Ich bin der Ansicht, dass jeder Mensch, der des Schreibens mächtig ist, auch schreiben kann. Eigentlich bin ich auch der Meinung, dass jeder Mensch, der des Schreibens mächtig ist, auch regelmäßig handschriftlich schreiben sollte. Diese wunderbare Kulturtechnik darf einfach nicht vollends in Vergessenheit geraten oder im Hinterstübchen des Hirns verstauben. Darüber hinaus bin ich überzeugt, dass jeder Mensch auf (s)eine lebendige Fantasie Zugriff hat, sobald die Grundbedürfnisse in Form von einer Reihenhaushälfte mit zwei auf der Auffahrt parkenden Autos, drei Urlauben pro Jahr, einem Partner nach Wahl an der Hand oder im Bett, eine wuchtige Schrankwandkombination im Wohnzimmer und ein paar 500er Scheinen in der Geldspange zum lockeren ‘Rauszählen Essen, Kleidung und Dach über dem Kopf befriedigt sind. Es müssen nur geeignete Rahmenbedingungen geschaffen und einige Schlüsselreize gesetzt werden und schon sprudeln die Gedanken und Worte unwiderstehlich aus ihrem Wirt hervor. Derart kühne Thesen gilt es zu beweisen, um einem minimalen wissenschaftlichen Anspruch gerecht zu werden. Im Rahmen der ersten halbtägigen, von mir veranstalteten Jungpoetinnen- und Jungpoeten-Erweckungsseminarreihe habe ich mich daher für den folgenden Versuchsaufbau entschieden:
Mehrere unbescholtene und miteinander nicht bekannte Menschen beiderlei Geschlechts wurden unter Vorwänden wie z.B. mein Wasserhahn tropft; ich habe einen neuen Kühlschrank bekommen, könnten Sie ‘mal eben mit anfassen; ich habe Hunger und reichlich Zutaten im Haus, kann aber leider nicht kochen - wären Sie so freundlich, mir zur Hand zu gehen?; ich nenne eine umfangreiche Briefmarken- und Münzsammlung mein Eigen, die ich Ihnen gerne vorführen würde in meine in einem klobigen und heruntergekommenen Hochhaus gelegene Wohnung kleine, aber feine Dichterstube gelockt. Man machte sich dann schnell miteinander bekannt, wobei Alter, Beruf, Geschlecht und Schönheit im Laufe der nächsten Stunden keine Rolle spielen sollten…
Die sechs Versuchsteilnehmer wurden in der gewünschten Versuchsanordnung eng zusammengezwängt an meinen klapprigen Küchentisch gebeten und begannen sich gegenseitig zu wärmen. Meine Heizung drehe ich für Gäste aus Kostengründen nicht mehr an - die alte Kuschelmasche zieht immer ist leider kaputt und keiner der Anwesenden besaß tiefergehende Installationskenntnisse. Nun zahlte ich die Halteprämie in Höhe von zehn Euro aus, um dem aufkommenden Murren entgegen zu wirken. Kurz darauf begann ich, den billigsten Fusel aus dem Zehn-Liter-Plastikbehälter mit Drehverschluss, der mir schon viele Stunden versüßt hatte, guten argentinischen Tropfen auszuschenken; die Zungen und Schreibhände meiner geschätzten Gäste galt es zu lockern. Wir alle sprachen dem Weingeist mit Hingabe zu und nach drei Stunden hatte sich die Stimmung gelöst. Wie alte Freunde lagen wir uns in den Armen und erste Aussetzer der am Tisch geballt versammelten Sprachzentrumskompetenz schlichen sich ein.
Ich erkannte meine Chance. Voller Vorfreude in mich hinein grinsend, rieb ich mir die Hände und zückte das vorbereitete Papier und die präparierten Stifte. Meine Stimme überschlug sich beinahe und klang etwas fremd in meinen Ohren als ich “Ran an die Stifte, Ihr Leseratten!” in die Runde rief. Als Motto gab ich “die Liebeskonzeption in der Literatur des 16. und 17. Jahrhunderts” aus, ein Thema, welches mich verständlicherweise seit einiger Zeit intensiv beschäftigte. Einige stutzten, fragten nach, wurden abgebügelt und wieder aufgerichtet. Und alle gehorchten. Mit Tränen der Rührung in den Augen beobachtete ich, wie sechs Stifte auf jungfräulichem Papier angesetzt wurden. Allerorten sah ich angestrengte Mi(e)nen, Schreibwerkzeug fuhr ungeniert über Papier, Zungenspitzen befeuchteten die eigenen Lippen vor lauter Konzentration, Hände lagen ruhig auf fremden Oberschenkeln, einst brave Bürger kicherten vor sich hin, ja ein alle Sinne berauschendes Fest der Poesie brach sich in dieser verhutzelten Küche Bahn und riss uns alle mit sich fort.
Jeweils auf mein Kommando ließen wir die Blätter und auf ihnen erwachsenden Geschichten rotieren und erfreuten uns an den Einfällen unser Gegenüber. Der Zauber des Moments schlug Breschen in die biederliche Beamtenfassade, das Saubermannimage als freundlicher und ein wenig kindlicher Informatiker bekam Risse, die Hausfrau gewährte Einblick in die dunklen Seite ihrer Gedankenwelt und auch die Technikerfraktion offenbarte, welche Wellen der Lyrik von den kräftigen Handwerkerarmen geschlagen werden konnten. Ich schwieg und genoss den Strom der sich manifestierenden Gedanken. Wie von lautlosen Paukenschlägen angefeuert, erhöhte sich die Schreib- und Rotationsfrequenz des nun eingeschworenen Zirkels am klapprigen Küchentisch stetig.
Ich ließ mich anstecken, zog mit, mich hielt es nicht mehr auf dem Stuhl. Ich sprang auf, strauchelte, fiel, rappelte mich auf, strauchelte abermals, fiel erneut und blieb liegen. Die anderen schenkten mir keine Beachtung und hingen wie gebannt an ihrem Papier. Plötzlich, wie auf einen unsichtbaren Fingerzeig hin, erlahmte das lyrische Rotationsverfahren über mir und jeder der Gefährten auf Zeit erhob sich feierlich. Nacheinander gaben sie die entstandenen Geschichten und Zeilen zum Besten. Ich spürte die Kälte des Bodens nicht mehr, der Schmerz in den Gliedern wich und verlor sich dumpf in der Ferne. Ich wollte nur noch lauschen, träumen, mich von den fremden und doch so vertrauten Zeilen anstecken lassen. Ich wand mich auf den Fliesen in intellektuell-lyrischer Ekstase! Als die lyrische Wonne nicht mehr zu ertragen war, umfing mich eine gnädige Ohnmacht.
Am nächsten Tag erwachte ich erschöpft auf dem Küchenboden. Schemenhaft geisterten vor meinem inneren Augen Erinnerungen an das Geschehene umher. Nun spürte ich den Schmerz in meinen Gliedern und die Erschöpfung meines Geistes. Müde und ängstlich wanderten meine Augen durch meine verwüstete Küche, ich entdeckte zahllose Weinflecken auf dem Boden, an den Schränken und auf den Möbelresten, zerrissenes Papier hatte sich wie eine Schneedecke über den Raum gelegt. Waren meine Gäste wortlos entflohen oder hatte ich allein hier in der Nacht getobt? Hatte mich eine der gefürchteten Alltagsfantasien ereilt?
Jetzt erst wurde ich auf den Papierfetzen aufmerksam, den ich seit vielen Stunden fest umklammert in der Hand gehalten haben musste. Mehrfach studierte ich die niedergeschriebenen Worte und wurde innerlich ruhiger. Sie spendeten mir Trost und ich wurde wieder froh…
Lieber Jungpoet,
als Teilnehmer des “Laborexperiments” teile ich Deine Freude an den entstandenen (Mach)werken. Großes Lob und Anerkennung für diesen frivolen Abend!
Viele Grüße,
S.
P.S.: Irgendein Schluck der gereichten Getränke schien wirklich abgelaufen o.ä. zu sein, so fühlte mein Kopf zumindest am nächsten Nachmittag :-)
@ S
Erstaunlicherweise erwachte ich bis auf die Schmerzen und Hirnesleere beschwerdenfrei. Ob sich das Jungpoetentrainingsprogramm wohl schon bezahlt macht?
Ein Brüller, die Liebeskonzeption in der Literatur des 16. und 17. Jahrhunderts! Ich hoffe, Du konntest Dein in der
öden zweistündigen Vorlesungbrillanten Vorlesungsreihe imschrammeligengemütlichen Hörsaal in der Olshausenstr. 75 erworbenes Fachwissen an die Runde weitergeben und hast hierfür verdientermaßen große Anerkennung und viel Lob erhalten…@ TRS
Nun ja, dieser Ansatz ist selbst nach zwei Jahrhunderten fruchtbarer als man denkt! ;)