Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

17. April 2011

I wanna be your disco boy!

Die Menschenschlange setzte sich hinter der Hausecke fort. Buki hatte uns gewarnt. Vor dem Andrang, dem Durchschnittsgast (schlecht deutsch sprechende Frauen auf Männerjagd, schlecht deutsch sprechende Männer auf MännerFrauenjagd) und dem, was später folgen sollte. So musste sich das Einkaufen in einer sozialistischen Gesellschaft mit reglementiertem Markt in der Zerfallsphase anfühlen. Nicht, dass ich etwas Vergleichbares je erlebt hätte. Menschenschlangen bildeten sich in Norddeutschland selten, die namensgebenden Reptilien waren noch seltener. Die letzte Blindschleiche hatte ich als Kind auf dem Dorfweg gefunden. Der Kiefer zermahlen vom großprofiligen Autoreifen eines Jeeps, in dem eine tierliebende Mutter ihre tierliebende zehnjährige Tochter gerade zum Reiten gefahren hatte. Es starben einfach zu viele Schlangen auf deutschen Feldwegen und Hauptstraßen. Igel, Nachtfalter, Krokodile und Kühe sowieso. Aber in diesem Moment wünschte ich mir nichts sehnlicher herbei als einen Jeep, dessen Fahrerin auf der Reeperbahn die Kontrolle über ihren Wagen verlor, und nicht verhindern konnte, dass das motorisierte Ungeheuer in eine Nebenstraße hineinglitt und gnadenlos eine Schneise in die Grüppchen von Nachtschwärmern, Junkies, Drogenhändlern, Dorftrotteln, Bankkaufleuten und Yuppies mähte, die alle Nebenstraßen Hamburgs vermeintlich sündigster Meile jede Samstagnacht verstofften. Und mir den Weg versperrten, nein, die Last aufbürdeten, mich hinten in der Menschenschlange anzustellen. Für die Balkannacht wohlgemerkt, von der ich bereits vor ihrem Beginn wusste, wie sie für mich enden würde. Nämlich mit 3 1/2 miesen Stunden Schlaf und fünf Stunden tänzerischen Verrenkungen in den Knochen sowie Dutzenden Bildern von prallen Dekolletés und einladenden Hinterteilen feister Balkan Bitches im Kopf, die mich tagelang im wahrsten Sinne des Wortes umtrieben. Und so stand auf meinem Grabstein der für Außenstehende unverständliche Sinnspruch: “Und nächtlich grüßte der Balkan.” Denn plötzlich schoss der Jeep heran, walzte erst die Straßenlaterne vor mir und dann mich nieder, schleifte drei weitere Balkanesen in spé die verbleibenden sieben Meter über den Rasen mit, bis seine Motorhaube mit einem Kreischen in der Hauswand des Grünspans zum Stehen kam. Dabei wurden zwei über die Stadtviertelgrenzen berühmte Graffitis, die in pinken Farbtönen gestaltete Aufforderung “Fuck the norm!” des Szenesprayers Johnny G. und die fleischfarbene Pobacke, von einer weiblichen Künstlerin erschaffen und an Arnold Schwarzeneggers Hintern in guten Zeiten gemahnend, zerstört. Und ich war sofort tot. Das heißt nein, ich wäre sofort tot gewesen, hätte es den Jeep gegeben. Doch hätte es den Jeep gegeben, so wäre ich dank meines hervorragenden Gehörs auf den heran rauschenden Fünf-Tonnen-Metalltorpedo mit Reifen aufmerksam geworden und hätte mich mit einem Sprung auf den Rasen in Sicherheit gebracht. Die vordere Stoßstange und die Kotflügel des roten (Blut hatte sich in mehreren Schichten über die ursprüngliche Farbe gelegt) Jeeps hätten reiche Ernte in der Menschenschlange halten können. Aber kein Jeep kam und das Kreischen einer vielleicht 21-jährigen Schönheit mit langen dunklen Locken und perfekten Balkanmaßen riss mich aus meinen mörderischen Gedanken. Egon und Buki diskutierten darüber, dass Affen die neuen Drachen seien. Was sich sowohl auf Tattoos als auch Schulterschmuck beim Fasching oder Karneval bezog. Ich verstand nicht, worauf sie hinaus wollten. Statt dessen begann ich mit dem Taschenrechner meines Nokia-Knochens zu berechnen, wie lange die exakte Wartezeit betrug, bis die Menschenschlange vor uns vollständig in den Club gekrochen war. Hoffentlich wurden mehrere der größeren Männergruppen, die sich in die Schlange gemischt hatten, auch an der Tür abgewiesen, so bliebe mehr Balkananschauungsmaterial für nette Akademiker wie mich.

Zehn Euro knöpfte mir das Kassiermädchen am Eingang ab. Darin mussten zehn Klappse auf beliebige, einladende Hintern fremder Frauen einfach enthalten sein. Gegen Wucher begehrte ich bei jeder Gelegenheit auf.

(…)

Frauen drehten sich wie kleine Ventilatoren, bei stabilem Rumpf vollführten ihre Oberkörper schwungvolle 360° - Bewegungen. Eine Traube von 50 Frauen drängte sich auf einem Podest, welches für 20 Tänzerinnen zugelassen war, um den gockelhaften DJ, der sich abwechselnd hinter sein Pult stellte und auf den Plattentellern räkelte. Dabei intonierte er Lautreihen, die von den Balkan-Hundertschaften nachgesungen, nein nachgeschrien und -gehechelt wurden.

(…)

Erst zaghaft, dann mit Nachdruck brüllte ich die erlösenden Worte in den Raum: “I wanna be your disco boy!”.

To be continued / completed…

Kommentare

  1. 24. April 2011 - clem

    Your disco needs you.

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