Alltagsfantasien.de

Alltagsfantasien.de ist das offizielle Blog des Schriftstellers Sonning Strauß aus Hamburg.

20. November 2009

Rico M. (29.), Dichter und Kleinkrimineller, fällt nichts ein

An einem beliebigen Freitag erlebten die Bewohner einer Großstadt im Norden Deutschlands den Übergang vom Vormittag zur Mittagszeit. Frau Schneider, eine ältere Dame, die früher als Tagesmutter gearbeitet hatte und seit dem frühen Tod ihres Mannes alleine wohnte, stand am Herd und kochte sich eine Linsensuppe. Linsensuppe war eines der Leibgerichte ihres Mannes gewesen und gerne hätte sie ihm heute damit eine Freude bereitet. Hans, so hieß ihr verstorbener Gemahl, war mehr als drei Jahre tot und die Leib und Seele erschütternde Trauer war langsam einer stillen, sich in ihr Herz einnistenden Sehnsucht nach dem vertrauten Gefährten gewichen. Frau Schneider war dennoch gut gelaunt, da sich draußen ein schöner Herbsttag entfaltete und sie später mit Freundinnen zum Rommy spielen verabredet war. Freitag war Rommytag.

Derweil erwachte die Studentin Anna K. im Bett ihres WG-Zimmers. Ein stechender Schmerz in ihrem Kopf, der von den genossenen Getränken im Rahmen der gestrigen Party herrührte, zwang sie, sich möglichst wenig im Bett zu bewegen, an ein zügiges Aufstehen war gar nicht zu denken. Mit flackernden Augenlidern registrierte sie, wie hell es draußen war. Zu hell für jemand in ihrem lichtempfindlichen Zustand, dachte sie und döste ein.

Unterdessen schrie in einer anderen Wohnung ein Kleinkind nach Leibeskräften und vor Hunger, wie sich die besorgte Mutter einbildete. “Kriegst ja gleich ‘was, mein Kleiner”, sagte Miriam Schröder, während sie aus der Vorratskammer eine Flasche Kinderbrei hervorkramte. Mit einem Plopp-Geräusch öffnete sie die Flasche und ihr Kind beruhigte sich. Der kleine Jan thronte in seinem Kinderhochsitz, der in der Ecke am Tisch der großzügig geschnittenen Wohnküche stand, und blickte Brei und Mutter erwartungsvoll an. Er war ihr Sohn und altersgemäß weit davon entfernt, sich für die Frau in seiner Mutter zu interessieren. Andernfalls hätte er vielleicht nicht nur gierig den Mund aufgesperrt, um sich den ersten Löffel mit Brei einzuverleiben. Denn Miriam Schröder war eine um vielerlei Dinge besorgte und attraktive Frau. Neben dem Wohlergehen ihrer Lieben achtete sie sehr auf ihre Figur, den Sitz ihrer Haare und die passende Kleiderauswahl. Sie quälte sich in Aerobickursen, um die überflüssigen Pfunde der Schwangerschaft loszuwerden, ging regelmäßig shoppen und investierte viel Zeit in ihre Körperpflege. Sie verströmte eine frauliche Reife, die sich aus ihrem ansprechenden Aussehen, den in ihr pulsierenden mütterlichen Hormonen und ihrem Verständnis als selbstbewusste Frau von heute speiste. Kurz darauf war Jan gesättigt und schlief ein. Weil ihr Kind glücklich zu sein schien, war Miriam es auch. Nachmittags war sie mit ihrer Freundin Maria zum Kaffee verabredet und freute sich sowohl auf Maria als auch auf einen erfrischenden Spaziergang bei blauem Himmel und Sonnenschein.

In einer Dachkammer, durch die an stürmischen Tagen der Wind pfiff, und welche an regnerischen Tagen zu müffeln begann, hockte Sonning S. Rico M. an seinem zu kleinen und überladenen Schreibtisch. Zum Schutz vor den Sonnenstrahlen, die von der Feuerscheibe durch das Fenster geschickt wurden und jeden aufkeimenden Einfall wie ein lichtscheues Geschöpf vertrieben, hatte er die Jalousie heruntergelassen. In der Jalousie klaffte eine Lücke, welche von einem missglückten Reparaturversuch zeugte, als zwei Lamellen sich einander verhakt hatten und Rico zur Tat geschritten war. Der Lärm der viel befahrenen Straße, an der das Haus, in dem sich die neben der Dachkammer aus einer schmalen Küchenzeile und einem Miniaturbad bestehende Wohnung befand, lag, drang nur als schwaches Hintergrundrauschen an Ricos Ohr. Es herrschten ideale Bedingungen, um kreativ tätig zu werden, denn Rico war ein Dichter. Sicherlich kein Schöngeist im klassischen Sinne, der sich in jungen Jahren für die Zeilen der Meister begeistert, schrittweise vergeistigt und nach dem geisteswissenschaftlichen Genussstudium der schreibenden Zunft angeschlossen hatte, um sich in aller Ausführlichkeit mit Nichtigkeiten zu beschäftigen und alle paar Monate unglücklich in zu schöne und begehrte Frauen zu verlieben, doch Rico schrieb jetzt. Über sein Leben, seine bewegte Vergangenheit und für seine Zukunft.

Er hatte eher den inversen Ansatz gewählt, wobei wählen nicht die richtige Bezeichnung darstellte. Hineingeboren in prekäre Familienverhältnisse, die Mutter international anerkannte Opernsängerin, der Vater Filialleiter im Baumarkt und eine Sechs-Zimmer-Altbauwohnung in Hamburg-Eppendorf als Kompromiss des Hausfriedens, und mit einer abseits der Normen verlaufenen Kindheit und Jugend, trug er ein schweres Kreuz. Als Zehnjähriger ohne vorherige Verhaltensauffälligkeiten hatte er sich bei seinen ehemaligen Freunden einen Namen als Legolutscher gemacht, indem er vor den Augen der anderen die begehrtesten Modelle abschleckte und in seinen Besitz brachte. Ein Jahr später wollte er die erprobte Technik an Frau Schneider, der ihm von seinen stark eingespannten Eltern vorgesetzten Tagesmutter, verfeinern, erreichte jedoch außer einer feurig ausgeteilten Backpfeife und einem gellenden Schrei nichts. Nach einer Schelte seiner Mutter, O-Ton: “Kind, was hast Du Dir bloß gedacht? Sie ist Ende Fünfzig! So groß ist der Altersunterschied zwischen Papa und mir doch gar nicht.”, die in einer drastischen Kürzung seines Taschengelds gipfelte, dealte er auf dem Schulhof mit kleinen Wasserpistolen, die sich für feuchte Attacken im Unterricht eigneten, und mit Rico-spezial, von Bänken, Stühlen und Tischen abgekratzten Kaugummiresten, die er nach gründlichem Kauen in neues Papier einwickelte.

Irgendwann waren alle Mitschüler bewaffnet oder schriftlich von der Schule abgemahnt worden und Rico dachte um. Er schlug einigen Mitschülerinnen vor, Küsse für jeweils eine Mark zu verkaufen und ihm eine zehnprozentige Provision zu gewähren, falls er willige Jungen auftrieb. Leider lehnten sie alle ab und seine abgewandelte Idee, seine eigenen Küsse zu verkaufen, wurde nur von der dicken Claudia in Anspruch genommen, die ihn in einen Strauch auf dem Schulhof abdrängte. Das Gejohle der ganzen Klasse am nächsten Tag steigerte sich in den nächsten Wochen und kulminierte in einer kompromittierenden Zeichnung in der Schülerzeitung, in der nicht einmal die Namen der Protagonisten abgeändert waren. In dieser Phase zog sich Rico aus dem Klassenverband zurück in seine heile Welt zu Hause. Er flehte seine Mutter an, ihm Klavierunterricht zu ermöglichen und hoffte auf eine jüngere Lehrerin. Statt dessen fand sich ein Vollblutmusiker Mitte Vierzig mit zum Zopf gebundenen, strähnigen Haaren, der den Körperkontakt mit seinen Schülern suchte, und jeden Griff mit geführter Hand ständig wiederholen ließ. Das Martyrium endete, als er sich seiner Mutter anvertraute, und Abstand von seiner Musikerlaufbahn nahm.

Nun bedrängte ihn sein Vater, ob er nicht nach der Schule eine soliden kaufmännischen Beruf ergreifen wolle. Er könne ihm mit seinen guten Kontakten behilflich sein. Rico zögerte die Entscheidung heraus und verkroch sich in sein Kinderzimmer, welches mit Pop-CDs, VHS-Aufnahmen mit Action- und Erotikfilmen, Comics, Computerspielehüllen und zugehörigen Postern an den Wänden sowie den in Kartons aufbewahrten Legos vollgestopft war. In dunklen Stunden holte er die bunten Bausteine und Modelle hervor, um einschneidende Szenen aus den Comics und Computerspielen nachzustellen. Er war damals erst siebzehn. Dann ging seine Schulzeit mit einem Paukenschlag zu Ende, er schaffte das Abitur mit einem ordentlichen Schnitt und wurde zur Bundeswehr eingezogen. Bis an diese Stelle mag der Eindruck entstanden sein, dass er bereits schlimme Phasen in seinem Leben durchmachen musste, doch eine Steigerung ist für manche Menschen immer möglich.

Körperlich war Rico unscheinbar und in keiner guten Verfassung, was sich bei den Gewaltmärschen über zehn Kilometer, dem Überqueren der Hindernisbahn und beim Putzen der Stube am Ende eines harten Tages nachteilig auswirkte. Von den acht Wochen der Grundausbildung war er fünf Wochen lang krank (Erkältungen, Durchfall, Migräneanfälle und juckendes Ekzem im Genitalbereich) Eine Schleckattacke gegen einen Ausbilder, der ihn vor dem ganzen Zug ‘runtergemacht hatte, und vor Männlichkeit strotzte, wendete das Blatt. Rico wurde in zahlreichen Gesprächen psychologisch beurteilt und im Zuge einer diagnostizierten oral-kindlichen Störung nachträglich ausgemustert. Seine Mutter äußerte Verständnis, sein Vater insistierte noch vehementer, dass er nun eine kaufmännische Ausbildung beginnen solle. Beim Rückgriff auf seine Kontakte spiele dieser Vorfall bei der Bundeswehr keine Rolle. Rico verschanzte sich drei Monate lang in seinem Zimmer, nahm sporadisch am Familienleben teil und willigte schließlich ein. Innerhalb von drei Wochen organisierte sein Vater alles und Rico begann drei Wochen später seine Ausbildung als Einzelhandelskaufmann in einem Baumarkt.

Der Kulturschock fiel geringer aus als bei der Bundeswehr, aber er hatte zu kämpfen. Der Umgang unter den Kollegen war ruppig, oft mussten schwere Holzstapel, Pakete, Möbelstücke und Werkzeuge durch die Gegend gewuchtet werden. Irgendjemand erfuhr von seiner Vorgeschichte und fortan nannten ihn seine Kollegen nur noch den Lutscher. Das sich Ricos Erfolg bei den Frauen abgesehen von der dicken Claudi und Frau Schneider in Grenzen hielt, überraschte nicht. Lernte er überhaupt eine Frau kennen, animierten Baumarktgeschichten sie schnell zum Wegrennen. Wäre Rico nicht schon einsam gewesen, wäre er spätestens jetzt vereinsamt. Die Verkaufszahlen im Baumarkt beeinflussten das Ansehen unter den Kollegen und die Bezahlung, der Lutscher machte seinem Namen keine Ehre. Es fluschte nicht und teilweise versteckten sich die Kunden vor ihm im Baumarkt, nachdem sie ihn ahnungslos und hilfesuchend angesprochen hatten. Trotzdem schloss Rico die Ausbildung irgendwie ab, woran sein Vater im Hintergrund mitwirkte, und kündigte von einem Tag auf den anderen, obwohl ihn der Filialleiter eine Stelle in der Sanitärabteilung anbot.

Es folgte ein Familienrat, man sprach sich aus und die Eltern zeigten sich einsichtig. Rico sollte bis zu seinem dreißigsten Lebensjahr genügend finanzielle Unterstützung erhalten, um über die Runden zu kommen. Zehn Jahre waren aus der Sicht seiner Eltern ausreichend Zeit für die Selbstfindung. Rico stimmte zu, wobei ihm eigentlich eine Ausdehnung des Schutzraumes bis vierzig lieber gewesen wäre. Er war damals zwanzig Jahre alt, nicht hässlich und halbwegs wortgewandt. Die folgenden Jahre ließen sich mit einigen Stichpunkten zusammenfassen: Drei Wochen Surflehrer, sieben Jahre Animateur, in dessen Verlauf er mit Miriam Jan zeugte und viele andere, unverständliche Dinge tat, zwei Jahre bei Aldi an der Kasse, die durch ungewollte Begegnungen mit Frau Schneider aufgelockert wurden, die ihm mittlerweile wirklich alt vorkam und ihn zum Glück nicht erkannte, und seit knapp einem Jahr ein Studium der Ethnologie und Philosophie an der Uni Hamburg als Tarnung für sein heimliches Bestreben im letzten Jahr der elterlichen Subvention ein Dichter zu werden, das ihm gestern Abend die Bekanntschaft einer netten Studentin namens Anna beschert hatte.

Er blickte fassungslos auf die leeren Seiten, auf die er seit Stunden starrte. Rico fiel einfach nichts Gescheites ein.

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