Die Schlacht war geschlagen. Die Wunden verbunden. Die Worte stumpf. Der Applaus verebbt. Die Menschen verschwunden. Das Ergötzen an der Beute hielt an. Ein Wassertropfen glitt vom silbrigen Hals der Sektflasche hinab. Umschmeichelte kurz ihre schlanke Taille und ließ sich auf der Rundung ihrer gläsernen Hüfte nieder. Mit der Zungenspitze küsste ich den Tropfen weg, legte die linke Hand langsam auf den Flaschenhals und drückte zu. Nicht zu fest, um das zarte Geschöpf ernstlich in Gefahr zu bringen, nicht zu lasch, um es spüren zu lassen, wer gerade sämtliche Kombattanten in die Flucht geschlagen hatte. Sie sollte einen würdigen Platz neben der Statuette bekommen. Sie, die aus schwarzen Holz gefertigt, von meinem ersten Triumph zeugte. Mit bebenden Händen zerriss ich das Papier der Tüte, trennte “Sonn” vom “ing”. Die Münzen sprangen heraus, verteilten sich wie Herbstlaub auf dem Holz meines Schreibtisches. Ich massierte jede Einzelne, wienerte an matten Stellen mit einem Tuch nach. Bis sie wieder blitzten und blinkten wie bei ihrer Geburt. Ich zählte einmal, zweimal, dreimal. Stapelte, trennte. Häufte auf, trug ab. Warf Edelmetall in die Höhe und ließ es klirrend auf der Tischfläche landen. 9,46 Euro. Die Frucht von vier halben Tagen und zwei vollen Abenden der Arbeit. Eine Ahnung der Möglichkeiten. Die Monatseinkünfte eines niederen Hartz IV-Adligen in greifbarer Nähe. Nur 154 halbe Tage und 77 volle Abende entfernt. Wie viele Tage hatte ein Monat? Wie viele Abende die Woche? Fragen eines kleinen (Rechen)Künstlers an die Welt…
18. Oktober 2010
Laotse sagt: “Reich ist der, der weiß, daß er genug hat.”
Für 9,46 Euro kann man
- ins Kino gehen und sich noch ein Softgetränk leisten
- 3 kleine oder 2 üppige Mahlzeiten in der Mensa nehmen
- einmal im Taxi vom Bahnhof nach Hause fahren
- Aktien kaufen und sich nach 50 Jahren über einen kleinen Zugewinn (oder auch nicht) freuen
- Brot, Milch, etwas Aufschnitt, etwas Gemüse, etwas Obst und eine kleine Süßigkeit beim Discounter kaufen
- 9-10 Postkarten kaufen und verschicken
- ein Kind in der 3. Welt für 2 Wochen ernähren
- …
@ Clem
Der Jungpoet sprach: “Wer mich kennt, der weiß, dass mir ein Sektchen genügte.”
@ TRS
;) Hach, besäße ich doch einen Funken Deiner bestechenden Ratio!
Tja, Du hast wahrscheinlich alles gleich sofort wieder verprasst. So wird das nie was mit den Millionen…
@ TRS
Na klar, mich reicht gewähnt und für 15 Euro mit dem Taxi nach Hause gefahren. ;)