Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

22. April 2010

Der Titel ist die halbe Miete

Zeit, sich unbeliebt zu machen und bevor ich’s vergesse, der richtige Titel für meinen Debütroman ist gefunden. Aber von vorne. In meinem alten Leben habe ich gelernt, mich regelmäßig mit meinen Zielen zu beschäftigen. So erkennt man, an welchen Stellen es hapert und wie man erfolgreich wird. Jetzt müsste ich wissenschaftlich korrekt definieren, was Erfolg bedeutet. Kurzversion: Junge Frauen wollen Deinen Körper, ihre Mütter hängen trotzdem an Deinen Lippen, und die zugehörigen Typen hassen Dich. Der Schöngeist in mir hat sich vorgenommen, das Leben zu genießen. Viel Zeit in Ausstellungen, auf Konzerten und mit Künstlern verbringen. Kochen und Tanzen lernen. Studentinnen treffen. Den blauen Himmel beobachten und mir die Sonne auf den Pelz scheinen lassen. Und ein wenig am Roman (Stichwort Alibi) schreiben.

Der Kaufmann in mir beharrt auf Zeitvorgaben und Resultaten. Das Buch soll bald vorliegen. Die Konkurrenz gehört beobachtet und analysiert. Die Bestsellerliste muss aufgemischt werden. Von den Besten (= denen, die am meisten Kohle scheffeln) lernen, befiehlt das BWL-KauderwelschMantra. So wie jede Woche überschlug ich mit der rechten Hand in der neuen SPIEGEL-Ausgabe den Politik-, Gesellschafts- und Wirtschaftsteil und arbeitete mich zur Kultur durch, während die rechte an meinem Hosenschlitz nestelte. Verflixte Schmuddelheft-Konditionierung! Auf Seite 158 traf mich dann der Schlag und meine Finger ließen Reißverschluss sowie Magazin fahren.

DER SPIEGEL 16/2010 - Scan der Seite 158 - Belletristik-Bestseller

DER SPIEGEL 16/2010 - Scan der Seite 158 - Belletristik-Bestseller

Man beachte die Notizen des “Meisters”. Zur Zeit vollkommen wertlos und in fünfzig Jahren zu Staub zerfallen wie sein sterblicher Leib. Die Selbstbeschwörung mit in die Rellinger Straße geschrienen Chaka-Salven und dem Reiben des Magazins an den Problemzonen des Mannes (Geheimratsecken, Bierbauch, Prostata) entfiel. Ich rang mich durch, den 2. Platz (immer bescheiden bleiben) eine Minute statt der üblichen zehn zu fixieren und fortwährend “Ich mach’ euch alle platt. Hände weg vom meinem Platz.” zu murmeln. Heute breitete sich keine wohlige Wärme in meinem Inneren aus und ich gewann keine Zuversicht. Das Schriftsteller-Voodoo versagte. 13 von 20 Autorennamen raubten mir die Kraft. Ein Armutszeugnis für die deutschen Leser und Schreiberlinge. 13 von 20 Autoren in der Bestsellerliste stammten aus englischsprachigen Ländern und versorgten uns mit lauen Übersetzungen. 1/4 der Bücher wurde ein deutsch-englischer Mischtitel verpasst, “House of Night” zum Beispiel klingt doch einfach geil und oberspannend, oder?! Haus der Nacht klänge genauso dämlich, aber wäre zumindest deutsch. Ein Blick auf die Genres lehrte genauso das Fürchten: Bei diesen 20 Romanen kam ich auf 6 Fantasy-/Vampirschinken, 6 Krimis/Thriller, 2 Historienromanen (wenigstens schien diese Welle abzuflachen) und ganze sechs fiktionale Werke, deren Substanz ich nicht weiter hinterfragte. Ich war ohnehin den Tränen nah. Wo versteckten sich die gesellschaftskritischen deutschen Autoren mit ihren scharfsinnigen Werken? Oder anders gefragt: Gab es einen Markt für solche Bücher? Schließlich arbeite ich an nichts Anderem… Aus der Traum vom unbeschwerten Schriftstellerleben, finanziert durch die willige Masse. Mit gutem Gefühl kaufte ich 2 der 20. Martin Suters “Der Koch” hat mir eine Bekannte empfohlen und erhielt gute Kritiken, außerdem schlösse sich der Kreis. (siehe oben). Der Titel “Plötzlich Shakespeare” von David Safier bringt die Saiten des Herzens eines jeden Abiturienten, der mit Geschichte- oder Englisch-LK vorbelastet war, zum Klingen. Der Inhalt löste wahrscheinlich ab Seite Dreizehn Schundalarm aus… Die Shakespeare-Spekulationen des Jahres 2009 luden das Thema mit zusätzlicher Spannung auf.

Okay, Zeit für eine gepflegte Imitationsstrategie. Was Ihr könnt, kann ich schon lange, nur besser, schneller und günstiger! Vielleicht bot sich der Einsatz einer Erfindung für die jüngsten Wahlkämpfen an, die auch im Vorfeld des NRW-Scharmützel auf den gängigen Internetseiten auftauchte: Der Wahlomat. In seiner Reinkarnation als Namomat versteht sich. Auf Knopfdruck lässt er geile Buchtitel springen, die abräumen. Kracher auf Klick. State of the Kunst und Lyrik reloaded sozuschreiben. Als Nebendienst entlarvte er auch die Banalität des literarischen Treibens. Ich hatte meine Hausaufgaben erledigt. Mein Pseudonym Rico M. ließ sich wunderbar globalisieren und customizen. Für den deutschsprachigen Markt sorgte der Langname Rico Müller-Weidenbaum für die sehnende Note, um neben der Masse auch den Feuilleton anzusprechen. Für den angelsächsischen Käufer sorgte die gepimpte Rico Mullerkiller - Variante für den Nervenkitzel, der im Buchladen einsetzte und weder auf Toilette noch im Bett nachließ. Beim Titel schwanke ich zwischen “Umgeholzt - Forest of Death 1″, “Meine geheimen Alltagsfantasien” und “Wiedergeboren - neues Leben, the same shit”, herausragende Vorschläge Dritter sind willkommen. Das biedere “Rico M.: Meine geheimen Alltagsfantasien” ist selbstverständlich mein Favorit. Übrigens, ich verhandele gerade mit einem Freund von mir. Er ist Informatiker und verfügt gleichzeitig über einen beachtlichen Wortschatz. Er wäre interessiert, mir einen Romanomat zu programmieren. Dieses technische Meisterwerk befreite den Autor von einer großen Bürde. Er übernähme neben der Buch-Namensfindung das Zusammenklatschen des Inhalts aus Texten verquerer Blogs, Groschenromanen, Radio-Morgenshows, Unterhaltungsmitschnitten in Verkehrsmitteln und Tierheim-Aufnahmen. Bei Bedarf ließen sich in den Optionen Pfefferthemen wie “Schmied im Mittelalter”, “Single-Frau mit Monsterbrüsten”, “Bekenntnisse eines Pfarrers”, “Der Vulkan, mein Freund” oder “Opel und ich - eine Liebeserklärung” freischalten. Endlich müssten sich die armen Autoren nicht mehr mit dem Wort plagen und könnten sich auf die Wahl eines geeignetes Pseudonyms, Auftritte und den obligatorischen Groupie-Sex konzentrieren.
Also, Rico Ms “–Füllen Sie hier ihr Namomat-Wunschergebnis ein–” ist bald im Handel erhältlich. Bitte so arglos wie sonst zuschlagen und Sie werden nicht enttäuscht werden!

Kommentare

  1. 23. April 2010 - TRS I.

    Coole Idee. Bisher konnten sich nur Wissenschaftler eines so nützlichen Generators bedienen: http://pdos.csail.mit.edu/scigen/

    Ohne den Inhalt des Romans auch nur im Ansatz zu kennen - aber ein Titel hat ja gemeinhin eh nur wenig mit dem Inhalt zu tun -, wäre mein Titelfavorit:

    Rico M. - gehe nicht über Los

    Dann muss nur noch irgendwo auf einer halben Seite nach ca. 3/4 des Buches eine belanglose Monopoly-Szene kommen, in der Rico die Gefängnis-Ereigniskarte zieht und der legendäre Text zitiert wird: “Gehe in das Gefängnis. Begib Dich direkt dorthin. Gehe nicht über Los. Ziehe nicht DM 4000 ein.” Danach Szenewechsel und kein Bezug mehr dazu - fertig.

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