Seit einiger Zeit erwache ich am Morgen mit einem leichten Unwohlsein (zu den genaueren Symptomen siehe unten). Eigentlich bin ich sehr hart im Nehmen und war seit gefühlten zehn Jahren nicht mehr beim Arzt, aber als neuer Fahnenträger der Lyrik muss man im Zenit seiner Leistungsfähigkeit stehen, um sprachlichen Ungenauigkeiten und mangelndem Wortschatz immer und überall die Stirn bieten sowie die angestrebte Invasion des Buchmarktes forcieren zu können.
Gesagt, getan finde ich mich vor der Eingangstür der Praxis meiner Wahl wieder, wundere mich erneut über die Entstehung des Doppelnachnamens von Herrn Dr. med. Klaus-Dieter Müller Große Baumann, betätige die Klingel der Praxis und gelange flugs in den Empfangsbereich. Der jungen Sprechstundenhilfe zwinkere ich vermeintlich vergnügt zu, um das bange Gefühl im Vorfeld der nahenden Untersuchung gekonnt zu überspielen und nehme ein weiteres Formular entgegen, für Erstbesucher wie sie mir glaubhaft versichert. Beinahe entfährt mir der Stoßseufzer “O Du mich stetig ereilender Fluch der Bürokratie”, doch dann profitiere ich zum ersten Mal von der ARGE-Abhärtung der letzten Woche: Zum Beispiel beim Feld “Anrede” muss ich nicht lange überlegen und trage mit souveränem Siegerlächeln Jungpoet ein…
Danach darf ich endlich das Wartezimmer betreten, öffne schwungvoll die Tür und halte rechtzeitig genug inne, um ein knappes, zwischen den Lippen hervorgepresstes “Hallo” zu unterdrücken. Statt dessen straffe ich mich, denn Dichtung und Schriftstellerei haben auch etwas mit Haltung zu tun, deute eine leichte Verbeugung in alle Richtungen an und grüße bestimmt in die Runde:”Guten Morgen, verehrte Damen und Herren - wünsche wohl geruht zu haben!”. Bis auf einen einsamen Herren ist das Wartezimmer leer Daraufhin folgt ein gequältes Nicken der sechs Anwesenden sowie ein fast geschrieenes “Wie bitte, junger Mann?” von der Dame links neben mir, ich setze mich also lieber schnell.
Meine Gedanken gehen sofort ein wenig spazieren und bleiben bei der elektrisierenden Idee der Gründung einer Vereinigung für Formularlyrik stehen, um diesem trockenen Thema eine spielerische Note zu verleihen. Zur Sicherstellung einer ausreichenden Mitgliederzahl könnte ich die Tür blockieren, allen Wartezimmerinsassen eine provisorische Beitrittserklärung abpressen und diesen Inneren Kreis des Vertrauens an Ort und Stelle auf die zu verfassende Satzung einschwören - man bedenke all diese brach liegende, Jahrzehnte umfassende Formularerfahrung! Plötzlich dringt aus der Ferne ein Räuspern an mein Ohr und ich vernehme die Worte “Jungpoet Strauß, der Doktor erwartet Sie jetzt.”. Die Vorstellung der neu ins Leben zu rufenden Vereinigung hat vorerst zu warten. Mit Genugtuung erhebe ich mich, rufe “Falls Sie mehr von dem Jungpoeten erfahren wollen, besuchen Sie gerne meine Seite alltagsfantasien.de im Internet!” in die Runde und begebe mich ins Behandlungszimmer.
Der Doktor ist von eher untersetztem Wuchs und ich bin geneigt, ihn auf das der Körpergröße nicht ganz angemessene Adjektiv in seinem Nachnamen hinzuweisen und den Gebrauch von “mittlere” oder “stabile” zu empfehlen, reiße mich jedoch zusammen.
Arzt: Müller, guten Tag.
Ich: Hallo, Kehlmann äh Strauß.
Arzt: Nehmen Sie bitte Platz, was kann ich für Sie tun?
Ich druckse herum und winde mich im Stuhl.
Arzt: Nun ‘raus damit, sonst kann ich Ihnen doch nicht helfen!
Ich: Ähm, wie soll ich es sagen, seit einiger Zeit leide ich an Alltagsfantasien.
Arzt bleibt ernst: Interessant, mit welchen Symptomen?
Ich: Meine überbordernde Libido treibt mich furchtbar um. Ich bin mehrfach nachts nass geschwitzt hochgeschreckt und habe mich hektisch gefragt, ob die Vorbereitungen für meine große Lesung in Hamburg von der Agentur wie abgesprochen in Angriff genommen wurden, ob ich genügend Bücher vorsigniert habe und welchen Anzug ich jetzt bloß für die Verleihung des Deutschen Buchpreises 2009 anziehen soll. Außerdem beseelt mich die feste Gewissheit der eigenen lyrischen Überlegenheit und der Wunsch, dies auch regelmäßig hinauszuposaunen!
Arzt: Merkwürdig, haben Sie denn bereits ein Buch geschrieben und einen Verlag gefunden?
Ich: Nein.
Arzt: Haben Sie bereits mit dem Buch angefangen?
Ich wollte gerade gerade “nicht wirklich” antworten als mich aus heiterem Himmel ein ungutes Gefühl beschlich.
Ich log: Ja, das Manuskript ist fertig und ich feile noch an einigen kniffligen Stellen.
Arzt: Wie sieht es mit Veröffentlichungen wie z.B. Zeitungsartikeln oder Kurzgeschichten aus?
Ich log: Da kann ich tatsächlich Einiges vorweisen, schon in der Schulzeit habe ich wie ein Berserker bei der Schülerzeitung mitgearbeitet und erste Artikel für die Lokalzeitung verfasst. Während der Bundeswehrzeit habe ich dann mit einigen Kameraden den Gedichtsband “Stubengespräche und Spindlyrik” verfasst, der für Aufmerksamkeit in Kritikerkreisen sorgte. Die Verfilmung unter dem Titel “Der uniformierte Dichter - von kaltem Stahl und warmen Gedanken” ist geplant.
Arzt: Was machen Sie denn beruflich?
Ich log: Im Sommer arbeite ich auf dem Bau, im Winter schneide ich aushilfsweise Haare beim Friseur um die Ecke und falls etwas anliegt, gehe ich meinem Onkel in seiner KFZ-Werkstatt zur Hand.
Arzt: Soso, Sie sind ziemlich durchgeknallt kerngesund und brauchen meine Hilfe nicht.
Ich log: Und was ist mit meinem orgienhaften Alkoholkonsum, den ständigen Besuchen meiner Muse und dem Berg gerauchter Zigarren?
Arzt: Ach kommen Sie, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.
Ich: Darf ich Sie denn in Zukunft einmal auf meiner Literaturseite alltagsfantasien.de begrüßen?
Arzt: Nein, bitte gehen Sie jetzt!
Ich: Nun denn, leben Sie wohl!
Zu Hause drängte sich mir dann der Eindruck auf, dass die Sache irgendwie schief gelaufen sein könnte…
Lassen Sie mich Arzt, ich bin durch. :-/
Mach’ Dir nichts draus, alles nur der Neid der Götter in weiß :-)! Könntest Du das mit dem orgienhaften Alkoholkonsum, den ständigen Besuchen der Muse und dem Berg gerauchter Zigarren noch bei Zeiten etwas näher ausführen :-)?!
…das mit der Formularlyrik klingt spannend, könnte man das auch auf SE-Methoden ausweiten? :-)
sehr schön! zum glück habe ich leute, die mich auf neuigkeiten auf dieser entzückenden seite hinweisen.
wie wärs mal mit einem kapitel über alte kollegen, die man beim mittag besucht?!?
@ TRS
Muss das nicht eigentlich anders herum heißen? ;)
@ Kiwitower
Wird erledigt, allerdings vielleicht etwas weniger satirisch…
@ Felix
Natürlich, lass uns nur “kurz” ein KU-übergreifendes Projekt aufsetzen und es kann losgehen! (ninja)
@ SvH
Der Wochenbericht bezieht sich immer nur auf Erlebtes, aber vielleicht ergibt sich demnächst eine entsprechende Episode… Generell kann ich natürlich das Mailabo von alltagsfantasien.de empfehlen, um ja nichts zu verpassen! ;)
Neue Woche, neuer Bericht…? ;-)
@ TRS
Kommt Zeit, kommt Bericht - proaktives Nerven von Dir am Montag Morgen, wer hätte das vor kurzem gedacht?! ;)
Und am Dienstag morgen gleich hinterher. ]:)
@ TRS
Schlingel - schon das Duschklo geordert? ;)
Hej Sonning,
nichts anderes habe ich von Dir erwartet, hab gut gelacht :)
Mach weiter so!
Vielleicht kannst Du uns ein paar Zeilen aus Deinem Werk “Stubengespräche und Spindlyrik” offenbaren?
LG
@ Inga
Puh bin ich erleichtert, dass es Dir ebenfalls gefällt. ;) ‘Mal sehen, ob es eine Neuauflage dieses vergriffenen Bandes geben wird…