Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

10. April 2010

Liebes Tagebuch…

Montag
Böse Gedanken gehabt.

Dienstag: Irgendwo im Norden
Um mich herum saßen Horden von Teenagern. Bei jedem Halt an den Provinzbahnhöfen stieg eine Handvoll dieser Gestalten aus und doppelt so viele ein. Lederjackenimitate, Chucks, Leggings und seit neuestem wieder Karohemden so weit das Auge reichte. Was wollten sie um zehn Uhr am Morgen im Zug nach Bremen? ‘Rumlungern in der Innenstadt am letzten Ferientag? Den mehrfach verschobenen Zahnarzttermin wahrnehmen? Anderweitig Geld ausgeben? Ich hatte keinen Grund hier zu sein und dort hin zu fahren. Außer, dass sich jeder einmal im Leben in die Bahn nach Bremen schwingen sollte. Alternativ ließe ich Kiel oder Lübeck gelten. Diese Städte sind charmant auf ihre eigene unaufdringliche Art. Statt Bombast für das Auge gibt’s Streicheleinheiten für die Seele. Hanseatischer Odem, das Erbe der Pfeffersäcke und Wassernähe sorgen für die einzigartige Mischung. Lübeck, meine Perle. Kiel, Du baulicher Diamant von Stadt. Lübeck, die schönste Versuchung seit es Marzipan gibt. Die Hin- und Rückfahrt verliefen für meine Verhältnisse harmlos. Keine dicken Typen, mitteilungsfreudige Großmütter oder schnatternde Beste-Freundinnen in Hörweite. Dafür überschwemmte Äcker, Monokulturen deutscher Baumarten, geklinkerte Einfamilienhäuser, Straßen und Windradhäupter vor den Augen. Die Landschaft tier- und menschenleer. Geheimtipp Bremen eben. Für diesen Werbeartikel erhalte ich von der Stadt eine nicht unerhebliche Künstlerzuwendung und wurde schwach.

Mittwoch: Heißer Algensmoothie
Der indische Spinat-Walnuss-Kidneybohnen-Eintopf erinnerte von oben an die Wasseroberfläche eines jährlich umkippenden Stadtparkteichs. Spinatalgen lagen als Teppich über den tieferen Eintopfschichten und beanspruchten das Licht für sich. Die Bohnen und Walnüsse hatten keine Chance gehabt und waren qualvoll verendet. Der Brotknust schaukelte wie ein einsames Schiffchen in der Pampe und ging nicht unter. Wurde ich Zeuge eines bahnbrechenden Experiments, welches physikalische Gesetzmäßigkeiten zu widerlegen vermochte? Jetzt wäre der Zeitpunkt, um die Formel zur Berechnung der Dichte hervorzukramen. Man stelle sich vor, dass diese Pampe in die Innereien eines unschuldigen Menschen gelangte und verzweifelte Magen- oder Darmzellen sich an der Verdauung versuchten. Wie auf Kommando zog sich mein Magen-Darm-Trakt zusammen, die Selbstverdauung hatte eingesetzt. Heißhunger war ein willkommenes Gefühl, solange Nahrung in greifbarer Nähe vorhanden war.

Donnerstag: Anonymer Bibliothekssex
Die Abendstunden waren einsamer geworden, seitdem ich keinen Gefährten mehr besaß. Er hatte sich aus dem Staub gemacht. Ohne Begründung seinerseits. Mit Schmerz meinerseits. Ich brauchte immer ein paar Tage, wenn ich ein lieb gewonnenes Buch beendet hatte und nicht wusste, wessen Seiten ich abends mit meinen Fingern liebkosen sollte. Ersatz musste her und es gab da ein Buch, dass mich interessierte. Eine Siebzehnjährige hatte über ihr wildes Leben zwischen Drogen und Sex auf Szenepartys, Parkbänken und Kindergartentoiletten ausgepackt. Eben das, was wir alle früher gerne erlebt hätten. Sie übrigens auch, wie sich nach einiger Zeit herausstellte. Szenen waren geklaut aus einem Blog. Der Typ hinter dem Blog verkaufte seine Bücher jetzt wie geschnittenes Brot und ließ sich von Doublen in Talkshows vertreten. Wenn ich es nicht schon vorher getan hätte, wäre jetzt der Zeitpunkt gewesen, selbst mit dem Bloggen anzufangen. Es konnte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis sich jemand Erfolgreiches bei mir bediente und ich im Medienrummel ebenfalls berühmt wurde. Und ich täte so, als ob ein Doppelgänger von mir im Fernsehen aufträte und wäre es doch selbst, sozuschreiben offene Genugtuung per Mengenbad für in dunklen Zellen abgesessene Monate vor blankem Holz und Papier. Bushido hat bisher nicht auf die Geschichte von Rico M. reagiert, die ich ihm als Denkanstoß für seine nächste CD geschickt habe. Wahrscheinlich arbeitete er sich momentan durch mein ganzes Blog, um weiteres Material zu sichten. Aus Kostengründen erbettelte ich mir mir neue Bücher im Hausflur lieh ich mir Bücher seit neuestem in der Bibliothek aus. Man wundert sich, welche Auswahl dort vorhanden war, falls man nach zwanzig Jahren (jetzt in der Bild - ein Asterixjunkie packt aus!) in eines dieser Gebäude stolperte. Die haben da sogar DVDs in rauen Mengen, Blockbuster fast für lau. Ich wurde allerdings schief angeguckt, nachdem ich die Lage der ü18-Ecke erfragt hatte. Auf den Staat ist einfach kein Verlass, den richtigen Dreck musste man sich weiterhin im Internet besorgen. Gerne hätte ich aufstrebende Schreiberlinge, die ums Überleben kämpften, unterstützt und ihre Werke erworben, leider fehlte mir das Geld. Klauen gestaltete sich schwierig, in den Buchhandlungen betrachteten zu viele Menschen versonnen die Bücherstapel, an denen ich mich zu schaffen machen müsste. Meine Chance auf der Leipziger Büchermesse hatte ich nicht genutzt, es blieb der Bittgang des Ausleihers. Lauern, bis das dauerausgeliehene Werk zurückgegeben wurde und mit ihm das Regiment einer eisernen Bibliothekarin ertragen. Wie eine Spinne im Netz hockte sie am Ausgang der Bibliothek und jeder musste ein Ausfrageritual über sich ergehen lassen, bevor die Schätze zu Hause gesichtet werden konnten. Endlich war ich an der Reihe:
“Junger Mann, da haben Sie sich aber einen dreckigen Schinken ausgesucht.” “Naja, anscheinend war ich nicht der Einzige, den dieses Buch interessiert.” “Ach, viel Lärm um nichts. Wissen Sie, man überliest gewisse Stellen. Kot, Analverkehr und Ecstasy verlieren mit der Zeit ihren Reiz.”, sprach eine ältere Frau, die anscheinend neben Büchern Unmengen von Essen verschlang und eine Vorliebe für schlecht sitzende Blusen besaß. Ich verkniff mir den Hinweis, dass man manche Themen mit manchen Menschen nicht diskutieren wollte, nachher händigte sie mir das Werk nicht aus. “Und die Szene, in der Mifti den Taxifahrer besteigt, war vorhersehbar.”, sagte sie und zog das Buch über den Scanner. “Bitte denken Sie daran, das Buch spätestens in zwei Wochen zurückzubringen. Viel Freude damit!” “Danke, danke für alles.”, stotterte ich und fügte in Gedanken “Besonders für’s Ausplaudern einer der Kernstellen…” hinzu. Es wurde ein gemütlicher Abend zu zweit.

Freitag: Griff nach den Sternen
Verdammte Kristallwesen ohne Herz! Die Silicoiden attackierten. Ihre Bomberflotte stürzte sich in die Atmosphäre meiner unschuldigen Kolonie. Das Abwehrfeuer unser planetarischen Geschütze brandete mit einem Surren an zu starke Schutzschilde und drang nicht durch. Panik erfasste die Bevölkerung und ein Kampf um die letzten Plätze in den Evakuierungsschiffen entbrannte. Die wenigen Raumgleiter, denen ein Notstart gelang, wurden von den Jagdfliegern der Silicoiden vom Himmel geholt. Dann klinkten die Bomber ihre Fracht aus. Tausende Fusionsbomben prasselten auf die Oberfläche unseres Heimatplaneten nieder. Die Atomschläge töteten Milliarden von Echsenwesen, Pflanzen und anderen Tieren. Unsere Zivilisation war ausgelöscht. Die Sakkra existierten nicht mehr. Ich wartete, bis der Startbildschirm von Master of Orion eingeblendet wurde, klickte auf “Spiel beenden” und fuhr den Rechner herunter. Zum Glück handelte es sich nur um ein Spiel.

Samstag: Abgestürzt
Beim Friseur gewesen und die Spitzen schneiden lassen. Die Tiefkühlpizzareserve aufgefüllt. Vor dem Rechner gesessen und die über den blauen Himmel ziehenden Wolken durchs Fenster beobachtet. Die Woche Revue passieren lassen und Notizen gemacht. Entschieden, fortan nichts als die Wahrheit zu veröffentlichen. Gemerkt, wie sehr sich der Telegrammstil aufdrängt. Überlegt, sämtliche Kommunikation auf dieses Format umzustellen, damit bei den Besorgungen wertvolle Sekunden eingespart werden. Davon geträumt, eine Putzfrau zu haben, die sich um den Haushalt kümmert. Kurz davor gewesen, einen Nebenjob zu suchen, um die Putzfrau bezahlen zu können. Zu dem Schluss gekommen, lieber keine Zwänge zu akzeptieren und sich mit Dreck und Hunger abzufinden. Abends gewundert, wo die Zeit geblieben war und wie wenig Aufträge vom gelben Zettel gestrichen werden konnten.

Sonntag: Ruhetag
Der Plan: Den ganzen Tag im Bett liegen, naschen und die vierte Frasierstaffel glotzen.

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