Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

5. August 2011

Neugeboren in Niendorf

Die Vögel sangen. Die Flugzeuge zwitscherten. Die Heckenscheren summten. Rasenmäher tanzten ihr Wiesenballett. Selig lauschten wir diesen Klängen der Natur. Meine drei Hünen und ich genossen die Vergesslichkeit unserer Hirne. Eben noch wuchteten wir gefühlte 1.000 Umzugskartons in und aus dem Kleintransporter. Mühten uns mit Zimmerpflanzen ab, deren Blätterkleid an hundertjährige Urwaldriesen gemahnte. Bewegten eine Großfamilie von Stühlen und Tischen, die einem Feudalherren zur Ehre gereicht hätte, von E nach N. Schlitterten dabei über den Film, zu dem sich Schweiß, Blut und Sand auf dem Zugangswegen meiner Wohnungen vermengt hatten.

Jetzt lagen wir aneinander gekuschelt auf der Couch, nagten an deutschen Würsten und entdeckten unser Lachen wieder. Die Prozession der Schleppenden eines zünftigen Umzugs erinnerte mich an die hinteren Reihen eines Trauerzuges, in denen entferntere Bekannte und Nachbarn mit verkniffenem Gesicht der Kernfamilie hinterher trotteten. Die Schultern gebeugt von dem Bewusstsein, sich für das ein oder andere Wort nicht mehr entschuldigen, die geliehenen 500 Euro nicht mehr zurückzahlen zu können.

Doch niemand Vertrautes war gestorben und statt des Geldes hatte ich mir einen Kleintransporter geliehen. Mit der Eigentümerfamilie Sixt verband mich weder gute Bekanntschaft noch Nachbarschaft. Ich befürchtete, dass die Sixts auf die Rückgabe des Wagens pochten. Leider war der Wagen verschwunden. Einzelne Wagenteile ließen sich bei akribischer Suche vermutlich auftreiben. Der rechte Außenspiegel lag in der Alsenstraße ungefähr auf der Höhe des Baustellenzauns der Dachdecker Firma Hansen. An dieser Straßenengstelle hatte ich mir nicht anders zu helfen gewusst als Kollateralschäden (Spiegel, tiefe Kratzer, Rücklicht) an der rechten Wagenflanke in Kauf zu nehmen, um den Kleintransporter sicher ans Ziel zu bringen. Die linke Hintertür stand aufrecht an der Hausaußenwand meiner alten Wohnung in E. Wenige Meter vom Straßenrand entfernt, an dem eine Porsche Cayenne – Fahrerin mit um drei Stundenkilometern überhöhter Geschwindigkeit in mein kleines Schlepp-In gerast war. Zum Glück war niemand zu Schaden gekommen. Die rechte Hintertür ließ sich anstandslos schließen und die Porsche Cayenne – Fahrerin konnte ihre Shoppingtour fortsetzen.

Ungefähr zur selben Zeit hatte Ingo sich an einen Termin erinnert, den er unbedingt wahrnehmen musste. Ich war ihm unendlich dankbar, dass er sich trotzdem für 60 Minuten zu meiner Umzugstruppe gesellt hatte. Auf meine Freunde war eben Verlass. Vier von vierzehn gefragten Hünen waren erschienen und schleppten für fünf.

Dieser Umzug wäre als reibungsloseste Schleppzusammenkunft aller Zeiten in die Geschichtsbücher eingegangen, hätten wir den Kleintransporter nicht im Halteverbot geparkt. Die Parkposition unter der großen Tanne vor der Tür meiner neuen Wohnung in N. verkürzte den Schleppweg um sagenhafte drei Meter pro Runde. Auf die gefühlten 1.000 Umzugskartons hochgerechnet ergab sich eine Gehersparnis von drei Kilometern. Selbstverständlich sah dies der ältere Herr, über dessen Gürtel sich ein imposanter Bauch wölbte, der wiederum von einer Bauchtasche in bester Bondage-Manier stranguliert wurde, anders. Ich eilte herbei, um die Weichen für eine gute Nachbarschaft zu stellen. Er war herbei geeilt, um den Willen der Eigentümergemeinschaft zu vollstrecken. Das Diskutieren und Vollführen einfacher Umzugsmathematik (ich: „Wir sparen drei Kilometer“. Er: „Junger Mann, die habe ich in ihrem Alter zurückgelegt, um meine Familie mit Brunnenwasser zu versorgen. Und das dreimal täglich. Die Eigentümergemeinschaft duldet Parkquerulanten nicht“.) schlug fehl.

Meine neue Wohnung bestach durch den riesigen Kellerraum. Ein ganzer Hausgerätepark hätte hier Platz gefunden und dieses Untergrund-Penthouse nur zur Hälfte ausgefüllt. An einer anderen Tatsache änderte mein Raumreichtum hingegen nichts: Jeder hatte seine Leiche im Keller. Meine war ein älterer Herr, über dessen Gürtel sich ein imposanter Bauch wölbte, der wiederum von einer Bauchtasche in bester Bondage-Manier stranguliert wurde. Nachdem wir im Gespräch nicht weiterkamen, hatte ich dem Mann schnell zweimal den Sixt-Schlüsselanhänger an die Schläfe gerammt und die Jungs gebeten, kurz anzufassen. Mehr noch als der Verfall des Körpers nagte die Einsamkeit des Alters an den Menschen. Deswegen sollte ich den schlaffen Körper Frau Müllers aus dem zweiten Stock, die morgens um sieben immer ihren Staubsauger anriss, zwei Wochen später ebenfalls in den Keller schleppen. Und die sterblichen Überreste des Ehepaars unter mir, dem meine Musik zu laut war, stapelte ich auf die ersten zwei Leichen.

Auf jeden Fall hatten wir gerade die Leiche des ersten Störenfrieds weggeschafft und kehrten zurück, um den Kleintransporter vollständig auszuladen. Doch dort, wo mein motorisierter Freund gestanden hatte, hockte ein einzelner, in sich zusammengesunkener Umzugskarton wie ein auf dem Boden gefallenes Ei. Er musste beim rasanten Anfahren des Fahrzeugdiebs aus dem Rückraum gestürzt sein. Der eigentliche Umzug endete somit früher als geplant. Um die in meiner alten Wohnung verbliebenen Kleinigkeiten sollte sich mein alter Vermieter kümmern.

Apropos kümmern, mein neuer Vermieter, ein trendiger Typ in meinem Alter war nach eigener Aussage jüngst von N. nach E. gezogen. Abseits dieser sympathischen Gegenbewegung bemühte er sich redlich um mein Wohlergehen. Am Tag nach dem Umzug schoss ein eiskalter Wasserstrahl aus dem Duschkopf, dessen Temperatur sich nur im Bereich zwischen Pol-Kälte und norddeutschem Brunnenwasser im Winter regeln ließ. Sämtliche Wasserhähne spien unterkühltes Nass aus. Aus dem Spülkasten meines Klosetts aber ergossen sich lauwarme Fluten in die Keramikschüssel. Ein Elektroinstallateur der Firma Hansen fand später heraus, dass der Durchlauferhitzer falsch angeschlossen worden war. Ich sah großzügig über die Durchlauferhitzer-Affäre hinweg, schließlich hatte ich mir in der Zwischenzeit mit geschöpftem Warmwasser Haare und Gesicht waschen können.

Meine Vorräte schwanden. Der Hunger trieb mich hinaus. Meine Füße ertasteten den Weg zum Supermarkt, der für mich zu einer Trost spendenden Routine werden sollte. Ein Kinderwagen mit Mutter schob sich an mir vorbei. Versonnen betrachtete ich ihr braunes Haar, in dem der Wind spielte, und ihren schlanken Rücken. Sie musste meine Blicke gespürt haben und drehte sich um. Ich sah sie unverwandt an. Sie ging ein paar Schritte und drehte sich wieder um. Blieb stehen, hob ihr Kind aus dem Wagen und kam auf mich zu.

„Bist Du nicht dieser Jungpoet vom Schanzenslam?“.
„Nein“.
„Ich meine aus dem Stageclub“.
„Doch, ja.“

Was mich störte, war nicht, dass ich nun als Hamburger KiezgrößeKünstler schon auf offener Straße erkannt wurde. Danach verzehrte sich mein eitles Herz in den dunkelsten, hellsten und grauesten Stunden. Nein, diese Frau trug ein Kind auf dem Arm. Wer mich kannte, wusste, wie negativ sich dies auf meine Zuneigung zu Damen auswirkte. Erstens: Sie war nicht mehr zu haben. Sämtliche Hoffnungen, meine lokale Bekanntheit in Groupie-Umarmungen umzumünzen, zerstoben. Zweitens: Sie war eine Mutter. Mit Kindern wusste ich nichts anzufangen, seitdem ich selbst ein Knirps gewesen war. Unsere Interessen klafften bereits damals weit auseinander. Wir sprachen nicht dieselbe Sprache. Sie schrien herum. Und sie wagten es, meine Lieblingslego-Ritterfiguren anzufassen. Eine Sache widerstrebte mir mehr als Umzüge: Kinder!

Eigentlich kam ich über Jahre nur mit zwei Gruppen von Menschen zurecht. Mit Bekannten, die mir bei irgendetwas halfen und cholerischen, einsilbigen, hochintelligenten Neurotikern. Das Durchforsten meines Adressbuchs ergab, dass ich niemanden kannte, auf den die zweite Beschreibung zutraf. Ich wünschte der Mutter einen schönen Tag und kaufte mir eine Thunfischpizza.

Was blieb festzuhalten: Ich war neugeboren in Niendorf und hatte mich aller Altlasten entledigt.

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