Die Fälschung:
„Es ist ein Ros entsprungen – aus einer Wurzel zart, wie uns die Alten sungen, aus Jesse kam die Art. Und hat ein Blümlein bracht, mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht.“
Das Original: Eine Pferde-Liebesgeschichte.
Roswitha war ein rassiges Ross. Ihre goldene Mähne lag glatt auf ihrem Hals, ihre vollen Lippen entlockten noch dem grantigsten Stallburschen ein Zuckerstückchen und ihre schlanken Fesseln brachten jeden Hengst um den Verstand. Wäre da nicht ihre Mutter gewesen, die eifersüchtig über die Ordnung im Stall wachte. Mama wurde von den Alten nur zarte Wurzel genannt, was sich auf ihre Erscheinung als Fohlen bezogen haben musste. Mittlerweile hatte sie den Hintern eines Brauereipferdes, was daran liegen mochte, dass sie bis zu Roswithas Geburt für eine Brauerei gearbeitet hatte.
Tagsüber tobte Roswitha unter den wachsamen Augen ihrer Mutter über die Koppel. Warf Schülerinnen ab. Erschlug Bremsen mit ihrem Schweiß oder ließ sich von einem Stallburschen ordentlich striegeln. Nachts lag sie im Stroh ihrer Box und träumte vom edlen Schimmel, der den weißen Ritter abwarf, und sie zu seiner Stute machte. Stellte sich vor, wie sie kleine weiß-braune Fohlen gebar. Oder vom stolzen Rappen, der sie aus dem Stall entführte, um mit ihr über mondbeschiene Lichtungen zu traben. Gemeinsam über umgestürzte Bäume zu springen und ausgelassen durch Felder und Wiesen zu galoppieren.
Derweil verlief das Leben des männlichen Protagonisten holpriger:
Paul war ein fauler Gaul mit vorlautem Maul. Sein Vater, ein abgehalfteter Holsteiner, hatte seine Mutter, ein sprödes Springpferd namens Wendy, auf einem Ponyhof entdeckt. Sie gedeckt und befleckt, ehe sie es gescheckt, und war kurz darauf an einem verschimmelten Bündel Stroh verreckt. Wendy war zu Tode erschreckt, wurde von den anderen Stuten geneckt und gab den kleinen Paul weg.
An einen Zirkusclown, der Unterstützung für einige Sketche suchte. Paul lernte jonglieren, Teller auf den Hufen balancieren und wie ein Araber zu wiehern. Doch die Bezahlung war mau, Paul hielt sich für schlau und sagte dem Clown, er wolle studieren. Da jagte der Clown ihn wie ein pummeliges Pony vom Hof, was nicht ganz abwegig war, denn Paul war ein pummeliges Pony und kein Manegenstar. Paul galoppierte in die große Stadt, um Fuhrwerkspferd zu werden. Doch an der Station teilte man ihm mit, er solle wiederkehren, wenn er lange Beine und einen schlanken Körper hätte, also nie. Aber das zwang Paul nicht in die Knie. Er bewarb sich beim Militär und erfuhr nach einer gründlichen Musterung, die Pferdestaffel gab es nicht mehr. Der Gaul Paul hätte kotzen können, leider klappte es selbst in dieser Geschichte nicht.
Ein kalter Winter brach an und Paul sprach bei den Reiterhöfen im Umland vor. Erfolglos versteht sich, mehrfach wurde er abgewiesen. Im vorletzten Stall putzte ihn eine matronenhafte Mähre runter, doch Paul hatte keine Augen und Ohren für sie. In der anderen Ecke des Stalls richtete sich nämlich Roswitha auf, schürzte ihre vollendeten Lippen und blies Luft durch ihre neckischen Nüstern. Roswitha sah, dass sich ihre Mutter mit einem popeligen Pony unterhielt und trabte spielerisch an ihr vorbei in die beheizte Reithalle. Pauls verfettete Herzkammern verkrampften sich und er entbrannte in Liebe für diese sündige Stute.
So folgte er dem Rat von Roswithas Mutter und verdingte sich auf dem verbliebenen Reiterhof als Stundenpony. Dort krabbelten drei verschiedene Gruppen von Kindern aus seinen Rücken: Dicke Kinder, dumme dicke Kinder und stinkende dumme dicke Knirpse. Das störte Paul nicht, denn er hatte sein Auskommen und während Roswitha nachts in ihrer Box lag und vom Rappen oder Schimmel ihres Herzens träumte, schwelgte Paul in der Erinnerung an Roswithas Rücken, Fesseln und Rachen. Er ersann einen meisterhaften Plan, um das Herz seiner Liebsten, der er bis an den Oberschenkel reichte, zu gewinnen. Paul wollte ihr eine der seltenen Winterblumen ans Zaumzeug heften und ihr dann seine Liebe gestehen. So brach Paul an einem klaren Winterabend auf. Leider merkte er nicht, wie wenig er sich auskannte. Paul irrte die halbe Nacht durch den Forst und zitterte schon am ganzen Körper.
Plötzlich betrat er eine Mond beschienene Lichtung. Dort erhob sich ein majestätischer Strauch, der in einer herrlichen, blassblauen Blüte endete. Paul schlug erleichtert nach hinten aus. Ja, das war es. Das Pfand, mit dem er die Stute seines Herzens freien würde. Zärtlich stülpte er seine Lippen über den Stängel und trennte die Blüte ab. Süßlicher Duft stieg ihm in seine Nüstern und fast wie von selbst schoben seine Lippen das Unterpfand der Liebe Stück für Stück in sein Maul. Wie von Sinnen schlang Paul die Blüte herunter. Liebestrunken und berauscht vom Blütenstaub irrte Paul einige Stunden durch den Wald bis er jämmerlich erfror. Ein Bauer fand das tiefgefrorene pummelige Pony Wochen später und ließ es zu Pferdewurst für den Weihnachtsmarkt verarbeiten.
Roswitha, das reinrassige Ross, geriet an einen reichen Rüpel, aber das war eine andere Geschichte…
Das ist ja eine traurige Geschichte… da hättest Du aber mal ein Quentchen Romantik mit einfließen lassen können, vor Weihnachten!
Paul hätte sich ja auch, nachdem er die blaue Blüte fraß, in ein edles Ross verwandeln können. Er wäre zu seiner Roswitha geeilt, hätte ihr seine Liebe gestanden und wäre mit ihr in die aufgehende Sonne galoppiert… Auf ewig!
;-)
@ Inga
Natürlich hätte es so kommen können wie von Dir vorgeschlagen, aber mir war es wichtig, ein Zeichen gegen den Friede, Freude, Eierkuchen - Trend zu setzen. ;)
Herr Jungpoet, war Ihr Weihnachten denn wenigstens Friede, Freude, Eierkuchen oder eher à la Paul…?
@ TRS
Den Eierkuchen haben wir weggelassen, dafür war Paul mit von der Partie…