Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

24. August 2009

Er kam, sah und dichtete nicht

Ich bin nachdenklich in die neue Woche gestartet, erste Zweifel an meiner lyrischen Begabung haben sich eingeschlichen, die aus dem Ärmel geschüttete “Ode an die IT” brachte nicht die erhoffte Linderung. Mein Körper bäumt sich zwar nicht mehr gegen das selbst verordnete Jungpoetentrainingsprogramm auf, aber eine gewisse Müdigkeit scheint sich in mir festzusetzen. Gut, prinzipiell kenne ich diesen Effekt. Jeder neue Abschnitt, ob nun beruflich oder privat, falls diese Unterscheidung noch statthaft ist, überfrachtet den unbedarften Neuling mit Eindrücken, unbekannten Gesichtern und Aufgaben und muss erst einmal verarbeitet werden.

Bei mir sollte sich dieses Phänomen allerdings in Grenzen halten. Beim Wohnungsputz am letzten Freitag sind mir zwar einige Ecken aufgefallen, die mir seltsam dreckig unvertraut vorkamen. Generell kenne ich mich aber ausreichend in meinen eigenen vier Wänden aus. Als eher lichtscheues Wesen verbringe ich an diesem Ort genügend Zeit und die neuen Eindrücke sollten überschaubar sein.

Die Anzahl der frischen Gesichter kann ich auch an einer Hand abzählen. Entweder nehmen die Menschen gleich nach dem ersten Kennenlernen reißaus frei nach dem Motto “Ihh, ein Poet!” oder versprechen hoch und heilig, sich eine Kostprobe auf einer Geheimnis umwobenen Seite mit dem zweideutigen Titel alltagsfantasien.de anzusehen. Welch süffisante Assoziationen alleine dieses Schlagwort bei mir zu wecken vermag! Dahinter kann nur ein richtiger kleiner Dreckspatz schlaues Bürschchen stecken, Daumenkino und Tupperparty lassen grüßen. Auf jeden Fall liest geschweige denn sieht man vermeintlich interessierte Mitmenschen nicht mehr wieder. Diese Feststellung richtet sich natürlich ausdrücklich nicht an den geschätzten Leser oder die verehrte Leserin, deren Augen sich gerade wacker durch diesen unbequemen Wochenbericht kämpfen - danke und ein vergnügtes Augenzwinkern in Deine / Ihre Richtung. In Punkto neue Bekanntschaften also auch Fehlanzeige.

Bleiben zu guter Letzt die Aufgaben als Jungpoet. Jaaa, es ist nicht nur Rauchen, Wein trinken sowie ab und an bedeutungsschweres, dennoch elegantes im Notizbuch Kritzeln auf der Parkbank angesagt. Berühmte deutschsprachige Nachkriegsliteraten wie die Herren Heinrich Böll und Brecht (gestrichen aufgrund historischer Ungenauigkeit, Anm. der Red.), aber sicherlich auch viele andere haben nicht zu Unrecht auf die gesellschaftliche Verantwortung des Künstlers hingewiesen. Beim armen, unverstandenen Künstler handelt es sich zweifellos um ein aus romantisch verklärter Sicht zum Schwärmen einladendes Bild, extrem erstrebenswert ist es jedoch nicht. Über den Reiz der weltlichen Armut und den damit einhergehenden geistigen Reichtum oder wenigstens die inspirierende Wirkung auf das künstlerische Schaffen ließe sich vortrefflich schwadronieren. Doch zwei Dinge will ich klarstellen: Weder bin ich gänzlich verarmt noch plane ich es durch anhaltenden kommerziellen Misserfolg zu werden. Der zweite Teilaspekt ist da schon kniffliger: Unverstanden zu sein beziehungsweise nicht verstanden zu werden hat einen gewissen Charme und würde den herbeigesehnten Nimbus des Dichters nähren, allerdings nicht mit Vorsatz. Lieber Zeilen für’s Volk als Leckerbissen für den Feuilleton lautet meine ungelenke Devise in dieser Beziehung.

Somit dürfte das Geheimnis meiner kleinen kleinen Schwächephase gelüftet sein: Bereits jetzt trage ich schwer an der Bürde meiner Verantwortung für die Leserschaft. Wo wird es enden, sobald ich erst mit meinem Roman anfange? Ich bin mir nämlich nicht sicher, ob mein Werk dem Wohlbefinden der Masse besonders zuträglich sein oder eher ein latentes Unbehagen schüren wird…

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