Ich bin nachdenklich in die neue Woche gestartet, erste Zweifel an meiner lyrischen Begabung haben sich eingeschlichen, die aus dem Ärmel geschüttete “Ode an die IT” brachte nicht die erhoffte Linderung. Mein Körper bäumt sich zwar nicht mehr gegen das selbst verordnete Jungpoetentrainingsprogramm auf, aber eine gewisse Müdigkeit scheint sich in mir festzusetzen. Gut, prinzipiell kenne ich diesen Effekt. Jeder neue Abschnitt, ob nun beruflich oder privat, falls diese Unterscheidung noch statthaft ist, überfrachtet den unbedarften Neuling mit Eindrücken, unbekannten Gesichtern und Aufgaben und muss erst einmal verarbeitet werden.
Bei mir sollte sich dieses Phänomen allerdings in Grenzen halten. Beim Wohnungsputz am letzten Freitag sind mir zwar einige Ecken aufgefallen, die mir seltsam dreckig unvertraut vorkamen. Generell kenne ich mich aber ausreichend in meinen eigenen vier Wänden aus. Als eher lichtscheues Wesen verbringe ich an diesem Ort genügend Zeit und die neuen Eindrücke sollten überschaubar sein.
Die Anzahl der frischen Gesichter kann ich auch an einer Hand abzählen. Entweder nehmen die Menschen gleich nach dem ersten Kennenlernen reißaus frei nach dem Motto “Ihh, ein Poet!” oder versprechen hoch und heilig, sich eine Kostprobe auf einer Geheimnis umwobenen Seite mit dem zweideutigen Titel alltagsfantasien.de anzusehen. Welch süffisante Assoziationen alleine dieses Schlagwort bei mir zu wecken vermag! Dahinter kann nur ein richtiger kleiner Dreckspatz schlaues Bürschchen stecken, Daumenkino und Tupperparty lassen grüßen. Auf jeden Fall liest geschweige denn sieht man vermeintlich interessierte Mitmenschen nicht mehr wieder. Diese Feststellung richtet sich natürlich ausdrücklich nicht an den geschätzten Leser oder die verehrte Leserin, deren Augen sich gerade wacker durch diesen unbequemen Wochenbericht kämpfen - danke und ein vergnügtes Augenzwinkern in Deine / Ihre Richtung. In Punkto neue Bekanntschaften also auch Fehlanzeige.
Bleiben zu guter Letzt die Aufgaben als Jungpoet. Jaaa, es ist nicht nur Rauchen, Wein trinken sowie ab und an bedeutungsschweres, dennoch elegantes im Notizbuch Kritzeln auf der Parkbank angesagt. Berühmte deutschsprachige Nachkriegsliteraten wie die Herren Heinrich Böll und Brecht (gestrichen aufgrund historischer Ungenauigkeit, Anm. der Red.), aber sicherlich auch viele andere haben nicht zu Unrecht auf die gesellschaftliche Verantwortung des Künstlers hingewiesen. Beim armen, unverstandenen Künstler handelt es sich zweifellos um ein aus romantisch verklärter Sicht zum Schwärmen einladendes Bild, extrem erstrebenswert ist es jedoch nicht. Über den Reiz der weltlichen Armut und den damit einhergehenden geistigen Reichtum oder wenigstens die inspirierende Wirkung auf das künstlerische Schaffen ließe sich vortrefflich schwadronieren. Doch zwei Dinge will ich klarstellen: Weder bin ich gänzlich verarmt noch plane ich es durch anhaltenden kommerziellen Misserfolg zu werden. Der zweite Teilaspekt ist da schon kniffliger: Unverstanden zu sein beziehungsweise nicht verstanden zu werden hat einen gewissen Charme und würde den herbeigesehnten Nimbus des Dichters nähren, allerdings nicht mit Vorsatz. Lieber Zeilen für’s Volk als Leckerbissen für den Feuilleton lautet meine ungelenke Devise in dieser Beziehung.
Somit dürfte das Geheimnis meiner kleinen kleinen Schwächephase gelüftet sein: Bereits jetzt trage ich schwer an der Bürde meiner Verantwortung für die Leserschaft. Wo wird es enden, sobald ich erst mit meinem Roman anfange? Ich bin mir nämlich nicht sicher, ob mein Werk dem Wohlbefinden der Masse besonders zuträglich sein oder eher ein latentes Unbehagen schüren wird…
Literatur fürs Volk muss ja nicht Wohlbefinden auslösen, sondern darf ebenso latentes Unbehagen schüren, aufrütteln, erstauenen, anwidern, schaurig begeistern und, und, und…
Kommt Zeit, kommt Rat. Ich freue mich jedenfalls auf latentes Unbehagen, wenn das erste Kapitel in der allerersten Grobrohfassung dem gemeinen völkischen Leserkreis vorgestellt wird.
@ TRS
Natürlich hast Du Recht, vornehmes Ziel aller verfassten Zeilen sollte die Auslösung von Emotionen und Anregung zum Nachdenken sein und dies scheint gelungen. ;)
Wie bei so vielen Dingen scheint die deutsche Finanzverwaltung auch bei Aufgabe und Verantwortung des Schriftstellers den sicheren Zugriff auf das Wesen der Dinge zu besitzen. Vielleicht verschafft Dir das ja Linderung: “Ein Schriftsteller muss für die Öffentlichkeit schreiben, und es muss sich um den Ausdruck eigener Gedanken handeln, mögen sich diese auch auf rein tatsächliche Vorgänge beziehen. Es ist nicht erforderlich, dass das Geschriebene einen wissenschaftlichen oder künstlerischen Inhalt hat. Der Schriftsteller braucht weder Dichter noch Künstler noch Gelehrter zu sein.” Na also!
@ Bertold
Ein formidabler Hinweis, der mir tatsächlich weiterhelfen dürfte! ;) In Zukunft sollte ich mich also in erster Instanz an Vater Staat wenden, oder?
auch ich ackere mich tapfer durch jedes von Ihnen geschriebene Wort bin aber kein “frisches Gesicht” mehr was jetzt nicht auf mein Alter abzielt….aber gut vom fernen Aachen nützt die Bewunderung vielleicht nicht so viel ;-) aber ich werde nicht müde auch hier fleißig “Reklame” für den formidablen Jungpoeten zu machen…vielleicht zumindest als moralische Unterstützung gut zu wissen…also auf zum großen Werk werter Herr Jungpoet!
@ Madame Kiefer
Ihr Engagement rechne ich Ihnen auch hoch an und keine Sorge, in der Dichterstube steht alles zum Besten. Ich hoffe nicht nur Tapferkeit, sondern der Genuss spielt wenigstens ab und an eine Rolle. ;)
Sehr geehrter Herr Jungpoet,
als selbstverliebt… ähh selbstbewusster Teil dieser Bevölkerung hätte ich Ihnen ein wenig mehr Glauben an sich selbst zugetraut! Doch es ist tatsächlich ein Problem in sich, wenn man zum Einen Zeilen für das Volk anstrebt, doch sogleich an seinem “Verstandenwerden” zweifelt! Da hilft nur eins: Das Volk zum Teil der Zeilen werden lassen! Wie wäre es mit einer kleinen Kurzgeschichte die von uns werten Lesern beeinflusst werden kann - denn in Zeiten des ominösen Web 2.0 sollte doch ein wenig Interativität nicht fehlen! Und ich will endlich auch mal meinen Nonsense los werden!
Herr Jungpoet: Durchhalten und ab an die Schreibmaschine (natürlich mit Hammer und Meißel)!
Mit freundlichen Grüßen,
ein aufmerksamer Leser
@ KT
Hach, solche Zeilen tun gut und sind Öl auf die Poetenmühlen… ;) Die Idee der offenen Kurzgeschichte sollte tatsächlich näher betrachtet werden, damit Sie endlich Ihren Seelenballast loswerden können und sich unser Autoren-Leser-Verhältnis deutlich intensiviert.
Und jetzt ruft mich die Schreibmaschine!
Ich hoffe, nach soviel Zuspruch kommt, sieht und dichtet der werte Herr Jungpoet weiter. Die neue Woche hat nämlich schon angefangen… ;-)
@ TRS
Ich werde es mir überlegen - ‘mal sehen, ob ich noch Lust habe… ;)
@Jungpoet
Ich hoffe Sie doch nicht verärgert zu haben werter Herr Jungpoet mit meiner Aussage, dass ich mich tapfer durch Ihre Zeilen arbeite…. ich nehme alles zurück und behaupte das Gegenteil: NATÜRLICH IMMER WIEDER EIN GENUSS VON IHNEN ZU LESEN!;-))
@ AK
Gut so! ;)
Moin,
ich gebe ja nur gerne zu, was für ein Klugscheißer ich bin, aber ist Brecht nicht eher ein Vor- und Währenddeskriegsliterat? Oder gilt an dieser Stelle etwa auch so etwas wie “Vor dem Krieg ist nach dem Krieg” oder so ähnlich?
Schönen Gruß
(ich bin ja mal gespannt, ob ich jetzt so weit gegen die Grenzen des mäßigen Geschmacks verstoßen habe, daß ich Opfer der Vorkriegszensur werde)
@ Clem
Ich gebe zu, dass ich hauptsächlich Böll im Sinn hatte und Brecht eher gedankenlos hinzufügte… ;) Vielen Dank also für den Hinweis, *wertfrei* Besserwisser sind auf meiner Seite immer willkommen, schließlich soll dies ein Ort des freien Geistes sein!