Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

23. Juli 2010

Diese Woche ein Mini-Drehbuch: Hoffnungslos.

Am Dienstag fand die Abschlusslesung meines Drehbuchkurses statt, folgende Zeilen wurden unter dem Titel “Hoffnungslos” und meinem Namen verlesen. Für alle Hypochonder und die unter uns, die es nicht werden wollen:

Figuren
DANIEL SCHWARZ: Ein schlanker Mittdreißiger
Eine RADIOMODERATORIN
Eine JUNGE FRAU
Ein JUNGER MANN
Eine ALTE FRAU
Ein ALTER MANN
Eine SPRECHSTUNDENHILFE
Ein ARZT

FADE IN

Im Schlafzimmer
Nachts. Ein spärlich mit Bett, Nachttisch und Kleiderschrank möblierter Raum. Kleidungsstücke liegen überall verteilt. Durch die Lamellen einer Jalousie fällt fahles Mondlicht ins Zimmer. Im Bett wälzt sich DANIEL unruhig hin und her. Er trägt nur eine Unterhose. Schweiß steht ihm auf der Stirn. Eine Hand ruht auf seinem Bauch.

Im Badezimmer
Morgens. Ein altmodisches enges Bad. DANIEL steht vor dem Spiegel und hat tiefe Augenringe. Er fährt sich mit einer Hand durch’s Gesicht, die andere presst er gegen seinen Bauch. Ohne sich zu waschen und mit fettigen Haaren verlässt er das Bad.

In der Küche
Eine typische Junggesellenküche. DANIEL sitzt auf einem von zwei einfachen Holzstühlen an einem kleinen Tisch. Die Wand, an die der Tisch grenzt, ist mit vielen Fotos bedeckt. Sie zeigen DANIEL auf Feiern mit Freunden oder Verwandten und beim Reisen. Er sieht auf jedem Foto gut gestylt aus und lächelt in die Kamera. DANIELs Hemdkragen ist speckig. Er rührt langsam in einem vollen Kaffeebecher. Im Hintergrund läuft das RADIO.

Stimme einer RADIOMODERATORIN (überschwänglich)
Habt Ihr gehört, Ihr Sonnenanbeter und Badefreunde?! Heute sollen es über dreißig Grad bei uns im Norden werden. Also packt die Strandklamotten ein und dann geht’s vom Büro oder Hörsaal direkt ans Wasser! Und wir heizen Euch schon einmal richtig ein mit „Summertime“ von Will Smith, dem alten Knackarsch!

DANIEL erhebt sich langsam und schaltet das Radio ab.

In der Bahn
Ein fast leeres Abteil. DANIEL sitzt alleine in einem Vierer. Aus dem Mülleimer vor ihm quillt der Abfall. Mit einem gequälten Gesichtsausdruck hat er beide Hände vor seinen Bauch gepresst. Die Bahn hält, viele Menschen drängen ins Abteil. Eine JUNGE FRAU und ein JUNGER MANN nähern sich und unterhalten sich laut.

JUNGE FRAU (im Plapperton)
Lass uns Samstag ans Wasser fahren, es soll so schön warm bleiben. Andy und Jenny sind wahrscheinlich auch dabei.

JUNGER MANN (leicht genervt)
Samstag ist doch Fußball, Schatz. Ich will ins Stadion und das Spiel sehen.
Die JUNGE FRAU setzt sich gegenüber von DANIEL hin. Sie sieht sehr gut aus und trägt Hotpants. Der JUNGE MANN setzt sich neben Daniel. Daniel sieht nicht auf, sondern starrt weiter vor sich hin.

JUNGE FRAU (mit etwas Schärfe)
Du immer und Dein blöder Fußball! Kannst Du nicht einmal ‘was mit mir unternehmen, Schatz? Ich mache schließlich…

Im Wartezimmer
Der steril wirkende Warteraum einer Arztpraxis. Die Stühle und Wände sind in weiß gehalten. Alle Sitzplätze sind belegt, überwiegend von älteren Leuten. Zeitschriftenrascheln liegt in der Luft. Eine junge Mutter flüstert beruhigend auf ihr Kind ein. Daniel sitzt zusammengesunken auf seinem Stuhl. Er starrt auf den Boden und presst sich die Hände vor den Bauch. Ein ALTER MANN und eine ALTE FRAU unterhalten sich für alle gut verständlich.

ALTER MANN (mit leidender Fistelstimme)
Meine Frau ist mir vor zehn Jahren weggestorben. Darmkrebs, die Ärzte konnten nichts machen.

ALTE FRAU (nickt verständnisvoll)
Mein Mann fiel plötzlich tot um, Herzstillstand. Und das nach 40 Jahren glücklicher Ehe.

ALTER MANN (raschelt laut mit einer Zeitschrift)
Wenigstens ging es schnell. Meine Frau hat sich nur ein paar Monate gequält und aufgrund des Morphiums gar keine Schmerzen gehabt. Gott sei…

Stimme einer SPRECHSTUNDENHILFE (per Lautsprecher)
Herr Schwarz bitte ins Zimmer drei.

Im Behandlungsraum
In der Mitte des Raumes steht ein Schreibtisch. An der Wand ein volles Bücherregal sowie eine Liege. Großflächige Zeichnungen menschlicher Organe und Körperpartien hängen an den anderen Wänden. Daniel sitzt einem asketisch wirkenden Arzt gegenüber.

ARZT (mit ruhiger Stimme)
Herr Schwarz, Ihr Befund liegt jetzt vor.

DANIEL nickt und presst sich die Hände noch etwas fester auf seinen Bauch.

ARZT (macht eine beschwichtigende Geste)
Ich kann Sie beruhigen, es ist nichts Ernstes.

DANIEL blickt ihn ungläubig an.

ARZT (reicht Daniel ein Rezept)
Eine harmlose Magenschleimhaut-Entzündung. Bei Einnahme dieses Medikaments dürften Ihre Beschwerden abklingen.

DANIEL nimmt das Rezept zögernd an.

ARZT
Schlafen Sie sich richtig aus. Alles Gute und lassen Sie sich in zwei Wochen einen Kontrolltermin geben.

Im Schlafzimmer
DANIEL kauert auf seinem Bett. Sonnenstrahlen erhellen den Raum. Er schüttelt den Kopf und lacht bitter über sich selbst.

ENDE.

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar