Fragmente meiner abgesagten Halloween-Lesung:
Philosophen, Kriminologen und Soziologen diskutieren seit langem, ob das Böse in Reinform existiere. Für mich herrschte seit fünf Tagen Gewissheit. Das Böse existierte nicht nur, sondern hatte sich auf meiner Nase inkarniert. Als Brillengestell mit braun-schwarzen Bügeln und Gläsern in Lupenstärke. Die breiten Bügel schnitten mir am empfindlichen Übergang zwischen Ohrmuschelhinterseite und Kopf ins Fleisch und die Nasenbügel bohrten sich immer tiefer in meine Nasenhaut. Die Schmerzen ließen sich mit zwei Tabletten am Tag aushalten, die an der Ohrmuschelwunde austretenden Blutstropfen unauffällig abtupfen. Doch das Brillengestell hatte sich mit meinen Horch- und Riechorganen zu einer Bio-mechanischen Einheit verbunden und injizierte langsam die Essenz des Bösen in meine Blutbahn. Meine Mordlust wuchs. In der seriösen und konservativen Hülle, als der mein Körper angesehen wurde, erwachte das Tier. Mein rechtes Auge pochte mittlerweile so heftig, dass ich einäugig durch die Straßen Eimsbüttels taumelte. Vor zwei Tagen hatte ich mir den Opferdolch mit Goldimitatknauf umgeschnallt. Beiläufig strich ich immer wieder über die Klinge, die ich für 15,95 Euro bei Mister Mint in den Gewölben der Eimsbüttler Karstadt-Filiale schärfen lassen hatte. Mit den Worten “schneidet jetzt Brot wie Butter”, hatte sie mir der Angestellte überreicht und ich hatte in Gedanken “und Finger wie Würstchen” hinzugefügt.
(…)
Mein Atem rasselte. Meine linke Hand rutschte an der Rinde des Baumes ab und ich packte mit der zweiten nach dem verwitterten Stamm, um mich abzustützen. Speichel tropfte aus meinem rechten Mundwinkel und fiel auf den Kragen meines blau-gestreiften Schlafanzugs. Gierig sog ich den Wildgeruch ein. Das Rehkitz konnte nicht weit entfernt sein. Mit einem Knurren sprang ich über einen hüfthohen Strauch. Mit zwei weiteren Sätzen überwand ich das letzte Stück hin zum Zaun, der das Wildgehege umgab. Im Mondlicht zeichneten sich zwei schlanke Umrisse ab. Ich hangelte mich weiter an den Gitterstäben entlang.
(…)
Rosa Farbwirbel überlagerten mein Sichtfeld. Meine rechte Hand strich über den Knauf des Opferdolchs. Ich krabbelte auf allen Vieren über Sitze, Jacken, leere Bierflaschen und Zeitungen. Dieser altersschwache, mit Edding beschmierte U-Bahn-Mülleimer verhieß mir die Sicherheit, die ich suchte. Mehrere Passagiere sprangen auf als ich mich ihnen näherte. Kaum war ich auf Spukreichweite heran gekrochen, entlud sich mein Mageninhalt als breiter Strahl in den Mülleimer. Mein Magen verkrampfte sich mehrmals, bis das Gröbste überstanden war. Mein Kopf war wieder leer und mein Gewissen rein. Mit fahrigen Bewegungen entwand ich der Brille meine Ohren und Nase und steckte sie ihn die breiige Brühe, die im Mülleimer im Takt der U-Bahn-Schwellen hin und her schwappte. Mit einem Schrei riss ich den Opferdolch aus meiner Gürteltasche und stieß ihn bis auf den Grund des Mülleimers in das unverdaute Etwas. Ich griff mir eine MoPo vom Boden des Vierer-Platzes, wischte mir gründlich den Mund ab und taumelte am Schlump Richtung Freiheit.