Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

7. März 2010

Frühling für einen Tag

Die letzten Reste des Schnees waren geschmolzen und versickerten in flüssiger Form im Erdreich oder mit einem Glucksen in den Abwasserschächten der Stadt. Geborstener Teer, Schlaglöcher, die an die Verwüstungen der Stellungskämpfe des Ersten Weltkriegs erinnerten, und eine rund fünf Zentimeter dicke Sandschicht stellten die Räder meines Drahtesels auf die Probe. Der Ritt forderte mir mein ganzes Lenkerkönnen ab, ohne dass es weiterer Verkehrsteilnehmer bedurfte, mit denen man sich bisweilen vergnügte. Nach fünf Minuten Fahrt hatte ich erste schlaglochaufprallbedingte Abschürfungen am Handrücken davon getragen und bei jedem neuem Schlagloch musste ich einen Schmerzlaut unterdrücken. Endlich erreichte ich die Hauptstraße, deren Belag widerstandsfähiger gewesen zu sein schien und auf der es sich gleich ganz anders radelte. Mühelos verdoppelte ich meine Schrittfrequenz und brauste mit geschätzten fünfzehn Stundenkilometern durch mein sonnenbeschienenes Viertel. Vögel, die ich leider nicht genauer bestimmen konnte, zwitscherten um die Wette, jedes fünfte Fenster war sperrangelweit geöffnet, um den Muff des Winters auszulüften, und die Menschen auf den Gehsteigen blickten sich wieder in die Augen, statt auf den Boden. In spätestens zwei Wochen begäben sich die Sonnenanbeter unter den Einwohnern Hamburgs mit kurzen Ärmeln und weiteren Ausschnitten hinaus, um sich die Haut von Sonnenstrahlen wärmen und Blicken bewundern zu lassen. Man konnte sich einen Eindruck davon verschaffen, was in den kommenden Monaten mit “Farben der Saison”-Lügen an den Mann oder die Frau gebracht werden sollte und nach höchstens zwei Jahren wieder ausrangiert wurde. Die Winterstarre fiel von den Seelen der Menschen ab, erste Frühlingsgefühle regten sich. Das Tagwerk, der Frühjahrsputz und das ganze Leben wurde mit neuem Elan angegangen, der andere ansteckte und den gesamten Bienenstock der Großstadt zum Brummen brachte. Erste Ausflüge wurden geplant und vielleicht gar unternommen. Unter einer Wolldecke unter einem Heizpilz leerten sich Latte Macchiato - Gläser, erhitzte Zungen schlängelten sich an Hälsen Eiskugeln entlang und Kinder, deren Mutter auf Vorrat eingekauft hatte, verschlangen ihren ersten Schokoosterhasen des Jahres. Auf den Speisekarten der Kantinen und Restaurants schlich sich der Spargel ein und vertrieb alle Kohlvariationen, neuen Schorlenkreationen wurden auf ältere Damen und experimentierfreudige Mittdreißiger losgelassen, während sich die Vorbräuner in den Schlangen der Swingerclubs Solarien einreihten. Unter Freiluft erworbene Bräune war entbehrlich.

Das alles und viel mehr breitete sich vor mir auf und ich hätte mich nur bedienen müssen. Frühlingstechnisch aus dem vollen Schöpfen! Als erster am Büffet sein und richtig abräumen. Endlich wieder wildfremde Frauen für ‘ne schnelle Nummer auf der Straße ansprechen und irgendetwas von Modeln dabei murmeln. Die kurzen Hosen und Polohemden bügeln und freiwillig draußen spazieren gehen. Nur warum schneite es auf einmal und hörte nicht mehr auf? Wieso häuften sich Flocken in Zentimeterhöhe an und ließen sich platt trampeln, um am nächsten Morgen die Eiskruste zu mimen? Frühling, Du Herbeigesehnter, kehre im Norden ein. Winter, Du alter Schelm, es reicht - noch so ein Ding und es gibt richtig Ärger. Ein Anruf, fünfzig Leute!

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