Meine letzten Auftritte sind irgendwie nicht so gelaufen wie gedacht. Aber von vorne. Im Zuge meines “ich probiere alles”-Ansatzes hatte ich mich auch am Drehbuch schreiben und Verfassen von Liedtexten, aber das ist eine andere Geschichte versucht. Nun stand die Abschlusslesung vor Publikum an und ich entschied mich für den tragischen Text. Titel “Hoffnungslos”, siehe unten. Leider wurde die Lesung vom Haus 73 in der Schanze, einem pulsierenden Kulturzentrum, in ein abgelegeneres Dachterrassen-Etablishment verlegt. Dort begrüßte uns Schreiberlinge eine große Halle mit industriellem Charme, an der sich der Wandel zur Dienstleistungsgesellschaft ablesen ließ. Wo Platz für zweihundert Menschen und Maschinen war, strichen zwei Dutzend Menschen um verwaiste Stuhlreihen. Endlich wurde der Abend anmoderiert und die Veranstalter hatten wirklich intensiv über den Ablauf nachgedacht. Ausreichend Mikrophone waren als überflüssig abgetan worden. Der Inhalt zählte, musste jetzt aber schreiend an die Interessierten gebracht werden. Die Jungs und Mädels vom Impro-Theater waren nichts anderes gewöhnt und legten furios los. Sprünge, Brüllen, Schläge, Blut, sie ließen nichts aus. Dann kamen wir, angekündigt als Nachwuchs-Shakespeares und Bestsellerautoren der Zukunft. Die Fallhöhe war gewaltig. Der Dramatik schreiend vorgetragener Dialoge voll Gefühl und Tiefgang konnte sich selbst der ältere Herr vorne links nicht entziehen. Aufgelockert wurden unsere Geschichten durch eingeschobenen Gitarrenunterricht vor Publikum (What’s up? - damals als ich noch jung und hoffnungsvoll war) und japanische Gesänge. Manchmal ist das Schriftstellerleben verrückter als die eigenen Geschichten…
Wer hat eigentlich behauptet, dass Auftritte Spaß machen sollen? Richtig, niemand. Es handelt sich um Arbeit mit guter Bezahlung (bei Null Euro pro Stunde kann man echt nicht meckern). Dementsprechend wollte ich gleich Nachschlag. Auf zu Acht Minuten in Eimsbüttel, dem Poetry Slam gleich bei mir um die Ecke. Veranstaltet wird er von >Macht<, einer lokalen Literaturinitiative, hohes Niveau schien also garantiert. Die Auster ist eine gemütliche kleine Bar mit der üblichen Ausstattung: Knuffige Ledersitzgelegenheiten, schlechte Beleuchtung, verwaistes DJ-Pult und heiße Babes an der Bar. Als Freigetränk flugs Apfelschorle gewählt und mit zitternden Knien bis 20 Uhr gewartet. Als Startnummer zog ich die vierzehn, von vierzehn Dichtern wohlgemerkt. Ein Grund sich zu freuen, lieber die eigene Saat am Ende auf das bestellte Feld bringen. Endlich ging es los: Die Moderatorin trat ans Mikrophons und man hörte --- NICHTS. Technische Probleme oder lag es an mir? Bin ich der Überbringer des Mikro-Fluches? Nein. Ein Ersatz-Mikro wurde aufgetrieben und der Slam begann. Den Worten der Moderatorin konnte ich allerdings nicht folgen. Auf der Startliste hatte sich nämlich jemand als Jungpoet angemeldet und den ersten Startplatz gesichert. Wer wagte es, unter meinem geheimen Pseudonym aufzutreten? Es sei angemerkt, dass die Pole Position bei Slams eher einer Fool Position entsprach. Der erste ist immer der Trottel, bei dem sich die Jury mit guten Bewertungen auf der Skala 0 - 10 zurück hält. Gemäß meinen Beobachtungen reagierten die erfahrenen Slammer, in dem sie einen besonders abgefahrenen oder provozierenden Text brachten, da es eh egal war. Die Moderatorin rief also den Jungpoet - meinen neuen Erzfeind - auf und nichts regte sich. Dass heißt doch, eine Synapse in meinem Hirn meldete verzweifelt, dass nur ich der Jungpoet sein könne. Kleines Missverständnis bei der Anmeldung. Die Synapse schwoll an, sendete mächtige und mächtigere Stromstöße an alle Lyrik und Schorle trunkenen Synapsen meines Gehirns und übernahm die Kontrolle. Rückartig richtete ich mich auf und flüsterte der Moderatorin ins Ohr, ich sei der Gesuchte. Sie möge den Jungpoeten streichen und den zweiten Dichter anfangen lassen, ich träte gerne zum Schluss auf. Sie nickte, strich mich als Vierzehnten von der Liste und kündigte mich erneut als Euren Jungpoeten an! Meine Synapse kollabierte und ich sank auf's Leder nieder. Geschüttelt von Synapsenkrämpfen (eigene Dummheit, Bürgerkrieg im Synapsenland) schleppte ich mich vor's Publikum und stotterte mir 7 1/2 Minuten lang etwas über Einsamkeit und das schlimme Singleleben ab. An die Jurorin auf der Fensterbank: Die Fünf nahm ich persönlich. Andere gewannen mit Texten über Einsamkeit, Missstände und das schlimme Singeleben...
Am nächsten Tag fühlte ich mich elend und krank. Unter normalen Umständen wäre ich bei DVDs und Schokolade versackt und hätte den ganzen Tag keinen Fuß vor die Tür gesetzt. Rebellische Synapsen hatten meine Hand jedoch vor Wochen angewiesen, im Internet beim Poetry Slam in Heimfeld auf Anmelden zu klicken. Nachher hatte ich mir selbst eingeredet, dass es eine tolle Sache sei. Openair, Heimat Harburg und so! An diesem Morgen dachte ich anders. Gäbe es nicht zwei Konstanten in meinem Leben (Naivität siehe oben, Pflichtbewusstsein), hätte ich meinen Leib nicht der Reihe nach in U-Bahn - S-Bahn - Bus gewuchtet, um mich in den Harburger Stadtpark zu begeben. Der Stadtpark an sich entschädigte für die Mühen, idyllisch und leer wie er sich vor mir erstreckte. Wäre er bloß nicht so weit weg gelegen… In einem Natur-Amphiteather lümmelten ein paar Alternative und Mütter mit Kindern vor einem improvisierten Kasperle-Theater herum. Ich liebe Kinder, vor allem, wenn ich müde bin und Kopfschmerzen habe. Im Hintergrund erhob sich eine richtige Bühne mit Mikrophonen. War ich doch nicht verflucht? Eine halbe Stunde später saß ich dann in der ersten Zuschauerreihe und lauschte dem ungleichen Moderatorenduo (sie mit versoffener Stimme, er als geschmeidiger Schleimer). Ich sollte als Dritter auftreten, was mir gelegen kam. Den lauen Text über’s Reisen wollte ich schnell unter’s Volk bringen und verschwinden. Auswendig gelernt hatte ich meine Zeilen auch nicht mehr, diese Anstrengung stufte ich mittlerweile als überflüssig ein. Vor mir verlas ein Thomas Zeilen über Phlegmatismus, “wie passend”, dachte ich, genau dies war der Grundtenor meines Textes. “So, jetzt kommt der Jungpoet für Euch”, sagte der Moderator und ich grinste. “Wir wissen praktisch nichts über ihn. Aber ich glaube, er kommt aus Berlin und ist einer unser jüngsten Teilnehmer”, posaunte er weiter. Ich presste auf dem Weg zum funktionierenden Mikrophon grimmig die Lippen aufeinander. Zeit für eine verbale Klatsche. Ich setzte in Richtung des Moderators an: “Wenn man etwas nicht weiß, hilft fragen, Du…”. Charmant überspielte ich die miese Anmoderation mit einem lockeren “ich bin Hamburger und schon ein älterer Sack, aber egal.” und verlas meine launigen Zeilen. Natürlich erhielt ich eine bessere Bewertung als am Vortag. Aufwand und Ertrag standen bei mir in einem verqueren Verhältnis zueinander. Die Scheiße wurde ordentlich beklatscht und die guten Sachen will kaum einer hören. In diesem Sinne folgt bald eine Auflistung meiner kommenden Auftritte. Vielen Dank.
Tja, Du musst wohl doch eher etwas über Selbstfindung schreiben oder skurrile Geschichten über Mühlstein-Sammelleidenschaften zum besten geben ;-) Das dann noch reißerisch verpackt und die Herzen fliegen Dir zu! Dann klappt`s auch mit den Punkten!
NEIN!!! Bitte nicht, es war teilweise nicht um Aushalten…
Ich fand den Text prima, obwohl Du sicher noch bessere Sachen auf Lager hast. Keep on rockin’!
@ Inga
Das ist lieb. Ich dachte schon, ich müsste mir jetzt vor jedem Auftritt ordentlichen einen ‘reinbrennen und auf der Bühne rauchen…
wie schade, dass ich deinen volleyschuss in eimsbüttel nicht gesehen hab’, treffend analysiert. beim zweiten mal, einfach so tun, als wenn man in sein handy vertieft sei, und nicht den startlistenplatzfehler anmerken… aber es gibt kein zweites mal bei solchen sachen, sollte ich dir noch sagen, ach wem sag ich das
@ J d’O
Versuch macht klug, aber es dürfte nicht der letzte Volleyschuss gewesen sein…
Vielleicht beim nächsten Mal einfach das Publikum für seine oberflächliche Einfältigkeit beschimpfen und erfolglos, aber aufrichtigen Mutes von der Bühne trollen…?
@ TRS
Schon geschehen im Kampnagel. War toll!