Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

15. Januar 2010

Kein Brot im Haus

Gegen halb elf neun saß ich am Frühstückstisch, vor mir die Zeitung ausgebreitet und Behälter, in denen sich Nahrungsmittel befanden, aufgestellt. Der frisch gekochte Kaffee duftete in meiner Lieblingstasse mit der tanzenden Micky Maus drauf dem Schriftzug Poetentrunk vor sich hin und belebte mein Nervensystem. Gluckernde Magengeräusche überlagerten das Zeitungsrascheln. Dann Stille, die Brotdose glitt wie von alleine auf und meine Hände ertasteten viele Krümel und einen Plastikbeutel. Ich reckte ihn in die Höhe und hielt das schlaffe Teil ins Licht. Er war leer! Kein Brot im Haus. Ich erwog, wer mir helfen könnte: Brächte meine Mutter mir ein paar Scheiben vorbei, wenn ich telefonisch auf den Notfall hinwies? Blamierte ich mich bei meinen Nachbarn mit der Bitte um eine milde Weizen-Roggen-Gabe? Gab es nicht diesen praktischen Lieferservice von Supermärkten?

Ach nein, Sparsamkeit war angesagt. Dichter waren keine Bettelmönche, sondern suchten sich Brotjobs, um über die Runden zu kommen. Vielleicht sollte ich bald damit anfangen. Drängender schien mir jedoch die Frage der eigenen Sättigung zu sein. Rasch schlüpfte ich in meinen Wintermantel mit Fellkragen und zog mir eine Wollmütze über die ungewaschenen Haare. Ein wenig Kleingeld sollte reichen, die Geldbörse verblieb auf der Kommode. Vor der Haustür hatte sich eine Kältewand aufgebaut, auf die ich unvorbereitet prallte. Überall lag Schnee, auf der Straße von zahllosen Reifen zu dunkelgrauem Matsch zermahlen und auf dem Gehweg vom Schuhwerk meiner Mitmenschen zu einer Eiskruste nieder getrampelt. Ich erinnerte mich daran, dass ich meine Wohnung seit drei Tagen nicht mehr verlassen hatte. Winter war wunderbar, besonders von drinnen anzusehen. Ich stakste einige Meter weg von der Haustür, Streusalz und Splitt boten meinen Ledersohlen halt. Autos mit weißer Krone schlichen an mir vorbei, der Verkehr spielte sich in Zeitlupe ab. Mit knirschenden Reifen schwankte mir der Postbote auf seinem Rad entgegen. In der Lenkertasche drängten sich Briefe und Sendungen, zwei neugierige Päckchen lugten weit hervor. Ich wich zur Seite und nickte ihm zu.

Ich bog nach links ab und passierte die kleine Hauptstrasse, auf der weitere Autos entlang krochen. Panzerartige Kinderwagen, die zwei vermummte Mütter hinter sich herzogen, ratterten an mir vorbei und zerkleinerten mit ihren Rädern die Eiskruste. Füßen erginge es wohl ähnlich. Auf der gegenüber liegenden Straßenseite arbeitete sich eine alte Dame wie eine Gipfelstürmerin voran, den Dorn am Ende ihres Gehstabs rammte sie einen halben Meter vor ihr in den Boden, dann zogen die Beine ihren Körper nach. Hatten sie einen festen Stand gefunden, eroberte das Eisen neues Terrain. In der Seitengasse, die ich betrat, rutschte mir mehrfach ein Fuß weg und ich konnte durch geschicktes Ausbalancieren einen Sturz verhindern. Waren nicht selbst die Bahngleise zu unsicher für die stählernen Rollen der Züge geworden? Ruhten Flugzeuge wie Zugvögel in ihrem Winterquartier, statt majestätisch den Luftraum zu durchschneiden?

Ich bog nach rechts ab. Der Gehweg mündete nach drei Minuten in einem Spielplatz, auf dem kleine Kinder unter der Aufsicht ihrer für die Betreuung zuständigen Elternteile herumtollten. Unförmige Schneebälle flogen durch die Luft und ich verspürte die Lust, eine der netten Mütter n der niedlichen Racker einzuseifen. Auf einer den Spielgeräten zugewandten Sitzbank ruhte ein älterer Herr sich aus, den grünen Hackenporsche hatte er an seiner Seite geparkt. Er sah dem Treiben vor sich zu und ein verschmitztes Lächeln umspielte seine Lippen. Ein Gaukler im bunten Kostüm, der sich für seinen nächsten Auftritt im Zirkus vorbereitete, ließ sein Einrad auf der Kruste hin und her schwingen, als ob er sich in der Menage befände. Keinen Millimeter wich das Reifengummi von dem vorgesehenen Kurs ab. Ich ging weiter, eine Leere fraß sich von der Magengegend in meine Körpermitte vor. Hinter dem Spielplatz lag der Vorplatz einer Schule, der von Halbwüchsigen bevölkert war. In kleineren Gruppen drängten sie sich zusammen und trugen teilweise nur Pullover mit übergestreiften Kapuzen oder Mützen. In ihren leicht bläulichen Händen hielten sie Zigaretten, die sie sich zitternd zum Mund führten. Gesprächsfetzen konnte ich nicht vernehmen und verzichtete darauf, mich als einer der ihren für einen Moment zu ihnen zu gesellen.

Ein letztes Mal bog ich links ab und erreichte die Hauptstraße, in der ich meine Einkäufe erledigte. Die Autos bewegten sich hier zügiger und mehr Menschen schritten über den Gehweg. Viele der Frauen hatten Lederstiefel angelegt, was mich erfreute. An den Füßen der Männer erblickte ich oft Schuhwerk, dass sich für Bergbesteigungen bis 4.000 Meter Höhe zu eignen schien. Oder Turnschuhe wurden zu Anzugshosen kombiniert, was mich mich in die Hoffnung flüchten ließ, in der mit der linken Hand geschwenkten Plastiktüte befände sich passenderes Schuhwerk für’s Büro. Mit vertrautem Stakkatoklacken bahnte sich eine junge Frau den Weg und setzte auf die jugendliche Variante des Gipfelstürmerinnenstils. In kurzen Abständen durchstießen die Pfennigabsätze ihrer Stiefel die Eiskruste und trafen auf die Gehwegplatten. Sie strauchelte nicht ein Mal und ihre Miene strahlte verdiente Erhabenheit aus. In Sichtweite meiner Bäckerei verzögerte sich die Brotqueste. Ein weißer Transporter parkte mit Warnblinker in zweiter Reihe und der untersetzte Fahrer schob ein Fahrgestell, dass mit vierfach gestapelten Paketen beladen war, quer über den Gehweg. Die Füße des Mannes fanden nur schwer halt auf dem Untergrund und erst nachdem ein Angestellter aus dem Bekleidungsgeschäft, für das die Lieferung bestimmt zu sein schien, geeilt war, gelang es ihnen mit vereinten Kräften, die Ware ins Warme zu schieben.

Endlich betrat ich die Bäckerei, kaufte ein halbes Mischbrot und war nach einer Minute wieder auf dem Rückweg. Nach einigen Metern öffnete ich den Verschluss des Plastikbeutels und stopfte mir hastig eine Scheibe Brot in den Mund. Stutzig wurde ich beim Kauen, als mir kurz vor dem Verlassen der Einkaufsstraße ein junger Mann begegnete, der sich am Innenstadtski versuchte. Mit zwei Stangen, die recht klobig waren, unter seinen beiden Armbeugen stützte er sich wechselseitig ab und bewegte sich langsam in Richtung seines mir unbekannten Ziels. Hätte er zusätzlich seine Skibretter angelegt, wäre er weitaus schneller voran gekommen. Minuten später befand ich mich an der kleinen Hauptstraße und sah mich schon am Frühstückstisch sitzen. Plötzlich drang ein Scharren an mein Ohr, welches mich innehalten ließ, während meine rechte Hand in der Plastiktüte nach der zweiten Brotscheibe fingerte. Ein an einem geparkten Auto hantierender Mann in einem schwarzen Mantel hielt einen Minibesen und einen Schneekratzer in den Händen. Mit dem Kratzer befreite er Fensterscheibe für Fensterscheibe des Gefährts vom Eis.

Meine Augen ruhten auf ihm, doch meine Füße schienen sich nach der Wärme der Wohnung zu sehnen. Auf einmal glitt meine Fußsohle auf einem Stück Eiskruste ab und für einen Wimpernschlag drehte sich alles vor meinen Augen, bevor ich hart auf meinem Hintern aufschlug. Sofort rappelte ich mich auf und prüfte, ob jemand mein Missgeschick beobachtet hatte. Anscheinend nicht. Mit den Händen rieb ich mir mein schmerzendes Körperteil und mit den Augen suchte ich nach dem Brotbeutel. Eingerissen lag er in einem kleinen Schneematschsee am Straßenrand. Schnell fischte ich ihn heraus und ging nach Haus. Zwei der verbliebenen Scheiben waren genießbar, nachdem ich sie abgewaschen und getrocknet hatte. Der Ärger über mich selbst überlagerte die Schmerzen. Nun konnte der Tag beginnen!

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