Bald ist Halloween. Ich habe ich mich mit Gruselgeschichten und Horrorfilmen beschäftigt…
Am Freitag, den 13., war ich bei meinem Kommilitonen Wilfried eingeladen. Seine Eltern bewohnen eine alte Villa außerhalb von Hamburg, umgeben von Wäldern und Wiesen. Ich nahm den Bus, meine Aufregung wuchs als der Busfahrer „Final Destination Bargteheide“ ansagte. Sofort nach dem Klingeln öffnete Wilfried mir. Sein Haar war in Alufolie verpackt und hinter den Ohren klebten ein paar Strohhalme. „Moin Digga, ich hatte Dir doch gesagt, dass das heutige Party-Motto „I was a teenage werewolf – Mord, Folter, Angst, Besessenheit, Voodoo, Pakte, Blut, Schmerzen, Hexerei, Flüche und was Euch sonst noch zu Hollywood-Horror einfällt – lautet, oder?“. Nein, hatte er nicht. Außerdem sah seine Verkleidung bescheuert aus.
Ich schob mich in die Eingangshalle. Wilfried schrie gegen die wummernde Musik an: „Das hier ist die Tanzfläche.“ Der weiße Hai wirbelte ein altes Weib mit Rabe auf der Schulter durch den Raum. Dracula tanzte eng mit einer Mumie. Ein Werwolf und ein Zombie bewegten sich abgehackt wie Roboter. Nur Frankenstein saß traurig in der Ecke. „Erinnert mich eher an Friedhof der Kuscheltiere für Arme als die Inkubationszelle des Bösen.“, schrie ich zurück. Mit einem Lächeln verließ Wilfried mich.
Falls ich mich heute Abend nicht vollends blamieren wollte, musste eine Verkleidung her. Im Flur sprach mich ein süßes Mädel an: „Chucky will, dass Du ihn streichelst.“ „Wer ist Chucky?“, fragte ich. Sie reckte mir wortlos eine lädierte Puppe entgegen. „Ich spiele doch nicht mit Puppen“, fuhr ich sie an. „Chucky will, dass Du ihn streichelst, sonst wird er sehr böse“, wiederholte sie mit Nachdruck. Also legte ich zögerlich die Hand auf die Puppe und streichelte Chucky, während das Mädel zufrieden gurrte.
In der Küche bogen sich mehrere Tische unter dem üppigen Büffet. Zwei Typen in Jeans und Shirt schienen sich Teller aufzufüllen. Ich griff mir ein scharfes Messer von der Küchenplatte und schlich mich von hinten an sie heran. Holte aus und rammte die lange Klinge in den reifen Kürbis. Dann schnitt ich mir ein großes Stück ab. „Hey Jungs, freut mich, hier zwei Normalos zu treffen“, sagte ich. Die beiden fuhren herum und musterten mich. Der rechte holte eine Motorsäge unter dem Tisch hervor. „Wieso, ich bin der Typ aus Armee der Finsternis, der die ganzen Zombies wegschnetzelt.“ Ich zeigte auf den anderen: „Und Du?“. „Der Kannibale von Rotenburg“, sagte er und biss genüsslich in eine Frikadelle. Ich schluckte und war froh, dass sie sich von mir abwandten und den Raum verließen.
Hastig sah ich mich in der Küche um und begriff, welchen Stress der Hauptdarsteller eines Horrorfilms hatte: Was zog man an? Wen tötete man als nächstes? Lieber stumpfer Löffel oder Schaschlik-Spieß? Hinter der Tür hingen Schürzen. Ich band mir eine um und zerhackte mit dem Messer ein paar Tomaten, deren Fruchtfleisch ich mir auf Bauch und Brust verrieb. Dann stopfte ich mir zwei Frikadellen in den Mund, bis mir der Speichel über Lippen und Kinn herablief. Das Messer nahm ich auch mit.
Vor dem Badezimmer lief ich meiner Kommilitonin Christine in die Arme. Sie war weiß geschminkt und hatte ihre Haare hochdrapiert. „Siehst ja echt Psycho aus!“, sagte sie. „Ja –äh- soll den Schlachter des Todes darstellen. Und Du?“ „Eine niedere Vampirin aus Twillight: Biss die Fritten fertig sind.“ Wir tauschten noch die neuesten Geschichten aus der Gruft aus, bis ich unter dem Vorwand, das nächste Opfer zu suchen, weiterzog.
Plötzlich packte eine Hand meine Schulter. „Ich weiß, was Du letzten Sommer getan hast.“, flüsterte mir eine Männerstimme ins Ohr. Ich zuckte zusammen und drehte mich zu Cujo um. Wir hatten letzten Sommer gemeinsam für die Statistikprüfung gelernt, der Drecksack hatte bestanden und ich nicht. Cujo war angetrunken und stammelte irgendetwas von einem Hostel in Bargteheide, in dem er abgestiegen sei. Ich ging weiter.
Wilfried unterhielt sich mit einer sinnlichen Schwarzhaarigen als ich mich wieder zu ihm gesellte. Er hob nur eine Augenbraue und zeigte auf seine Begleiterin, deren tiefer Ausschnitt ihre Rundungen nur spärlich verhüllte. „Das ist meine Cousine Carrie“, sagte er und ließ uns alleine. „Hallo, äh und was stellst Du dar?“, fragte ich stockend. Sie lächelte: „Die Wollust aus Sieben.“ Ich schluckte. „Und Du?“. „The Butcher aus Diablo“. Wir flirteten heftig mit Blicken, Worten, Gesten. Kurze Zeit später nahm sie meine Hand und führte mich hinaus in die kühle Nacht. Der Mond schien. Eine Eule schrie. Und Carrie hauchte mir düstere Legenden ins Ohr. Sie öffnete die Tür des Gartenhauses und zog mich hinein in die Dunkelheit. Stille umgab uns. Nur unterbrochen von unseren Atemgeräuschen und dem Pochen meines Herzens. Sie legte ihre Hand auf meine Brust und flüsterte: „Ich spiele noch ein wenig Resident Evil mit Dir, dann bringe ich Dich um.“
Und das war der Moment, in dem meine Sicherungen endgültig durchbrannten. Ich schaltete das Licht an und schleifte Carrie an den Haaren zum Gartenteich. „Wasch Dich solange, bis Du wieder bei Verstand bist und zieh Dir danach ‘was Ordentliches an“, schrie ich. Rannte zurück zum Haupthaus. Kaum drinnen, säbelte ich dem Weißen Hai die Flosse ab. Versenkte den Stoffraben der Hexe im Aquarium und drängelte die Mumie im Engtanz an die Wand, bis sie weinen musste. Rang Dracula nieder und zog ihm seine künstlichen Zähne. Sprang auf und zeigte Werwolf und Zombie, wie der Robotertanz richtig ging. Kitzelte Frankenstein kräftig durch. Schnappte die Motorsäge des Spinners und zerlegte das komplette Wohnzimmer. Zwang den Pseudo-Kannibalen, sich mit Salat und Keksen den Mund voll zu stopfen bis er spuckte. Würgte Christine ein wenig. Entriss dem Mädel Chucky und schlug ihn mehrfach gegen die Wand. Ließ Cujo die Wahrscheinlichkeit berechnen, mehrere Stiche eines Küchenmessers zu überleben. Zerschnitt ihm dann die Jeans, so dass er in Unterhose weiterfeiern musste. Riss Wilfried das Alupapier vom Kopf, um mir noch ein paar Frikadellen für den Rückweg einzupacken. Fuhr das Auto von Wilfrieds Eltern gegen den Familienbaum. Steckte zum Schluss die Gartenhütte an und gab der frierenden Carrie einen kräftigen Klaps auf den Po. So, da habt Ihr Euer Scheiß-Halloween mit allem Drum und Dran.
Ja, was ist denn hier los? Da bin ich mal eine Woche in Italien, und schon wird hier nicht mehr kommentiert? Dabei habe ich doch anders als Tucholsky, dessen Ratschläge an den schlechten Redner ich dort unten zu beherzigen versuchte (nie unter 30 Minuten…) bisher hier keine Pseudonyme verwendet.
Bei Chucky denke ich an einen meiner ehemaligen Chefs, dem wir liebevoll diesen Spitznamen verpasst haben. Falls Du Deinen Amoklauf noch einmal wiederholen willst, besorg ich Dir gerne seine Adresse…
Sehr schön finde ich übrigens das Wort Familienbaum, hoffe aber daß die Frikadellen den Autounfall bei demselbem gut überstanden haben.
@ Clem
Italien klingt nach harter Arbeit. ;) Ach, die Kommentardichte hier ist schwankend und ein bisher unerforschtes Phänomen. Falls Du noch einen Doktortitel brauchst, wäre es bestimmt ein spannendes Thema. Schicke mir ruhig die Adresse Deines Chefs, ich sammle weitere Namen, damit es sich dann richtig lohnt…
Hervorragende Geschichte - vor allem die erste Hälfte ist wirklich aller Ehren wert und auch der Schluss hat es in sich!
PS: Ich war bekanntlich auch in südlichen Gefilden unterwegs und bin somit auch als Kommentator hier ausgefallen. Wird nicht wieder vorkommen. ;-)
@ TRS
Danke, solange Du die Lücke nicht so groß werden lässt wie beim ersten Mal lasse ich Dir alles durchgehen.