Ich Ein Schulfreund von mir, der Sebastian oder kurz der Basti, überraschte mich kürzlich mit einem Vorhaben. Basti hat(te) immer viele Ideen und ist manchmal etwas sprunghaft, aber durch und durch liebenswürdig. Bei unserem letzten Treffen forderte er mich gleich mit einer Begrüßungsfrage heraus, da, wie sich unmittelbar danach herausstellen sollte, er sich mit dem Gedanken trug, seine arg angejährten Französischschulkenntnisse wieder aus der intellektuellen Mottenkiste hervor zu holen. Ich sollte hinzufügen, dass der Basti erst vor drei Monaten sein Leben geändert hatte, in dem er seine Freundin vor die Tür gesetzt und den soliden, nach seinem Studium der Informatik angetretenen Anwendungsentwicklerjob bei einem mittelständischen Handwerksunternehmen, welches jeden Badezimmertraum frisch vermählter oder über die Jahre gereifter Paare in Erfüllung gehen ließ, hingeschmissen hatte. Statt dessen folgte eine Phase der Selbstfindung, wie er es nannte, und bei jedem unserer Telefonate konfrontierte er mich mit seinem neuesten Lebensplan, von Klassikern wie professionellem Onlinerollenspieler oder Pornodarsteller bis hin zu aberwitzigen Fantasien einer Alltagsaufpeppungsagentur, bezahltem Bloggen oder einer erfolgreichen Schriftstellerkarriere war alles dabei. Man stelle es sich einmal vor, jemand, der nie etwas veröffentlicht und sich in seinem bisherigen Leben hauptsächlich mit Technik und Zahlen beschäftigt hatte, spielte mit dem Gedanken, mit dem Schreiben seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Bei allem Verständnis für Träumer, also bitte!
Basti war und ist jedoch immer offen für Ratschläge und ließ sich auch dieses Mal nach gutem Zureden vom gröbsten Unfug abbringen. So wuchs dann die Erkenntnis über seine Fähigkeiten und die auf ihn wartende Marktnische als freiberuflicher Programmierer bei der Implementierung von kaufmännischer Software in gut laufenden Gynäkologie- und Urologiepraxen. Nach einem Monat der Nischensondierung gelang es ihm, seine Qualitäten in einem größeren Projekt unter Beweis zu stellen. Innerlich hakte ich das Thema “Bastis berufliche Situation” schon ab, dachte ein Sorgenkind weniger, und dann fiel er bei unserem letzten Treffen im September mit seiner neuesten Idee wie ein hinterhältig im Gestrüpp lauernder Wegelagerer über mich her: Zur Horizonterweiterung setzte er seit neuestem alle romanistischen Hebel -die Auswahl war natürlich übersichtlich- in Bewegung, um den Einwohnern eines unser geschätzten Nachbarländer und den in weiteren Anrainerstaaten verteilten Minderheiten sprachlich auf Augenhöhe begegnen zu können. Er streckte mir also die folgende Frage drohend wie eine schartige, schlecht gepflegte Klinge eines Strauchdiebs entgegen:
Wie haucht man ohnehin immer spärlich gewesenen Französischkenntnissen nach zwölf Jahren der Beschäftigung mit interessanteren anderen wichtigen Dingen neues Leben ein?
1. Belegung von Volkshochschulkursen zusammen mit interessierten Hausfrauen und Singlefrauen ü30
2. Im Selbststudium Bücher wie “Französisch für Büffelmuffel” wälzen
3. Sich regelmäßig mit Muttersprachlern zum Kochen und anderen Aktivitäten verabreden
4. Französischsprachige Filme sehen, Musik hören, Bücher lesen und entsprechende Länder bereisen
5. Ein Französischstudium an der Uni aufnehmen
6. Als Laiendarsteller in französischen Fetischpornos mitspielen
Ich erläuterte ihm meine Sicht der Dinge:
Punkt 1 geriet in die engere Auswahl, Basti hatte nichts gegen neue Bekanntschaften einzuwenden und war offen für amoröse Abenteuer, wir glaubten jedoch nicht, dass sich Befriedigung in dieser Facon einstellte.
Punkt 2 schied allein aufgrund des schrecklichen Buchnamens aus.
Punkt 3 klang verlockend, allerdings war Basti kein Held am Herd und mochte die typischen Franzosen nicht besonders, Französinnen hatte er leider noch nie kennengelernt.
Punkt 4, dem Konsum französischsprachiger Medien räumten wir einhellig nicht die ihnen wahrscheinlich gebührende Faszination ein, zudem verstand Basti bei einem Probeversuch wenig bis gar nichts. Reisen schieden in Anbetracht seines geringen Einkommens vorerst aus.
Der zweite Gang äh fünfte Punkt zurück an die Uni ließ sich nicht so leicht seiner Anziehungskraft berauben.
Punkt 6 endete, bevor er begann, es gab nie eine Antwort auf Bastis Bewerbungen trotz hochqualitativer Frontalaufnahmen aus der Froschperspektive.
Ich saß gerade am Schreibtisch und dichtete, als Basti mir kurz nach unserem Treffen in einer Textmitteilung schrieb, dass seine Rückkehr an die Uni bevorstehe. Ich freute mich für ihn und auf seine neuen Anekdoten, die er sicherlich bald zu erzählen in der Lage wäre. Wieder in den Hörsaal mit diesen gerade aus dem Kindesalter Entwachsenen zu sitzen, wäre nichts für mich. Ich überließ dieses Feld kampflos dem Basti. Beschwingt durch die mir in Bezug auf Bastis Entscheidung in den Sinn kommenden Bilder gelang es mir an dem Nachmittag, meinem begonnenen Gedicht diverse Strophen hinzuzufügen.
Einige Wochen später saß ich erneut am Schreibtisch, arbeitete an einem Wochenbericht und plötzlich rief Basti an. Er fragte, ob ich Zeit hätte. Er klang aufgeregt und war wie von der Rolle, ein mir dem Verhalten nach unbekannter Basti, ich bejahte seine Frage, und er vertraute mir in den anschließenden Minuten an, was ihm alles in seiner Orientierungswoche und den ersten Vorlesungen widerfahren war. Ich wunderte mich sehr über seine Erlebnisse und begann in Gedanken bereits, meinen Wochenbericht umzuschreiben versuchte, ihm Trost zu spenden. Er wählte verschiedene Situationen aus, um mir die von ihm erlebte Pein zu verdeutlichen:
Der erste Tag
Mit einem leicht mulmigen Gefühl begab sich Basti zum ersten Mal in seinem Leben in die geisteswissenschaftliche Fakultät und seine braven Informatikeraugen versagten ihm beinahe den Dienst. Scharen junger und langhaariger, nach dem aus seiner Sicht und das sei angemerkt, viel versteht er von diesen Dingen nicht, letzten modischen Schrei gekleidete Achtzehn- bis Zwanzigjährige hatten sich eingefunden, dazu kamen ungefähr sechs Männer. Der erste Hörsaal barst vor Geschnatter und Gekicher, Basti begann sich nach dem neuesten Buchhaltungsmodul für Urologen zu sehnen, an dem er parallel herumwerkelte… Dann wurden Gruppen gebildet, um sich an einer kleinen Campusschnitzeljagd zu versuchen und Basti lernte ein paar Kommilitoninnen kennen. Sie waren seiner Meinung nach durchaus nett anzuschauen und mindestens alle Französischleistungskurs erprobt, oft auch zweisprachig aufgewachsen oder durch mehrmonatige Frankreichaufenthalte sozialisiert worden. Ihm schwante Böses, da sein Französischgrundkurs schon länger her war.
Je äh m’appelle…
Während der Vorstellung brachte Basti nur den einen, sicher sitzenden Begrüßungssatz zu Stande. Es deutete sich an, dass aus ihm, dem fröhlichen und für einen Informatiker äußerst gesprächigen Menschen jemand Anderes werden würde, falls er das Studium wirklich bis zum Ende durchzöge. Ich sah vor meinem inneren Auge bereits einen verschüchterten und schweigsamen Mann vor mir, dessen in jüngster Zeit dramatisch gealtertes Gesicht nur entfernt an den mir bekannten Basti erinnerte.
Chansons avec de nouveaux amis
Nach dem offiziellen Teil der Orientierungswoche überraschten die Tutorinnen, allesamt Studentinnen höherer Semester, Basti und seine neuen Freundinnen mit einem Singstarnachmittag in der Uni! Schneller hatte sich kein Raum in den letzten Tagen geleert und Basti wurde auf einmal ein Mikrofon in die Hand gedrückt. Mit seiner Eintonkopfstimme gelang es ihm, “I should be so lucky” durchzustehen und umgehend auf die Toilette zu verschwinden, um an diesem stillen Örtchen einige Tränen der Scham zu verdrücken. Die Fotos vom singenden Basti kursierten noch an demselben Nachmittag beim virtuellen Studentenverzeichnis.
Vorlesen vor der ganzen Klasse
Den bisherigen Tiefpunkt bildete ein wechselndes Vorlesen eines an die gesamte Sprachklasse ausgeteilten Romanauszugs, welches der Einschätzung der Fähigkeiten diente. Vom Anfang der Stunde an schwitzte Basti stark an seinen Händen und ruinierte zwei Din-A4-Blätter, bevor er es fertig brachte, das erforderliche Namensschild aufzustellen. Entgegen seiner Gewohnheiten im Erststudium positionierte er es möglichst schlecht einsehbar für den Dozenten, einem akribischen und sehr deutlich artikulierenden älteren Herren, der diese Veranstaltung allein aus Spaß anbot, wie er bei einer Kurzvorstellung preis gab. Doch es half nicht, Basti kam dran und las den ersten Satz vor, wurde jedoch bei jedem zweiten Wort von dem dozierenden Herren unterbrochen. Müßig zu erwähnen, dass Basti inhaltlich nichts verstand. Basti wurde rot und seine Stimme bekam einen jammernden Unterton, endlich ließ der Dozent von ihm ab und eine Kommilitonin bezauberte alle Anwesenden mit ihrem Lesetempo und ihrer entzückenden Ausstrahlung.
Ich hatte genug gehört und ausreichend Material für einen Wochenbericht beisammen. Ich empfahl Basti ohne wenn und aber, das Studium sofort sein zu lassen und lieber eine Arztpraxis mehr pro Monat bei der Modernisierung ihrer Verwaltungsabläufe zu unterstützen. Als Ausgleich könne er ja in der nächsten Zeit einen längeren Frankreichurlaub anpeilen, seitdem herrscht zwischen uns Beiden Funkstille…
Glückwunsch, der Stil entwickelt sich :)
Liest sich richtig gut. Mein Beileid an Basti.
@ Blue
Danke. Falls sich Basti doch noch einmal bei mir melden sollte, richte ich es gerne aus…
Schönes Ding!
Zum ersten Mal hab ich mich in deinen Texten festgelesen und tatsächlich beim lesen gelacht. Weiter so!
@ Chris
Nochmals danke, wobei der Hauptsatz ja schon fast weh tut… ;)
Hallo Jungpoet,
es freut mich, das es da draussen noch andere Bastis gibt, die dem Französisch aus vergangenen Schultagen nicht mehr so mächtig sind.
Witzige Geschichte - weiter so!!
Viele Grüße :-)
@ Basti* äh Herr Kaiser
Merci beaucoup! ;) Vielleicht sollte eine spezielle Französischschule für Bastis eingerichtet werden?
Potztausend, Alter ego!
@ TRS
Sappalot, junge Allgemeinheit…
mittzwanziger! punkt 3 will ich genauer erklärt haben, ich will auch bessere französischkenntnisse haben…
@ Jungspund
Tja, ist ein schwieriges Thema - vielleicht hilft es, sich mit einem entsprechenden Schild und Geldscheinen in einer Einkaufspassage niederzulassen?
hab ich gemacht, hatte keine geldscheine, hab socken genommen, gleiche größe, kein erfolg, und jetzt?! die leiden des jungen ritters? oh ja, na und?! siehste, gleichfalls, dafür nicht
@ M
Ratschläge müssen eben wortgenau befolgt werden, sonst funktioniert es nicht. Ansonsten habe ich leichte Verständnisprobleme bei Deinen Zeilen, junger Padawan…