Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

28. Oktober 2009

Menschliches Memory

Ein Tag, an dem ich nicht ganz so früh wie andere aufgestanden war, etwas weniger als viele geleistet, mehr Essen als die Hälfte der durchschnittlich gebauten Menschen vertilgt und mehr der auf Zeit in meinem Besitz befindlichen Münzen als geplant in fremde Hände überantwortet hatte, ging zu Ende. Ich saß erst jetzt noch am Schreibtisch und verzehrte mich, zumindest sollte ich es an dieser Stelle besser behaupten, nach den entscheidenden Einfällen, die sich in den vorherigen Stunden nicht eingestellt hatten, und von mir dringend benötigt wurden. Ohne sie war es mir bisher nicht gelungen, mein Tagespensum der Worte zu leisten. Ohne sie fände ich nicht den erhofften Schlaf, der sich nach einem größeren, auf dem Papier geleisteten Pensum einzustellen vermag. Ohne sie gefährdete ich bereits ungewollt den Wortfluss am kommenden Tag, weil sich durch die Nacht verschleppte Unzufriedenheit und Müdigkeit fatal zu vermengen drohten.

Ich quetschte den Stift, welcher mir als treuer Gefährte diente und diese Behandlung nicht gewohnt war, in meinen Fingern aus, rieb mir unablässig die leicht gerötete Stirn und wechselte alle paar Minuten die abgespielte Musik. Weder deutsche Klassik noch amerikanischer Hiphop noch internationaler Pop noch eigentlich adjektivfreie Weltmusik noch afrikanische Stammesmusik half mir. Plötzlich klingelte das auf dem kleinen Tisch im Flur thronende Telefon und vor dem Läuten des zweiten Signaltons hielt ich mir schon den Hörer ans Ohr. Am anderen Ende war Stefan, ein Freund von mir, der mich daran erinnerte, dass heute Samstag sei und mich aus der seit kurzem aufkommenden Gleichförmigkeit der Stunden, Tage und Wochen riss. Dichterdasein hin oder her, ein Wochenende könne man nicht alleine und in sich gekehrt nur in den gemieteten vier Wänden verbringen, woher solle denn die Inspiration stammen? Ich brachte vor, wie schwer sich ein normal arbeitender Mensch, falls Stefans rasante Karriere in der Stadtverwaltung damit richtig beschrieben wäre, in die lyrischen Mechanismen einfühlen könne, zumal selbst ich mich mit dieser Umstellung recht schwer täte. Doch wenn Stefan in der Stadtverwaltung eines gelernt hatte, dann in kritischeren Situationen des Lebens, also Momenten wie diesem, eine gewisse Beharrlichkeit und Schwerhörigkeit an den Tag zu legen. Ja Schwerhörigkeit, so gute Argumente ich auch anführte und so sehr ich auf die Notwendigkeit eines guten Schlafes als Grundlage des Schreibens hinwies, er bestand darauf, dass ich ihn zu einer Party in nicht allzu weiter Entfernung zu meiner Wohnung begleitete.

Als gutmütiger Mensch wies ich ihn letztendlich nicht ab, zumal er mir in blumigen Worten schilderte, welch eine tolle Wohnung mit Badewanne! als Rahmen diente und wer alles kommen dürfte. Ich wäre wohl der einzige Schriftsteller, aber nicht der einzige Künstler. Und vielleicht, mit etwas Glück, fänden sich ein paar Mädels ein, ob belesen oder nicht sei nach dem zweiten Glas Wein eh nebensächlich. Bevor wir das Telefonat beendeten, riet mir Stefan, der sich in diesen Dingen auskannte, zum Umziehen - ein frisches Hemd und saubere Schuhe seien Pflicht, die dunkelbraunen Stiefeletten hätten zu Hause zu bleiben! Zwar werde wohl niemand an der Tür abgewiesen, was sich im Nachhinein nicht als Treppenwitz, sondern harte Realität herausstellen sollte, aber das Auge lese eben nicht nur mit und Cord sei out. Ich musterte mein derzeitiges Outfit und fühlte mich ertappt, obwohl mir die Stiefeletten einfach standen. Meine mittlerweile von der Stirn zum Kinn gewanderte Hand erspürte zudem, dass die letzte Rasur ebenfalls eine Woche zwei Tage zurück lag und mir wurde klar, wie viel ich in den wenigen, mir verbleibenden Stunden zu tun hatte. Wie gut, dass ich mit dem immer wie aus dem Ei gepellten Stefan unterwegs war, perfekter Look und solider Durchschnitt ergaben in Summe über Durchschnitt für beide, eben wie bei einem Paar mit einer etwas stämmigeren und zweiten schlanken Hälfte das Paargewicht ungefähr den Body-Maß-Index erfüllte.

Stefan und ich trafen uns wie verabredet am Ausgang der U-Bahn, zuvor hatte ich mir während der Fahrt mehrfach gewünscht, zwei oder drei meiner bestimmt an Literatur interessierten Mitfahrerinnen auf der Party wieder zu sehen, die Grenze zwischen über die aktuellen Bestseller diskutieren und abfüllen wäre dann ja fließend. Ich lobte Stefans Look, der aus meiner Sicht schaufensterfähig war, er hingegen kritisierte mich dieses Mal nicht. Auf dem Fussweg zur Party blies uns der Wind kräftig durch und wir verständigten uns schreiend, aber unsere Laune blieb bestens. Dann kamen wir am Haus an, nahmen im Treppenhaus zwei Stufen auf einmal und verloren die gewonnenen Sekunden sogleich beim Klopfen an der Wohnungstür, da sich der Gastgeber mit dem Öffnen der Tür Zeit ließ und seine Gäste anscheinend nicht richtig instruiert hatte. Wie sich herausstellte waren weder die den Flur und die Tür blockierenden Gästescharen das Problem noch die packenden Gespräche, in die alle Gäste und der Gastgeber zu innig vertieft waren, um die Klingel zu hören und geeignet zu reagieren. Wir hatten uns Stefan hatte sich einfach in der Hausnummer geirrt und unfreiwillig dafür gesorgt, dass ein uns seit eben bekannter, unter normalen Umständen sicherlich sehr freundlicher Rettungssanitäter recht unausgeschlafen seinen Morgendienst antreten sollte. Ich erkannte, dass dieser nette Mann mit dem nötigen Rüstzeug ausgestattet war, um Menschenleben zu retten: Selbst zu nächtlicher Stunde blieb er zwei fremden, an seiner Tür klingelnden und aufgedrehten jungen Männern gegenüber verhältnismäßig ruhig, schreckte vor einer Gewalttat zurück, deren Auswirkungen er berufsbedingt gleich selbst hätte behandeln müssen, und murrte kaum über den ihm entgangenen Schlaf.

Ich machte Stefan nach dem Verlassen des Hauses natürlich keine Vorwürfe, ohne ihn wäre ich schließlich nicht auf dem Weg zu dieser Knallerparty, an der wir tatsächlich noch mitwirken sollten, und hätte keine Gelegenheit, mich zu nächtlicher und unwirtlicher Stunde in meiner erweiterten Nachbarschaft umzuschauen. Wir sammelten die vorliegenden Fakten und identifizierten ein zweites Haus, in dessen gemauertem Leib wir die überwiegend asexuelle Orgie vermuteten. Dieses Mal verhielten wir uns im Treppenhaus unauffälliger und pressten unsere Ohrmuscheln ausgiebig an die Wohnungstür, hinter der wir weibliche Wesen und weltliche Wonne erahnten. Der Lärmpegel war beträchtlich und wir nickten uns zu, bereit, ein zweites Mal das Leben per Klingel innerhalb weniger Minuten zu riskieren. Ich klingelte und siehe da, unmittelbar schwang die Wohnungstür auf. Ich wollte sofort hinein eilen als mich ein wahrer Schrank von Mann aufhielt. Er musterte mich, blickte kurz zu Stefan und verharrte mit seinem Blick erneut auf mir. Stefan ließ ein “Er ist Dichter” fallen, wobei mir sein Unterton nicht gefiel, und wir wurden eingelassen. Im Flur erkannte ich, dass man seine U-Bahn-Wünsche präziser formulieren sollte, denn es waren einige Personen anwesend, die mich stark an Fahrgäste erinnerten, leider handelte es sich bei ihnen um typische Typen in Turnschuhen, die mich gerne mit ihrer zu lauten Musik ärgerten und deren Unterhaltungen von Rockmusik übertönt wurden. Stefan schluckte ebenfalls, da ich bereits overdressed war. Ich beschloss, im Laufe des Abends mit keinem dieser potenziellen U-Bahn-Beschaller ins Gespräch zu kommen und notfalls im Bett des Gastgebers vorzuschlafen, falls sich keine positive Wendung ergab.

Stefan verfügte nicht nur über einen untrüglichen Geschmack in Punkto Frauen und Klamotten, sondern über einen Kampfwillen, der in ganz unterschiedlichen Situationen erwacht, zum Beispiel, wenn er Zeuge wird, wie jemand Schwaches schlecht behandelt wurde oder sich die Dinge nicht nach Plan entwickelten. Vor ihm tummelten sich nun diverse coole Typen in einem zu engen Flur und ein als Kaufmann gescheiterter Dichter, für den das Leben noch viele Situationen des Scheiterns bereit zu halten versprach. Von hinten legte er mir also die Hand auf die Schulter und ich nahm an, dass er einen seiner lässigen Gesichtsausdrucke aufsetzte, als er mich bestimmt durch den Flur in den ersten, sich zu unser Rechten öffnenden Raum schob.

Ich hoffte inständig darauf, dass Schlafzimmer des Gastgebers zu betreten, wurde allerdings bitter enttäuscht. Die Rockmusik wurde live von vier Gestalten gemacht, die plattencoverwürdig aussahen und mindestens genauso viel von ihren Instrumenten und Texten verstanden. Ich gestand mir ein, dass es sich um gute Musik handelte, gleichwohl ich optisch und auch musikalisch kein ausgesprochener Rocker war. Ähnlich schienen die eng im Raum gedrängten Gäste zu denken, die sich auf allen verfügbaren Gegenständen niedergelassen hatten, nur der Kaktus in der Ecke war noch frei. Studentinnen, Yuppies, junge Paare, selbst zwei Hunde und ein älterer Herr mit Hut schmiegten sich aneinander und wippten mit den Fußspitzen. Jemand zischte uns zu, dass es sich um einen Raum der Kunst handelte, vorhin sei eine Balletttänzerin aufgetreten und ein flinker Maler sei für später angekündigt. Betrübt gestand ich mir ein, kein Meisterwerk oder launiges Gesellenstück zur Hand zu haben und die Bühne nicht nutzen zu können. Wir lauschten daher den sich in einen kleinen Rausch spielenden Musikern und wunderten uns nicht, als einige Studentinnen begannen, ihre Beine unregelmäßig, dennoch im Takt des Rockes in die Höhe zu werfen und trotz der Enge des Raumes nie Kinne, Schultern oder verletzlichere Körperteile anderer Menschen trafen.

“Komm, lass uns den Rest der Wohnung erkunden” raunte mir Stefan zu und nach einer zweiten und dritten Aufforderung folgte ich ihm. Die Lage im Flur war unverändert und so arbeiteten wir uns voran, bis zur Rechten der zweite Raum in Sicht kam. Zwei der Typen hinter mir ereiferten sich über einen gerissenen Spruch und plötzlich bekam ich einen Schubs, dessen Energie ich zu rund zwei Dritteln an Stefan weiter gab. Wir beide stolperten in den Raum, der etwas kühl wirkte und von einer fahlen Lampe beleuchtet wurde. Hinter mir wurde die Tür zugeschlagen und Stefan drehte sich zu mir um. Beinahe umschlungen standen wir da, es war uns beiden unangenehm und er fragte mich, ob ich müsse. Ich blickte auf die Badewanne, bei der es sich um ein bauchiges Modell handelte, in dem ich es mir zu einer anderen Zeit, an einem anderen Ort und mit einer anderen Begleitung gerne einmal gemütlich gemacht hätte. Mein Blick wanderte von der Wanne über die Toilette, den blauen und ausgefransten Vorleger und das Waschbecken wieder zu Stefan. Ich verneinte und er forderte mich auf, sofort das Bad zu verlassen, damit er sich zur Tarnung die Hände waschen könne, die Situation sei peinlich genug für uns. Ich begriff nicht ganz, trat hinaus auf den Flur und sagte zu dem nächststehenden, unterstellten intervallweisen U-Bahn-Beschaller, wie mies das Bad sei. Er reagierte nicht und ich wartete auf Stefan, der kunstvoll im Bad hantierte.

Mit reinem Gewissen und sauberen Händen gesellte er sich zu mir und wir setzten die Erkundung der Wohnung fort. Links tauchte ein Türrahmen auf und ich beschloss, mein Glück auf dieser Seite zu versuchen. Prüfend streckte ich den Kopf in den Raum und wurde der Küche gewahr, welche vor elegantem Edelstahl strotzte. Der kleine, sich ins Bild einfügende Glastisch war voll gestellt mit Schüsseln, in denen sich süße und salzige Leckereien verbargen. Ich war durstiger als hungrig und hielt daher direkt auf den Kühlschrank zu, vor dem sich zwei mit dunklen Jeans und Schuhen sowie Hemden angetane junge Männer unterhielten. Trotzdem tranken beide Bier aus der Flasche und wichen erst nach meiner eindringlichen Bitte zur Seite, mich doch an den Kühlschrank zu lassen. Ich durchsuchte die verschiedenen Fächer und fand zu meiner Enttäuschung keinen gekühlten Weißwein. Auf dem Tisch stand ebenfalls keine Flasche, folglich fragte ich die schicken Typen, ob es denn Weißwein gäbe. Der eine sagte mir ins Gesicht, dass es überhaupt keinen Wein gäbe und fügte an, dass hier schließlich keine Dichter oder andere Spinner herumrannten und der andere prustete los. Ich stöhnte so leise wie möglich auf und zog mich ohne Getränk in den mir nun ein Stück heimeliger vorkommenden Flur zurück, während Stefan ein Bier ergatterte.

Im Flur gerieten wir beiden ernsthafter aneinander, da ich gehen wollte. Die Party gefiel mir nicht und irgendwie hatte ich das Gefühl, es würde nicht besser werden. Stefan wies mich auf die Räume hin, die wir noch nicht erkundet hatten. Außerdem müsse der Gastgeber irgendwo stecken und wenn nicht dort, wo dann? Ich ließ mich wiederum breit schlagen und Stefan ging voran. Wir betraten ein Zimmer mit gewaltigen Ausmaßen, welches mir reichlich überproportioniert vorkam, und in dieser veritablen Halle tummelten sich zahlreiche Menschen. Ins Auge stach ihr bienenhaftes Verhalten, wie diese nützlichen Insekten sich selbstverständlich von Blüte zu Blüte bewegten, so bildeten sich in der Halle ständig neue Menschenknäuel um wenige humanoide Fixpunkte und ebenso abrupt lösten sich die Menschen voneinander und fanden sich in neuen Gruppierungen zusammen.

Ich näherte mich einer der Grüppchen und sprach dem hiesigen Fixpunkt, eine sportliche Frau um die Dreißig mit aufwändiger Turmfriseur, die ihr nach meinem Dafürhalten mäßig stand, auf das Verhalten der Menschen an. Sie teilte mir mit, dass sich in diesem Raum zehn allesamt schwer zuzuordnende Geschwisterpaare befanden und dass dies der Probelauf für ein neues Gesellschaftsspiel sei. Gefalle das Spiel den Anwesenden, so wolle sie mit ihren zwei Geschäftspartnern die nationale Vermarktung beginnen und sei zuversichtlich, genügend Geschwisterpaare und begüterte Kunden zu finden, menschliches Memory sei nämlich etwas aufwändiger für alle Beteiligten. Begeistert mischte ich mich unter die Anwesenden und entdeckte bald mein erstes Geschwisterpaar. Auf der Suche nach Nummer zwei wurde ich mehrfach angesprochen, dass der gut aussehende Typ dort hinten - Stefan - mein Bruder sein könnte, wobei es selten sei, wenn zwei Brüder derart unterschiedlich gut gekleidet seien. Ich schüttelte nur den Kopf und stolperte über mein zweites Geschwisterpaar. Nach dem dritten Volltreffer wand ich mich an die Spielleiterin, da mir die Belohnung des Gewinners stets viel bedeutete. Sie wank ab, es ginge allein um den Spaß beim Spiele und überhaupt, wie sollte sie den Überblick behalten? Darauf hin ergriff ich Stefans Arm, der mit dem Hinweis protestierte, die Hälfte der Geschwisterpaare erkannt zu haben und dem Gewinn des Spieles nahe zu sein, und zog ihn vorbei an den erstaunten Gesichtern seiner Knäuelmitglieder aus der Halle.

Im Flur klärte ich ihn auf und er verstummte. Er benötigte Minuten, in denen seine Glieder unkontrolliert zuckten, bis er sich gefasst hatte und sich ein frisches Bier holte. Nach einem langen Zug flackerte sein Kampfwillen auf und er flüsterte mir “nächster Raum” zu. Doch mein Maß an Zugeständnissen war für heute aufgebraucht, ich war müde und ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es schon nach zwei Uhr nachts geworden war. Stefan bestand darauf, dass ich solange warten solle, bis er sich mit dem Bier für den ihn erwartenden einsamen Streifzug in die unbekannten Räume gestärkt hatte. Ich tat ihm diesen letzten Gefallen des Abends, wünschte ihm viel Spaß und ging dann ohne ein Wort des Abschieds in Richtung der anderen Gäste nach Hause.

Kaum war ich zu Hause angekommen und eingeschlafen, weckte mich eine eintreffende SMS, von Stefan versandt, wie ich beim umgehenden Nachsehen fest stellte. Mit schweren Augenlidern las ich die folgenden Worte: “Raum war voller Frauen - Eingetanzte Sportstudentinnen aus Raum 1 und drei Aupairs aus Spanien - konnte mehrfach mit meinem Dichterfreund prahlen - waren sehr interessiert und belesen - züngele gerade mit der Einen… ;) Lasse Dich beim nächsten Mal doch früher gehen! ;)) Stefan”. Die Restnacht brachte nicht den ersehnten Schlaf, aber zumindest hatte ich genug Material für einen in diesem Wochenbericht mündenden negativen Kreativitätsschub.

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