Ich bin ein großer Fan schlecht geschriebener spannender Fantasygeschichten und holpriger lehrreicher Märchen.
Es war einmal ein dicker, hässlicher Zwerg. Er hieß Gundolar Großbeutel, wurde aber von allen nur Säckchen genannt. Sogar für Zwergenverhältnisse war Säckchen ausgesprochen dick, hässlich und klein, außerdem hatte er Schweißfüße und stank aus dem Mund. Sonst war er aber total nett. Täglich wuchtete Säckchen Bier- und Weinfässer und natürlich Säcke voller Getreide und Gemüse durch die Gassen der Stadt. Über den Häusern und Mauern des einfachen Volkes erhob sich die Burg Königstolz, in der der weise König Felarion und seine Tochter Prinzessin Willowmine residierten. Säckchen träumte davon als Ritter am Hof zu dienen. Oder eine schöne Prinzessin zu sein, die von allen Untertanen angehimmelt wurde.
Eines Tages schreckte Säckchen nachts hoch. Pferde wieherten. Mit einem Auge spähte er in die Nacht und sah vermummte Reiter durch die Straßen jagen. Als die Luft rein zu sein schien, wagte sich Säckchen hinaus. Etwas blinkte verheißungsvoll zwischen den Pflastersteinen auf: Ein goldener Ring. Säckchen sah sich nach allen Seiten um und hob ihn auf. Was der wohl wert war? Ob er ihn behalten sollte? Da sprach der Ring: „Wage es nicht, mich anzustecken, Du dicker und hässlicher Zwerg! Ich bin für eine Prinzessin bestimmt.“ Säckchen begann zu schluchzen, dieser fiese Ring. Er wäre so gerne sein Freund geworden.
Am nächsten Morgen hatten sich beide beruhigt und Säckchen stapfte hinauf zur Burg. Zehn Meter vor Erreichen des Tores rief ihm einer der Wächter zu: „Komm nicht näher, Du grässlich stinkender Zwerg! Was willst Du?“. „Ich habe einen Ring gefunden, der zu einer Prinzessin gebracht werden will“. Die Wache lachte auf: „Steck ihn Dir sonst wo hin, die edle Willowmine würde Dich nicht empfangen. Abgesehen davon ist sie gerade unterwegs zum alten Zurbaran, um sich die Nase schön hexen zu lassen.“ Ring und Zwerg riefen „Neeeein!“.
Säckchen stand vor dem dunklen Wald, dessen Wipfel sich drohend viele Meter über ihm erhoben. Irgendwo dort sollte der Zauberer leben. Stunden später betrat Säckchen eine Lichtung und drehte sich suchend im Kreis. Die Vögel zwitscherten, Sonnenstrahlen fielen auf Blumen und Sträucher. Plötzlich sprang ein Einhorn mit einem eleganten Satz hinter einem Baum hervor. Es war das letzte seiner Art. Einhörner waren mythische Wesen, berühmt für ihre Intelligenz und ihr empfindliches Näslein. Eine erste Dunstschwade drang in die Nüstern des edlen Tieres ein. Es strauchelte. Säckchens Odeur entfaltete sich mit Wucht und geschüttelt von Krämpfen brach das Einhorn zusammen. „Siehst Du Ring, ein Zeichen. Das Einhorn gab sein Leben und weist uns den Weg.“, sagte Säckchen. Vorsichtig kraulte er dem toten Einhorn das noch warme Fell und kletterte über den Kadaver hinweg.
Er irrte weiter durch den Wald, bis er sich vor einem schlanken Turm aus weißem Stein wiederfand. Säckchen klopfte. Plötzlich erschien ein Mann mit wallender blauer Robe und rauschendem weißen Bart in der Tür. „Komm näher, mein junger Freund – ich sehe, höre und rieche nicht mehr so gut wie früher.“ Was Zurbaran wahrscheinlich das Leben rettete. Nun brachen aus Säckchen all die Erlebnisse und sonstigen Dinge, die ihm seit Jahren auf den Herzen brannten, hervor. Zurbaran lauschte und unterbrach ihn: „Verschone mich - ich bin Zauberer, kein Therapeut!“. Säckchen stutzte und Zurbaran fuhr fort: „Ich befürchte, der böse Drache Langzahn hat die Prinzessin überfallen. Leider habe ich die meisten Zaubersprüche vergessen. Ich kann Dich äußerlich ins Gegenteil verwandeln und in die Nähe der Drachenhöhle teleportieren, dort wärest Du auf Dich gestellt.“ Säckchen willigte ein.
„O holde Maid, wie herrlich sich Dein Finger anfühlet.“, säuselte der Ring zum wiederholten Mal. Säckchen konnte es selbst nicht glauben und strich sich über seinen üppigen Busen. Kniff sich zur Bestätigung in das jetzt feste Fleisch seines Hinterns. Vor allem ging ihm dieses– nein, SEIN neues liebliches Gesicht nicht mehr aus dem Kopf, welches er lange im Spiegel betrachtet hatte. Mit einem Augenaufschlag wäre er Sieger jedes Modellwettbewerbes geworden, falls es so etwas schon gegeben hätte.
Säckchen orientierte sich und entdeckte gerade rechtzeitig die Drachenhöhle: Das 20 Meter lange, Schuppen strotzende Untier schob seinen mächtigen Leib ins Freie. Unter einem Felsvorsprung hatten sich die Ritter verschanzt und schirmten Prinzessin Willowmine mit ihren Schildern ab. Der Drache fauchte so laut, dass Löwenbrüllen wie Flüstern gewirkt hätte. Selbst Geribald, der tapfere Hauptmann der königlichen Garde, zitterte am ganzen Leib. Langzahns Pranken schnellten vor, schoben Waffen und Ritter beiseite. Seine Klauen schlossen sich um den Körper der Prinzessin und reckten die Beute in die Höhe. Das Drachenmaul klappte auf. Mit einem Schrei stürzte die Prinzessin auf Langzahns Gaumen. Dann klappte er sein Maul zu und kaute genüsslich. Langzahn schluckte und fuhr sich mit seiner Riesenzunge mehrfach über‘s Maul. „Sie war eh ‘ne hohle Nuss“, entfuhr es dem Ring.
Jetzt richtete der Drache seine Augen auf den Hauptmann. „Nein, nicht auch Geribald“, rief Säckchen und stürmte vor. Verdutzt hielt Langzahn inne. Ein weiteres zartes Prinzesschen. Er sog Luft durch seine gewaltigen Nüstern ein, riss sein Maul auf und spie Feuer in Säckchens Richtung. Ein Flammenmeer schwappte auf Säckchen zu. Er schrie um Hilfe und sein unheilvoller Mundgeruch verbreitete sich. Dort, wo sich Feuer und Zwergenatem trafen, entzündete sich das Methangemisch. So entstand eine schützende Barriere, die das Drachenfeuer nicht passieren konnte. Säckchen lief wie in Trance auf den Drachen zu. Verwundert streckte Langzahn seinen Kopf vor und atmete mitten in der bestialisch stinkenden Wolke tief ein und aus. Ein Zittern ergriff den Drachenkörper, die Beine knickten ein und das Reptil schlug schwer auf dem Fels auf. Säckchen konnte nicht mehr bremsen. Er stolperte und überschlug sich. Rutschte unaufhaltsam mit den Füßen voran auf den Drachen zu. Mit einem schmatzenden Geräusch landeten seine Füße in den Nüstern der Riesenechse.
Säckchen kaum wieder zu sich und blickte in das Gesicht des Hauptmanns. „Wer seid Ihr?“, fragte Geribald. „Ich bin Gundolar, Freunde nennen mich Säckchen“, hauchte der Zwerg in Modellgestalt. „Nun denn, verehrte…“, setzte Geribald an, doch Säckchen zog ihn an sich. Küsste gierig seine Lippen. Ihre Zungen fanden sich. Die Erleichterung in Geribalds Gesicht wich Erstaunen, dann Ekel. Doch Säckchens Lippen hatten sich an den seinen festgesaugt und die schmatzenden Geräusche unterdrückten des Ritters Hilferuf. Geribalds Geschmacks- und Geruchssinn starb mit der Zeit ab und er gewann sein Säckchen lieb. Und wenn sie nicht gestorben sind, küssen sie sich noch heute wie am Tag ihrer ersten Begegnung…
Mit so viel gesellschaftskritischen und verdrehtem Humor bringst Du es nie auf die Hohlbeinschen Auflagenzahlen. Aber vielleicht kannst Du Dich als Ghostwriter bei Terry Pratchett bewerben. Wenn ich Gundolar Großbeutels Träume sehe, kommt mir der Gedanke, daß Fantasy wahrscheinlich das einzige Genre ist, um einen schmutzigen Transsexuellen-Roman für ein breites Publikum zu schreiben, ohne dabei auf dem Index zu landen. Wünsche gutes Gelingen…
Die Kombination aus kindlicher Phantasiewelt und adultem Homotrash empfinde ich ebenfalls als eher steinigen Weg, der literarisch durch nichts zu rechtfertigen ist. Es sei denn, der Autor bereitet hier sein coming out vor (wovon wir bis dato mal nicht ausgehen) oder versucht auf Kosten der alten neue Leserkreise zu erschließen.
Wobei ich sagen muss, daß mir der Text gut gefallen hat. Ob das daran liegt, daß ich ein Faible für schlechten Geschmack habe, weiß ich nicht. Aber dieses ironische Eklige hat der Jungpoet gut hinbekommen, finde ich. Es könnte eine der “deleted scenes” aus Shrek sein. Oder gabs das dort doch schon? Ich habe nur den ersten Teil vollständig gesehen.
Dein Publikum ist aber ganz schön kritisch. Wer sind diese Menschen?
Schreib doch einfach heftige, saftige Fabtasy Epen und werd steinreich.
Ja, ja, schon gut, das sollte keine spitzzahnige Attacke auf den Jungpoeten werden, sondern mehr so ein lautes Nachdenken darüber, ob man mit Fantasy-Epen dieser Schattierung wirklich steinreich werden kann (und sollte).
Ausserdem steht der Jungpoet dem Vernehmen nach Kritik wohlwollender gegenüber als wenn man in seeliger Verzückung vom Stuhl sinkt und dann ihn einfach gewähren lässt.
Also, her mit den Epen.
@ Alle
Danke für Eure Kommentare und schön, dass Ihr das “Rätsel” ohne meine Mithilfe gelöst habt, während ich auf der Couch lag und trashige Fantasy-Epen Dritter genoss… ;)
Rätsel? Es gab ein Rätsel? Jetzt bringst Du mich aber zum Grübeln…
Ich fress’ nen Besen.
Boah, clems und Woists trefflichen Kommentaren (”schmutziger Transsexuellen-Roman”, “adulter Homotrash”) ist mehr nicht viel hinzuzufügen. Ach so, doch, für Säckchen noch ein Link für alle Fälle: http://www.transgender-net.de/
Wenn Du mit diesem verschwurbelten Plot einen spießigen Aufschrei bewirken wolltest, ist Dir das gelungen. ;-)
PS: Ich hoffe, Deine “pikanten Texte” für den Crqoue-Imbiss morgen sind da anderer Natur, sonst bleibt den Gästen noch das Baguette quer im Halse stecken…
@ zweiten Schwung
Wenn die Remoulade langsam den Rachen herunter rinnt, wenn den fleißigen Essern langsam vor Anstrengung der Schweiß auf die Stirn tritt, dann sind die Menschen glücklich.
Danke für Eure dedizierte Rückmeldung - ich hatte bei der Geschichte auch kein gutes Gefühl…