Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

18. März 2010

Geschlaucht vom Leben

Menschen gingen zur Arbeit. Polizisten schlüpften in ihre schmucken Uniformen, um für acht Stunden den Freund und Helfer zu mimen. Maurer schnappten sich ihre dreckige Kelle und gingen in Gedanken den Tag durch: Mörtel hinklatschen, Stein drauf, an die richtige Stelle klopfen, verstreichen und das Ganze 265 Mal wiederholen. Sekretärinnen prüften den Sitz ihrer Friseur und wie viel Einblick die Bluse bot. Taxifahrerinnen ließen den Mercermotor aufheulen, bevor sie sich in das Verkehrsgetümmel stürzten. Büroangestellte stiegen in die Bahn, drängten sich durch Massen von Büroangestellten, saßen in einem Viererplatz mit anderen Büroangestellten und begrüßten weitere Büroangestellte, mit denen sie ein Büro teilten - liebevoll nannte man sich Kollegen. Die Jungs vom Escortservice drehten eine Extrarunde im Bett. Genauso wie Rico M., der liegen blieb. Irgendwann knurrte ein Raubtier, dass sich hinter der Wölbung in Ricos Bauchgegend verschanzt haben musste, so laut, dass an Schlaf nicht mehr zu denken war. Trotz der beinahe zwölf Stunden zurückliegenden letzten Mahlzeit gelang es ihm, seine Muskeln zu strecken und mit den Fingern der linken Hand die Fensterbank abzutasten. Wäre die Szenerie besser ausgeleuchtet gewesen, hätte man sich durch die hilflos wirkenden Zappelbewegungen in die erste Stunde eines schlecht besuchten Aerobickurses, bei dem sich der einzige Teilnehmer auf dem Boden mühte, erinnert gefühlt. Genug Fett und Spiegel waren vorhanden.

Ricos Finger berührten den Rand des Plastikgefäßes, nach dem er gesucht hatte, und ohne zu zögern tauchten sie in die Flüssigkeit ein, die das Innere ausfüllte. Wie ein Fisch schnappte seine Hand mehrfach zu und fand doch nichts Festes vor. Derweil schwappte die Flüssigkeit über den Rand, benetzte Hand und Fensterbank und tropfte auf den Boden. “Verflixt”, brummte er und stand auf. Er nahm sich ein Taschentuch, trocknete Hand und Fensterbank ab und zog das Rolo hoch. Zwei Meter vor dem Fenster richtete sich eine ältere Frau abrupt aus ihrer gebückten Haltung auf und hielt sich eine Hand vor den Mund, in der anderen baumelte eine kleine grüne Schaufel. Rico hatte sich gedanklich noch nicht auf seine neue Erdgeschosswohnung eingestellt und machte da weiter, wo er im Dachgeschoss aufgehört hatte. Er öffnete das Fenster und sagte zu der Frau: “Moin Frau Hermann, schon fleißig?”. “Guten Tag oder Morgen Herr Müller. Es ist Viertel nach Zwölf. Haben Sie denn kein Benehmen?” “Ahso. Bitte was? Wo bleibt eigentlich der Scheißfrühling?” “Wahrscheinlich verschreckt von ungewaschenen und schlecht gelaunten Menschen wie Ihnen!” “Witzig.” “Haben Sie denn keine Arbeit?” “Nee, bin krank geschrieben.” “Warum?” “Rücken. Schmerzt wie Hulle vom Schleppen der Lasten beim Löschen der Schiffe. Der Harburger Hafen brummt.” Was nicht ganz der Wahrheit entsprach, Ricos Job als Kranfahrer im Harburger Hafen war futsch. Ob es am Jammern über das leichte Ziehen lag, welches sich beim Bedienen der Schalthebel des Krans eingestellte hatte, oder ob ihn der Typ von der Hareico-Würstchenbude, bei der er monatelang anschreiben ließ, verpfiffen hatte, konnte er für sich nicht mehr genau nachvollziehen. Das Grundübel verbarg sich hinter drei unscheinbaren Worten: Pinkeln im Kraninneren Fummelspiele mit Hafenarbeitern Aufknacken parkender Autos Diagnose mittelschwere Schlauchabhängigkeit. Schläuche waren, wie ihm sein Chef ab dem ersten Tag eingebläut hatte, das Lebenselixier des Hafens. “Sobald Du auf den Geschmack gekommen bist, stehst Du morgens schon auf dem Schlauch und legst mittags gleich zwei nach. Vertrau mir, Rico.”, hörte er die Worte in seinem Kopf hallen. Und es stimmte. Verwundert beobachtete er die Jungs dabei, wie sie sich um zehn Uhr morgens die erste Bockwurst am Kiosk genehmigten. Damals, als sein Leben noch gut war und er Hoffnungen mit sich herumtrug. Auf Zureden und um sich nicht sofort ins Abseits zu manövrieren, schlang er unter Aufsicht und den johlenden Anfeuerungsrufen der Jungs den ersten Schlauch herunter und wurde den ranzigen Geschmack im Mund bis zum Mittag nicht mehr los. Als Hauptmahlzeit gab’s zwei Schläuche mit einer halben Scheibe Toast, die aus dem schmalen Guckloch der Würstchenbude wie am Fließband gereicht wurden. “Und ehe Du Dich versiehst, diktieren Dir die Schläuche den Tagesablauf, die Arbeit rückt in den Hintergrund und Du lebst für diese zwei oder drei schönen Minuten des Tages, in denen es Nachschub gibt.”, hörte Rico seinen ehemaligen Chef sagen. “Der Paule, den werden wir nie vergessen. Der hat hier fünfzig Jahre geschafft und in jedem Jahrzehnt musste er seine Tagesdosis um mindestens zwei Schläuche erhöhen. Die Wirkung von dem Zeug lässt eben nach. Am Ende war er bei zwanzig Schläuchen angelangt und wenn es Krach mit seiner Liese gab, mussten fünf zusätzlich sein. Schön war das nicht mehr, sage ich Dir.” Rico schüttelte sich und blickte zu seiner Nachbarin, hieß sie nicht Liese Hermann? “Viel Spaß noch, geben Sie’s dem Unkraut richtig”, sagte er und drehte sich um. Im Flurspiegel erkannte er, was aus den Schokostückchen geworden war, die ihm gestern Abend auf der Couch aus der Hand gefallen waren. Drei braune Flecken gruppierten sich auf seinem T-Shirt, dass sich über dem Bauchnabel wölbte.

Der Arbeitsplatz fiel weg, doch die Sucht nahm man mit nach Hause. Rico prüfte sein Reservoir in der Küche, alles war geplündert. War er Opfer einer seiner nächtlichen Fressattacken geworden? Oder wurde heute Nacht in seiner Wohnung eingebrochen und die Diebe hatten sich den Magen voll geschlagen? Hastig zählte er das Geld in seinem Portemonnaie, 453 Euro. Stimmt ja, der Besuch bei seiner Oma lag erst eine Woche zurück. Mit einem fröhlichen Rapsong auf den Lippen begab er sich in den Discounter seines Vertrauens, um die Vorräte aufzufüllen und das Erwachen in den Folgetagen zu erleichtern. In der Tiefkühlabteilung Unterabteilung Fleisch strich er über die prall gefüllten Würstchenbehälter, 20er, 50er und 100er Packs standen zur Auswahl. Just in diesem Moment kurvte ein Angestellter des Ladens auf einer fahrbaren Hebebühne vorbei und Rico fasste einen verwegenen Plan. “Heda, ich will einen Großeinkauf starten, könnte ich mir ihr Gefährt einmal ausleihen?” “Äh, wie meinen der Herr?” “Ich gebe demnächst eine Riesengrillparty und wollte mir jetzt die entsprechenden Vorräte anlegen. Könnte ich mir ihr Gefährt ausleihen, um die Ladung nach Hause zu bekommen? Ich wohne gleich um die Ecke.” Nach dem ein Fünfzig Euroschein den Besitzer gewechselt hatte, schob Rico zufrieden den größten Fleischeinkauf seines Lebens in Richtung Kasse und lud sich zusätzlich ein paar 20er Packs Caprisonne auf den Wagen. Der flüssige Zucker harmonierte auf dem Gaumen mit den feinen Saitlingfreuden und die Werbung hatte ihm erfolgreich eingeredet, dass die Tagesration Vitamine für einen Erwachsenen in den Trinkpäckchen steckte. Auf dem Weg nach Hause staunte er über die Fleischmengen, die sich mit knapp 400 Euro erwerben ließen. Einige Rempler an parkende Autos führten zu keinen Fleischkollateralschäden und eine Packung Schläuche musste auf halber Strecke als Wegzehrung herhalten.

Zu Hause verteilte Rico jeweils ein Päckchen als Notverpflegung an verschiedenen Stellen seiner knapp dreißig Quadratmeter großen Wohnung: Eins auf’s Fensterbrett neben dem Bett, zwei unter dem Abflussrohr der Toilette, eins in sein Eastpack und den Rest stapelte er zu abenteuerlicher Höhe in seiner Küche. Beim nächsten Erdbeben begrübe ihn ein Haufen Fleisch, ein schöner Tod. Wie ein verdurstendes Kamel trank er sieben Caprisonnen in einem Zug leer und fiel dann auf seine Couch. Hunger und Durst hatte er für’s Erste im Griff. Nach einem kleinen Mittagsschlaf trieb es ihn hinaus in den Park. Welche Freuden er einigen Kindern, einer alten Dame, einem streunenden Hund und zwei gurrenden Tauben mit seinen Schläuchen bereiten konnte, erfahren wir vielleicht beim nächsten Mal…

Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar