Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

5. Januar 2010

Familienzeit

Franziska, von ihren Freundinnen Franzi genannt, saß seufzend auf der Ledercouch in ihrem Wohnzimmer und beobachtete ihre zwei Männer, die sich am Fuße des Weihnachtsbaumes niedergelassen hatten. Der kleine Lukas war ein Goldstück, auf den sie nichts kommen ließ. Seit er aus dem Gröbsten heraus war, bereitete er ihr täglich Freude und sein Lächeln entschädigte sie für alle Mühen. Der etwas größere Georg, mit dem sie seit sechs Jahren verheiratet war, brachte sie auch manchmal zum Strahlen. Er hatte seine Qualitäten, im Job, als Ehepartner und Begleiter bei Einladungen oder im Bett.

Sie rechnete ihm hoch an, dass er seine Bedenken nach längerer Bedenkzeit über Bord geworfen und sich ihrem Kinderwunsch gebeugt hatte. Die Schwangerschaft war gut verlaufen und seit der Geburt ihres Lukas waren sie beide sehr glücklich gewesen. Jahre später und vier Monate vor den diesjährigen Weihnachtstagen war sie jedoch aus ihren Träumen von einem harmonischen Familienfest gerissen worden. Georg wollte Lukas unbedingt diese eine Legoburg schenken, von der er ihr regelrecht vorgeschwärmt hatte. Er sei damals als Kind ausgeflippt, als seine Eltern ihm die ersten Modelle gekauft hatten. Lukas erginge es ähnlich, außerdem könnten sie ein Gegengewicht zu den digitalen Medien schaffen, die Kinder magisch anzogen. Schließlich hatte sie sich gefügt und Georg war zur Tat geschritten.

Bis zum 24. Dezember hatte sie die Aufregung wieder vergessen und sich auf ihre Lieblingsfeiertage gefreut. Draußen wurde es kalt und drinnen schmiegten sich die Familien aneinander. Gutes Essen, vertraute Klänge, anregende Zeilen und Ruhe. Der Heiligabend verlief nach Plan, Georg stellte den Baum auf und schmückte ihn. Sie werkelte in der Küche am Weihnachtsmahl. Lukas vertrieb sich die Zeit in seinem Zimmer. Um 18 Uhr versammelten sie sich zu dritt am Esstisch. Die Gans war gelungen. Georg lobte das Essen und Lukas verputzt alles, was auf seinem Teller lag. Vor der anschließenden Bescherung war nicht eindeutig zu erkennen, wer am aufgeregtesten war. Lukas hibbelte herum, Georg starrte auf die eingepackte Legoburg und Franzi hoffte wie jedes Jahr auf den Wellnessgutschein für das Hotel an der Nordsee.

Georg schritt zur Tat und überreichte Lukas sein Geschenk. Ritsch-ratsch. Ein glucksendes Kind hantierte an der Lego-Verpackung herum. Derweil holte Georg ein zweites Geschenk unter dem Baum hervor. Franzis Mann strahlte und überreichte ihr ein fingerdickes Päckchen, welches auf einen verborgenen Briefumschlag hindeutete. Franzis Herz machte einen Sprung, tagelang Wellness und auf Händen getragen werden. Endlich! Gierig riss sie das Geschenkpapier auf. Und tatsächlich, ein edel aussehender Gutschein des Hotel Ambassador in St. Peter-Ording. Triumphierend reckte sie ihn in die Höhe und vor ihrem inneren Auge sah sie sich auf der Massagebank, im Whirlpool oder am reichhaltigen Buffet und abends beim Weinchen trinken mit den Mädels. Als das Hochgefühl abebbte, schaute sie sich nach Georg um. Er kniete mit Lukas vor der geöffneten Legoverpackung, redete auf ihren Sohn ein und sie hatten schon begonnen, die Burg aufzubauen. Nein, eher baute Georg die Burg auf und Lukas sah zu. Dass war vor einer halben Stunde…

“Maus, guck ‘mal, wir sind fertig”, sagte Georg schließlich und drehte sich sofort wieder zur Burg um. Widerwillig stand Franzi auf und näherte sich. Eine Miniaturfestung, auf der einige Legomännchen standen, was war schon dabei? Sie beugte sich über die Beiden und warf einen Blick auf die bunten Steine.
“Sieht toll aus! Luki, gefällt sie Dir?”
“Ja Mama, ist super”
“Habt Ihr gut gemacht”, sagte sie und tätschelte zwei Haarschöpfe.
“Maus, guck sie Dir genauer an. Es gibt so viele neue Farben und Teile, die es früher nicht gab. Und diese detailgetreuen Figuren. Wahnsinn!”
“Ja, ganz toll. Und nun lass Luki ‘mal alleine mit seinem Geschenk”
“Ach komm, Maus, nun sei nicht so, heute ist Weihnachten”
“Wie Du meinst”, resignierte sie und setzte sich wieder auf die Couch. Ihre Männer spielten mit der Burg und den kleinen Rittern, dass heißt Georg spielte mit der Burg und Lukas schaute zu, während sie auf den Baum blickte. Nach zehn Minuten schnappte sie sich die Fernsehzeitung, entschied sich für einen Film und schaltete das Gerät an. Am Ende des Films hockten die zwei Spielkinder wie festgewachsen vor der Burg und waren in ihre eigene Welt vertieft. Sex und Zärtlichkeiten gab es heute Abend nicht mehr…

***

Georg musste zwischen den Tagen nicht ins Büro und Franzi hatte sich auf Familienzeit gefreut. Gemeinsam spazieren gehen, die Mahlzeiten genießen und Spiele mit Lukas machen. Die zwei Weihnachtstage verbrachten sie mit Besuchen bei Franzis Eltern und ihren Schwiegereltern, dort aß, trank und schwatzte man nach Herzenslust. Georg jedoch drängte ungewöhnlich früh zum Aufbruch und quengelte wie Lukas zu seinen besten Zeiten. Franzi gab nach und zu Hause angekommen stürzten Vater und Sohn sich sofort auf die Lego-Burg und vertieften sich ins Spiel. Franzis dritter Fernsehabend hintereinander war nicht berauschend, obwohl sie nicht über die zu sehende Sendung diskutieren musste.

Am 28. Dezember, den ersten Tag nach den Feiertagen, an dem die Geschäfte wieder öffneten, bereiteten Franzi und ihr Mann in der Küche das Frühstück vor.
“Maus, heute haben die Geschäfte doch wieder geöffnet, oder?”
“Ja, Schatz. Ich wollte nachher eh einkaufen und die Vorräte auffüllen. Soll ich etwas Bestimmtes mitbringen?”
“Och nein, lass nur, ist nicht so wichtig.”
“Nun sag schon, wenn ich eh unterwegs bin, fällt eine Besorgung mehr nicht ins Gewicht.”
“Wie hoch war noch einmal das Weihnachtsbudget für Luki? Was hatten wir gesagt?”
“50 Euro, wie Du weißt. Warum?”
“Hm. Die Burg hat knapp 50 Euro gekostet.”
“Ja, stimmt. Es war ein tolles Geschenk und mehr als ausreichend.”
“Maus, es gibt da noch diesen Belagerungswagen, der super zur Burg passt. Mit drei Figuren und täuschend echt dem Mittelalter nachgebaut. Er kostet nur 20 Euro…”
“Was! Ich glaube, Du spinnst wohl. Luki hat genug bekommen und in wenigen Monaten hat er Geburtstag. Vielleicht bekommt er ihn dann geschenkt.”
Das anschließende Frühstück war einsilbig. Georg sagte nichts und danach fuhr Franzi alleine einkaufen. Sie setzte keinen Fuß in die Spielwarenabteilung. Georg hingegen spielte den Vormittag dieses und der nächsten Tage mit der Burg. Manchmal mit Lukas, aber meistens ohne ihn. Franzi konnte die Geräusche, die er dabei machte, kaum ertragen. Sie hätten von einem Sechsjährigen stammen können.

***

Silvester. Franzi hasste es, Georg liebte es. Sie hatten die Einladung von Heinrich und Maria ausgeschlagen. Sie machten es sich zu Hause gemütlich, aßen Fondue, spielten “Mensch ärgere Dich nicht” und Kniffeln. Um 23.30 Uhr wurde Georg unruhig. Er fingerte an der gekauften Raketenpackung herum.
“Maus, ich geh jetzt böllern.”
“Wie? Es ist noch vor Mitternacht.”
“Ja, aber es sind nur diese acht A-Böller, die ich schnell loswerden will.”
“Georg, muss das jetzt sein? Lass uns noch eine Runde spielen.”
“Nein, ich will jetzt böllern.”
Franzi seufzte und schüttelte ihren Kopf.
“Luki, wollen wir noch eine Runde kniffeln? Papa will kurz verschwinden.”
“Au ja, Mama.”
Georg stand auf, schlüpfte mit Bier und Böllern in der Hand durch die Terrassentür und verschwand im Garten. Franzi hatte einen Lauf beim Würfeln und vergaß ihn. Unregelmäßig knallte es aus dem Garten und die Uhrzeiger schritten auf die Zwölf zu. Noch sieben Minuten. Noch fünf Minuten. Franzi ging in der Wohnung umher, stellte die Sektflasche und Gläser bereit. Sie türmte die Berliner auf und sprach beruhigend auf Lukas ein. Um drei vor Zwölf öffnete sie die Terrassentür und rief Georgs Namen in die Nacht. Er antwortete aus der hintersten Gartenecke, dass er gleich komme. Sie setzte sich wieder an den Tisch. Welch einen Kindskopf hatte sie geheiratet? Unzählige, in den Himmel aufsteigende Raketen verkündeten ihr den Beginn des neuen Jahres. Franzi wünschte Lukas ein frohes neues Jahr. Als sich ein Schatten der Terrassentür näherte, fuhr sie herum und blickte den verfroren aussehenden Georg an, mit Blumen und Sekt in der Hand.
“Wo warst Du, was ist bloß los mit Dir?”
“Maus, erst einmal ein frohes neues Jahr. Für Dich natürlich auch, Luki.”
“Frohes neues Jahr”, antworteten beide mechanisch.

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