Ein Großteil der Hamburger saß zu Hause vor dem virtuellen Lagerfeuer oder einem Buch, Süßigkeiten und Getränke in Reichweite. Draußen tobte der Hamburger Spätsommer und sandte Regenschauer über Regenschauer gegen unschuldige Hauswände, wehrlose Passanten und liebe Bäume. Windböen durchflügten Blumenbeete, die unter den Scheibenwischern parkender Autos eingeklemmten Strafzettel und Werbeflyer sowie mühsam mit Gel fixierte Frisuren. Gebückt unter seinem roten Schirm huschte ein schlanker Mann, der sich Jungpoet nannte, durch die Gassen Altonas. Sprang hier über eine Pfütze und wich dort einem entgegen kommenden Schirm mit Beinen aus. Er bog um eine Hausecke, deren verblichene Graffitis ins schwache Licht einer Straßenlaterne gehüllt waren. Da, endlich erblickte der Jungpoet die Stätte, an der über sein weiteres Schicksal entschieden werden sollte. “Belege ich heute keinen Podiumsplatz, dann trete ich nicht mehr auf”, hatte er sich bei der Vorbereitung auf diesen Dichter-Wettstreit geschworen. Sollten die Menschen doch in Zukunft richtig zur Kasse gebeten werden, wenn sie seinen Gedanken lauschen wollten. Schließlich verkauften sich viele Güter auch besser, falls ihr Preis erhöht wurde. Das Geheimnis der Verknappung musste Einzug in die Literaturszene halten, nachdem Jahre des inflationären Veranstaltungswachstums hinter Hamburg lagen.
Der Jungpoet strich sich durch’s Haar und verstaute seinen roten Schirm in der Tasche, bevor er die Kneipe betrat. Der tätowierte Türsteher, Gastgeber und Organisator in einem begrüßte ihn herzlich. Er sei erleichtert, dass ein weiterer Dichter sein Wort gehalten hatte. Die Liste der Teilnehmer lichtete sich zusehends und in wenigen Minuten sollte das Duell beginnen. Wenigstens strömten Gäste in Scharen herbei, so dass kaum ein Platz frei blieb. Ganze zwei Dichter und eine Dichterin stellten sich dem Publikum. Die Geschlechterverteilung der Dichtenden besaß Vorbildcharakter in der männlich geprägten Slam-Domäne. “So wenige”, murmelte eine Frau, die rechts neben dem Jungpoeten hockte. Ein paar mehr schadeten nicht, pflichtete er ihr eilig bei. Konkurrenz belebte das Geschäft, aber ein geschenkter Sieg wäre Seelenbalsam für ihn, fügte er in Gedanken zu. Die Dramaturgie des Abends knüpfte da an, wo sie in der Auster geendet hatte: Der Jungpoet hatte die Ehre, den Slam zu eröffnen. “Fünfzehn Minuten Zeit, damit wir nicht in einer halben Stunde fertig sind”, sagte der Moderator und räumte die Bühne. Dieses Mal besann sich der Jungpoet, trug einen neuen Text vor, den er unbedingt bringen wollte, und ließ dann das Publikum wählen: Lieber einen tragikomischen Text über Einsamkeit oder eine Prise nachdenklichen Sarkasmus’? “Sarkasmus”, skandierten die Versammelten einhellig und genau das bekamen sie zur Genüge serviert.
Der Jungpoet beendete seinen Vortrag mit den zwei Zeilen “Ich habe nachgedacht / über mich und mein Leben” und genoss den langen Applaus. Die Geschichten seiner beiden Mitbewerber waren teilweise traurig, teilweise witzig. Details verschwieg er aufgrund des Paragraph Drei des Slamcodex’. Die Abstimmung über den Gewinner stand an und den Jungpoet hielt es nicht mehr auf seinem Sitz. Es ging um mehr als einen Podiumsplatz. Seine Abendplanung der nächsten Monate hing von dem Votum der Anwesenden ab. Auch ein Stück Lebensglück. Nach vier schmachvollen Auftritten gierte sein Herz nach Aufmerksamkeit und Liebe, Zuneigung und Zuspruch der Massen. Sollte er weiterhin Tage investieren, um launige Zeilen für die Abendunterhaltung Fremder zu verfassen? Ja, er sollte. Grün war seine Farbe und der Kneipenraum verwandelte sich in ein Meer aus grünen Karten. Diesen denkwürdigen Abend strich er sich grün in seinem Kalender an… Er konnte es doch!
Herzlichen Glückwunsch!
Ich hoffe mal als Siegpreis gab es keine Bettwäsche sondern Tapas bis auch hungrige Schriftstellerbäuche satt sind.
Danke! Die Tapas hätte es auch so gegeben. Nein, ich erhielt eine afrikanische Fruchtbarkeits-Statuette, kann man als umtriebiger Dichter immer gut gebrauchen. ;)
Hm, und ich dachte immer als umtriebiger Dichter hätte man panische Angst davor, daß solche Figuren tatsächlich wirken, falls der Drogenkonsum nicht schon so weit fortgeschritten ist, daß einem auch das egal ist.
Aber das Dichterleben ist wohl auch nicht mehr das, was es mal war. Ich bin gespannt auf Geschichten vom Windelwechseln oder auf Kurznachrichten, die ein Fluchtprotokoll vor diversen Vaterschaftsprozessen und den dazugehörigen Müttern aufnehmen.
@ Clem
Boah nee, solche Tatsachenberichte werden auf sich warten lassen. Planungshorizont: Der Rest meines Lebens…
Irgendwie mitreißend und anziehend. Hat mir gefallen, schade um den fast gewonnenen ersten Platz. Hoffe wenigstens die Erfahrung hat etwas gebracht und wie ich lese, hat es dir zumindest eine Statue eingebracht. Glückwunsch. :)
@ Kollin
Missverständnis, das Ding damals habe ich tatsächlich gewonnen! Und diese spezielle Erfahrung ist in mein Hirn eingebrannt… ;)
@ Jungpoet
Hab mich etwas vertan. Wollte eigentlich einen Kommentar zu der Geschichte darüber abgeben. ;)
@ Kollin
Ah verstehe. Naja, da hätte ich eben meinen unter Verschluss gehaltenen Fetischtext für bringen müssen…
olé!
@ J d’O
Caramba! ;)
Wunderbar die Zielsetzung: ein Podiumsplatz bei 3 Teilnehmern… ;-)
Aber Glückwünsche noch einmal zum ersten Sieg!
@ TRS
Streng olympischer Gedanken, auf dem Treppchen dabei sein ist alles.