen im Rahmen einer motorischen Ungereimtheit meine Zahnbürste entglitten und in die Toilettenschüssel geplumpst - ich hoffe, es handelt sich um kein schlechtes Omen für den Tag. Glücklicherweise hat sich dieses kleine Missgeschick bei der gewissenhaften Zahnreinigung geschmacklich nicht negativ ausgewirkt…

Eines möchte ich gleich am Anfang festellen, ein voll im Saft stehender Jungpoet wie ich kann gar nicht krank werden. Wie bereits zuvor eindrucksvoll bewiesen, kann es im schlimmsten Fall zu latenten Allmachtstagsfantasien kommen, welche relativ schnell durch klärende Gespräche mit grobschlächtigen einfühlsamen Mitbürgerinnen und Mitbürgern kuriert werden können. Es geht eben nichts über ein offenes Gespräch mit Wildfremden auf der Straße oder in irgendwelchen Büros…

Verzeihung, ich schweife ab. Bei mir, dem allseits begehrten und beliebten Jungpoeten, handelt es sich bekanntlich um ein schillerndes Mischwesen aus südländischem Feuer und Temperament, der Lockerheit des gemeinen Skandinaviers, einem Gutteil angelsächsischer Begeisterungs- und Analysefähigkeit und selbstverfreilich will ich die germanische Robustheit nicht unerwähnt lassen. Tatsächlich bin ich in der Lage, meine Abstammung von jeweils mindestens einem herausragenden Vertreter der genannten Regionen beziehungsweise Mentalitätsarchetypen zweifelsfrei bis zurück ins 16. Jahrhundert zu belegen. Aus Platzgründen und im Sinne der Leserfreundlichkeit verzichte ich vorerst auf eine genaue Auflistung, schließlich muss ich mir auch noch in vier Monaten irgendwelchen Stuss aus den Fingern saugen können werde dies aber zur rechten Zeit nachholen.

Verzeihung, ich schweife erneut ab. Jeder deutsche Bürger hat sehr viele Rechte und äußerst wenige Pflichten - ein wunderbar ausgewogenes Verhältnis! Deswegen leben wir, und damit schließe ich mich trotz meines angeführten exotischen Profils explizit ein, alle so gerne in diesem Land, wo die Verwaltungsmilch und der Fomularhonig reichlich fließen, oder? Auf jeden Fall muss jeder Bürger eine Krankenversicherung sein Eigen nennen. Kurzzeitig war ich in Anbetracht dieses skandalösen Umstands geneigt das Land zu verlassen oder mich per zu initiierender Volkspetition zu widersetzen und eine Jungpoetenausnahmegenehmigung zu erwirken - die Mobilisierung der Alltagsfantasienleserschaft hätte bestimmt ausgereicht und wäre gegebenenfalls um weitere Tagträumer und Lebenskünstler erweitert worden, doch ich bin im allgemeinen ein braver Junge und will keine sozialen Unruhen provozieren. Man denke an all die Pferdepflegerinnen, Geigenbauer und insbesondere Staubsaugervertreter, die nachher auf dumme Gedanken kommen könnten. Es wird einem als Kunden auch leicht gemacht, flugs ein Formular ausgefüllt und fertig ist die Laube äh der Rundumwohlfühlkrankenversicherungsschutz. Doch weit gefehlt, wie üblich spielt der Alltag mir mehr als einen Streich und lacht sich dabei genüsslich ins Fäustchen. Zugegebenermaßen, für den besonderen Nervenkitzel bin ich mittlerweile dazu übergegangen, Formulare tunlichst blind auszufüllen, da eh immer dasselbe wie z.B. sind sie ein gesuchter Terrorist - ja, aber bitte verraten Sie mich nicht; führen Sie eine Schusswaffe mit sich - nein, das heißt nur, wenn das Jungpoetenbudget wieder langsam zur Neige geht und ich kurz bei den Mädels von der Sparkasse vorbeischauen will; oder leiden Sie an einer ansteckenden Krankheit - zählt überbordender Speichelfluss dazu? abgefragt wird. An dieser Stelle sei verraten, dass das Thema Formularlyrik für mich weit davon entfernt ist abgeschlossen zu sein. Ha! Wo war ich? Ach ja, ich bin eben gut in Übung und überwinde jegliche Hindernisse, um das Lotterleben in Saus und Braus anspruchsvolle Dasein als respektierter, gern gehörter und häufig zitierter Vorzeigeintellektueller und Gesellschaftskritiker in Ruhe weiter zu leben.

Eigentlich war’s das für heute, doch vielleicht ist eine schematische Darstellung der Geschehnisse von Leserinteresse? Nun denn, so will ich mit meiner Geschichte ganz von vorne beginnen: Es war einmal ein holder Jüngling mit nussbraunem Haar, Gold in der Stimme und einem sprühenden Charme, eines Morgens erwachte eben dieser Jüngling und sprach sogleich in gedichteten Zeilen, die jedwed’ Mensch und Tier in seiner Umgebung einsponnen und verzückten. So begab es sich… äh ja.

*Credo des ersten Telefonats mit der Krankenkasse / Krankenkassenmitarbeiter = KK-MA, JP = Herr Strauß aka Deckname der Jungpoet aka holder Jüngling*

(…)
KK-MA: Herr Strauß, kommen Sie einfach vorbei, bringen Sie nichts außer sich selbst mit und wir gehen rasch die Formularalitäten durch!
JP: Vorzüglich, ich eile!

*Auszug aus dem ersten Gespräch mit dem komplottierenden äh kompetenten Krankenkassenmitarbeiter = KKK-MA und dem Jungpoeten*

(…)
KK-MA und JP gehen zusammen gründlich das Antragsformular durch und gelangen an einen heiklen Punkt.
KKK-MA: Aha, Sie wollen also schreiben. Wovon werden Sie leben?
JP springt auf und ruft “Von der Luft und Liebe allein!”: Ersparnisse.
KKK-MA: Und im Herbst nehmen Sie dann ein Studium auf?
JP: Ja genau, Französisch - zur Horizonterweiterung versteht sich.
KKK-MA: Soso, unser Studentenangebot ist außerordentlich günstig.
JP: Stimmt, ein wahres Schnäppchen! Darf ich Sie jetzt verlassen?
KKK-MA: Momentchen noch, ich bräuchte eine Bescheinigung Ihrer Einkünfte.
JP: Geht das mündlich - keine, nischt, nix, ingen, nada, none, leere Lohntüte, offene Hand ohne Inhalt, Weißfaulenzerei oder schlicht den Beitrag von Null Euro bar auf die Kralle.
KKK-MA: Sie Witzbold, nein bitte schriftlich von Ihrer Bank.
JP: Hrmpf, wozu habe ich mit Ihren Kollegen telefoniert?
KKK-MA: Weiß ich nicht - ach ja, viel Spaß beim Studium!
JP: Danke, werde ich bestimmt haben.

*Credo des zweiten Telefonats mit der Krankenkasse bezüglich studentischer Besonderheiten*

(…)
JP: Updike äh Strauß - Ihr Kollege hat mir mitgeteilt, dass ich noch ein Formular für’s Studium ausfüllen muss.
KKK-MA: Ja, schicke ich Ihnen zu, unterschreiben Sie es und dann zurück an mich, dann kann’s mit Ihrem Studium losgehen!
JP seufzt und willigt ein.

*Das zweite KK-Formular findet sich einige Tage später im Briefkasten des Jungpoeten ein, wird signiert, mit dem Sinnspruch “Falls Dir der Alltag sehr zu schaffen macht, tauche ab ins Reich der Fantasien, dort fin.det sich neue Kraft, selbst wenn alles verloren schien!” versehen, ordnungsgemäß etikettiert und zurückgeschickt*

*Ungefragt findet sich einige Tage später eine KK-Blankoantragsmappe mit der Bitte um Ausfüllung der markierten - keine - Stellen im außer Haus angebrachten Papieraufbewahrungsbehälter ohne Wegschmeißintention des Jungpoeten ein. Der dichtende Sympathieträger tobt, wettert und zetert, findet sich dennoch getreulich erneut in der KK-Filiale ein.*

*Credo des zweiten Gesprächs mit einer kompetenten Krankenkassenmitarbeiterin*

(…)
KKK-MA: Herr Strauß, dass tut mir alles furchtbar leid. Ihr Antrag scheint irgendwo stecken geblieben zu sein. Sie kennen das ja - Krankheit, Urlaub…
JP: …schlechte Arbeitsmoral, ja vor allem Letzteres. Zu Ihren ersten beiden Punkten möchte ich auf den meiner Meinung nach eh zu üppigen Urlaubsanspruch normaler Angestellter hinweisen und wenn es nicht mit blutigem Auswurf verbunden ist, erwarte ich von Mitarbeitern, sich angeschlagen ins Büro zu schleppen. Wenn nichts mehr geht, kann schließlich die Krankenversicherung einspringen. Ja, da habe ich Verständnis für. Ich habe ohnehin genug Zeit und langweile mich zumeist.
Der Krankenkassenmitarbeiterin gelingt es hernach tatsächlich, im Beisein des Jungpoeten die offenen Punkte am Telefon zu klären, so dass sich der Jungpoet erleichtert und zutiefst dankbar verabschiedet.

*Auszug aus dem Telefonat in Folge des ersten Anrufs eines kompetenten Krankenkassenmitarbeiters Herrn Y. mit Nachfragen zum Antrag des Jungpoeten*
KK-Mitarbeiter: Guten Tag Herr Strauß, hier ist Ihre Krankenkasse.
JP schnappt sich ein frisch geschliffenes Messer und fuchtelt ein wenig in der Luft herum: Guten Tag, es ist eine Wohltat nach Jahren von meiner Krankenkasse zu hören!
KK-Mitarbeiter lacht verlegen: Nun ja, ich bearbeite gerade Ihren Antrag und bin über Ihr im Herbst beginnendes Studium gestolpert.
JP zwingt sich zur Sachlichkeit, indem er sein Lieblingskissen ein wenig durchlöchert und erklärt in Ruhe den Sachverhalt.
KK-Mitarbeiter: Aha, dann wird das Studentenformular einfach noch unterwegs sein. Darf ich mich aus Interesse nach Ihrem Studium erkundigen?
JP: Ja, gerne.
*Das nun beginnende Palaver mündet in immer kühneren Thesen des Jungpoeten über die dunklen Machenschaften der Krankenkasse sowie dem imaginären Titel seines Romandebüts, namentlich “Herr Y und das Krankenkassenkomplott”.*

*Ende des ersten KK-Akts, Fortsetzung folgt hoffentlich nicht…*

Alles in allem eine bis dato dezent irritierende Erfahrung und falls es gestattet ist, würde ich mich jetzt gerne auszurückziehen, um solange nackt durch die Strassen Eimsbüttels zu laufen, bis ich das erste Mal vom neuen Versicherungsschutz profitieren kann. Wir Jungpoeten haben eben auch unsere Tricks.

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar